# Nach dem PCT / Kilometer 1 / Geile Sache

Heute Morgen bin ich im Berliner Nebel zu Arbeit gegangen. Es war wie ein Gruß aus Washington, wo ich mich tagelang selbst auflösend durch Nebel über Pässe, Serpentinen und Anstiege bewegt habe. Das Berliner Pflaster ist in Sachen Fortbewegung leicht begehbar. Heißes Pflaster finde ich in schöner Regelmäßigkeit und auch nach meiner Rückkehr unverändert vor der Tür unseres Office – ein gut besuchter 24 Stunden –  Straßenstrich. Ich empfehle neuen Kolleginnen nicht mit zu kurzen Röcken hier zu wandeln. Durch den Morgennebel bin ich nun ein waberndes Schwarzes und sicher und kann in Ruhe, auf dem Strich gehend, mit einem Lachen im Gesicht an meine Wanderung letztes Wochenende im Harz denken.

Berlin am Morgen
Berlin am Morgen

Mein Schwester hat es gut, der Harz liegt vor ihrer Haustür. Ich muss den ICE nach Braunschweig nehmen, der an diesem Freitag wegen des Berliner Ferienbeginns bis zum Rand gefüllt ist. Mein Kollege Michael würde sagen: „Somit verwandelt sich der Zug ganz schnell in einen Pferdestall.“ Da ich im Bistro sitze rieche ich nur Bier. Deutsche Jugendliche lassen es sich mit Jungs aus Israel gut gehen. Sie tauschen Vokabeln, die man wirklich braucht, aus. „Ich liebe Dich.“ „Ich möchte ein Bier.“ „Ich muss kotzen.“ Ich sitze still da. Nur ab und an weise ich meine Nachbarin Ruth auf Vorbeiziehendes hin. Wie einen Regenbogen. Wolken, die wie ein Gebirge aussehen. Bunte Wälder, die leicht mit dem Indian Summer in Maine oder Vermont konkurrieren könnten. Dann bin ich in der Stadt der groben Mettwurst und sehe ein paar Minuten später von der Terrasse meiner Schwester den Brocken. Er ist wirklich ein kleiner Berg.

Wonny und ich
Meine Schwester (rechts) und ich

Am nächsten Morgen schwingen wir früh unsere Hufe aus den Federn, schmieren Brote, schnippeln Obst und Gemüse, schütten heißes Ingwerwasser in Thermoskannen. Was für ein Luxus. Auf dem PCT hatte ich Wasser. Und Wasser. Und Wasser. Aus den eiskalten Flüssen in der High Sierra schmeckte es hervorragend. In Oregon am Meer war es aus den Zuflüssen salzig, wir füllten unsere Flaschen an Tankstellen – nicht so lecker. In Nordkalifornien mussten wir Wasser oft aus Depots nehmen – warm und fade. In Washington konnte es schon mal mit Sand vermischt sein, viele Flüsse laufen über Sedimentgestein. Dann sind wir auch schon auf unserer Runde – in der Nähe von Bad Harzburg. Jedes Schild beruhigt den Wanderer – es weißt auf eine Hütte hin. Entspannend auch die Wege – ich nenne sie nach dem schmalen PCT in den letzten sechs Monaten Autostraßen. Aber alles ist grün und bunt und frisch und riecht einfach wunderbar. Kein Autolärm. Handy auf Flugmodus. Und schon geht es nur ums GEHEN. Meine Schwester und ich sind verbunden, weil wir genau das gleiche Tun. So war es auch auf dem PCT. Ich mochte die tiefe Verbundenheit mit anderen Hikern, die da war, weil man sich am gleichen Ort befand, das gleiche Ziel hatte, sich auf die gleiche Art fortbewegte. Name, Beruf und Herkunft blieben im Schubfach mit der Aufschrift UNWICHTIG. Alle reisten bewusst mit leichtem Gepäck. Im Harz sind an diesem Tag viele Wanderer unterwegs. Einige nenne ich Tagestouristen, wenn ich aufs Schuhwerk schaue. Aber immerhin sind sie in der Natur und holen sich Stempel für die HARZER WANDERNADEL und steigern den Umsatz in der Waldgaststätte Rabenklippen.

