Tag 133 – Tag 140 / KM 3261 – KM 3494 / PCT-Meile 2145 – 2292 / Von The Bridge of The Gods nach White Pass / The Trail Bubble

Wenn man auf dem Trail ist und einem Tag immer wieder die gleichen Hiker trifft, überholt, mit ihnen Mittag isst und am Abend sich den gleichen Zeltplatz teilt, dann ist man inmitten einer Bubble auf dem Trail. Zu Beginn war meine Bubble PINKY, was ich sehr gemocht habe und noch immer vermisse. Dann in Nordkalifornien und auf dem OCT gab es keine Bubble, da waren mehr oder weniger nur wir drei. Jetzt – nach Cascades Locks mit dem Hiker Festival ist die Bubble back. I love it! Sie ist nicht PINKY, sie ist BUNT.

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Endlich an der Bridge of Gods

Am 20. August gehe ich also endlich über The Bridge of The Gods. Der Name prankt stolz oben am Stahlkörper. Einer indianischen Sage zufolge stritten sich hier zwei Häuptlingssöhne um eine Frau. Ihr Streit sprengte die Felsenbrücke der Götter und beide starben. Wie immer am Ende solcher Sagen erfährt man nicht, ob die begehrte Dame einen anderen geheiratet hat. Wir jedenfalls strahlen unendlich glücklich als wir sicher queren. Und dann geht es gleich richtig bergauf. In Washington sind die Berge lange nicht so hoch wie in der High Sierra, aber dafür viel steiler. Wie immer ist der Anfang nach einem halben freien Tag schwer. Ausserdem gab es am Morgen für alle Hiker ein kostenloses Frühstück und ich hatte immerhin zwei Bagel und zwei Donuts.

Ich gehe voran. Als Berggazelle – wie Mike immer sagt. Ich fühle mich eher wie eine Lokomotive, ich dampfe, der Luftdruck ist niedrig, mein Kopf reagiert. Am ersten Stream treffen wir Sierra aus Texas. Sie hat ihre Sachen in Cascades Locks nicht gewaschen, ihre einst bunte Wanderhose gleicht einem Baum. Derweil die Little Gang wie immer kocht, verdrückt Sierra lieber Chips. Sie erzählt von Ben und Brooks, sie kennt die beiden Jungs aus der Pinky Gang.

Am Abend, nach knapp 19 Meilen, ist die Bubble zusammen gerückt. Die Brüder Felix und Alex aus Leipzig campieren in ihren Schlafsäcken auf der Brücke. Für mich lösen sich die Jungs langsam auf in der Natur. Sie sind die Natur, keine Shower in Town, wie das Wort Laundry geschrieben wird, wissen sie. Wie eine funktioniert, vielleicht nicht. Wasser gibts im Fluss – das reicht. Eigentlich könnte man sie als Model entdecken, doch ein Scout müsste da schon sehr genau hinschauen, sprichwörtlich unter die Haut. Auch wir campieren am Rock Creek, natürlich sind Ramen und Kartoffelbrei im Angebot.

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Sonnenfinsternis in Nordamerika

Tag der totalen Sonnenfinsternis in Oregon, fast 90 Prozent bei uns auf dem Trail. Wir starten zügig, um gegen 10 Uhr auf einer von Bäumen befreiten Stelle sitzen zu können. Alex und Felix sind auch da, sie haben mit einer alten Brille aus einer Hikerbox ein etwas eigenartiges aber funktionierendes Sichtgerät gebaut. Dieses geht reihum. Langsam wird es dunkler und merklich kühler. Keine Geräusche kommen mehr aus dem Wald. Man hört nur unser A und O. Wir stellen uns vor, wie Leute jetzt auf einem vollen Highway anhalten, um die Eclipse zu erleben. Und lachen. Das Licht wird milchig, als hätte jemand einen Instagramfilter auf die Welt gelegt. Über den Bergen leuchtet es plötzlich rot und wir sehen die Venus. Und dann ist das Naturereignis vorbei, die Bubble löst sich auf. Die Brüder aus Leipzig sind rasch weg. Ich denke wir werden sie nicht mehr sehen. Machts gut – war schön mit Euch! Auch wir machen los, überholen immer wieder das gleiche Paar. Wir taufen es ‚Silent Couple‘ – sie sagen nie etwas zu uns. Am Abend Cowboy Campen wir, ich habe das Gefühl Mäuse laufen zwischen uns hin und her, so schlafe ich schlecht.

