Tag 141 – Tag 145 / KM 3496 – KM 3660 / PCT-Meile 2292 – 2391 / Von White Pass nach Snoqualmie Pass / Immer Mittendrin

In Packwood, wo wir wegen Dusche und Laundry eine Nacht bleiben, liegt der RV-Park mitten im Ort. Die Autos rauschen an unseren Zelten vorbei, aber wir bezahlen nur 10 Dollar. Markus aus der Schweiz ist mit uns, die Jungs freuen sich, in der Bar ist Steak Sunday. Stefanie und ich denken eher an den Kaffee und die Kuchen in der Bakery gleich am Campingplatz. Da sind wir am Tag 141 morgens um 7 die ersten und nutzen sofort das schnelle WiFi – im gesamten Ort gibt es kein Netz. Ich telefoniere etwas verspätet mit dem Geburtstagskind Felice, der es sich gerade am Strand auf Kreta gut gehen lässt.

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Kunst am Zeltplatz in Packwood

Dann stehen wir wieder mit dem Daumen im Wind am Highway und haben Glück. Bobby hält an, er wohnt in der Nähe des White Passes und kommt auf einen Kaffee gern nach Packwood. Er ist Truckfahrer, hatte seit sieben Jahren keinen Urlaub. Vor vier Wochen jedoch rammte jemand seinen Truck – nun hat er endlich frei, bis sein rollender Ofen wieder heil ist. Er wollte wandern gehen, doch ab White Pass sind seit heute ein paar Trails wegen Feuer geschlossen. Der PCT ist noch offen. Mitten im Wald und mitten im Feuer will keiner wandern. Ich hoffe nicht, dass sich Oregon nun in Washington wiederholt.

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Im Truck zurück zum Trail

Los gehts – nach einem herzlichen Goodbye – 13 Meilen, ausreichend für einen halben Tag. Wir wollen am Snow Lake schlafen. Markus, der vorgeeilt war, kommt uns entgegen und sagt: Tensite ist voll, mindestens sieben Hiker. Wir lachen. Das mögen wir doch. Also ab zum Lake. Bereits kurz davor ruft jemand: Heh Pinky Gang!

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Die Little Gang am White Pass

Anne aus Paris, wir haben sie in Cascade Locks kennengelernt, in der High Sierra traf sie einen Teil der Pinky Gang. Sie hikt mit ‚Unicorn‘ aus Lyon und ‚Hobo Max‘ aus Montreal. Auch Jürgen J. sitzt auf der Tentsite, er streckt wie immer seine Faust zum Gruss in meine Richtung. Ich erfahre, dass er hier von allen einfach nur JJ genannt wird. Wir sitzen lange zusammen.

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Stephanie & Anne

Tag 142. Um 5 geht der erste Kocher an. Stefanie! Sie kocht Ramen. Ich stehe erst um 6 auf, ich bin fit. Wenn ich um 7 starte schaffe ich 20 bis 22 Meilen bis abends um 7. Und ‚Ice Dancer‘ hasst es eh, im Dunkeln zu packen und zu starten. Wir beide ziehen zuletzt los. Zum Lunch treffen wir Stefanie wieder und die drei laut singenden Franzosen. Eine sehr fröhliche Truppe, sie rufen immer wieder CANADA und ab und an erklingt aus ihren Telefonen die canadische Nationalhymne.

An diesem Tag erreichen wir den Mt. Rainier National Park, den höchsten Berg und noch aktiven Vulkan Washingtons können wir jedoch nicht sehen, in der Ferne erahnen wir Rauchschwaden. Und dann erwischt uns das Feuer am Chinook Pass, der PCT ist gesperrt. Gegen 18 Uhr komme ich dort an und muss abgehen zum Highway 410. Mike, Stefanie und Anne mit ihren Jungs sitzen auf dem Parkplatz. Trail Magic. Derrick aus Seattle ist ein Section Hiker. Irgendwann auf dem Trail traf er auf Leute, die Essen am Trail verteilten. Von Trail Magic hatte er noch nie etwas gehört. Er beschloss sofort, dies nach seiner Wanderung auch zu tun. So steht er am Pass mit Bier und Wein und Chips und allen Zutaten für Hot Dogs. Vergessen daheim hat er aber die gekauften 100 Würste. Die Hiker essen die Brote auch nur mit Gurken und Ketchup.

