#Nach dem PCT / Kilometer 10 / Was sich nicht ändert

In einer aktuellen Werbung von Renault sieht man eine singende Mutter, so ganz cool mit ihrem Sohn. Und die Macher wählten die Headline: Familien haben sich geändert. Deswegen ändern die Automobilbauer das Fahrzeug. Ich weiß nicht. Das unterschreibe ich nicht. Meine Mutter war schon immer cool. Als wir 1981 mit unserem grünen Trabant zur Ostsee fuhren – es ging nach Rügen in den Urlaub – hatten wir unsere Kassettenbox daheim vergessen. Nur eine Kassette war noch im Autoradio. Von Roland Kaiser. Und diese leierte auch noch. Ein einziger Song war noch gut hörbar. „Santa Maria, Insel die aus Träumen geboren, ich habe meine Sinne verloren, in dem Fieber, das wie Feuer brennt.“ Meine Mutter sang den Song jedes Mal mit. Auf dem Weg zum Strand. Auf dem Weg vom Strand. Jedes Mal. Meine Mutter war cool. So richtig gut kann in meiner Familie keiner singen. Es wird trotzdem auch heute noch und immer mitgesungen.

Ich mag, dass meine Familie sich nicht ändert. Sondern die nächste Generation Bekanntes, Geliebtes, Gewohntes übernimmt. Ähnliches lebt und erlebt. Wir verbunden sind. Wir uns kennen und uns in uns erkennen, wenn wir uns begegnen.

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Meine Mutter rechts, Ella und Johannes links

Wenn ich bei meiner Schwester in Braunschweig bin und das Geschirrtuch liegt auf eine bestimmte Art und Weise in der Küche, dann drehe ich mich immer um und suche meine Mutter.

Wenn mein Neffe Johannes bei Minusgraden nur mit Hoodie durch den Schnee stapft, will ich sagen: „Heh, Sohn, Du hast Deine Jacke vergessen.“

Wenn mein Sohn eine lustige Geschichte erzählt und vor dem Erreichen der Pointe schon Lachen muss, verwandelt er sich einfach in seinen Vater.

Wenn meine Nichte zum Shoppen loszieht, hinterläßt sie die gleiche Staubwolke wie meine Schwester.

Meine Nichte Elisabeth wohnt seit ein paar Monaten bei mir, weil sie in Berlin einen Praktikumsplatz gefunden hat. Als sie geboren wurde, habe ich mir alle Kosenamen von Elisabeth angeschaut. mehr als 20 fand ich. Ich entschied mich für Ella und nenne sie auch heute noch so. Mit Ella im Alltag zu sein, ist als würde meine Schwester mit mir sein. Wir sind wieder Studenten und haben uns. Durch Ella weiß ich heute mehr über YouTuber, über Instagram Stories, über Snap Shot und Tinder. Sie weiß mehr übers Kochen. Und wie man spart, wenn man kocht und das Essen in Tupperdosen mit zur Arbeit nimmt. Jetzt, wo ich in Köln bin, ruft sie oft abends an und fragt: „Wie kochst Du den Reis, ohne dass dieser anbrennt? Wie geht noch mal Deine berühmte Tomatensoße?“ Immer nach der Arbeit rufen wir uns an und berichten von unserem Tag. Das gefällt mir sehr. Ella geht mit mir joggen, obwohl sie diese Fortbewegungsart gar nicht mag. Ich folge ihr ins Studio und quäle mich mit Gewichten. Schön ist, wenn wir nach dem Sport noch in Sportsachen auf einen Cocktail gehen.

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Ein Wochenende in Berlin mit Ella

Am liebsten aber sitzen wir auf meinem roten Küchensofa und quatschen. Auf dem Sofa habe ich schon unzählbare Stunden redend mit meiner Schwester verbracht. Wir Frauen in der Familie haben schon immer viel zusammen gesessen und gequatscht. Früher in unserer Küche in Seefeld. Am meisten mochte ich dies, wenn dabei das Fenster offen stand und draussen Blitze über die Felder jagten, die man von unserer Wohnung aus sehen konnte. Später verlagerten wir die Küchengespräche nach Hessenwinkel ins Bootshaus meiner Oma. Wenn zu später Stunde es Zeit wurde für Sexgeschichten, haben wir unsere Oma Sandy erst immer ins Bett geschickt. Die dann aber, frierend im Nachthemd, an der Tür lauschte und am nächsten Morgen stolz verkündete, dass sie alles gehört hat, was ich über Karsten erzählt habe. Da bekam ich dann rote Ohren. 

