Tag 91 – Tag 96 / Astoria – Portland – San Francisco – Reno – Lone Pine – Kennedy Meadow / Einmal Ohropax bitte!

Das öffentliche Transportsystem in Amerika ist eine Katastrophe. Samstags benötigt der Bus von Astoria zum Fort Steven State Park drei Stunden. Wir sprechen hierbei von einer Distanz von 7 Meilen. Die gehe ich mit Backpack locker in drei Stunden, mit dem Auto benötigt man 17 Minuten.

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Die letzten Schritte auf dem Oregon Coast Trail

Wenn man vom selbigen State Park an einem Montag früh nach Astoria zurück will muss man sich auf die Strasse stellen und winken, nur dann hält der Bus. Wir winken sicherheitshalber bei jedem Auto. Der Bus stoppt, natürlich ist keiner drin und natürlich sagt der Fahrer: Hier habe ich ja noch nie gehalten.  Und dann kostet die Fahrt nur einen Dollar. Was sich nicht rechnen wird. Kein Wunder, dass wir in verschiedenen Landstrichen vergebens nach Bussen Ausschau gehalten haben. Kein Wunder, dass wir so laaange zurück zu unserem ersten grossen Meilenstein auf dem PCT, nach Kennedy Meadow, brauchen.

Zuerst geht es nach Portland. Wir treffen unseren Hiker-Freund Joe wieder. Als wir Etna in Richtung Pacific verliessen, wanderte Joe von Ashland nach Fish Lake ca. 170 Meilen. Dann bestimmte erneut Schnee den Look des Trails und Joe verabschiedete sich vom Wandern. Nun fahren wir mit ihm zum Lake Merwin im State Washington, eine Stunde von Portland entfernt. Seine Familie hat hier in einer alten Hippie-Kommune einen Wohnwagen stehen, der über die Jahre hinweg verkleidet wurde und nun fast wie ein Haus aussieht. Dies machen hier alle so und wird vom State geduldet. Wir sitzen am Lagerfeuer, haben uns Sandwiches gemacht, Joe hat Bier kalt gestellt. Bier wird jetzt nach dem PCT Joes Leben bestimmen.

In Portland sind 53 Brauereien angesiedelt, mehr als in jeder anderen Stadt der Welt – und es kommen ständig neue hinzu Seit den frühen 80ern haben sich Portlands Brauer ins Zeug gelegt und mit frischen Zutaten aus dem Willamette Valley und Wasser vom Bull Run eine Pionierrolle in der “Craft Beer”-Bewegung gespielt. Neben geselligen Braugasthäusern und einem Kalender voller Events zum Thema Bier sind es vor allem die innovativen Spezialbiere, die der Stadt den Spitznamen “Beervana” eingebracht haben.

So kommen zum Beispiel Radfahrer bei Hopeworks BikeBar auf ihre Kosten. Das “Öko-Braugasthaus” wird zu 100 % mit erneuerbarer Energie versorgt. In der BikeBar können die Radfahrer helfen, das Gebäude mit Strom zu versorgen, indem sie auf einem der stationären Räder strampeln. Kraft wird danach mit Pizza und eines der durststillenden, international ausgezeichneten Organic Hub-Lagerbiere getankt. In Portland könnte Eva auch wieder Bier trinken. Bei Harvester Brewing dreht sich alles um glutenfreies Bier. Walnüsse aus dem Willamette Valley, vor Ort handgeröstet, ersetzen in den Ales das Korn. Joe arbeitet nun in einer Brewery direkt am Tresen. Von der Air Force zu Homeland Security in DC unter Bush zu Microsoft zum PCT zur Brewery.

Köchin Katie Kate benötigt für 100 Pancakes 30 Eier, 5 Liter Buttermilch, 2,5 Kilo Mehl und viel Butter. In einem Camp in South Lake Tahoe versorgt sie damit Ferienkinder. Sie liebt das Kochen und das Wandern.

Merissa ‚Cooper‘ is back. Die Knöchel sind geheilt, seit dem 12. Juli ist sie wieder auf dem PCT, in Ashland gestartet geht sie nun nördlich weiter. Ab Herbst hat sie einen Masterstudienplatz in Portland. Wo sie dort gutes Bier von einem Mitglied der Pinky Gang bekommt, weiss sie.

Sören aus Dänemark hat einen guten Sommer. Die Preiselbeeren in seinem Garten wachsen prima, er produziert Jam. Und sein Winkingerboot ist ausgebucht.

Oliver ‚Giselle‘, das Model aus London, meldet sich. Er ist mit Maggie in Mt. Shasta, ich empfehle ihm mein Geburtstagsrestaurant. Er hat ein paar Schneeabschnitte ausgelassen. Nun wird er im vulkanischen Gebiet ziemlich schwitzen.

Ich will zurück auf den PCT.

Am Flughafen in Portland ist es laut. Und dann singt auch noch ein junger Mann in der Wartehalle alle grossen Schnulzen berühmter Singer-Songwriter falsch. Ich borge mir Ohropax von Stefanie. Sie hat nachts immer diese orangefarbenen Teile in ihren Ohren, ein Bär könnte sie wegtragen. Ich vertrage die kleinen Dinger im Ohr eigentlich nicht, wenn ich sie nutze bekomme ich Probleme mit dem Gleichgewicht. Aber alles um mich herum ist einfach zu laut. Sonst bin ich immer laut. Jetzt ist selbst die Rolltreppe zum Gate laut.

