#Nach dem PCT / Kilometer 11 / Warum tust Du Dir das an?

Vor einem Jahr wurde ich noch am Tag meiner Abreise gefragt, warum ich mir das antue? Warum ich wirklich ein halbes Jahr im Dreck leben möchte, auf allen Komfort verzichten werde, zur Zivilisation „Tschüß“ sage? Ich konnte die Frage damals für die meisten Fragenden nicht zufriedenstellend beantworten. Sätze wie „Ich habe frei.“ oder „Ich wollte mal losziehen.“ oder „Es wird Zeit für eine Auszeit.“ waren für Interessierte mehr Floskeln. Wenn ich heute darüber nachdenke, für mich auch. Ich konnte damals diese Frage mir selbst kaum beantworten. So ist es manchmal im Leben.  Man kann die Frage, warum man sich getrennt hat, besser beantworten, als die Frage, warum man überhaupt erst zusammen gezogen ist. Ich wußte nur, es gab ausschließlich Bekanntes und Gewohntes, was mich in Berlin hielt. Ich mochte all das. Aber bevor es auch noch um „Was wäre wenn…?“ gehen würde, ging ich los.

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Unterwegs von Mexico nach Kanada. Über 4000 Kilometer. Auf dem PCT. Übergewichtig schleppte ich mich über die Berge, kämpfte Tag für Tag. Konnte nichts essen. Schlief mit schmerzendem Körper auf einer dünnen Matte. Und ließ das Unbekannte mit Wonne, mit Freude und mit viel Stolz zu. Ich wurde fit, eine Sportlerin! Und fühlte mich unvoreingenommen, wie ein Kind. Ich konnte die Stille hören, die Luft als Mantel nutzen, die Sonne wie eine Heizung regulieren. Ich war entflammt, weil ich selbst brannte.

 

Und nun beginnt die neue Saison auf meinem Fernwanderweg und die neuen Hiker, Abenteurer, erfahrenen Hasen, Aussteiger und Suchenden ziehen los. In „Julius Cäsar“ sagt Shakespeare: „Es gibt Gezeiten für der Menschen treiben … nimmt man die Flut war … bringt sie uns zum Glück.“ Unterschreibe ich William. Mit Freude (klar auch mit Neid) sehe ich nun die Staubwolke der neuen Fernwanderer.

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Umgeben von Hikern – in Greenwater, Washington.

Müsste ich die Frage nach nun einem Jahr beantworten, würde ich nicht so stammeln. Was in mir schlummerte und das Losziehen bewirkte, ist nun mit Worten versehen und durch Erlebtes real.

Warum tust Du Dir das an? 

Weil die Möglichkeiten rasen.

Weil das Leben kurz ist.

Weil man einfach losziehen muss, wenn man den Zauber der Welt sehen will.

Weil man dem Leben nichts schuldet.

Weil der Ton des Alltages zu gleich klingt.

Weil man nicht nur das haben will, was man gerade hat.

Weil man es kann.

Weil man ein wenig vergessen hat, was einem bewegt.

Weil er da ist, der Trail.

Weil ICH in den letzten Jahren nicht mehr an mich gedacht habe.

Den NEUEN kann ich nur zurufen: Ihr werdet es lieben. Wenn Ihr Euch darauf einlasst. Wenn Ihr in Abwesenheit von Vorurteilen Eure Augen öffnet und geniesst und das Alte vergesst. Das Wunderbare für mich war, dass man unvoreingenommen – mitten in der Wildnis – Menschen trifft. Du beurteilst sie nicht, nach dem Bett, in dem sie geboren wurden. Du trittst ihnen pur gegenüber. Es geht ums Wandern, ums Wasser filtern, um den Einkauf der nächsten Lebensmittel. Man bekommt einen Trailnamen. Man ist der Typ auf dem Weg. Das Girl mit dem großen Rucksack. Man ist nicht die Hausfrau, die es nie geschafft hat, ihren Abschluss zu machen und deshalb nun wandert. Man ist nicht der Mann, der nur noch arbeitete und im Zuge dessen, seine Familie verlor und deshalb zu Fuß nach Kanada geht. 

Und nach ein paar Tagen, fragt man sich, wieso bin ich nicht schon eher losgezogen.  Plötzlich flüstere ich ergriffen oben auf dem Pass wie ein kleines Mädchen, dass ein Geheimnis hat. Weil man sich langsam auflöst, will man auch nicht mehr laut sein. Das Leben wird ein Leben ohne Zeit. Ohne Plan. Ohne richtige Aufgaben. Man ist frei. Der Satz „Heute habe ich Zeit.“ bekommt eine ganz andere Bedeutung. All das, wonach man sich manchmal im Alltag sehnt, ist einfach da: Schönheit, Ruhe, Sorglosigkeit, Freude und man wird angehört, von jedem, den man trifft. 

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Ohne Kompromisse entflammen. Losziehen. Schauen. Noch einfacher: Atmen. Deshalb kann man sich sowas schon mal antun. 

P.S. Es muss ja nicht gleich der PCT sein. Von Berlin aus ist die Sächsische Schweiz nah. Von Köln die Eifel, von Braunschweig der Harz, von Rostock der Darsser Wald, von München die Alpen. Von überall geht ein Weg los.

8 Gedanken zu “#Nach dem PCT / Kilometer 11 / Warum tust Du Dir das an?

  1. Toll in Worte gefasst, ich wurde das ja auch oft gefragt, konnte das, was mich bewegt hat aber selbst kaum verstehen. Der Drang war einfach da und mit Fassen des Entschlusses, hat sich plötzlich alles gefügt! Und wie du so schön sagst, man muss es zulassen. Auch wenn es schlechte Tage sind, Missgeschicke geschehen oder oder oder.
    Ich hoffe sehr, dass auch ich in ein oder zwei Jahren wieder die Schuhe schnüre. Der Frühling versetzt mich seitdem immer in Unruhe.

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  2. Wow, alle deine Antworten bringen genau auf den Punkt, was ich so oft versucht habe in Worte zu fassen. Ich war mit meinem Freund mehr als ein Jahr in Südamerika unterwegs wo wir unzählige Treks in den unterschiedlichsten Regionen unternommen haben. Und Jeder.Einzelne.Gedanke. ist so wahr. Danke.

    liebe Grüße,
    Christiane

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  3. Recht hast du. Ist man erst unterwegs, wundert man sich, wieso man das nicht früher gemacht hat. Und danach lässt es einen nicht mehr los. Und das Geschenk, Leuten komplett vorurteilsfrei zu begegnen, weil alle gleich aussehen und das gleiche wollen, ist ein großes Geschenk, an das man sich erinnern muss, wenn man wieder zuhause ist und jeden anderen in seiner „typischen Verpackung“ trifft, die so viel und doch so wenig verrät.

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