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Auch Eva erlebt die Sonnenfinsternis an anderer Stelle

Am Morgen, es ist der 22. August, ist Stefanias Müllbeutel angefressen. Es wird ein langer Tag in der Indian Heaven Wilderness, altes Indianergebiet. Nur Wald, ab und an ein kleiner See, an solch einem campieren wir auch: Bear Lake. Zwei Hiker tauchen auf: Nick und Frederick aus Kassel. Nachdem ich mich vorstelle erzählen sie, dass sie mama-wandert.com kennen und lesen und dass sie die Pinky Gang in der High Sierra getroffen haben. Ich kann es kaum fassen. Ich erzähle ihnen von den anderen beiden Brüdern auf dem Trail. Auch von ihnen haben sie gehört und wollten beide schon immer mal treffen. Dies wird machbar sein, sage ich, sie sind einen halben Tag vor euch. Ich hoffe, die vier treffen sich – heh schickt mir mal ein Foto dann. Was brüderlich teilen bedeutet sehe ich dann später am Abend – ein Zelt, ein Topf, ein Essen. Gut, dass sie zwei Löffel haben und zwei Schlafsäcke. Ihnen zuzusehen stimmt mich sehr friedlich. Dann kommt das ‚Silent Couple‘ – und ES spricht. Ihr Gas ist alle, sie bitten um Hilfe. Ja klar können sie mit unserer Hilfe nun kochen. Mike macht ein Lagerfeuer, Stille breitet sich aus.

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Immer Richtung Canada

Am nächsten Morgen starten wir früh, wir wollen 25 Meilen schaffen und abends noch nach Trout Lake. Was wir schaffen – Trail Angel Douglas holt uns an der Forstroad ab. Er ist der Koordinator für alle Trail Angels in der Gegend. Douglas hat als Lehrer in Portland gearbeitet, nun lebt er hier in einem kleinen Haus im Wald und freut sich auf jede neue PCT-Saison. In seinem Auto hat er ein Hikerbuch, natürlich tragen wir uns ein. Im Ort dann die nächste Überraschung, wir müssen nicht auf den Campground, Douglas hat uns ein Zimmer in der Grocery organisiert. Für 25 Dollar. Die beiden Inhaberrinnen sind pfiffig. Sie haben hinten im Laden ein Teil abgetrennt: Zimmer, Dusche, Laundry. So verdienen sie etwas Geld extra. Und im Store gibt es auch ein Regal, wo Hikerwünsche wahr werden. Stefania fällt sofort ins Bett. Mike und ich sitzen vor dem Store auf den Stufen, mit Bier und Chips, vom Haus nebenan erklingt Rockmusik, ansonsten ist es still in dem kleinen Ort. Ich lerne Markus aus der Schweiz kennen. Daheim lebt er in einem Wohnwagen, als Yoga Punk war er mal eine Weile eine bekannte Grösse im Land. Nun reist er nur noch. Markus will reden. Er ist auf dem PCT zwei Monate mit Tri aus China gewandert, die Hikerin, die im Kehrick River gestorben ist. An diesem schicksalsträchtigen Tag wollte die junge zierliche Frau allein hiken. Es waren nur noch ein paar Tage bis South Lake Tahoe, also verabreden sich Markus und Tri dort. Nach drei Tagen warten meldet Markus seine Wanderpartnerin als vermisst. Polizei und Ranger kommen und nehmen Markus mit zur Suche. Sie findet Tri eine Meile flussabwärts von der Stelle, wo der PCT den Kehrick River trifft, tot zwischen Felsen. Markus hat nun auf dem Trail gute und schlechte Tage. Manchmal, so erzählt er, sitzt er einfach auf einem Stein und weint. Ich frage, warum er nicht nach Hause gefahren ist. Er befürchtet, dort in ein grosses schwarzes Loch zu fallen. Die Hiker hier helfen, glaubt er. Natürlich macht er sich auch Vorwürfe. Tri mochte Logs nicht, sie ist immer durch die Strömung gegangen. Wenn er in Canada angekommen ist, wird Markus danach in Winthrop in Washington auf einer Pferdefarm arbeiten. Der 52jährige muss dann Cowboysachen tragen und für Gäste Feuer machen, das BBQ bereiten. Er wird neue Leute treffen, neue Geschichten hören – verkleidet! Ich schlafe in dieser Nacht schlecht, immer wieder frage ich mich, was ich gemacht hätte, wenn …

