Stärke des Herzens / Von Florenz nach Rom / Tag 12 – 14

Tag 12
Der Schlossherr serviert das Frühstück persönlich. Und alle Kuchen hat er selbst gebacken, erzählt er mir. Ich geniesse meinen Kaffee und die süssen Köstlichkeiten allein. Leider macht der Chef Musik an. Sie vertreibt die Stille in dunkle Ecken.

Mein Weg führt heute zuerst bergab nach Valfabbrica. Der kleine Ort hat eine schöne Piazza mit einem Brunnen, ich stoppe für einen Kaffee. Dann beginnt mein Aufstieg nach Assisi.  Die Sonne brennt. Ich verstehe nun, warum die Häuser hier alle dicke Mauern und kleine Fenster haben. Ein Fiat stoppt und ein junger Mann winkt mir zu und öffnet seine Beifahrertür. Ich quetsche mich mit samt Rucksack und Wanderstöcken in den kleinen Wagen, der Fussraum ist voll mit Einkaufstüten. Da der junge Mann kein Englisch spricht und ich kein Italienisch nicken wir uns nur zu. Alle Fenster im Wagen sind geöffnet. Der Fahrer lässt einen Arm im Fahrtwind tanzen. Ich mache es ihm nach. Freiheit pur. So sind mein Sohn und ich auf unseren Roadtrips in Amerika unterwegs gewesen. Kalte Getränke in der Mittelkonsole, den Fahrtwind spürend, nicht wissend, wo der Tag endet. Meist landeten wir in einem Ort, wo es einen öffentlichen Basketballcourt gab. Mein Sohn warf Körbe, ich blätterte in Reiseführern. Eigentlich waren wir schon damals wie Pilger unterwegs,  glaubten immer daran, dass Wunder passieren, Probleme sich in Luft auflösen. Mein Sohn vergass ständig zu tanken. Und im Nirgendwo, wenn ich auf die rote Tankanzeige tippte, meinte er nur: Aber Mama, wir schaffen das. Dann drehte er im Radio Ronan Parke ‚Life is a Song‘ lauter und sang mit. Wie war das  mit den Makkabäer und dem Öl? Wir schafften es immer zur Tankstelle.  Nach ein paar Kilometern berghoch stoppt der junge Mann und zeigt nach links und sagt: Assisi. Ich nicke, tätschle seine Schultern und steige aus. Am späten Nachmittag erreiche ich die Geburtsstadt von Franz von Assisi.

Durchgeschwitzt und müde schlängle ich mich durch Touristenströme, die Fahnen in unterschiedlichen Farben folgen. Sie alle wollen zum Grab des Schutzpatrons Italiens. Die Krypta ist ein stiller, kontemplativer Ort. Man erwartet bedeckte Knie und Schultern. Überall in der Stadt sieht man aber auch das Porträt eines anderen Heiligen. Carlo Acutis starb 2006 mit 15 Jahren an Leukämie. Vor einem Jahr wurde er vom Papst heiliggesprochen. Carlo gilt als erster Influenzer Gottes. Er dokumentierte und katagolisierte Wunder im Internet. Seine letzte Ruhestätte ist in Assisi, weshalb viele junge Leute die Stadt besuchen. Ich lande in einer schönen kleinen Wohnung mitten in der Altstadt, setze mich auf eine Treppenstufe und beobachte schweigend das quirlige Treiben.

Tag 13
Als ich in Assisi starte drehen sich die meisten Toursiten noch einmal in ihren Betten um. Ich treffe nur Leute, die zu ihrem Sonntagsgeschäft eilen. Auf einem schattigen Bergweg verlasse ich die Stadt. Unter den Bäumen weht ein frischer Wind. Ich mag es, wenn beim Wandern meine Arme kalt sind. Von überall her höre ich Rasenmäher. Das Geräusch des freien Tages. Ich passiere riesige Olivenhaine. Über 250 Millionen Olivenbäume soll es in Italien geben und allein 500 verschiedene Sorten von Oliven. Ein junges Paar sammelt in einem Hain Holz und zündet es an. Schon die letzten Tage habe ich immer wieder Rauch gesehen. Die Luft roch nach Kamin. Die beiden erklären mir, dass das trockene Kleinholz verbrannt werden muss. Es ist anfällig für die Feuerbakterie, die kommt von den Zikaden und gefährdet die Olivenbäume. Ich passiere Spello, der Ort ist fast so voll wie Assisi, aber die Besucher kommen wegen des Weissweins. Der Grechetto ist bekannt für seine frische, trockene Art, seinen nussigen Aromen und seiner strohgelben Farbe. Gern würde ich ein Glas geniessen, doch ich ziehe die Kühle in einer Kirche vor. Dann genehmige ich mir mein erstes Eis in Italien. Es legt sich wie kühle Seide auf meinen Gaumen.

