#Nach dem PCT / Kilometer 3 / Das ist Standard

Mike ist zu Besuch. Mein Hikerfreund aus Dresden. Wir sehen uns zum ersten Mal nach dem PCT.

Mit Mike in Washington auf dem Cispuss Pass, hinter uns Mt. Rainier
Mit Mike auf dem Cispuss Pass in Washington

Er schickt mir via Whatsapp seinen Standort, ich kann nun seine Busfahrt verfolgen. Ich soll ihn wie auf dem Trail nicht verpassen und pünktlich am ausgemachten Abholort stehen. Mike hat ein Konzert rausgesucht. Konrad Küchenmeister wagt, zu singen. Ich nenne es so, nachdem ich den Künstler gegoogelt habe. Der kommt NATÜRLICH aus Dresden. Ist Mike nicht in Dresden, muss er sich Dresden nach Berlin holen. Dresdner sind stolz auf Dresden. Trifft man Dresdner unterwegs – egal wo – sagen sie zuerst: „Wir kommen aus Dresden.“ Und dann: „Ich habe da mal eine Frage.“ oder so. Das ist Standard. Ich habe Dresdner am White Pass in Washington getroffen. Genau auf diese Art. Mike fühlte sich wohl, wäre am liebsten länger mit ihnen verweilt. Mit Bier.

Natürlich bringt Mike auch Dresden mit nach Berlin. In Form eines riesigen Dresdner Christstollen. Um hier korrekt zu sein: Original Dresdner Christstollen.

Herr Küchenmeister aus Dresden bedient eine Loop Maschine, nimmt verschiedene Lines auf und fügt diese am Ende zu einem Song zusammen. Gut, dass ich vorbereitet bin. Alle tanzen, ohne sich anzudadschn. Andadschn – übrigens gerade zum Lieblingswort der Sachsen 2018 gekürt. Die Wahl findet seit Jahren statt. Standard.

Da mein Hikerfreund noch schläft, nach Bier mit Küchenmeister oder Küchenmeister mit Bier, gehe ich zum Bäcker. Sonntags hat Bäcker STEINECKE im Rewe bei mir um die Ecke geöffnet. Nur zwei Jungs, ich schätze sie auf 8 oder 9 Jahre, sind im laden. Sie ordern 6 Semmeln. „OFENFRISCHE“, sagt die Verkäuferin streng. Sie arbeitet nicht gern. Jedenfalls nicht sonntags. Dieser Bestellung folgt ein Käse-Schinken-Brötchen. Es gibt nur noch eins. Beide Junge beginnen eine Diskussion darüber, ob sie sich das begehrte Käse-Schinken-Teilchen teilen. Ich schlage vor, nach einem zweiten zu fragen. „Seht da doch, keens mehr.“ Meine Idee, ein Käsebrötchen zu nehmen, finden die beiden Jungen doof. Sie bestellen noch eine Semmel. „OFENFRISCHE“ sagt die Verkäuferin. Dann bin ich dran und bestelle sehr gern 6 Schrippen. „OFENFRISCHE“ sagt die mit Mehl bestreute Frau hinterm Tresen. „Wenn dies ihre Schrippen sind“, antworte ich. Die Dame erklärt, dass es eben Standards gibt bei ihnen. Wie die dreistufige Sauerteigführung der Brotmeisterei.

Mike hat es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und es scheint, als hätte er enorm zu tun. In Sachsen nennt man das muddln. Standard. Wer muddeld, der weiß genau, was er tut, auch wenn er nur so tut, als ob er etwas tut. In diesem Fall der verlangsamten Bewegung verrichtet der Sachse eine Arbeit, aber weder zielstrebig noch mit einem spürbaren Verbrauch an Energie. Er macht ganz aktiv nichts. Diese vorgetäuschte Emsigkeit wirkt wie Meditation.  So würde ich gern meditieren können. Aber unsere Rollen sind verteilt. Mike ist als Fahrrad unterwegs. Ich als ICE. Deswegen haben wir so gut harmonisiert auf dem Pacific Crest Trail. „A old couple“, sagte Hikerfreundin Stefanie aus Italien.

Am letzten Tag des Dresdners in Berlin spazieren wir stundenlang durch die Stadt, enden am Alexanderplatz bei Burger King. Standard vom Trail. Dann kommt der Bus. Ich flitze noch zum DHL-Shop. Ich mag den Typen dort, der ist entspannt. Kommt man nach 18 Uhr, erfüllt er Abholungswünsche mit einem Bier in der Hand. Der Wochentag spielt dabei keine Rolle. Ich schaue auf seine Flasche und der Shopbesitzer fragt:“Problem?“ Ich sage: „Irgendwo auf der Welt ist es bereits dunkel.“

Der Typ findet das gut und meint, dass er den Satz nun in sein Standardrepertoire aufnimmt. Da im Shop ab 18 Uhr eine lange Schlange die Norm ist, erträgt er diese nur mit seiner Regel.

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Im Dezember werde ich Mike in Dresden besuchen. Was ich aus Berlin mitbringe, weiß ich noch nicht. Zu Ostzeiten schickte man aus der DDR in den Westen Nordhäuser Doppelkorn und Schwibbögen. Jetzt rangiert als Berliner Geschenk weit vorn: Berliner Mauerbruch. Hier kommen keine Steinbrocken ins Spiel. Ich meine Mandelcreme. In der Werbung heißt es: Berliner Mauerbruch in seiner schönsten und süßesten Form. Die gerösteten Mandelkernstückchen in köstlicher Creme sind so verführerisch wie Berlin.

Mike, am besten du wünscht dir was. Kann auch bomforzionös sein. Aus dem Säsischischen übersetzt: großartig, etwas pompös.

 

3 Gedanken zu “#Nach dem PCT / Kilometer 3 / Das ist Standard

  1. T.J. nunja, auch die Sachsen sind ja Regional nicht unbedingt alle über einen Kamm zu scheren. „Andadschn“ denke ich, kennt man schon. Sicher hat Mike auch immer „Nu“ gesagt, wenn er etwas zugestimmt hat. Da sagen aber keine Leipziger oder Chemnitzer, und Vogtländer erst recht nicht. Und das Gott und die Welt über unseren Dialekt/(e) schmunzelt, mal ehrlich, das ist durchaus zu verstehen. Höre ich mich auf Video, dann möchte ich auch im Boden versinken, es klingt einfach nicht schön.

    Also Mama, alles gut denke ich, auch ohne Recherche…und viel Freude in Dresden, was wirklich toll ist. Lass dich mal in die Dresdner Heide entführen, kann man schön wandern und hat tolle Blicke auf Dresden 🙂

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  2. He, dann habe ich Dich noch nicht getroffen! Aber vielleicht irgendwann mal. Dann treffen sich zwei aus Sachsen – ich bin in Riesa geboren,meine ganze Familie kommt von dort. Die sächsischen Lieblingswörter kannst Du bei mdr. de nachlesen – gewählt seit 2008. Mike hat sich bisher nichts gewünscht, ich werde Berliner Luft kaufen und auf unser aller Wohl trinken. Alles gute.

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  3. Hallo, sehr gern las ich deinen Blog. Ich bin gebürtige Sächsin und die Sachen die ich jetzt hier lese sind mir total neu. Dann hast du vielleicht nur „einen bestimmten Schlag“ Sachsen getroffen? Oder du hast viel recherchiert, wie das Leute so tun die einen „perfekten“ Artikel zimmern wollen, dann aber leider die wirklichen Dinge beiseite lassen? Ich freu mich jedenfalls auf weitere Reiseberichte, die waren immer toll.
    L.G. T.J.

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