Tag 125 – Tag 128 / Von South Lake Tahoe nach Timberline Lodge / A perfect rest for the rest

Bei meinen Eltern daheim haben wir früher Westfernsehen geschaut. Im ZDF lief die amerikanische Westernserie ‚Bonanza‘ – die Story der Familie Cartwright, mit der Ranch Panderosa, gelegen am Lake Tahoe. Ein herrlicher Spot: Berge, tiefe Wälder und eben der tintenblaue Lake Tahoe. Heute ist der See bebaut, die Strandbäder kosten Eintritt, im Sommer gondeln die Kabinen des sonstigen Skigebietes auf die Berge, von wo man den See gut sehen kann, einer der höchst gelegenen Amerikas. South Lake Tahoe gehört mit zu den meist besuchten Städten Amerikas, was nicht am See liegt sondern an der Staatsgrenze zu Nevada. In Nevada sind Glücksspiele erlaubt. So gibt es zig Casinos, man spart sich den langen Weg durch die Wüste nach Las Vegas.

IMG_9205
Am Tag 125 kommen wir hier wie immer dreckig und stinkend an. Ich freu mich auf fast zwei Tage Ruhe, ich muss meinem Knie eine Pause gönnen. Ausserdem war ich 12 Tage offline und so will meine Familie wissen, wie es mir geht. Zuerst gehen wir in die Pizzeria Base Camp, PCT Hiker bekommen hier die Pizza umsonst, man bezahlt nur Tax. Eigentlich wollen die Kellner das PCT Permit sehen, doch man muss uns nur anschauen, um zu wissen, woher wir kommen. Wir erhalten einen Platz am Rand – und wirklich die versprochene Pizza.

Im Hostel koche ich wie immer. Hiker, die wir in Bishop getroffen haben, sehen mich in der Küche wirbeln und rufen: Oh MOM it smells always so good, we’re jealous!
Dann falle ich ins Bett. Morgens um 6 bin ich die Erste bei Starbucks. Dann telefoniere ich lange mit Eva. Sie ist in Ashland, es geht ihr gut. Wir rechnen gemeinsam – da sie schneller auf dem Trail ist, könnte sie mich ein paar Tage vor Manning Park in Canada einholen. Ein Traum! Wie wir das feiern würden!
Brooks wird nur noch ein paar Tage auf dem Trail bleiben, er geht nun doch eher in seinen alten Job zurück. Ben und Wreckingball haben sich endlich geküsst und hiken zusammen weiter! Calvin ist ab nächste Woche Medizinstudent. Fielder ist back on trail, ich muss fragen, mit wem er eigentlich hikt. Auch Oliver ist mit seiner neuen Liebe Maggie nun in Oregon. Merissa ‚Cooper‘ hat Oregon schon geschafft und ist in Washington. Sie schreibt, dass der State komplett mit Rauch überzogen ist, da es in Canada grosse Waldbrände gibt. Köchin Katie Kate ist wie immer hilfsbereit, sie bietet allen Hikern der Pinky Gang an, Resupply Pakete nach Washington zu schicken, da dort Einkäufe eher schwierig sind. Ich bin schon jetzt gespannt, was unser neuer Trail Angel ins Paket legt. Auf dem Trail hatte Katie Kate immer den grössten Foodsack, mit frischem Gemüse und Würsten!

Für die letzten Meilen kaufe ich mir in South Lake Tahoe das 4. Paar Schuhe! Neue Füsse sind nicht im Angebot, meine müssen die knapp 900 Kilometer noch durchhalten.

IMG_9140
Das Leben hier im Hostel Mellow Mountain ist wie immer bunt. Junge Hiker mit freiem Oberkörper und nur in Shorts schmieren sich Sandwiches in der Küche. Ein blondes Girl mischt sich unter die Jungs und singt laut ‚Angel‘ von Robbie mit. Entweder ich stelle das Radio lauter oder fliehe. Da die leicht bekleideten Jungs mir ein Bier spendieren und mit mir reden bleibe ich. Ein Typ hat Zirkusklamotten an, er geht gleich ins Marriott zum Zaubern. Stefanie ist in ihrem Element. Jedes gute Detail des Hostels notiert sie. Eines Tages will sie mal in Cali in Columbien selbst ein Hostel eröffnen. Mike hat ein neu geladenes Handy und Bier und spricht nicht. Also ist er glücklich. Wir sehen den vietnamesischen Hiker ‚Dream Catcher‘ wieder. Getroffen haben wir den rennenden PCTler am Selden Pass. Ich frage mich, wann wir ihn überholt haben. Aber ‚Dream Catcher‘ hat in Mammouth Lake ein paar Tage gefeiert. Er verspricht weiter zu rennen, um uns in Washington einzuholen. Derweil im Hostel gekocht und Bier getrunken wird flanieren draussen gut gekleidete Amerikaner vorbei. 200 Meter hinterm Hostel beginnt Nevada und damit für sie alle ein Abend an Slotmaschinen und Roulettetischen.
Thema Nr. 1 im Hostel ist der PCT. Ich unterhalte mich mit der 52jährigen Ajong aus China. Sie erzählt, dass sie viele Deutsche traf, die vor Kennedy Meadow den Trail verliessen. Sie ist wie ich froh, die High Sierra geschafft zu haben.