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Trail Angel Derrick

Eine Lady fährt vor, schon den ganzen Tag bringt sie Hiker nach Greenwater. Wir sind mitten im Nirgendwo,  da der Trail geschlossen ist, müssen auch wir nach Greenwater. Eine Fahrt von 40 Minuten. 20 Hiker hat die Lady, ihr Trailname ist ‚Santana Bandana‘, heute gefahren. Wir landen direkt in der vollen Bar von Greenwater und gehören einfach dazu. Im Ort hat sich herumgesprochen, dass traillose PCT Hiker Hilfe benötigen.

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Die Bar in Greenwater

Wir dürfen in einem Garten campieren, am nächsten Morgen, Tag 143, öffnet das einzige Café des Ortes zwei Stunden eher – Dory verteilt kostenlos Kaffee und Cockies. Dann fährt ein Feuwehrauto vor und bringt uns zum feuerfreien Trail. So viel Hilfsbereitschaft erwärmt mein Herz.

Tag 144, es regnet. Es ist kalt und neblig. Wieder sehen wir Mt. Rainier nicht. Gegen Mittag kommt die Sonne heraus, auf dem Stampede Pass wollen wir lunchen. Doch erneut bleiben unsere Kocher kalt. Trail Magic. Direkt auf dem Pass servieren zwei Damen Taco Salad, selbstgebackene Cookies und Kaffee. Mitten in einer Glückssträhne lässt es sich gut hiken.

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Trail Magic am Stampede Pass

Ich laufe zügig voran. Mike bleibt plötzlich stehen und winkt, Ich gehe zurück und er flüstert: Ein Bär! Richtig. Keine 20 Meter entfernt frisst ein riesiger Black Bear Blätter und reibt sich dann seinen Rücken an einem Baum. Mike holt seelenruhig sein Telefon aus der Hose und will Fotos machen. Ich denke, spinnt der. Bloss weg hier und gebe Zeichen. Ich starte, Mike folgt langsam und sichtlich glücklich. Endlich hat er nun auch in der Natur einen echten Black Bear gesehen. Am Abend stoppen wir am Mirrow Lake, der liegt flach mitten im Wald, kein Wind und keine Wellen, so spiegelt sich die komplette Landschaft original im See. Daheim ist schon der 1. September, also hat Mike Geburtstag. Ich überrasche ihn mit brennender Kerze und Süssigkeiten zum Abendbrot – und alle singen natürlich für ihn, in drei Sprachen.

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Der einzigartige Mirror Lake

Am Tag 145 geht es zum Snowqualmie Pass, da wollen wir einkaufen und im Alpine Club übernachten. Der Trail führt leider über viele Wurzeln und Steine – ich mag es nicht, wenn dies an einem halben Wandertag so ist, weil es dann sooo lange dauert bis zur Pause. Doch am Abgang zum Pass erwartet uns erneut Trail Magic. Eine Familie aus der Gegend hat einen Grill aufgebaut, es gibt nun wirklich Hot Dogs MIT Würstchen und Karamel Popcorn. Wir sitzen drei Stunden mit 15 anderen Hikern zusamen, das Geburtstagskind mit Bier glücklich mittendrin.

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Auch am Snoqualmie Pass hat die Mama Glück

Ich erreiche Eva, sie ist kurz vor dem White Pass. Der PCT ist nun bereits dort geschlossen. Die Arme. Erst die Feuer in Oregon und nun ist sie wieder mittendrin und muss flipfloppen. Fielder ist in Cascades Locks und fragt, wo wir sind. Ben, Brooks und Wreckingball sind nun auch in Washington, wie auch Mighty Mouse und Adam. Die Pinky Gang rückt langsam zusammen, nach fast 100 Tagen Trennung. Köchin Katie Kate war daheim fleissig – sie hat nun 9 Pakete nach Washington geschickt, mit selbstgemachten Riegeln und Cookies. Sie ist die Beste!

