#Nach dem PCT / Kilometer 14 / Still ruht der See

Bergischer Panoramasteig. Ich sitze an einem See, entstanden durch die Dhünn-Talsperre. Mir kommt die Zeile „Still ruht der See“ in den Sinn. Ich weiß nicht genau, ob es ein Gedicht ist oder ein Lied. Oder, ob das jemand zu mir gesagt hat. Ich glaube der Zeile folgt sowas wie, dass sich ein süßer Traum auf die Natur senkt. Das gefällt mir. Das Sitzen am stillen See auch. Es gibt keine Enten, keine Schwäne. Die sind alle in der Kölner Innenstadt. Da werden sie gefüttert. 

Ich bin mal wieder los. Ins Bergische Land, wandere auf dem Panoramasteig und habe gelernt, dass alles was „Panoroma“ heißt oder „Kamm“ oder in der Beschreibung des Weges mit „Anstieg“ betitelt wird, von mir nicht ganz so wörtlich zu nehmen ist. Seit meiner Wanderung auf dem Pacifc Crest Trail weiß ich, was Anstiege sind.

Mit der Regionalbahn gehts in eine nette Familienpension zwischen Ründerath und Engelskirchen. Die Besitzerin kennt den Steig nur von der Karte. Sie sagt, er soll schön sein. Haben ihr Wanderer erzählt. Dann schießt sie ihrem Hund hinterher, der ist  ein neues Familienmitglied und hört noch nicht auf sie. In der Pension treffe ich Gaby, 55. Sie ist ganz in schwarz gekleidet. Eine Beerdigung führt sie nach Engelskirchen, sie muß sich von einem alten Schulkameraden verabschieden. Plötzlicher Unfalltod. Als zu schneller Radfahrer ließ er seinLeben auf der Straße. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Ich denke an meinen Sohn, der fährt immer ohne Helm. Ich muß mit ihm reden. Nein, ich kaufe einfach einen Helm. Gaby würde lieber mit mir morgen ganz früh starten und wandern.

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Bereits um 05.30 Uhr bin ich auf dem Wanderweg, die Luft ist herrlich frisch, ein leichter Wind weht. Es geht von Engelskirchen Richtung Dhünn, durch eine typische deutsche Mittelgebirgslandschaft. Bergauf. Bergab. Durch Täler über Höhen. Über zwei Vordämme bis zur Dhünn-Talsperre. Überall Schutzgebiete. Man soll hier Eisvögel und Schwarzstörche beobachten können. Wie bei meiner letzten Wanderung in der Eifel treffe ich keinen Wanderer. Und die PCT-Tester sind alle schon los. Es ist Mai. Da sind die meisten Thruhiker bereits auf ihrem Weg nach Canada in der Mojave-Wüste, in der Nähe von Techachapi oder erholen sich bei den Suffleys in Hiker Heaven in Aqua Dulce. Daran denke ich an diesem ersten Tag und muß lächeln. Welch ein Luxus, ich werde heute Abend im Hotel duschen und bestimmt Bratkartoffeln essen. Mehr als 42 Kilometer gehe ich an meinem ersten Tag im Bergischen Land – bis zum Gut Hungenbach. Luxus pur für eine Wanderin. Ich habe ein riesiges Zimmer für mich allein. Undenkbar auf dem PCT. Von Beginn an haben wir Hiker Häuser und Zimmer geteilt. Ich habe in einem schmalen Bett gelegen und an mein Zimmer daheim gedacht. Das war aber nur am Anfang so. Dann klebt man bewußt und liebend gern zusammen. Nur ein einziges Mal habe ich mir ein Zimmer allein gegönnt, nach einer einsamen Migränenacht im Wald. In Cascades Locks. Ich konnte lange duschen, nackt durchs Zimmer laufen und mich in die Mitte des Bettes legen. Der nächste Zero Day in Trout Lake, mit anderen Hiker, war dann aber wie immer schön, inklusive Zimmer teilen.