Heute sitzen wir immer noch in der Küche in Hessenwinkel und reden gern auch über Oma Sandy, die nicht mehr mit uns lachen kann. Mit meiner Mutter habe ich ausgemacht, dass ich immer montags anrufe. Natürlich vergesse ich das manchmal. Klingle ich dann erst an einem Mittwoch durch, sagt sie, dass sie kaum den Hörer halten kann, schließlich bewacht sie seit Montag ohne Essen  das Telefon. Manchmal ruft sie mich an. Wenn ich dann zum Beispiel im Auto bin, sage ich: „Mama, ich fahr rasch heim und melde mich dann.“ Nach ein paar Tagen ist dann wieder meine Mama am Telefon und fragt, ob ich über Moskau nach Hause gefahren bin. Mein Mama ist nie böse. Sie ist cool.

Letzte Woche hat meine Schwester via WhatsApp mir den Song „When I need to get home, You’re my guiding light, You’re my guiding light“ geschickt. Den habe ich letztes Jahr oft auf dem Pacific Crest Trail gehört, auf meiner Wanderung von Mexico nach Canada. Und dazu schrieb sie: Ich bin immer wieder hin und weg, wenn ich diesen Song höre und weiß, daß Du über 4000 km gelaufen bist. Kann es immer noch nicht glauben, dass Du das durchlebt hast. Da geht mir das Herz auf. Bei jedem Schritt auf dem PCT die Familie an meiner Seite gehabt zu haben, hat sehr geholfen. Die Grüße, die Nachrichten, das Verständnis für Entscheidungen, das Mitfiebern. Das Beste war, sie haben mich ziehen lassen. Ohne Vorwürfe. Sie haben verstanden, dass ich dringend ein Leben frei von Zeit eingehen wollte. Und dann eben erfolgreich einging. Ich werde nie vergessen, wie meine Schwester bei meiner Rückkehr auf dem Flughafen die Erste war, die mir in die Arme sprang. Mit Tränen in den Augen.  Meine Mutter war natürlich auch zum Empfang gekommen. Ihrer selbst ernannten Aufgabe entsprechend, hatte sie an einem Ticketschalter Gläser aufgestellt und goss gerade den Sekt ein, als ich durch die Absperrung kam. So soll es sein. Das ändert sich nicht. Wenn ich abends in Berlin heim komme, sagt Ella: „Der Wein steht kalt. Du könntest ja den Salat machen.“

Meine Schwester ist gerade 50 geworden. Leider konnte ich nicht mit ihr feiern in Südafrika. Sie hat es mit Freunden krachen lassen. Mein Geschenk steht noch aus. Wir werden wandern gehen. Erst mal den Malerweg in der Sächsischen Schweiz. Sie will unbedingt den Jakobsweg mit mir gehen. Schön, sie angesteckt zu haben. Das verbindet.

Wonny und ich
Mit meiner Schwester im Harz

Aber so war es schon immer mit uns. In der einen Sekunde habe ich sie blöde Kuh genannt und ihr Kuscheltier in den Bettkasten geklemmt, was sie zum Weinen brachte. In der anderen Sekunde hatte ich Sehnsucht,weil sie zum Abitur in eine andere Stadt ging. Als sie für eine Weile in Shanghai lebte, bin ich manchmal nachts aufgestanden und habe ihr eine lange Email geschickt, weil sie mir fehlte. Kaum war die Mail unterwegs, kam von ihr eine. Zur gleichen Zeit, aber Tausende Kilometer voneinander entfernt, haben wir uns gleichzeitig geschrieben und uns in den jeweiligen Alltag gelassen.

Da wir nun langsam alt werden, erzählen wir uns häufiger „Weißt Du noch“-Geschichten. Diese werden jedes mal länger und wir lachen jedes Mal mehr darüber.

Familie – durch Abstammung begründet schreibt Wikipedia. Familie ist mehr. Familie ist mein Leben. Das ist cool und wird sich nicht ändern. Und meine Familie wird nun größer. Wie wunderbar. Doch dazu nächstes Mal mehr.

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Mit meinem Sohn und seiner Freundin auf Hiddensee

5 Gedanken zu “#Nach dem PCT / Kilometer 10 / Was sich nicht ändert

  1. Ich habe deinen Blog an zwei Tagen „leer gelesen“. Und ja, vielleicht schnappe ich mir eines Tages auch den PCT – Hauptsache immer mal wieder Auszeiten nehmen und viel, viel laufen. Danke für deine authentischen Berichte und bitte schreib weiter für uns 😊

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  2. Schöner Beitrag und so mitreißend geschrieben, dass ich jetzt dringend deinen Wanderbericht lesen muss.
    Solltet ihr den Jakobsweg machen, dann viel Spaß. Der hat mich so angefixt, dass ich seitdem wandern für mich entdeckt habe.
    Fange jetzt an, ihn zu verbloggen – die Vorfreude, das alles noch mal neu zu erleben, ist riesig.

    Cheers,
    Audrey

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  3. na das ist ja mal sehr familär. Dann hoffe ich sehr auf den Jakobsweg. Doch jetzt zähle ich Schritte mit Jojo durch Amsterdam. Sehr schön. DSHFEAE

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