Am 24. August bin ich schon früh im einzigen Café des Ortes, ein Familienbetrieb seit den 30er: Café, Tankstelle, Werkstatt und Eisbar in einem Haus. Die Töchter der Familie kochen und bedienen. Ich habe Pancakes mit Huckleberrys.

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Frühstück am Trout Lake

Dies ist die amerikanische Heidelbeere, sie wachsen hier wild in den Wäldern und werden von asiatischen Pflückerfamilien geerntet. Diese reisen quer durchs Land – von der Erdbeerernte in Washington bis zum Orangenpflücken im Süden Californiens. Auf dem Trail nach Trout Lake haben wir alte Schilder gesehen, auf denen Indianer hingewiesen wurden, dass sie nur auf der rechten Seite der Dirt Road pflücken dürfen. Ich telefoniere mit Corinna, es geht um meinem Rückflug, so langsam muss ich daran denken. Und so langsam freue ich mich auf die Heimreise.

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Mit Stephanie am trout Lake

Wir starten gegen um 12 und laufen noch 12 Meilen. Ganz nah am Mt. Adam finden wir einen schönen Zeltplatz. Natürlich kümmert sich Mike um das Lagerfeuer, er benötigt nur noch eine Minute bis es wunderschön fackelt.

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Blick vom Zelt auf den Mount Adam

Am nächsten Morgen ist mein Zelt voller Eis. Der 3700 Meter hohe Schichtvulkan scheint sein eigenes Wetter zu haben. Auch unser Trinkwasser in den Flaschen ist gefroren. Stefanie ist ein Eiszapfen – hat es nachts weniger als zehn Grad friert sie, obwohl sie alle ihre Sachen trägt plus Daunenjacke. Sie geht los, Mike und ich stehen auf. Der heisse Kaffeepott wärmt herrlich meine Hände.

In die Bubble gesellt sich an diesem Tag Ben aus Israel, ich habe ihn im Mai in Kennedy Meadow getroffen. Bens Trailname ist ‚Snake Dancer‘. In der Mojave ist er auf eine Klapperschlange getreten. Danach, so erzählt er, hat er einen neuen Weltrekord im Weitsprung aufgestellt. Die Schlange hat nur seinen Schuh durchbissen. Ich halte an diesem Tag immer wieder Ausschau nach Jürgen J. aus Deutschland. Wir haben uns immer mal wieder auf FB geschrieben und gegenseitig geschaut, wo man gerade so ist. In Trout Lake stand er plötzlich im Café und umarmte mich fest. Jürgen war tapfer im Schnee, nun musste er wegen der Feuer in Oregon flipfloppen. Wahrscheinlich ist der fleissige Hiker nachts an meinem Zelt vorbei gestapft. Auch Eva musste erneut flipfloppen, sie wird nun in Timberline starten – sie ist so schön nah!!!! Von der Pinky Gang habe ich weiter nichts gehört, ich hoffe, dass es allen gut geht.

