PCT-Meile 2650 / Von Manning Park bis Berlin / Off Trail

Wieder daheim – höre ich das Knistern unseres  letzten Lagerfeuers auf kanadischem Boden. Wir sind zusammengerückt. Auf unserer letzten Tensite. Weil es kalt ist. Weil der PCT vorbei ist. Weil der Abschied nah ist.

Eva erinnert sich an unsere erste Begegnung mit Adam aus Wrozlaw. Mit ihm zum Sonnenuntergang mit Blick auf die  San Gabriel Mountains Wodka zu trinken bezeichnet sie als einen Höhepunkt auf dem Trail. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich an Kennedy Meadow South denke, meinem ersten Meilenstein. Wenn ich an Mt. Whitney denke – hoch stehend über der Welt. Wenn ich an The Bridge of The Gods denke. Mike schwärmt von den Nächten in den Dünen am Oregon Coast Trail – das Rauschen des Meeres als Lebenselexier. Und Stefania erinnert sich an lustige Situationen als Tramperin, aber auch an ihre verrückten 24 Stunden in L.A. mit Köchin Katie Kate. Alle sind sich einig, dass die High Sierra Fluch und Segen war und Washington zum Wandern einfach wunderschön ist.

Grüße von JJ: Wir auf dem PCT mit Logo-Socken
Grüsse von JJ: Wir auf dem Trail mit Logo-Socken

Die letzte kalte Nacht im Zelt ist kurz, noch kürzer die 8 Meilen zum Hostel im Manning Park Resort.  Und plötzlich ist man da. Und plötzlich ist man off Trail. Sofort ist der Körper auch off. Ich kann mich bemühen wie ich will, ich komme vom herrlichen Küchensofa des Hostels einfach nicht runter. Gerade so meine linke Hand schafft den Weg in die Chipstüte und meine rechte Hand den Weg zum Bier. Mike geht es kaum anders. Er ist noch mehr off als ich, er redet nicht. Am ersten Morgen in der Stille des Resorts ist unsere Umgebung mit Schnee bedeckt. Dies ist der einzige Moment, wo ich froh bin, nicht mehr auf dem Trail zu sein. Noch Tage nach mir erreichen Hiker den Northern Terminus – im Schnee. Einige PCTler müssen sogar von der Ridge nach dem Cispus Pass in Washington via Hubschrauber gerettet werden. Zu viel Schnee verhindert ihr Weiterkommen.

manning park
Erster Schnee in Manning Park

Im Hostel in Manning Park treffe ich Santé aus Japan wieder. Er erkennt mich beim ersten Hinsehen nicht: You´re  so skinny… Santé habe ich zum ersten Mal in Aqua Dulce in Hiker Heaven getroffen, sein Name stand vor mir auf der Duschliste. Das letzte Mal haben wir uns in Kennedy Meadow North gesehen. Nun hat auch er es nach Kanada geschafft. Am Obelisken, der das Ende des PCT an der Grenze zu Kanada symbolisiert, hat er die Fotos der beiden toten asiatischen Hikerinnen hingestellt, alles fotografiert und herzzerreißende Grüsse an Freunde und Verwandte gemailt. Ich treffe auch Tomas aus Paris wieder. Eva und ich erinnern uns gern an die Wassermelone, die er mit uns auf dem Trail teilte. Wie fast alle männlichen Hiker trägt er nun einen Vollbart, weshalb ich ihn fast nicht erkenne. Wir beschließen, ein letztes Mal zusammen zu frühstücken und bereiten alles zu, was wir haben und finden können. So gibt es nicht nur Rührei und Kaffee, sondern auch Ramen, Kartoffelbrei, Tuna und Gummibärchen.

Nach drei Tagen Müßiggang rappeln Mike und ich uns auf und trampen nach Vancouver. Wir stehen nur eine Minute am Straßenrand und ein Wohnmobil hält. Sollten wir das Paar kidnappen, uns den Wagen schnappen und nun auf eine andere, sicher sehr bequeme Art und Weise weiterreisend durchs Leben wandeln? Das Paar löchert uns mit Fragen über den PCT. Dann erzählen sie von ihren 9 Enkelkindern. Immer im Herbst schnappen sie sich ihr Wohnmobil und besuchen alle ihre Kinder, die quer verteilt in Amerika und in Kanada leben. Zwei Monate sind sie so unterwegs. Zwei Stunden vor Vancouver müssen sie den Highway verlassen und so verabschieden wir uns und stehen den Daumen zeigend und hoffend mal wieder am Straßenrand. Hier kennt keiner den PCT. Zu trampen nah am Trail war immer leicht. Nach einer Stunde endlich stoppt ein Auto, es ist natürlich eine Schrottkarre. Im Innenraum sitzt ein junger Mann mit Rasterhaar. Jon führt im Sommer Raftingtouren an, jetzt ist er unterwegs nach Vancouver. Seine Freundin Julia wartet dort, gemeinsam werden sie im Winter Kindern das Skifahren beibringen. Julia kommt aus Heningsdorf bei Berlin, weshalb Jon ein paar Worte Deutsch kann.

