Tag 15
Zwei Geckos haben in meiner Badewanne übernachtet. Das bringt Glück erklärt mir die Frau an der Rezeption. Vielleicht bin ich mit meiner Familie irgendwann wieder hier. Mein Nichte Ella, die mit ihrem Freund in Madrid lebt und der ich Fotos von hier geschickt habe, schreibt: Ein toller Ort für eine Hochzeit!!!

Nach einem ausgiebigen Frühstück verlasse ich das schöne Resort und ziehe weiter nach Spoletto. Es geht stetig bergauf bis zu einem wilden Hangweg, der ist voller Spinnweben, sie kleben in meinem Gesicht. Wie lange ist hier keiner gewesen? Auf den vier unterschiedlichen Jakobswegen, die ich in Spanien jeweils bis Santiago de Compostella gepilgert bin, war ich nie allein. In den ersten Tagen war der Weg ohne Pilger eine neue Erfahrung. Man muss das nicht nur wollen, sondern auch können. Auf dem PCT, von Mexico nach Kanada, hören die meisten Fernwanderer nach 200 Kilometern auf. Sie zersplittern allein in der Natur. Ich finde zu mir, schaue intensiver auf die Welt, registriere Kleinigkeiten als unausweichliche Geschehnisse. Sie sind wie das Schicksal. Es bestimmt jeden Winkel der Welt. Markus, ein Wanderer und Freund, wir haben uns auf dem Camino del Norte kennengelernt, schreibt: Das ist das Beste beim Fernwandern. Man nähert sich Schritt für Schritt seinem Inneren, seinen Wünschen und Bedürfnissen während gleichzeitig die Hektik des Alltages langsam verblasst.
Der Weg schlängelt sich angenehm nach oben. Gut für meinen Körper. Dann komme ich an riesigen Mohnblumenfeldern vorbei und bin in einem Bild von Monet, wo er den unglaublichen Augenblicks eines Sommertages mit leuchtenden Farben festhielt.

Im Bergdorf Bazzano ist es still. Vor einem schönen Grundsrück mit einem restaurierten Haus stehen Autos mit deutschen Kennzeichen. Auf der Terrasse stehen viele leere Rotweinflaschen. Dann zieht eine riesige Gewitterfront heran. Ich laufe schneller. Vor dem ersten Knall erreiche ich meine Unterkunft, eine Wohnung im Souterrain.
Tag 16
Es hat die ganze Nacht geregnet. Die Küche steht unter Wasser. Der Regen muss durch die Eingangstür geflossen sein. Ich schnappe mir den Wischmopp und lege los. Seit zwei Wochen keine Alltagspflichten. Kurz fühle ich mich, als wäre ich daheim. 23 Kilometer will ich heute schaffen. Nach Ferentillo geht es über den Höhenzug von Monteluca. Obwohl es ungewöhnlich kalt ist, schwitze ich. Egal wie viele Höhenmeter man schon geschafft hat, jeder neue ist eine Herausforderung. Es regnet wieder.

Die letzten Kilometer werden zu einer Busfahrt. Der Fahrer hört laut Musik und singt mit. In Deutschland undenkbar. Das Hören von lauter Musik ist auf offiziellen Buslinien verboten. Mir gefällt die Stimmung im Bus. Sie gehört irgendwie zum leichten, süssen italienischem Leben. Und jeder Fahrgast, der aussteigt, ruft dem Fahrer ein Danke zu. Dann bin ich in meiner Unterkunft. Die Nonna des Hauses, so nennt man in Italien liebevoll die Oma, führt mich durch das verwinkelte Anwesen. Und redet und redet, zeigt auf alte Bilder, Möbel, Bücher. Ich nicke fleissig und verstehe nichts. Dann lege ich die Füsse hoch, schnappe mir meinen eReader und höre den Regen, der eine wilde Tarantella tanzt.
Tag 17
Der Regen ist verschwunden. Der Himmel präsentiert sein bestes Blau. Ich wandere an Flieder und Rosen vorbei. Sie sind um mich herum perfekt arrangiert, als würde ich auf einem Geburtstagstisch spazieren. Die Hügel sind spitz und auf fast jedem hockt eine Burg. Schafe blöken, Kuhglocken läuten.

Dann sehe ich auf einem Feld Männer, die einen neuen Strommast errichten. Sie heben ihre Kaffeebecher und winken mir zu. Ich geselle mich zu ihnen, schlürfe das heisse schwarze Gebräu und nicke in die Runde. Manchmal braucht es einfach keine Worte. Wenn man von Italien spricht heisst es immer La dolce vita. Ich füge für mich nach meinen Tagen hier das Wort herzlich dazu: La dolce e affettuosa vita. Ich komme an einer Trüffelfabrik vorbei und im nächsten Ort bietet jeder Laden, jedes kleine Restaurant Speisen mit Trüffel an.

Was für die Toskana der Wein ist, ist für Umbrien der Trüffel. Man spricht vom Gold Umbriens. Und der schwarze Trüffel, der von hier kommt, gilt als Diamant der italienischen Küche. Sterneköche aus aller Welt geben für den Trüffel von hier viel Geld aus. In Marmore kaufe ich mir ein Trüffelpesto und frische Nudeln, denn mein kleines Appartment hat einen Herd. Wer braucht schon einen Tim Raue, heute bin ich meine ganz private Sterneköchin.