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Mutti hält Ausschau nach Jürgen

Am nächsten Tag atmet Mike auf – endlich ändert sich die Gegend. Die letzten Tage sind wir nur durch Wälder gestapft. Bäume, Bäume, Bäume – sagte er immer wieder. Es geht zum Cispuss Pass. Die Landschaft öffnet sich, wir sehen zum ersten Mal nackte Felsen des Kaskadengebirges, spitz und schroff. Wir kommen gut hoch – gelernt in der High Sierra. Am Cispuss River treffen wir Owen, ein Geografielehrer aus Portland. Er ist mit seinem Hund unterwegs, checkt den Weg und Zeltplätze. ‚Ich gehe mit meinen Schülern immer wandern, suche die Wege aus, prüfe immer vorher, ob sie machbar sind. Ich will, dass die Kids draussen atmen.‘ Mir gefällt das. Er spendiert Mike ein Bier, ich bekomme eine Packung Creme Cheese. Da freue ich mich. Seit dieser Woche habe ich Ketchup im Foodbag, ich kann die ganzen vorgewürzten Sachen nicht mehr essen. Also koche ich Nudeln und mache Ketchup rauf. Mit Creme Cheese dies am Abend zu verfeinern, wird toll sein.  Um zwei ziehen wir weiter, der nächste Berg der Kaskaden wartet, ein schmaler Trail auf einer Ridge, mit Schnee. Ich zittere, rechts und links geht es über 1000 Fuss abwärts, steil. Selbst Mike beschreibt den Weg später in seinem Blog als gefährlich.

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Zittern auf dem schmalen Grat

Aber wie immer bringt er mich über den Berg – geh, nicht stehenbleiben, schau nach vorn, atme. Das Adrenalin lässt meine Knie schlottern. Nach 20 Meilen machen wir Schluss – mit Markus, er hat unsere Bubble erreicht. Auch Ben schläft in der Nähe und eine Hikerin aus Canada, mit hübschen lila Kniestrümpfen. Sie hikt total schnell. Mike nennt sie kanadischer D-Zug. Ich sage immer WUSCH, wenn sie uns überholt. Am Ende macht sie längere Pausen und ist in unserer Bubble.

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Am Cispuss Pass mit dem Ice Dancer

Tag 140. Es geht nach White Pass, 16 Meilen. Die schaffen wir bis um 2 – über einen schönen roten kahlen Berg und ab in den Wald. Ben holt in White Pass ein Paket ab und zieht weiter, Markus wartet auf uns an der Tankstelle. Ich gehe erst mal auf die Toilette – eine Frau schaut mich an – Yes, I am smelly. Sie fragt, ob ich wandere. Ich sage JA und PCT. Sie fragt mich wie lange ich schon auf dem Trail bin. 140 Tage. Da rastet sie aus und bekommt sich nicht mehr ein. Immer wieder ruft sie AWESOME. Als ich vom Restroom komme steht sie an der Kasse und will mich einladen: Heh nehmt Bier, bitte sucht euch was aus. Mike und ich nehmen Chips und Red Snapple, Stefanie einen Riegel. Über unsere Zurückhaltung ist sie sehr erstaunt. Ich sage ihr, dass wir so sehr happy sind. ‚ Heh, sie sind unser Trail Angel heute.‘ Trail Angel? Und wieder bekommt die Dame sich nicht ein. Immer wieder sagt sie das Wort TRAIL ANGEL, verlässt die Tankstelle und damit den White Pass.

 

3 Gedanken zu “Tag 133 – Tag 140 / KM 3261 – KM 3494 / PCT-Meile 2145 – 2292 / Von The Bridge of The Gods nach White Pass / The Trail Bubble

  1. vielen dank für die lieben zeilen – nur kurz habe ich die jungs gesehen, aber es war ganz wunderbar, ich hoffe es geht ihnen gut und sie haben die brüder aus leipzig noch getroffen – dann bis irgendwann wieder hier oder auf einem trail!

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  2. Mit Begeisterung lese ich weiter diesen Blog. Toll, dass „Mama“ es soweit geschafft hat und erst jetzt und hier von den Brüdern aus Kassel überholt wird. Ich bin die Tante der Brüder und lese als alte Weltenbummlerin sowohl deren Blog als auch den – meinem Alter angemessenen – „Mamawandert“-Blog. Die Welt ist eben klein und nur die Berge begegnen sich nicht – insbesondere auf dem PCT. Noch gutes Durchhalten und alles Gute – hoffe, dass alle es bis Kanada schaffen – und eine sichere Reise heim. I

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