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Katie Kate verschickt fleißig Pakete

Der Snoqualmie Pass ist ein Bergpass der Kaskadenkette, über 900 Meter hoch und heute Heimat der wichtigen Interstate 90 in Washington. Über 30 000 Autos passieren täglich den Pass – das Donnern, so klingen viele Autos hintereinander wenn man oben am Berg wandert, haben wir schon lange vor unserem Abstieg gehört. Unten gibt es Skilifte, eine Tankstelle, eine Grocery, ein Pancake House, ein Food Car. Dieses ist bei Hikern beliebt, der Inhaber hat eine Hikerbox, hier findet ‚Hobo Max‘ glücklich neue Schuhe. Und natürlich hat der Wagen Essen für PCTler im Angebot. Mike bekommt kostenlos Rotwein, Crepes und Käse. Ich kann einfach nicht mehr, ich hatte drei Hot Dogs.  

Am Pass gibt es einen Alpine Club, mit einer Hütte fast wie in Bayern, gelegen in der Ersten Strasse im Alpental. Ende des 19. Jahrhunderts stand hier eine kleine Hütte. Dann begann das Autobahnprojekt und die Regierung benötigte Schlafplätze für die Arbeiter. Man fragte die Hüttenbesitzer und baute das kleine Waldhäuschen aus. Wir finden die Hütte offen stehend, beziehen Stockbetten, duschen. Ein perfekter Ort für Hiker, im Wald, der Trail ist nah und ein Mitglied des Alpine Clubs kocht Pasta für uns. 10 Dollar soll man spenden. Sehr gern. Ich sitze auf dem Balkon und bewege mich nicht, ich bin müde.

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Die schöne Berghütte am Snoqualmie Pass

Seit 16 Tagen bin ich auf dem Trail, ohne Zero Day, was ich in meinen Knochen spüre. Ausserdem laufe ich mit den Altras nicht gut, sie sind flach, haben so wie meine Brooks zuvor keine Sprengung. Seit Tagen spüre ich meine Fusssohlen nicht, ich glaube, ich habe gar keine mehr. Mein Magen spinnt auch wieder, mittags hatte ich auf dem Trail mal wieder Couscous probiert, musste dann aber brechen. Also Zeit für Schonung.  So sitze ich inmitten von Hikern aus der ganzen Welt und höre, wie sie zum PCT gekommen sind. Stefanie traf auf dem Camino zwei Texaner, die ihr vom PCT erzählten. Anne sah den Film ‚Wild‘ und beschloss, den Trail anzugehen. Ihre Zwillingsschwester sagte Nein zu diesem Abenteuer. ‚Unicorn‘ bekam vor ein paar Monaten ein Permit für Canada, nun darf er dort für zwei Jahre arbeiten – er ist Mechaniker – also warum nicht dahin wandern. Mike war auf dem Camino, danach las er etwas über den AT – die meisten schrieben, der PCT ist der schönste Fernwanderweg – so startete er. So mittendrin fühle ich mich wohl, entspanne, vergesse, dass ich meine Fusssohlen irgendwo auf dem Trail verloren habe und beschliesse, einen Zero Day einzulegen. Mitten im Nirgendwo.

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4 Gedanken zu “Tag 141 – Tag 145 / KM 3496 – KM 3660 / PCT-Meile 2292 – 2391 / Von White Pass nach Snoqualmie Pass / Immer Mittendrin

  1. Hier ein Kompliment vom Cousin aus Australien ( Monika K ) ich bewundere Sie und all die tollen Menschen die Sie auf dem PCT kennen lernen, der beste Reisebericht den ich je gelesen habe. Liebe Grüße von down under
    Ralf Möbus

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  2. Liebe Jackie, ich habe nun fleißig alles gelesen von dir und nun ist schon September und du hast es bald geschafft. Ich bewundere dich! Ich habe es auch weitergeleitet,nach Australien (an meinen Cousin, nach Amerika, an meine Cousine ) alle lesen es begeistert und sind beeindruckt von deiner Leistung. Ole hat die Seite auch toll gemacht. Ich warte schon immer auf deinen nächsten Eintrag. Ich wünsche dir noch einen schönen Abschluss deiner Tour. Liebe Grüße Monika König

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