Tag 18
Es ist noch dunkel als ich Marmore verlasse und hoch stiefle zum Bergdorf Labro. Ein belgischer Architekt hat den vom Verfall bedrohten Ort seit den 70er Jahren liebevoll restauriert. Ein Lebensraum von spürbarer Einzigartigkeit ist entstanden. Eine Perle auf meinem einsamen Weg. Die Konzentration auf das Einfache in den letzten Tagen, lässt Kommendes leichter erscheinen.

Na und, dann werde ich halt 60. Ich bin immerhin eine Oma mit Superkräften. Diese sind jeden Tag gefragt und lassen meinen Alltag glänzen und die Enkelkinder strahlen. In einer Kirche probt ein Kinderchor. Mein Enkel Fritz singt in einem Chor. Als ich ihm erzähle, dass ich auch im Chor war und ‚Alt‘ gesungen habe, meint er: Also Oma, ich habe eine NEUE Stimme. Ich ziehe weiter nach Poggio Bustone. Ohne Pause. Ich will einfach nur ankommen. Mein Zimmer liegt direkt unterm Kirchturm der Stadt. Alle 15 Minuten ein Glockenschlag. Höre ich jeden im Traum?

Tag 19
Ich bin gerade mal ein paar Minuten unterwegs, da holt mich Kerstin aus Leipzig ein. Wir gehen ein Stück zusammen. Unser Gespräch an diesem kalten Morgen kommt mir wie ein kleines Wunder vor. Sie ist herzlich, aufmerksam und unaufdringlich. Wir sind zwei Pilgerinnen, die einen Moment im Nirgendwo teilen. Die Gemeinsamkeit des spirituellen Wanderns lässt keinen Raum für Bedenklichkeiten, für Vorurteile. Wir trinken ein Kaffee zusammen, drücken uns. Und wusch ist sie weg. Als ich noch ein paar Kilometer bis Rieti habe, schreibt mir Kerstin: Ich bin im Museum. Das ist ihre Passion, sie arbeitet im ‚Zeitgeschichtlichen Forum‘ in Leipzig. Ich bin froh, Stunden später im Hotel bei einem Glas Wein zu sitzen. Nichts ist in meinem Kopf, ich beobachte nur. Drei Damen spielen Karten. Da denke ich an meine Schwester. Wenn wir zusammen wandern, haben wir immer Karten dabei. Und egal, wie doll die Füsse brennen, ein Spiel geht am Ende eines Wandertages immer.

Tag 20
Ich habe Umbrien verlassen. Das Latium ist nicht so postkartenreif, eher rau, den grünen Hügeln Umbriens weichen Ebenen und riesige Felder mit Olivenbäumen. In Poggio San Lorenzo ist der Marktplatz gefüllt mit Familien. Alle sind gut gekleidet, sie kommen vom Gottestdienst und trinken Espresso. In Italien nach 11 Uhr einen Cappuccino zu bestellen, ist ein No Go. Wie Ananas auf der Pizza. Oder geschnittene Spaghettis. Die kleine Bar am Platz hat herrliche Kekse. Die darf man jederzeit geniessen. Die Kinder essen Eis. Schon in der Antike wurde hier Schnee mit Honig und Früchten vermischt. Italiens Eis ist Berlins Currywurst. Die muss immer eine Brühwurst ohne Darm mit spezieller Currysosse sein. Das handgemachte Gelato hier enthält weniger Luft und weniger Fett als industrielles Eis, wodurch es dichter und aromatischer schmeckt. Nach schweren, heissen 32 Kilometern komme ich an meiner Unterkunft in Monteleone Sabino an.

Der Schlossherr hat mir den Türcode geschickt. Ich bin komplett allein. Völlig fertig und hungrig gehe ich zu Bett. Stunden später klopft es an meiner Tür. Was machen? Wie Gott mich geschaffen hat liege ich im Bett. Wenn ich jetzt die Tür öffne, könnte auch ein Schlossgespenst in Ohnmacht fallen. Ich reagiere nicht. Als es still wird, öffne ich meine Tür einen Spalt. Davor steht eine Flasche Wein. Vino della Casa. Ich lasse sie ungeöffnet. Als auf meinem Polterabend, noch vor der Wende, die Gäste den selbstgemachten Reiswein meiner zukünftigen Schwiegermutter in Mengen genossen, wurden am nächsten Tag Kopfschmerztabletten zum wichtigsten Frühstück.
Tag 21
Rom rückt näher. Am Himmel sehe ich Kondenzstreifen. Es ist herrlich kalt, die Wiesen leuchten im Morgenlicht. Es riecht nach Rosmarin. Irgendwie sitzt mein Rucksack heute nicht. Ich spüre ihn. Mein geistiges Gepäck, eine Mischung aus Gedanken, Sorgen, alten Geschichten und Erwartungen, hat hingegen an Dominanz verloren. Der Weg, das Licht, die Landschaft und das gleichmässige Gehen wirken meditativ. Alles fühlt sich leichter an. Natürlich werde ich immer noch 60 und der Alltag klopft in ein paar Tagen wieder an, aber die Architektur meines neuen Innerem, gefällt mir. Ich darf einfach sein und ich halte mich aus. Und bin stabil für das, was kommt.

