Das größte Schaumbad / Von Florenz nach Rom / Tag 8 – 11

Tag 8
Aussicht und Frühstück sind an diesem Morgen perfekt. Ich wähle Rührei. Und Müsli. Dazu gibt es Dosenpfirsiche, was ungewöhnlich ist, denn Italien ist bekannt für seine Pfirsichplantagen.

Meine Mutter hat Dosen mit Pfirsichen und Ananas in unserem Keller gehortet. Immer, wenn es im ‚Delikat‘ welche gab, schlug sie zu. So waren Pfirsichtorte und Ananasbowle zum Geburtstag garantiert. Als vor meiner Jugendweihe in unserem Keller eingebrochen wurde, griffen die Langfinger nicht nach Rädern oder Skisachen. Alle Obstkonserven waren verschwunden. Meine Mutter weinte.
An diesem Morgen geht es eine Weile leicht bergab auf einer glatten Teerstrasse. Um mich herum sind Wolken, die Luft fühlt sich dichter an. Als würde ich durch das größte Schaumbad der Welt laufen. Es ist leiser als sonst. Nach einer Stunde kommt der große Regen. Ich werfe mir meinen roten Poncho über. Er verdeckt mich samt Rucksack.  Ich mag ihn nicht. Er ist aus Nylon, man schwitzt darunter. Wie ein riesiger Luftballon versuche ich über matschige Weg zu schweben.

Doch der schwere Lehm an meinen Schuhen sorgt für Bodenhaftung. Klitschnass stehe ich vier Stunden später in meiner kleinen Unterkunft in Citta di Castello. Als ich aus der Dusche komme, hat es aufgehört zu regnen. Ich gehe ins Dommuseum. Dort kann man den Schatz von Canoscio bewundern: Einer der bedeutendsten Funde frühchristlicher liturgischer Silberbestände. Muss man gesehen haben, so wie man in Italien Pizza essen muss. Die besten Pizzen gibt es angeblich in Palermo und in Neapel. Hier in Citta gehe ich in die La Pizzateca Agricola. Man wirbt mit neapolitanischem Pizzateig plus sizilianischem Topping. Wohl eine vortreffliche Komposition. Der Teig reift bis zu 48 Stunden und hat einen hohen Wasseranteil, weshalb die Pizza dann fluffig und leicht knusprig ist und einen weichen Rand hat. Das Topping sind geröstete Semmelbrösel, Caciocavallo-Käse (statt Mozzarella) und sizilianische Rianata, bestehend aus Tomaten, Oregano, Sardellen, Knoblauch und Petersilie. Ich rolle ins Bett und frage mich, ob ich so einen Teig auch hinbekomme. Meine Enkelkinder lieben Pizza.

Tag 9
Ich habe daheim meine Tage auf dem Franziskusweg geplant und frage mich, wie ich mir mehr als 30 Kilometer an einem zumuten konnte. Und das nach der Pizzaschlacht gestern. Bevor ich starte gehe ich  ins Cafe Tassi. Der Besitzer sortiert gerade frische Blumen für die Tische und singt dabei. In einer Ecke sitzt eine alte Dame mit rosafarbenem Kopftuch. Sie spricht mit sich selbst. Jeden Morgen ist sie hier, erfahre ich und ich will natürlich wissen, worüber sie spricht. Über Kochrezepte. 
Der Trail heute führt bis Pietralunga überwiegend über kleine Landstrassen, Landwirtschafts- und Forstwege durch eine stille, reizvolle und einsame Berglandschaft. Immer wieder setzte ich mich auf einen Baumstamm und trinke Wasser. Das schmeckt hier aus jedem Hahn und Brunnen. 
Wandern ist für mich immer eine Zeit des Aufschwungs, ich fühle mich schwungvoll und lebendig und mir gelingt eine Abkehr vom Einerlei. Ganz ohne Plan. Man geht und geht und hier auf dem Franziskusweg landet man am Ende eines Tages immer auf einer Piazza, mit fröhlichen Menschen und einem kalten Glas Wein.

