#Nach dem PCT / Kilometer 12 / I MISS GAS STATION BEERS

Manche Menschen halten die Luft an, um Ruhe und Gelassenheit zu finden. Wenn sie die Luft anhalten, bringen sie die Welt zum Schweigen und hören nur das eigene Blut rauschen. Ich muß nicht erst fast ersticken. Wandern reicht. Berghoch kann das Blut schon mal kräftig rauschen, der Körper gerät in Wallung, die Konzentration schließt alle Nebengeräusche aus.

Nach Wochen in Köln wurde es Zeit, mal wieder loszuziehen. Udo Lindenberg singt zurecht: Ich will meine Träume nicht nur träumen, ich will sie auch erleben. Außerdem jährt sich der Tag, als ich morgens um 7 bei minus 1 Grad und in kurzer Hose und ziemlich aufgeregt den Obelisken am Southern Terminus des PCT berührt habe. Ich bin wehmütig. Meine Kölner Kollegen, die wirklich mit viel Geduld meine Wandergeschichten ertragen, empfehlen mir den Wildnis-Trail in der Eifel. 

Wildnis? Das amüsiert selbst meinen Sohn und so warnt er mich vor dem gemeinen Eifelbären. Da meine Wandersachen ordentlich in Berlin verpackt lagern, kaufe ich mir kurzerhand einen mittelgroßen Rucksack, eine kurze Hose und eine Regenjacke. Und ziehe los. Es ist Freitag. Die Leute, die zur Arbeit müssen, stehen ungeduldig beim Bäcker am Hauptbahnhof an und schauen ständig auf Uhren und Telefone. Ich hole mir Kaffee und Rosinenbrötchen und steige in den Zug Richtung Aachen, wo ich mit meinem Outfit bestehend aus pinkfarbener Jacke und kurzer Hose auffalle.

Der Trail beginnt in Höfen und schlängelt sich von dort durch die Eifel bis nach Zerkall. Da der Bus von Aachen mich nur nach Monschau bringt, beginnt die Wanderung für mich dort. Monschau besticht mit Fachwerkhäusern und engen Kopfsteinpflasterstrassen. Vor allem belgische und holländische Touristen tummeln sich hier. Jedes zweite Haus lädt zum Einkehren ein. Ich schaue nur bei der Touristeninformation vorbei, die Dame hat jedoch keine Karte vom Trail. Die Großkarte vom Nationalpark Eifel, die sie mir anbietet, erscheint mir dann doch zu großzügig. 

Und dann geht es auch gleich schwungvoll berghoch und ich bin allein. Der Trail ist scheinbar so wild, dass ihn keiner geht. Jedenfalls nicht im April. Mir gefällt das. Ich sehe erste Narzissen, manchmal tummeln sich dazwischen Hasen.

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Endlich zieht sich der Winter zurück

Immer wieder quere ich Flüsse, es gibt Brücken. Gegen Mittag kommt mir ein junger Wanderer entgegen. Er trägt meinen PCT-Rucksack auf dem Rücken, einen Hyperlite Windrider. Da muss ich ihn einfach ansprechen. „Na, letzter Test für den PCT?“ Wären wir auf einem schmalen Weg gewesen, hätte ich einen Absturz des jungen Mannes nicht verhindern können. Ich kläre ihn rasch auf und zeige auf seinen Rucksack. Erst jetzt freut er, Patrick, sich, dass ich ihn angesprochen habe. Weitermarschiert wäre er. Ich empfehle, auf den Trail mit anderen Hikern zu plauschen. Denn so, erzähle ich ihm, begegnest du nicht nur Naturwundern, sondern lernst auch wunderbare Menschen kennen. Patrick hat viele Fragen, ich versuche diese so gut wie möglich zu beantworten. An Leidenschaft fehlt es mir dabei nicht, nur an Zeit. 33 Kilometer liegen vor mir – bis Einruhr, wo ich in der Familienpension Schütt ein Zimmer reserviert habe. Nach einer halben Stunde trennen wir uns. Patrick will Ende April den Obelisken an der mexikanischen Grenze berühren. Als er sich ein paar Schritte entfernt hat, rufe ich: „Wichtige Regel, nach einer Pause auf dem PCT schau dich um und prüfe, ob du auch wirklich alles eingepackt hast.“ Ich halte ihm seine Sonnenbrille hin. Die ist noch ganz neu. Er ist froh. 

Der Trail schlängelt sich durch Wälder, über kleine Kämme und über Felder. Zum Abend hin spüre ich langsam die vielen Kilometer. Auch wenn ich keinen schweren Rucksack trage, merke ich die Anstrengung. Aber genau das wollte ich mal wieder fühlen. Deswegen bin ich losgegangen und schaffe es bis Einruhr. Klar. Das ist wie mit einer Schublade. Zieh sie nicht auf, wenn du sie dann nicht aufräumst. Ich schicke meiner Schwester Fotos. Sie sendet auch welche. Diese zeigen ihre Wohnung voller Klamottenberge, sie räumt ihre Schubladen auf. So erfüllen wir beide unser Tagwerk.