Wir fliegen nach San Francisco. Mit dem Bus wären wir 18 Stunden gereist, mit Amtrak 12 Stunden. Da Mike und Stefanie noch nie in der Bay City waren habe ich einem Halt zugesagt. Ich war schon dreimal hier. So verlasse ich das von Katie Kate empfohlene Hostel (Green Tortoise, Broadway 494), selbstverständlich hat sie hier schon mal gekocht, nicht. Es gibt eine Mensa, gross und schön wie ein alter Ballsaal, eine Küche, wo ich Hausmannskost koche, heisse Duschen und ein bequemes Bett.

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Die Mensa des Hostels in San Francisco

Aus der aktiven Erholung auf dem OCT wird passive in einem Haus. Sehnen und Knie freuen sich. Und im Hostel kann ich fast auf Ohropax verzichten. Stefanie und Mike sind unterwegs, ich spreche den ganzen Tag nicht. Denn die jungen Hostel User sind alle in der Stadt und das Cleaning Team kommt komplett aus China Town und verrichtet fast unbemerkt und damit nicht sprechend seine Arbeit.

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Das dritte paar Schuhe

Am letzten Tag in San Fran lasse ich mich von Stefanie überreden und gehe mit ihr über Golden Gate Bridge. Sie ist total begeistern und erklärt mir ausführlich Konstruktion und Baugeschichte.

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Seltener Touri-Ausflug

Dann meldet sich das Evchen!

Sie ist mit Adam, Jordan, Whity Mouse, Chris und Ward in Truckee angekommen. Von South Lake Tahoe aus waren sie schnell unterwegs, sind immer mehr als 20 Meilen gehikt! Nun kommt eine schneefreie Zeit auf sie zu. Sie hat wie ich gerechnet: Wenn sie jeden Tag 22 Meilen hikt könnte sie am 29.9. in Canada sein und damit einen Thruhike schaffen. Sie will es probieren. Die letzten Tage war in der PCT-Gruppe auf Facebook eine wirklich dumme Diskussion über die ‚wahren‘ Hiker, die nicht flipfloppen etc. Ich schüttle darüber nur den Kopf. Und gerade die lautesten sind die, die immer ‚Hike your own Hike‘ celebrieren.

Calvin aus Vancouver schreibt uns, er ist samt Rucksack im einen River gefallen undd hatte grosse Angst. Ben hat auf dem Trail Geburtstag gefeiert und sich gewünscht, dass ich die Reunion der Pinky Gang organisiere. Brooks will Mitte August aufhören, der Schnee hat ihn müde gemacht. Eva erzählt am Telefon, dass sie eigentlich auch ein wenig müde ist. Sie will morgen nach San Francisco reisen – Mist, wir haben alles gebucht, Busticketts und den Fahrer nach Lone Pine. So verpassen wir uns knapp. Und fahren am Tag 96 irgendwo zwischen Truckee und Sacramento aneinander vorbei.

12 Stunden Busfahrt, erst Greyhound, dann ein kleiner wackliger alter Bus des North Sierra Transport System – es hätte mich nicht gewundert, wenn es ein Pferdewagen gewesen wäre.

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Im Bus zurück auf den PCT

Im Bus treffe ich Liam aus Ashland, Oregon. Er ist Anfang Mai in Campo gestartet. Schon als kleiner Junge kannte er den Trail, so nah lag er vor seiner Haustür. Seinen Eltern hatte er immer gesagt: Wenn ich 18 bin gehe ich sofort den kompletten Trail. Sein Geburtstag war im April, den Highschoolabschluss hatte er vorgezogen. Und schon gings los. Meistens allein, aber auch mit anderen Hikern, von denen er den Trailnamen ‚Baby Scout‘ bekam. Er ist natürlich mit Crampons und Eisaxt in der High Sierra unterwegs gewesen. Bis Mammoth Lake. ‚Is durable‘, sagt Liam zu mir. Jetzt war er eine Woche bei Freunden und hat auch seine Eltern getroffen. Dass die Eisaxt ihn ein paar Mal rettete als er vom nicht vorhandenen Trail rutschte, hat er Mom und Dad nicht erzählt. Ich glaube mein Sohn würde darüber auch Stillschweigen bewahren. Nun freut Liam sich wieder einzusteigen. In Lone Pine sehen wir ganz oben Schnee. Zwei Stunden später erreichen wir Kennedy Meadow.

Hier waren wir mit der Pinky Gang am 30.5. nach 51 Tagen auf dem PCT.

 

 

Ein Gedanke zu “Tag 91 – Tag 96 / Astoria – Portland – San Francisco – Reno – Lone Pine – Kennedy Meadow / Einmal Ohropax bitte!

  1. Bestimmt ein seltsames Gefühl, nach der Pause, die ja keine war, wieder einzusteigen.

    Wie es auch immer weiter geht, alles Gute und viel Freude.

    Bert

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