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Das Waldrestaurant Rabenklippen

Es gibt Wildbratwurst, Wildboulette, Wildgulasch, Wildschweinbraten, Wildcurrywurst, Wildleberkäse und Wildschweinsülze. Nebenan Wildes hinterm Zaun – ein Luchsgehege. Bobcats habe ich in der High Sierra in freier Natur gesehen. Die drei Bewohner des Viereck leiden sichtlich an Hospitalismus – sie laufen hin und her, obwohl sie auf den eingezäunten Klippen auch toben könnten. Die restlichen Rabenklippen sind teilweise begehbar, man schaut auf den Brocken und aufs Eckertal. Direkt am Gehege packen meine Schwester und ich unsere Tupperdosen aus.

Geschnippeltes
Geschnippeltes aus der Tupperdose

Mit dem Bratengeruch in der Nase sind wir mit unserer morgendlichen Schnippelarbeit nicht ganz so happy. Eine Wanderin sieht das anders, sie findet unseren Proviant lecker. Wir kommen ins Gespräch. Sie mag es zu wandern. 1991 war die heute 52jährige und zweifache Mutter in Australien für ein halbes Jahr unterwegs. Von Hostel zu Hostel. Mein Schwester erzählt ihr stolz von meiner Tour auf dem PCT. Die Frau ist beeindruckt und fragt, wie anstrengend es für mich war. Wieder antwortet meine Schwester für mich – ich bin noch etwas langsam seit meiner Rückkehr – und erzählt, dass ich 25 Kilo abgenommen habe. „Dann waren sie ja so schwer wie ich“, sagt die Dame. „Ja, übergewichtig“ antworte ich. Meine Schwester verschluckt sich am Kohlrabi, die Frau tippt sich in ihr Smartphone meinen Blognamen und geht. Was ist los? „Du hast gesagt, sie ist übergewichtig“ prustet meine Schwester los. Ich muss ihr erst mal auf den Rücken klopfen, sie erstickt mir fast. Ich war direkt. Wie in den letzten sechs Monaten auf dem PCT. Das ist neu. Mein Anstand hing bei der Antwort hinterher. Da der Bratengeruch und die eingesperrten Luchse den großen Hunger verschwinden lassen, machen wir uns nach kurzer Pause wieder auf und gehen durch den Herbstwald mit Regen als Begleiter. Sachter Regen. Niederschlag von oben – da kenne ich mich jetzt aus. Es gibt Nieselregen und Starkregen, den leichten Sommerregen. Es gibt Regen aus Schneegriesel oder Frostgraupel. Regen, der von links kommt. Regen, der von rechts kommt. Regen nur unter Bäumen. Regen, der zu Schnee wird. Regen, der zu Hagel wird. Der Regen im Harz ist weich, fällt wegen Windstille ganz gerade – und durchnässt wie überall auf der Welt alle Klamotten. Heute früh habe ich wie auf dem PCT alles in Drysacks gepackt – da habe ich aber noch über mich gelacht. Bald sind wir allein im Wald, die letzten Wanderer verschwinden in weiteren Ausflugsgaststätten. Wir ziehen weiter, wir müssen einen Anstieg hoch – 25 Prozent sagt uns ein Schild. Ich marschiere los und verliere meine Schwester. Am Berg hält mich noch immer nichts – wie eine Berggazelle würde mein Hikerfreund Mike aus Dresden, der „Ice Dancer“, jetzt sagen.

