#Nach dem PCT / Kilometer 8 / Neid

Wenn man etwas nicht haben kann, was andere mit Inbrunst zelebrieren, ist man neidisch. Wenn man etwas gerade nicht haben kann, was man aber schon mal hatte und andere nun angehen – was ist man dann? Oberneidisch?

Lese ich die Tage die FB Posts in der Germany-PCT-Gruppe bin ich neidisch, eifersüchtig und auch sehnsüchtig gestimmt. Mit Stolz werden Startdaten mitgeteilt, Flugzeiten genannt, neues Equipment präsentiert. Manche suchen noch die passende Krankenversicherung, fragen nach dem besten Schlafsack und testen zur Zeit fleissig Schuhe. Natürlich gibt es für uns erfolgreiche PCT-Hiker auch so lustige Fragen wie zum Beispiel: Wie funktioniert eigentlich das Rivercrossing? Da muss man schmunzeln und antwortet fairerweise nicht mit: Du fliegst und Deine Füsse bleiben trocken!

Vor einem Jahr hatten Eva und ich unsere Flüge gebucht und die Ausrüstung war komplett. Wir mussten nur noch Verabschiedungsrunden drehen. Die Zeit vor dem PCT habe ich sehr geliebt. Stundenlang war ich bei Globetrotter, baute probehalber Zelte auf, drehte daheim meine Heizung aus und testete Schlafsäcke. Kollegen probierten Matten und meinten, auf keiner könnten sie je ein Auge schließen.

Zelt
Zelttest im Bootshaus meiner Eltern

Wenn ich jetzt die Olympischen Winterspiele schaue, verstehe ich jedes Gespräch über Ausrüstung. Dazu hatte ich früher keinen Draht. Da habe ich immer nur gedacht: Ach mach los! Fahr den Hang runter! Wird schon werden!

Doch so einfach ist das nicht. Das weiß ich heute.

Auf dem Trail habe ich zwei neue Matten kaufen müssen. Von der NeoAir bin ich immer wieder runter gerutscht. Die ging gar nicht. Die habe ich in Mt. Laguna heile in die Hiker Box gelegt und Hiker Fielder damit glücklich gemacht. Die Expeed gab nach ein paar Tagen ihren Geist auf. Mit meiner Big Agnes war ich dann happy, auch wenn diese jeden Abend in Sachen Aufblasen eine Herausforderung für mich war. Dafür lag ich dann auf dieser erhöht bequem. Mein Schlafsack war gut, aber der Yeti Passion Five mit einer Comfortzone von Minus 2 Grad reichte in einigen Nächten einfach nicht aus. So bestellte ich mir nach Kennedy Meadow South einen Mummy Liner, beste Entscheidung auf dem Trail in Sachen Gear. Alle Merinosachen möchte ich nicht missen. Wie auch meine pinkfarbene dicke Wollmütze. Und meinen Mercedes unter den Daunenjacken, eine Patagonia, war der beste Kauf vor dem Start.

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Meine little Gang und immer mit pinkfarbener Mütze

Viel wird unter den nun in diesem Jahr Startenden über das Mitnehmen und damit verbundenem Tragen von Kochern geredet. Klar, das leichte Wandern ist Thema Nr.1. Ohne Kocher kann ich persönlich mir einen Thruhike nicht vorstellen. Am Morgen zum Sonnenaufgang einen Kaffee zu trinken, ist besser als ein Sterne-Menü in einem französischem Restaurant. Und am Abend wirklich heisse Nudeln zu essen oder Kartoffelbrei lässt dich spüren, wie deine Kräfte zurückkehren. Wenn abends das Zelt stand, ich Wasser gefiltert, mich gewaschen und umgezogen hatte, liebte ich das Geräusch des Kochers wie das Feuerwerk zu Silvester. Mein Gesicht strahlte förmlich. Vor allem Männer verzichten auf Topf, Kartusche und Kocher. Die paar Gramm machen den Salat nicht fett. Hiken soll erfreuen. Und ein warmes Essen macht glücklich. Vor der Mesa Wind Farm in Südkalifornien habe ich einen deutschen Hiker getroffen, der 60 Riegel mit sich trug. Das wars an Essen. Wir rechneten Beide und am Ende war unser Gewicht für Essen plus mein Kochgeschirr gleich. Und er hatte mehr Geld ausgegeben als ich. Der Hiker hat sich in Aqua Dulce Ausrüstung für warme Nahrung gekauft.