Wenn PCT Hiker zusammen sitzen geht es immer ums Essen und beim Reden darüber wird gegessen. Wenn man nicht hikt isst man noch mehr, weil man ja nicht hikt. Man hat immer Hunger. Ich sehe Jungs, die früh acht Stücken Kuchen essen, die Palette war im Angebot. Dann werden Eier in die Pfanne gehauen, dann ein Glas Erdnussbutter leer gelöffelt. Zwei Stunden später brutzeln Burger in der Pfanne, am Abend bringt der Pizzaservice XXL-Teile.

Es geht natürlich auch um die Ausrüstumg, um Meilenrekorde, um Zero Days, um andere Hiker, wer traf wen wo, um Trail Romance, um das grosse Thema Flipfloppen. Neu im Angebot sind die aktuellen Brände in Oregon, vor allem in der Mt. Jefferson und Tree Sisters Wilderness. Ranger haben über 30 PCT Hiker evakuiert. Das gesamte Areal ist nun geschlossen – für alle Fans der totalen Sonnenfinsternis am 21. August sehr schade, sie ist hier das am meisten erwartete Naturspektakel des Jahres. Auch die PCT Association schreibt, dass Wandern in Central Oregon zur Zeit kaum machbar ist.

Für mich werden die Gespräche nie langweilig – es sind immer andere Menschen, die von ihrem PCT-Traum erzählen. Im Hostel ist auch ein Paar, sie haben sich auf dem Trail getroffen, sie ist aus Boston, er aus Alaska. Mister Alaska, indianische Wurzeln und ein Hingucker, hat einen dicken Knöchel. Seit Tagen sitzt er im Hostel mit hoch gelegtem Bein und futtert: Bananen mit Nutella, Omeletts mit Schinken, Subway-Brote, Nudeln mit Sosse. Das Boston-Girl ist sichtlich genervt – vom Pflegen und Warten. Ich hatte sie heute in unserem Bus nach Sacramento – Portland – Timberline Lodge
vermutet, aber Mister Alaska muss mehr als einen dicken Knöchel haben!

IMG_9111
Tag 127. Um 14 Uhr steigen wir mal wieder in einen Greyhound Bus – nach Sacramento. Ich habe 12 Eier gekocht und unzählige Stullen geschmiert.

Da wir in Californiens Hauptstadt sechs Stunden Aufenthalt haben geben wir unser Gepäck auf und wandern durch Old Sacramento. Es ist nach 19 Uhr – alle Geschäfte sind geschlossen. Subway hat noch für 5 Minuten offen. Stefanie, die im Bus die Hälfte ihres Proviantes verschlungen hat, holt sich ein gut belegtes Baguette, natürlich Long Version. Die Verkäuferin erzählt, dass die Touristen abends die Stadt verlassen. Da in der nachgebauten Old City keiner wohnt, werden die Bürgersteige früh hochgeklappt.
Wir schauen noch beim Dampfschiff Delta King vorbei, gross und luxuriös, Hotel und Restaurant. Seine Hochzeit hatte es in den Goldenen Zwanzigern. Gerade als man es ausrangieren wollte fand der Angriff auf Pearl Habour statt. Die Navy kaufte das Boot, gestaltete es um zum Larzarettschiff.

Um 23 Uhr sitzen wir endlich im komplett besetzten Bus nach Portland. 12 Stunden. Das ist schlimmer als ein Langstreckenflug – keiner bringt Essen, von einem Multi-Media-Bordprogramm ist Greyhound weit entfernt. Dann endlich Portland. Hier waren wir vor 37 Tagen das letzte Mal und trafen Joe. Er arbeitet immer noch am Tresen in einer Brewery, er ist weit weg vom Trail.

Auf meinem Körper entdecke ich Bisse und bin am Ausrasten. Mike und Stefanie, die mich als die sauberste Hikerin auf dem Trail bezeichnen, da ich ständig Wet Wipes benutze oder Flusswasser über meinen Körper laufen lasse, lachen sich tot. Ich diagnostiziere: Bettwanzen. So hole ich mir ein antibakterielles Waschmittel, kann aber erst in Cascades Lock waschen und ein Antihistamin, damit ich nicht kratze.

Am Abend, wir sind auf einer Tensite gleich 100 Yards von der Timberline Lodge entfernt, schüttle ich alle Klamotten aus und hänge sie in dem Baum – vielleicht frieren die Bettwanzen nun. Ich jedenfalls friere nicht, mein ganzer Körper glüht beim Denken an die Mit-Esser! Da vergeht mir fast die Freude auf das berühmte Frühstücksbüffet der Timberline Lodge. Erzählt haben davon alle Hiker in ihren Blogs. Es soll das beste Frühstück auf dem gesamten Trail sein.

IMG_9204

 

Danke für die Unterstützung!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s