Heute scheint hier auf meinem Weg nach Rom der Tag des Düngens zu sein. Ich höre Traktoren zwischen den Olivenbäumen. Einer tuckert nah an mir vorbei, ich werde besprüht. Gesicht und Arme brennen. Dann überholt mich der Traktor. Der junge Fahrer raucht und grüsst. Naja, vielleicht mag ich nun Oliven. Ich ignoriere Hitze und Anstiege. Ich bin stärker geworden. Nach 33 Kilometern komme ich Monterotondo an. Die Chefin der Albergue spendiert ein Glas Wein. Ich sitze im Schatten und im Radio läuft von Macklemore ‚Can’t hold us‘. Immer wenn mein Sohn und seine engen Freunde den Song, egal wo, hören, tanzen sie, mit nackten Oberkörpern. Ich durfte das Ritual bei seiner Hochzeit hautnah miterleben. Hier verstehe ich es zum ersten Mal. Der Song verbindet, für ein paar Minuten sind alle im gleichen Zustand und werden sich nicht aufhalten lassen, egal welche Erwartungen gestellt werden, welche Zweifel wegzuräumen sind.
Tag 22
Warum führen eigentlich alle Wege nach Rom? Historiker würden antworten: Rom war in der Antike das Zentrum der Macht. KI sagt: Es gibt das Millarium Aureum, eine Art ‚Null-Kilometer-Stein‘ im Forum Romanum. Ich glaube, heute geht es darum, dass viele unterschiedliche Wege zum Ziel führen und Rom ein ‚Symbol‘ für Ankommen ist. Als ich in Monterotondo starte sind nur Strassenfeger und die Müllabfuhr unterwegs. Vor dem Pegasus Pole Dance Club sehe ich leere Gläser. Wie immer sind kleine Bars bereits offen, am Tresen stehend schlürfen Frühaufsteher ihren Kaffee. Der Weg schlängelt sich an riesigen Feldern vorbei und schon bald rückt Rom ins Bild.

Ich höre die Stadt. Sie klingt aus der Ferne wie ein Topf voll mit dicker Tomatensosse, die vor sich hin blubbert. Dann überholen mich tatsächlich zwei Pilger. Ein Paar. Sie kommen aus Seattle. Natürlich will ich wissen, warum sie hier sind. Tom: Wenn wir Amis an Europa denken, denken wir an Leonardo da Vinci, Michelangelo und Florenz. Was soll ich in Schottland? Dann lacht er und seine Frau Mary auch.
Ein paar Kilometer weiter kommt mir auf meinem Feldweg ein klappriges Auto entgegen. Der Fahrer hebt den Daumen und deutet eine Umarmung an. Herrlich. Franz würde sich freuen. Ist es despektierlich, den Heiligen aus Assisi so zu nennen? Er zog einst los, alle Reichtümer hinter sich lassend, um den Armen zu helfen, mit ihnen zu leben und zu beten. Ich denke auf seinem Weg heute wandernd unterwegs zu sein ist Verbeugung und spirituelle Nähe zugleich. Ich bin dankbar für den Weg, den er vor mir gegangen ist. Natürlich habe ich mehr Wein und La dolce vita und heisse Duschen und bequeme Betten genossen als er. Aber am Ende sind wir beide gepilgert. Ich komme in Rom an und spüre Klarheit durch Reduktion. Der Petersdom, der mich bei meinem ersten Besuch fast erschlagen hat, ist nun ein Ort mit viel Licht. Der Platz vor der grössten Kirche der Welt ist voll. Der Papst ist gerade zu sehen. Ich klatsche in die Hände und rufe ‚Chakka‘. Ich bin da und habe sofort vergessen, wie anstrengend die fast 700 Kilometer waren. Als die Apollo 13 wegen eines Defekts nicht auf dem Mond landen konnte, ging es tagelang vor der Weltöffentlichkeit darum, die Mission sicher auf die Erde zurückzubringen. Als dies gelang, sagte Kommandant Jim Lovell danach: Wann werde ich wieder zum Mond fliegen? Ich frage mich, wann geht es für mich wieder los? Auch mit 60!!!