Schuhe sind ein spezielles Thema. Ich bin mit meinen Brooks super gut klar gekommen, ich hatte nicht eine einzige Blase. Was sicher auch daran lag, dass ich sehr langsam unterwegs war – jedenfalls am Anfang. Was ich aus heutiger Sicht nur jedem Wanderer auf dem PCT empfehlen kann. Klar war ich am Tag länger auf dem Trail unterwegs, früh bin ich immer als Erste raus, aber wehe Knie etc.  blieben aus und abends traf ich alle Hiker meiner Bubble wieder. Davon viele mit Schmerzen und Verletzungen. In Warner Springs haben die ersten Hiker schlapp gemacht, mussten pausieren, sich wirklich schonen. Und in Hiker Heaven in Aqua Dulce humpelte wirklich fast jeder Dritte, belud Knöchel und Knie mit Bergen von Eis.

Es bis Kennedy Meadow South ruhig anzugehen, ist aus meiner Sicht ein guter Weg für einen Thruhike mit Spass und tollen Erlebnissen. KM war mein erster Meilenstein. Ich werde nie meinen glücklichen Zustand vergessen, als Eva, die Pinky Gang und ich am Sign Meile 700 ein Fotoshooting veranstalteten.

Auf FB geht es am häufigsten um die Ausrüstung, um den richtigen Rucksack, das Zelt. Ich weiß heute, dass ganz andere Dinge entscheiden, ob du durchkommst, ob du am Ende den Obelisken am Northern Therminus in Manning Park, Canada, küsst.

Ich weiss nicht, ob ich es bis Kennedy Meadow, also die ersten 1000 Kilometer, ohne Eva geschafft hätte. Sie war immer hilfreich an meiner Seite, wir haben uns blind vertraut. Jeden Abend haben wir uns unser High and Low of the Day gesagt, ein hilfreiches Ritual. Nachher habe ich dies mit anderen Hiker auch gemacht. Sehr lustig, wenn Adam aus Polen mich abends auf der Tensite sah, wurde er nervös und meinte: Oh nein, ich hatte kein Tief. Puh ich muss nachdenken…

Jeder hikt anders – ich habe die anderen Hiker gebraucht. Ihre Stories von daheim haben mir Kraft gegeben. Ihre unterschiedlichen Lebenskonzepte und ihr bisheriges gelebtes Leben haben mich wundern, mich staunen, mich mitweinen, mich lachen lassen. Nie vergesse ich die Stunden in unseren gebuchten Häusern in Idyllwild, Big Bear Lake und Wrightwood – mit der Pinky Gang. Gemeinsames Kochen, Lachen, Pflegen! Und klar billiger war es auch. Ohne ‚Ice Dancer‘ Mike hätte ich es nicht auf Mt. Whitney geschafft. Ohne „Awesome“ Stefanie hätte ich niemals so viel gelacht und mich getraut.

Höhepunkte des Trails sind die Treffen mit Trail Angels. Egal, ob man nur ein Bier geschenkt bekommt, wie ich am White Pass oder ein ganzes BBQ aufgebaut auf  uns Hiker wartet, wie am Snowqualmie Pass. Wirklich wichtig ist, ich lege dies mit Inbrunst jedem Hiker ans Herz, stellt euch mit Namen vor, bedankt euch, umarmt die Trail Angels. Darüber freuen sie sich alle sehr und kommen wieder mit Essen zum Trail zurück. Leider gibt es Hiker – und ich habe sie getroffen – die dann eben nicht 10 Dollar in einen vorbereiteten Umschlag legen, obwohl man das Haus des Alpine Clubs nutzen darf, einen Schlafplatz hat, eine heisse Dusche und eine voll funktionierende Küche.

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Trail Magic in Washington – die Ladies kommen seit 12 Jahren zum Trail, mit Taco Salad und homemade Cookies

Für mich war es auch wichtig, Entscheidungen mutig zu treffen, ohne sich zu überschätzen. Dass wird jeden Hiker auf dem PCT irgendwann so ergehen. Als Eva und die Pinky Gang entschieden im krassen Schnee über die High Sierra zu gehen, habe ich mich entsprechend meiner Fähigkeiten dagegen entschieden. Mein Hiker-Idol und Freundin Nadja hat nach dem Trail zu mir gesagt, dass sie dies als meine schwerste aber auch mutigste Entscheidung empfand und dies sehr bewundert hat. Ich bin dann im Juli in die High Sierra, nach Nordkalifornien und Oregon, zurückgekehrt. Eva habe ich erst – verbunden mit vielen vielen Freudentränen – in Stehekin, vier Tage vor dem Erreichen des Endes des PCT wieder getroffen.

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Reunion mit Eva in Stehekin

Auf dem Trail zu sein heisst, einen ganz einfachen Plan zu leben. Es geht nur um Wandern, Essen, Schlafen. Was ausreicht, denn Natur und Naturgewalten fordern. Lässt man dies alles zu, legt sich die Stille wie ein perfekt sitzender Mantel um dich, erholen sich Herz und Geist, wirst du fit wie ein Hochleistungssportler und wirst du, wenn du heim kommst, bei einem Blick in die Ferne ab sofort mehr sehen, mehr spüren und am Ende mehr ertragen.

