Tag 157 – Tag 160/ KM 3949 – 4077 / PCT-Meile 2570 – 2650 / Von Stehekin bis CANADA! / Clear Eyes, Full Hearts, Can’t Lose

Und dann ist man plötzlich da. Ganz einfach. Als wäre es von Beginn an klar gewesen, leicht, machbar. Immer vor Augen. Vergessen sind Schmerz und Schmerzen. Man ist da und sprachlos. Ich bin da und sprachlos. Dann zittere ich, dann rollen mir die Tränen, dann sage ich zig mal ‚Ich habe es wirklich geschafft….. ich habe es wirklich geschafft.‘ Wie ein Mantra. Dann rufen Eva und ich: ‚Clear Eyes, Full Hearts, Can’t lose.‘ Ich umarme Stefanie, auch sie weint. Und Mike. Irgendwie schweben wir alle über den Boden, jetzt könnten wir über den PCT fliegen. Auch Anne ist happy und JJ und andere Hiker, die sich um das Monument scharen. Wie Martin aus Ashville, er umarmt mich und sagt: ‚Du hast mich auf dem Trail am meisten beeindruckt. Wie du gekämpft hast, jeden Tag. Und trotzdem hast du immer gelacht, geholfen, gekocht.  Ich mag dich.‘ Da weine ich erneut, vor Freude und Stolz und umarme Martin fest.

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Auf einmal ist die Mutti da

Tag 157. Ich starte mit Eva in Stehekin und es ist, als wäre es die letzten 3000 Kilometer nicht anders gewesen. Das Wetter meint es gut mit uns, die Anstiege weniger. Aber jetzt so nah am Ziel geht alles leichter. Washington gefällt mir sehr. Immer wieder öffnet sich die Landschaft, man sieht die spitzen Kaskaden, herbstrote Hänge, hohe Bäume, steile Abhänge. Über jeden Fluss führt eine Brücke, die Füsse bleiben herrlich trocken. Wir campen am Rainbow Lake. Da die Ranger uns vor Bären gewarnt haben hängen wir unser Essen an ein Seil hoch in den Baum.

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Die Kaskaden in Washington

Tag 158. Am nächsten Morgen ist es saukalt, die Pflanzen sind gefroren. Nun sind wir hoch im Norden, im letzten Jahr kam der erste Schnee am 17. September. Wir hoffen, dass gute Wetter bleibt uns treu … wenn Engel reisen. 24 Meilen schaffen wir, Eva und Jordan sind die ersten auf der Tentsite am Methow River. Ein guter Tag liegt hinter uns. Am Rainy Pass hatten wir Trail Magic. Sören aus Dänemark, er war 2016 auf dem PCT, wollte an seinem letzten Urlaubstag Hikern etwas Gutes schenken. Sein Auto ist voller Obst, Chips, Schokolade, Cola und Bier. Sören bewundert uns. Er glaubt, dass man eines Tages uns bestaunen wird, weil wir im schwierigen PCT-Jahr 2017 auf dem Trail waren. Man nennt das Jahr jetzt schon ‚Eis und Feuer‘.

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Kurz vor Kanada

In der Nacht friere ich im Zelt, es hat Minusgrade. Mein Schlafsack war definitiv nicht der richtige – Comfort-Zone Minus 2 ist einfach nicht ausreichend. Der heisse Kaffee hilft am Morgen, ich starte mit Handschuhen. Da es 10 Meilen berghoch geht wird mir schnell warm. Am Abend koche ich nicht, ich gehe gleich ins Zelt, mit langer Hose, Socken und Mütze. So überstehe ich die Nacht gut. Stefanie macht kein Auge zu: ‚ I’m shaking the whole Night.‘ Morgens um 3 kocht sie sich Ramen, um 5 startet sie, um warm zu werden. Am Tag haben wir aber Sonnenschein, bewältigen drei Pässe und sind mit unseren Gedanken in Canada.