Tag 10
Ich bin jetzt in Umbrien, dem grünen Herz Italiens. Das Leben verläuft hier etwas langsamer, man spricht von der ‚Toskana auf Valium‘. In den Städten herrscht eine spirituelle und mittelalterliche Atmospähre. Und das Essen wird stark geprägt von Trüffel und Wildschwein. Auf meinem Weg sehe ich einen alten Mann mit Hund. Mit einem Stock gräbt er sich durchs Unterholz. Der Hund bellt. Ich will wissen, wonach beide suchen. ‚Tartufo‘ sagt der Mann und legt dann einen Zeigefinger auf seinen Mund. Psst. Erfolgreiche Trüffelsucher hüten ihre Fundorte wie Staatsgeheimnisse, da Trüffel sehr selten und wertvoll sind.  Ich nicke dem Trüffelsucher zu und lege ebenfalls einen Zeigefinger auf den Mund. Psst. Ich werde mir die Stelle nicht merken, da die Trüffelsuche ohne Lizenz eine schwere Straftat ist. Aber bei meiner nächsten Stulle mit Trüffelkäse werde ich sicher an diese Begegnung denken.

Dann kommt mir eine italienische Wandergruppe entgegen. Zum ersten Mal höre ich ein ‚Buen Camino‘. Ich schmunzle und bedanke mich. In Spanien wünscht man den Pilgern ständig und überall einen guten Weg. Da hier nur wenige Pilger unterwegs sind und sie nicht die touristische Einnahmequelle Nummer 1 darstellen,  wird man in Ruhe gelassen. Keine Pilgermenüs. Keine Pilgersouvenire. Ab Loretto Basso folgt mir ein kleiner Hund. Er will nicht nach Hause, obwohl ich es ihm sage. Auf Deutsch. Ich habe Angst, dass er überfahren wird, denn ab und an passiert uns ein Auto Richtung Gubbio, meinem Ziel. Ich beschliesse, den Vierbeiner zu ignorieren. Irgendwann ist er weg. So komme ich nach 27 Kilometern ohne Begleitung in meiner herrlichen Unterkunft mit einem riesigen Bett an.

Tag 11
Meinen 30. Geburtstag habe ich in einem Restaurant in Berlin gefeiert. Viele Freunde und Kollegen waren da, es gab sogar ein Büffet. Den 40. organisierte eine Freundin in ihrem Haus mit Garten in Babelsberg. Wir schauten Fußball, da die WM in unserem Land stattfand. Zum 50. lud ich alle Liebsten in eine Bar ein. Noch heute erzählen wir uns, wie zu viele Cocktails zu einem mehrtägigen AUS geführt hatten.  Meinen 60. begehe ich jetzt im Juni im Dachsteingebirge, weil ich dort in der Gablonzer Hütte arbeite.  Keine Party. Keine Gäste.  Es wird wie die Wanderung jetzt sein, ich werde irgendwo allein sitzen, auf die Welt schauen und die Suche nach mehr innerer Zufriedenheit intensivieren. Daran denke ich auf meinen Weg nach Valfabbrica raus aus Gubbio. Hier war viel los, die Stadt voller gotischer Bauten ist ein Touristenmagnet. Franz von Assisi sieht man hier immer mit einem Wolf im Arm. Den bat er einst, keine Menschen mehr zu fressen. Worauf der Wolf hörte und ein Bewohner von Gubbio wurde. In der Toskana und in Umbrien gibt es seit 100 Jahren wieder Wölfe. Im letzten Jahr zählte man über  3000, was als Erfolg des Naturschutzes gewertet wird. Ich bin froh, das das graue Tier meinen Weg nicht kreuzt. Auf dem PCT stand mal ein Schwarzbär vor mir. Wir erschracken uns beide. Der Bär preschte ins Unterholz zurück. Und ich lief einen neuen 3-Meilen-Weltrekord. Mehr als 12 Stunden brauche ich bis zum  Hotel Castello Di Giomici. Ich genehmige mir ein eiskaltes Bier aus der Minibar! Im Bett! Das habe ich noch nie gemacht!!!

Danke für die Unterstützung!