Ja, ich bin neidisch. Sehr. Aber jetzt bleibe ich erst mal hier. Das Thema, wie hart es ist im Alltag anzukommen, lasse ich lieber sein – die aufgeregten Hiker der PCT Class 2018 sollen ja starten.

HEH, GRÜSST MIR DEN TRAIL UND DAS LEBEN MIT IHM!

Und drückt von mir die alte Dame im Gemeindehaus von Warner Springs, sie wird euch euer bestes Fussbad bereiten. Seid lieb zu den Saufleys in Hiker Heaven, am Walker Pass empfehle ich die Birnen und das Brot, vor Hiker Town bringt ein altes Ehepaar morgens immer Kaffee zum Trail, mit echter Milch! Kurz vorm Chinnok Pass seht ihr zum ersten Mal die High Sierra in ihrer ganzen Schönheit – nehmt euch für diesen Anblick Zeit. Trail Angel Paul wartet mit BBQ und Gitarre immer am Memorial Day auf dem Chinnok Campground. In Bishop hatte ich meine besten Pommes.

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Bester Morgen in Trout Lake, mit „Awesome“ und Huckleberry Pancake

Wenn ihr auf dem JMT seid schaut in jede Bärenbox, die JMT Hiker lassen da oft gutes Essen zurück. Bei Frank in der Bar in Kennedy Meadow North lohnt sich ein Drink, Frank bringt einen dann morgens auch gern zum Trail zurück. Meinen besten Morgen hatte ich in Trout Lake, ich mochte den Ort sehr. Und egal was andere sagen, das Frühstück in der Timberline Lodge ist der Hammer.  Und dann überquert ihr die The Bridge of the Gods, ein erhabenes Gefühl und das Ende ist nah.

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Wichtiger Meilenstein: The Bridge of the Gods

Washington hikt sich gut, fast alle Flüsse haben kleine Brücken – einfach herrlich. Die High Sierra ist nicht ohne Grund die Krone des Trails. Wenn ihr Zeit habt, nehmt sie euch für Mt. Whitney. Dort oben stehst du über der Welt.

Und wenn du am Ende in Canada ankommst, umarmst du die Welt und dir ist, als könntest du nun über den PCT fliegen.

Make a Wish – habe ich mal an einem Lagerfeuer abends irgendwo gesagt und alle haben gleichzeitig CANADA gerufen. Ja, so einfach kann das Leben sein.

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Clear Eyes, Full Hearts, Can´t Lose

6 Gedanken zu “#Nach dem PCT / Kilometer 8 / Neid

  1. Ui, du bist ja uralt und dazu noch Mami!
    Ich finde es klasse, dass du die lange Wanderung durchgehalten hast.
    Liebe Grüße, Marvin

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  2. danke bert, und schoen von dir zu hoeren, ja klar aendert eingies, und bin jedem tag im alltag froh darueber, fast ein jahr her und gern wuerde ich wieder losgehen…. und du meldest dich dann wieder

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  3. Huhu ich mal wieder,

    es ist schon erstaunlich, was so ein Abenteuer bewirken kann. Ich habe dich letztes Jahr mehr oder weniger virtuell begleitet, mit gelitten und an deinen Geschichten gehangen.
    Und wenn du jetzt wieder so davon schreibst, hihi, dann kann man deine Freunde und auch die Sehnsucht danach fast fühlen. Scheinbar ändert so eine Reise doch einiges, wenn auch nicht das Leben, evtl aber doch den Blick auf die Dinge, ich finde das gut. Denn scheinbar gibt es wirklich mehr da draussen als mein Haus, mein Auto, mein Schiff…

    Wie Andy hoffe ich, das mir so eine Reise auch mal vergönnt ist. Der Traum lebt 🙂

    Viele Grüße und lass es dir gut gehen
    Bert

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  4. Liebe Andy, natürlich Family first. Aber irgendwann gehst Du dann halt los – was Deiner Familie dann auch zugute kommt. Man verträgt mehrere Abenteuer im Leben. Und natürlich freue ich mich über jeden Leser, Dir und Deiner Familie alles Gute.

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  5. Hallo liebe Mama.
    Ich habe deinen Blog mit sehr großer Begeisterung gelesen und ich gratuliere dir vom ganzen Herzen das du den PCT geschafft hast… Nein, erleben dürftest. Ich habe mich so für dich gefreut. Auch ich selbst möchte irgendwann mal von Mexiko nach Kanada laufen. Das ist mein großer Traum. Aber momentan geht es nicht. Ich habe vor 10 Monaten meine Tochter bekommen. Die braucht und verdient meine volle Aufmerksamkeit. Aber irgendwann mach ich es.

    Vielen Dank auch für deine Beiträge nach dem PCT. Ich habe auch am Anfang deiner Beiträge gemerkt das du gut schreiben kannst.

    Weiter so 🙂

    Lg
    Andy aus Thüringen

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