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Die Rabenklippen

Dann sind wir am Auto und ich fühle mich nach den 22 Kilometern im Wald richtig gut, Sitzfleisch habe ich nach den ersten Tagen im Office noch nicht.  Meine Schwester überrascht mich mit Karten für die Discothek „Jolly Time“ am Abend in Braunschweig. Ich soll nun tanzen, nicht wandern. GESTÖRT ABER GEIL legen auf. Vielleicht passt der Titel sogar zu mir. Aber ICH und Menge und Lautstärke und Tech und Deep House? Ich versuche es. Doch eine Schlange von über 1000 Tanzwütigen schreckt mich ab, ich flüchte ins Taxi. Der Fahrer wundert sich: „Vor wem hauen se denn ab?“ Vielleicht den Alltag denke ich.  „Is doch ne mega Sause hier. Oder wolln se lieber zur Ü30-Party in die VW-Halle?“ Nein Danke, auch keine bessere Idee. Ich kuschle mich in die Sitzbank, wundere mich über den Berliner Slang des Fahrers und erzähle, dass ich gerade aus der Wildnis komme und etwas überfordert bin. Wildnis? Der Fahrer will mehr wissen und reagiert dann: „Geile Sache, aber ohne Waffe sind se jewandert, did jet nich. Ick hätte klar ne Waffe mitjenommen. Aber geile Sache muss ick schon sagen.“ Nachdem ich gezahlt habe und mich verabschiede dreht er sich um und sagt:“Und so ne Dünne sind se. Also ne, Hut ab!“ Ein paar Stunden später steigt auch meine Schwester vor dem „Jolly Time“ in ein Taxi und nennt ihre Adresse. „Na did jibbet doch nich, ick hab ihre Schwester jefahren. In der Wildnis war se, geile Sache, aber ohne Waffe, did hätte ick ja nich jemacht. Und sie sind ja och so ne Dünne.“ Am nächsten Morgen lachen wir herzlich. Der Typ ist mein Taxifahrer des Monats. Wie die Bubble auf dem Trail – man trifft sich immer wieder. Schön, wie mein Weg hier weitergeht.

6 Gedanken zu “# Nach dem PCT / Kilometer 1 / Geile Sache

  1. Sehr schöne story und alles real 🙂
    Irgendwann werde ich wohl auch mit meiner Schwester losziehen, aber klein anfangen ( vllt. den Jakobsweg, da braucht man kein Zelt 😉

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  2. sehr schöne story und alles real :-).
    Irgendwann werde ich wohl auch mal mit meiner Schwester losziehen, aber klein anfangen ( Jacobsweg vllt. – da barucht man kein Zelt ).

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  3. Auf dem Trail traf ich auch einen Hiker aus dem Yukon. Es war sehr lustig, weil er praktisch nach Hause lief.Irgendwann bist Du auf dem Trail – SAFE. Von der ersten Idee bis zum Foto am Southern Terminus des PCT sind bei mir zwei Jahre vergangen!Und wenn du zuerst andere Dinge von der Bucket List Dir erfüllst, auch schön. Liebe Grüße. Jac (MOM)

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  4. Hey Jac,
    Habe gestern deine Erlebnisse an einem Stück durchgelesen – riesengroßes Kompliment an deine Leistung!!! Mental, körperlich und auch schriftstellerisch 🙂
    Wann ich auf dem Trail wandere, weiß ich noch nicht. Kann noch ein bisschen dauern, da ich letztes Jahr erst ausgewandert bin und mir gern ein bisschen was Aufbauen möchte. Aber selbst wenn es 30 Jahre dauern sollte, irgendwann bin ich da 😀
    Viele liebe Grüße aus dem Yukon,
    Luisa

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  5. He Luisa, schön von Dir zu hören. Nord-Kanada, wie herrlich, da bist Du schnell in der Wildnis! Ich denke ständig an neue Trails, klar. Es ist gut, wenn der Alltag mich durch ein paar Regeln festigt. Ich melde mich die Tage mit dem Post „Sehnsucht“ – und hoffe, Du bist wieder dabei. Und lass mich gern an Deinen Planungen teilhaben, herzlichst Jac

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  6. Hi Mom! 🙂
    Wie schön – im Harz haben meine Wanderlust und mein Fernweh begonnen! Mittlerweile lebe ich in Nord-Kanada und habe den Traum, irgendwann den PCT zu laufen.
    Mich würde interessieren, ob du dich gut zurecht findest im „normalen“ Alltag und der Berufswelt. War der PCT eine Sache, die man nur einmal macht oder fühlt es sich nach einem Anfang an? 🙂
    Liebe Grüße,
    Luisa

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