In der Familienpension Schütt bin ich der einzige Gast. Entsprechend warmherzig begrüßt mich die junge Frau Schütt, tätschelt immer wieder meinen Arm und philosophiert darüber, warum an diesem schönen Sonnentag so wenige Wanderer unterwegs sind. „Wissen sie“, sagt sie, „der gesamte Ort ist leer.“ Trotzdem wird für mein Schnitzel der Herd angestellt. Ich schlafe so tief und fest wie lange nicht mehr und frühstücke am nächsten Morgen am Familientisch. Das Frühstück ist perfekt. Gespräch und Angebot stimmen. Dann ziehe ich los. Frau Schütt steht an der Tür, sie blickt mir etwas skeptisch nach. „42 Kilometer sind eine Menge, da müßte ich mir zwei Tage für frei nehmen.“

Am 2. Tag ist der Weg noch schöner, sehr oft schmal, mit Wurzeln und Steinen versehen, Fußabdrücke gibt es nicht.

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Eifel: Wildnis-Trail mit wilden Flüssen

Über Nacht hat es geregnet, ab und an steige ich über Pfützen. In Gmünd leiste ich mir eine längere Mittagspause und ein großes Stück Kuchen. Geträumt habe ich davon auf dem PCT. Und dann war man schön glücklich, wenn man an einer einsamer Tankstelle, irgendwo auf einem Pass, eine kalte Cola erstand. Und Chips. Seitdem ich daheim bin, denke ich oft an die leckeren Dill-Pickle-Chips. 

In diesen Tagen geht es vielen von meinen PCT-Freunden so. Brooks aus unserer legendären Pinky Gang schreibt auf Facebook: One year ago today I started the PCT. Not a day goes by that I don’t think of it.  I miss waking up to a sunrise, I miss full moons, I miss hurting muscles and thoughts of doubt, I miss full-belly laughs, I miss frozen shoes, I miss gas station beers, I miss pushing myself way beyond my limits, I miss having no clue what the next day held, but atop all I miss the genuine community and friendships the trail offered.  I had nothing. I was homeless. Yet I had everything I could have asked for. 

Angeblich wird die Haut bei einer langen Wanderung dünner und dünner. Deshalb ist man so empfänglich für all das, was auf einem Fernwanderweg passiert. Die Haut muss dann daheim wieder nachwachsen. Wenn das so einfach wäre. Ich denke an Brooks Erinnerungen.

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Mit Brooks unterwegs in Kennedy Meadow South

Kurz nach 18 Uhr komme ich in Heimbach an. Der Ort gilt als kleinste Stadt in NRW, mit knapp 1000 Einwohnern. Eine Burg thront über alte Gassen und Fachwerkhäusern. Über HRS hatte ich mir unterwegs ein Zimmer im Hotel zur Talsperre gebucht. Der holländische Besitzer begrüßt mich mit einem Glas Rotwein in der Hand. „Der ist wirklich gut, den müssen sie probieren.“ Ich will erst mal duschen. In meinem gebuchten Doppelzimmer mit fünf Betten (!) ohne Fernseher und WiFi mit einem kleinen Boiler bin ich von gelben Wänden und skurilen Möbeln umgeben. Der Hotelbesitzer hat fast 30 Jahre als Messebauer gearbeitet. Dann ging das Geschäft den Bach runter. Nach und nach mußte er alle seine Angestellten entlassen. Vom Ersparten kaufte er sich das Hotel in Heimbach. Nun lebt er hier als Manager, Koch, Antiquitätensammler und Weinkenner. Nachdem er mir seine Geschichte erzählt, verstehe ich die bunte Welt aus verschiedenen Möbeln und den guten Rotwein, den ich wirklich probiere. Ich bestelle Fisch, der vor seinem Gang in die Pfanne auf einer Platte, verhüllt mit einer weißen Serviette, von der Kellnerin vorgezeigt wird. „Ja, den nehme ich.“ In der Abendsonne auf einem alten wackligen Stuhl sitzend, amüsiere ich mich über die stilvolle Präsentation. Als würde ich in einem teuren Restaurant im französischen Malerviertel von Paris sitzen. Kurz nach 20 Uhr falle ich ins Bett und fühle mich wie auf dem Trail, mit leichten Körperschmerzen nach über 40 Kilometern.

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Doch nicht ganz allein auf dem Trail

Am nächsten Morgen gibt es für mich Brötchen mit viel Marmelade. Ich frage den Chef des Hauses, warum so viele Touristen nach Heimbach kommen. Er sagt, dass es wegen der Kirche im Ort ist. Aber mehr weiß er auch nicht. Der Zugezogene scheint seinen Gästen nicht mit Sehenswürdigkeiten, die man auf keinen Fall verpassen sollte, zu nerven. Als ich mich auf zum Trail mache, schaue ich natürlich in besagter Kirche vorbei. Heimbach ist ein bekannter Wallfahrtsort. Seit 1804 pilgern Gläubige zur Schmerzenden Mutter von Heimbach, einer in der Pfarrkirche aufgestellten Pietá. Ich zünde eine Kerze an und setze mich.  In der kühlen Stille erinnere ich mich an ein Gespräch mit einem Hiker aus Bulgarien auf dem Trail. Er glaubte daran, dass man bei einer Wanderung nur mit seiner halben Seele unterwegs ist. Die andere Hälfte ist in der Heimat vergraben. Wenn man auf heimatlichem Boden steht, verbinden sich beide Hälften. Kann es sein, dass die eine Hälfte der Seele für IMMER auf dem PCT  ist?

Bis nach Zerkall sind es an diesem Tag noch 22 Kilometer. Die Rurtalbahn bringt mich durch die Eifel zum Regionalexpress nach Köln. Etwas müffelnd sitze ich zwischen den anderen Fahrgästen. Und fühle mich gut dabei. 

Ich war wandern. Schon allein der Entschluss, mal wieder Stille durch Beinarbeit zu spüren, macht den Unterschied. Dem Alltag Bedeutung zu verleihen, fühlt sich richtig an.

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