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2. Meilenstein: the Bridge of the Gods in Cascades Locks.

Am nächsten Morgen starte ich wieder vor sechs, wieder ohne Frühstück. Das ist ein wenig das Problem, wenn man lange Strecken schaffen will und nicht wie auf dem PCT komplett mit Kochzeug und Essen ausgestattet ist. Die Pensionen und Hotels bieten ab 9 Uhr Frühstück an. Da habe ich schon mehr als 12 Kilometer geschafft. Also müssen bis zum Abend Äpfel, gekochte Eier und Fruchtgummis reichen. Es geht heute bis nach Wipperfürth, über 46 Kilometer. Wasser, Wald und Wind prägen meinen stillen Wandertag. 

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Auf dem Steig vor Radevormwald

Auf dem PCT hatte ich mir vorgenommen, mehr an mich zu denken, auf meine Bedürfnisse zu achten, rechtzeitig den Druck rauszunehmen, öfter mal Fünf gerade sein lassen. Klar finde ich all die schönen Berge, Pässe und Wälder des PCT nicht gleich um die Ecke, aber ich kann Zeiten schaffen, in denen es nur um mich geht. Ich halte mich daran.

Der Steig führt über endlose Felder, hoch nach Radevormwald, durchs Tal der Wipper, vorbei an der Neye-Talsperre, die mit ihren Armen und Buchten etwas Norwegisches hat, bis nach Wipperfürth, der ältesten Stadt im Bergischen Land. Der Marktplatz hat ein Überangebot an Restaurants. Ziemlich fußmüde und sehr hungrig, lasse ich mich in der „Penne“ nieder, doch das Essen schmeckt nicht. Ich habe schlechte Laune, also ab ins Hotel, duschen und schauen wie Prinz Harry zu seiner Meghan „Ja“ sagt. Ich liebe Harry, ich durfte ihn mal treffen, das war großartig. Hoffen wir, Meghan ist die richtige.

Ich komme im „Hotel am Markt“ unter. Die Besitzer haben in den letzten beiden Jahren viel Geld in die Hand genommen und ihr Hotel komplett saniert und renoviert. Die Zimmer sind sehr modern, die Bäder haben riesige Duschen, alles ist ganz frisch und neu. Da fällt mir Rose ein,wie sie über die Titanic sagte. „Noch nie hatte jemand in den Betten geschlafen oder vom Geschirr gegessen.“ So ist es hier auch. Der Besitzer ist sehr nett und verspricht mir Frühstück um 07:30 Uhr. Und seine Leute sind wirklich am nächsten Morgen da. „Sie wandern heute, da brauchen Sie was Gutes. Ich mache Ihnen ein Rührei mit Speck. Viel Speck.“ Da sage ich nicht nein. Vor allem, wenn ich an das mickrige Schnitzel von gestern denke. Gerade als ich starten will, gesellt sich ein junges Ehepaar zu mir. Sie waren im letzten Jahr auf dem Jakobsweg und überlegen, wohin es nun gehen soll. Na, da sind die beiden Wanderer auf die richtige Beraterin gestoßen. Ich erzähle. Schon nach ein paar Minuten wissen beide, der PCT st nichts für sie. Keine Herbergen, immer Essen und Zelt tragen, stinken? Klar wandern mögen sie, aber am Abend haben sie auch gern Weinchen und eben ein gutes Schnitzel. Die beiden sind also richtig auf dem Panoramasteig.

Es geht an diesem Tag nach Bergneustadt, viel hoch und runter. Man streift das Sauerland, die Wipper wird zur Wupper. Windkraftanlagen stehen im Weg und machen Krach. Dann weitere Talsperren bis man das historische Bergneustadt erreicht. Verwinkelte Gassen, Gastronomie und ein Heimatmuseum locken Besucher an. An vielen Hotels lese ich „Wanderhotel“ oder brauche ich eine neue Brille? Es gibt keine Wanderer. Oder sie kommen dann doch alle später. Dabei ist Mai. Wunderschönes Wetter. Warm. Kein Regen. Apfelbäume stehen in voller Blüte. Alles nur für mich. 