Es sind dann noch mehr als 10 Kilometer nach Foligno, wo ein Zimmer in einem leeren B&B auf mich wartet. 

Tag 14
Ich ziehe früh los, weil meine Regen-App mir eine grosse dunkelblaue Front anzeigt. Ich bin zu langsam für sie. Nach drei Kilometern flüchte ich in einen McDonald’s. Der Kaffee schmeckt und das WiFi ist gut. Zwei Stunden später geht es weiter nach Trevi. Eine Perle des Mittelalters. Die Stadt soll zu den schönsten Italiens gehören. In den engen dunklen  und vor allem steilen Gassen chauffieren Einheimische ihre Autos perfekt an jede Mauer vorbei. Die fahren sicher alle mit Automatic-Getriebe. Als ich mit meiner Schwester in Schottland unterwegs war, hatten wir ein Auto mit Gangschaltung. Irgendwann stoppte ich panisch an einem Berg, zog die Handbremse und stieg aus: Schwesterherz, du musst fahren, ich schaffe das Anfahren am Berg nicht. Meine Schwester, ihres Zeichens Maschinenbauerin und VW-Fachfrau, lachte und fuhr rasant, den Stau und das Hupen von mehreren Autos hinter uns ignorierend, lässig weiter. Ich wandere am Tempel del Clitunno vorbei. Ein Kirche aus dem 4. Jahrhundert. Sie ist Unesco-Weltkulturerbe und gilt als berühmtes Bauwerk frühchristlicher sakraler Baukunst. Touristen stehen vor dem Eingang. Sie rufen ‚Roma?‘. Ich nicke. Dann klatschen alle und rufen ‚Complimente‘. Das zaubert ein Lächeln in mein rotes Gesicht. Eine Stunde später bin ich in Poreta, wo ich in einem 4-Sterne-Resort ein Zimmer gebucht habe.

Das Borgo della Marmotta ist ein herrlicher Ort. Da noch keine Saison ist sitze ich im Garten unter uralten Bäumen allein, geniesse nun endlich einen Grechetto. Und lasse meine Gedanken schweifen. Wieder denke ich hier in dieser stillen, einsamen Zeit an meinen 60. Geburtstag. Meine Mutter ist nur 19 Jahre älter. Gefühlt rücken wir zusammen. Mein Sohn ist aus dem Haus, geht seinen eigenen Weg. Und ich stehe selbst an einer Weggabelung. Ich will Zeit nur für mich, aber ich will mich auch kümmern. Es ist eine Sandwich- Position. Kind und drei Enkelkinder auf der einen Seite. Auf der anderen Seite meine Mama, die zu mir in die Stadt gezogen ist. Wie hier beim Wandern ist der Weg jetzt in meinem Leben neu für mich. Ich muss mich neuen Herausforderungen stellen und dabei lernen, was ich mir zumuten kann und was ich geben will. Im Wind unter uralten Bäumen mit einem Glas Wein in der Hand wird mir klar: Ich kann das alles nur bewältigen, wenn ich mit mir im Einklang bin, auf meine Auszeiten achte, um mit meiner Stärke des Herzens den neuen Raum des folgenden Lebensabschnittes ohne Zweifel und Sorgen und Gedanken über das Ende mit Freude und Lust und Spass zu füllen. Der Wind singt sein frisches Lied. Mein Glas ist leer und mein Bett einfach herrlich gut für meinen müden Körper.

Danke für die Unterstützung!