Endlich Vancouver. Heißt nicht, dass ich mich auf die Stadt und deren Trubel freue. Ich werde Hiker treffen, mit Eva Essen gehen, mit Mike und Stefania Essen gehen. Mehr nicht. Die Stadt überfordert mich. Es ging mir in San Francisco bereits so, wo wir für drei Tage hielten, auf unserem Weg vom Oregon Coast Trail zurück in die High Sierra. Ich fühle mich als hätte ich Gleichgewichtsstörungen, als suche meine Hand immer nach einem Haltegriff. Als ich 1998 mit dem Zug nach Moskau gefahren bin – 36 Stunden – rauschte danach die Welt immer wie ein zu schnell ablaufender Film an mir vorbei. Dies wiederholt sich jetzt.

In kleinen Cafés finde ich etwas Ruhe, lese und spüre wie die Vorfreude auf daheim wächst. Die Abende verbringe ich – essend – mit Mike, Stefania, Eva, Adam, Jordan und Calvin. So ist die halbe Pinky Gang vereint. Wer hätte das gedacht. Und an meinem letzten Tag in Vancouver treffe ich Fielder und Brooks – minutenlang liegen wir uns in den Armen. Zusammen gestartet schauen wir uns nun an und realisieren langsam, dass der Trail uns gehört, dass wir ihn geschafft haben, dass wir Thruhiker sind.

pinky
Reunion mit Brooks und Fielder in Vancouver

Dank Hagen habe ich einen Rückflug in der Business Class von Lufthansa. In meinen Hikerklamotten mache ich es mir gemütlich – und falle natürlich zwischen Anzugträgern und nobel gekleideten Reisenden auf. Hagen hat mir empfohlen, die Bordbar leer zu trinken. Corinna, die sich so lieb um alles gekümmert hat, auch. Doch nach einem Glas Champagner lalle ich und beschließe, meine Augen zu schließen.

Dann bin ich da, in Berlin – und meine Lieben und ich liegen uns in den Armen und weinen. Für wen meine Abwesenheit durch Wanderschaft sich am längsten anfühlt, können wir nicht klären. Wir sind einfach froh, uns wieder zu haben. Meine Familie ist frohgemut, dass ich heil zurück bin. Mein Sohn meint wegen des schlechten Sommers in Berlin habe ich hier nichts verpasst.  In meiner Wohnung warten überraschend weitere Freunde, Nachbarn, Kollegen und Patenkinder. Auf meiner Dachterrasse hat Axel seinen BBQ-Grill angeworfen – schön, dass wieder gegessen wird. Bis morgens um 3 beantworte ich unzählige Fragen und sehne mich gleichzeitig nach Eva. Wäre sie jetzt da, wäre es mehr wie auf dem Trail. Doch Eva schlendert noch durch New York.

jule und ich
Wieder mit Jule Frieda vereint

In den nächsten Tage begreife ich langsam, dass mein Leben auf dem Trail praktisch vorbei ist und eine neue Zeitrechnung beginnt. In Gesprächen gibt es jetzt immer die Kategorisierung „vor dem Trail“ und „nach dem Trail“. Immer wieder staune ich, wie weit weg mein Leben auf dem PCT hier für die Zurückgebliebenen ist. Obwohl es den Blog gibt und Fotos und nun LIVE die erzählten Geschichten bleibt den Menschen um mich herum die Magie des Weges, meine Verhaftung mit dem PCT ein Mysterium.

hiker
Adam, Stefania und andere Hiker melden sich aus Vancouver

Ich finde das gut so – es ist mein Abenteuer. Geht einfach los! Ich gehe jetzt oft nachts los. Durch die langsam ruhiger werdende Stadt. Ziehe meine Laufschuhe an, renne die Frankfurter Allee runter, staune wie schnell ich auf meinen alten Laufrunden bin, genieße die Bewegung – ohne Rucksack auf dem Rücken. Meine Wohnung wird zu meinem Refugium, hier fühle ich mich sicher und wohl und komme im Alltag an. Ich hänge erste Fotos vom PCT auf, sortiere zu groß gewordene Kleider aus und realisiere wie verrückt riesig meine eigenen vier Wände plötzlich sind. Viele Stunden schreibe ich Hikern auf der ganzen Welt und lese ab und an einen eigenen Blog-Eintrag, oft kopfschüttelnd, staunend, lachend, mit Tränen im Gesicht.

little gang
Little Gang forever

Dann ist Eva endlich auch in Berlin und mit ihr unsere Zeit auf dem Trail lebendiger dennje. So lassen wir es krachen – mit Margaritas und rufen ständig „Pacific Prost Trail.“

Und dann ist er da, der erste Arbeitstag.

 

 

 

4 Gedanken zu “PCT-Meile 2650 / Von Manning Park bis Berlin / Off Trail

  1. Danke Annie! Und glaub mir – bis zum 18.4. – wird die Zeit für Dich rasen. Und dann stehst Du plötzlich am Southern Terminus, in der Morgensonne, bei 5 Grad! Da bekomme ich gleich Gänsehaut und Trailweh.

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  2. Gänsehaut! Bester Blog! Vielen Dank dafür! Ich habe gestern einen Permit für den 18.4. Ergattern können und kann es kaum erwarten loszuwandern!

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Danke für die Unterstützung!

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