Im Hotel entscheide ich mich gegen Schnitzel und Co. Im Bergischen Land sprechen alle von der Bergischen Kaffeetafel, die man auch am Abend geniessen kann. Mein Tisch ist voll mit Waffeln, Rosinenbrot, Brezeln, Äpfeln, Birnen, Marmeladen, Milchreis, Wurst und Käse. Es ist ganz wunderbar. Ich lasse nichts übrig und rolle ins Bett. Bevor ich einschlafe, denke ich an den Weg von heute. Wenn es über Felder geht, mag ich das sehr. Erinnert mich an mein Zuhause auf dem Land, wenn wir im Sommer durch die Felder radelten, zu ersten Verabredungen am See. Auf den sogenannten KAP-Straßen zwischen den Feldern habe ich Mopedfahren gelernt, mein Sohn fuhr auf so einer Straße zum ersten Mal Auto. Da war er 8. Natürlich hat es Opa Seefeld erlaubt. In einem roten Ford Escort. 

Am nächsten Morgen setze ich mich in den falschen Frühstücksraum. Also es gibt Frühstück. Ein volles Büffet lockt.  Alle Tische sind eingedeckt. Da ich Frühaufsteher bin, denke ich nicht über die fehlenden Gäste nach. Bis die Freiwillige Feuerwehr sich zu mir gesellt. „Guten Morgen. Neues Mitglied?“ Die freiwilligen Helfer nehmen mein Plündern von ihrem Büffet locker und wünschen eine gute Wanderung, jetzt noch ganz ohne erhöhter Waldbrandstufe.

An diesem Tag gehe ich die 46 Kilometer nach Wipperfürth zurück. Nur so habe ich die Chance, an einem Sonntag noch nach Köln zu kommen. Wieder freue ich mich über die Feldwege. Sehe in Bäume geritzte Herzen.

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Einen voll beladenen Wagen mit Holz, der einfach vergessen wurde und vor sich hin rostet. Ein Junge, der auf einem Quad samt Anhänger mit Freundin durch den Wald heizt. Er ist schnell. So ist er schnell weg und es wird wieder still. Die Stille in der Natur erinnert mich manchmal an die Stille in einem Lesesaal in einer Bibliothek. Sie hat was Bedächtiges, Hoheitsvolles, aber auch Schweres, durch den Staub. Kommend von uralten Büchern. Je nach Gemütslage ist die Stille um mich herum laut, schwer, durchsichtig, mehr als da. Ich denke an den PCT. Die Stille war dort oft wie ein Mantel, der perfekt passte. Mir fehlt dieser Mantel. Wenn man eine längere Pause macht, ein Sabbatical, dann wird man süchtig nach Auszeiten.  Weil auf dem PCT jede Stunde mir selbst gehörte. Das fehlt mir. Immer noch. Immer wieder. Immer gern. 

Als ich abends in Köln ankomme, erinnere ich mich erneut an „Still ruht der See“. Mein Mutter hat das immer gesagt, wenn wir etwas nicht gemacht haben oder wenn sich etwas nicht fortbewegte oder entwickelte. „Still ruht der See“ passt seit dem PCT nicht mehr zu mir. Ich hole mir meine Stille. Tageweise. So, wie ich es mir vorgenommen hatte. Mark Whatney sagt, als er den roten Planeten erfolgreich bepflanzt: „Was sagst Du jetzt Mars?“ Also: „Was sagst Du jetzt, Mama?

2 Gedanken zu “#Nach dem PCT / Kilometer 14 / Still ruht der See

  1. He Mama darauf hab ich gewartet😉 du Holst dir Auszeiten häppchenweise weil die Sehnsucht immer da ist und bleibt nach dem was man erlebt hat. Ich wünsche Dir das du immer daran fest hälst und wir uns vielleicht Mal übern Weg laufen. Bin gerade vom Camino del Norte zurück und kann ich nur empfehlen….

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