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Die letzten Meter…

Tag 160. Wir machen alles das letzte Mal. Und sagen uns dies ständig. Das letzte Mal Lunch auf einem Pass. Das letzte Mal Wasser filtern. Dann feiern wir den letzten Anstieg – den höchsten in Washington, über 7000 Fuss. Von oben sehen wir die kanadische Grenze – ein durch gefällte Bäume entstandener Streifen im Wald. Wir beschliessen heute schon zum Ende des PCT zu hiken, es sind um 4 noch 8 Meilen, aber es geht nur bergab.

Um 18:45 am 16. September erreiche ich das Ende des Pacific Crest Trail, umarme den Obelisken als würde ich die ganze Welt umarmen. Dieser Tag gehört mit zu den besten in meinem Leben.


Am Abend macht Mike ein letztes Mal ein Campfire. Ich frage in die Runde: Schönster Moment? Bestes Erlebnis? Schlechtester Tag auf dem PCT? Es wird eine lange Nacht am Feuer!!!

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160 Tage = 160 Schnipsel

 

8 Gedanken zu “Tag 157 – Tag 160/ KM 3949 – 4077 / PCT-Meile 2570 – 2650 / Von Stehekin bis CANADA! / Clear Eyes, Full Hearts, Can’t Lose

  1. Heh – habe mich sehr über Deine Zeilen gefreut – richtig, was für eine Reise, da kann man glatt jeden Reiseführer weghauen! Ich melde mich die nächsten Tage mit ein paar abschließenden Zeilen, neuen Ideen – wer weiß. Mom

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  2. „Mom“, als anonymer Follower dieses Blogs kann ich mich nur tief vor dem Monitor verneigen und mich für die exzellente und vielfach persönliche Berichterstattung bedanken! Welche Welten zwischen den ersten Schritten im Berliner Umland und den Pässen in WA liegen, das lässt sich für den Daheimgebliebenen nicht erahnen. Mir war es ein Vergnügen, ungeduldig auf die nächste „Folge“ zu warten und auf den 23 Jahre alten (gedruckten) Topo-Karten des Westküste der Linie aus schwarzen Punkten zu folgen. Damals las ich darin ungläubig die Notiz „Pacific Crest Trail, 1615 mls in CA“ und fragte mich, wer denn sowas macht. Jetzt weiss ich es…
    Wünsche eine glückliche Rückkehr und ein problemloses Einleben in der Großstadt! Gruß ..marc..

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  3. Liebe Jacky,
    vielen lieben Dank das Du mich an Deinem Abenteuer hast teilhaben lassen. Oh man was bin ich angefixt, ich hatte schon so Fernweh nach dem Camino, aber das scheint um längen besser zu sein, einfach schon vom landschaftlichem. Ich würde mich riesig freuen, wenn ich Dich vielleicht in Leipzig mal aufn Bierchen einladen und Dir die Hand schütteln darf. Vielen Dank auch an Deinen Sohnemann, der uns immer mit Stoff versorgt hat. Komm wieder gut in deiner alten Welt an. Ich wünsche Dir einen tollen Start.

    Liebe Grüße
    Claudia

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  4. Herzlichen Glückwunsch schwarze Tulpe!
    Ich hab gewusst, dass Du zäh bist! Schade, dass Dein Blog nun endet, ich habe jeden Eintrag gelesen und genossen. Geographisch bin ich oft ausgestiegen aber das macht nichts. Ole kann ja bei deiner nächsten Tour eine Karte mit einbauen und uns Lesern Deine Route und den Standort visualisieren.
    Na dann willkommen zurück im echten Leben, ich hoffe Deine Landung wird sanft und Du findest Dich schnell wieder zurecht.
    Liebe Grüße
    Pat

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  5. Deine Leistung ist ganz großartig, liebe Jac! Ich bewundere Dich für Deinen starken Willen! Trotz aller Widrigkeiten und Mühen auf dieser Langstrecke hast Du Dich durchgebissen! Über Monate – von der Idee über die akribische Vorbereitung bis zum Ziel in Kanada. Yes, you can!

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