Tag 90 / KM 2171 / The Long Journey Of A German Package

Dass eine Flaschenpost lange unterwegs sein kann weiss jeder. Die Flaschenpost mit der bis dahin längsten nachgewiesenen Zustelldauer war ein Brief, der 1903 von einer deutschen Südpol-Expedition bei Tasmanien ausgesetzt und am 19. März 1955 in Neuseeland angespült wurde.

Ende August 2012 wurde die bis dahin am längsten im Meer getriebene Flaschenpost vor den Shetland-Inseln nördlich von Schottland von einem Fischer gefunden. Forscher aus Glasgow hatten die Flasche im Juni 1914 mit fast 2000 weiteren Flaschen ins Meer geworfen. In der Flasche steckte eine Postkarte und eine Aufforderung an den Finder, die Karte an die Fischereibehörde zurückzuschicken. Dafür wurde ein kleines Belohnungsgeld versprochen. Ziel war es, eine Karte der Meeresströmungen vor Schottland zu schaffen. Das Guinness-Buch der Rekorde bestätigte, dass keine bislang bekannte Flaschenpost länger im Meer war.

Ein Päckchen für mich hatte nur ein Ziel: Die PCT-Hikerin zu unterstützen.

Doch von vorn. Eine gute Geschichte beginnt mit einem guten ersten Satz – hat jedenfalls Harald Schmidt mal gesagt, als er in einem Interview über sein Buch ‚Tränen im Aquarium‘ sprach. Wenn ich mich richtig erinnere war sein erster Romansatz: Der Chef trieb es mit seiner Sekretärin …. irgendwie so.

Mir ist übel. Ich kotze. Zum 3. Mal an diesem Tag 25. Da hilft der schöne Blick auf die San Gabriel Moutains auch nicht. Die amerikanischen Elektrolyte-Tabletten sind so eklig süss, schon wenn ich an den Geschmack nur denke zieht sich mein Magen krampfartig zusammen. An diesem Tag beschliesse ich, einen Hilferuf an meine Coyoten-Freundinnen nach Deutschland zu senden. Es ist der 4. Mai. Kati und Frauke-Anja nebst Familieunterstützung ziehen sofort los und kaufen für mich ein. Für meine Elektrolyte-Tabletten von Cliff Bar, Sorte Grapefruit-Pink, muss Frauke-Anja durch ganz Berlin düsen bis zum Globetrotter nach Steglitz. Dann wird gepackt und am 6. Mai geht ein grünes Päckchen mit DHL plus Premiumversand auf seine Reise nach Amerika, nach Aqua Dulce zu Hiker Heaven. Ich hab ausgerechnet, dass ich da in zehn Tagen bin.

Als mein Sohn in den Staaten studierte, an der UCSD in San Diego, habe ich ihm auch ein Päckchen geschickt. Mit FedEx. Stündlich wurde ich per Mail informiert, wo das Päckchen ist – in Berlin. in Düsseldorf, im Flieger, in Dallas, in Charlotte, in San Diego und dann ‚Deliviering on front door‘. Und schon rief mein Sohn an, überglücklich. Im Paket waren nur homemade Dinge, wie Plätzchen von Oma Nante und Oma Seefeld, Apple Cider von meinem Hiker-Idol Nadja, selbstgemachte Marmelade von Anna, Anzak-Kekse von mir usw. Sein Mitbewohnerinnen stürzten sich auf das Paket, weil es so herrlich nach Butter roch.

Ich kämpfe mich also durch bis Hiker Heaven und schaue natürlich zuerst im Postzelt nach, ob mein Paket angekommen ist. Ich habe keinen Erfolg. Eva startet einen Suchmarathon – laut DHL ist es noch immer in Frankfurt. Elektrolyte-Tabletten gehören sicher nicht zu den gefährlichen Gütern. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass meine Coyoten Verbotenes schön verpackt in die DHL-Sendung gelegt haben. Da wir zwei Tage in Hiker Heaven sind bleiben wir hoffnungsvoll. Doch im Regalfach liegt auch nach 48 Stunden nichts unter dem Buchstaben ‚B‘. Ich spreche mit Donna Saufley, Chefin in Hiker Heaven. Sie versteht Not und Sehnsucht von Hikern. So lasse ich einen Umschlag mit 20 Dollar dort und bitte Donna, das Paket nach Wrightwood zu schicken.

Als ich begann, mich mit dem PCT zu beschäftigen, las ich, dass es gut und günstig ist, sich Pakete an bestimmte Orte zu schicken, wo Resupply teuer und schwierig ist. Eva und ich schickten so ein Paket nach Warner Springs. Als ich am Tag 9 meiner Wanderung das Paket öffnete wurde mir schlecht. Denn Haferflocken, Cracker, M&M, Beef Jerkey und Nüsse konnte ich zu diesem Zeitpunkt weder riechen noch essen. Andere Hiker freuten sich über meine Lebensmittel. Und auch Eva wartete auf ein Paket von ihren Eltern – ich weiss bis heute nicht, ob sie es je bekommen hat.

Donna Saufley meldet sich, das Paket ist noch nicht da. Im Internet steht unter Status: Paket ist bereit zur Lieferung in Frankfurt. Was machen die da? Probieren sie meine Elektrolyte-Tabletten in ihrem Kaffee aus? Heilen sie ihre Hintern von der Schreibtischarbeit mit meinem Kinesio-Tape? Dass könnte Premium sein. So gebe ich Donna eine neue Adresse: General Store in Kennedy Meadow. KM liegt am Trail, Meile 702, und damit in the middle of nowhere. Es gibt keine Stromleitungen, Häuser und Store haben im Garten riesige Dieselgeneratoren. Da natürlich in dieser Gegend kein US-Post-Angestellter arbeiten möchte, nimmt der Besitzer des General Stores Pakete an. Für jedes will er sechs Dollar haben, wenn ein PCT-Hiker zum Abholen kommt. Carmen und Michael aus München hatten, da der Outfitter RAI Crampons, Eisaxt usw. einzeln verschickte, acht Pakete im Store. So kann man auch Geld verdienen.

Als ich glücklich Kennedy Meadows erreiche, über 1100 Kilometer waren geschafft, hat mein Coyoten-Paket weiterhin den Status ‚Frankfurt‘. Frauke-Anja fragt nach: Premium heisst nicht unbedingt schnell, vier Wochen kann das schon mal dauern. 40 Euro und vier Wochen …

So bekommt Donna wieder eine Mail von mir, mit der Bitte, das Paket nach Ashland, Oregon, zu schicken. Wir flipfloppen, wollen später in die High Sierra zurückkehren. Mike ist ein fleissiger Besteller – wenn er neue Sachen benötigt müssen es die selben sein wie vorher, vom Merinoshirt bis zu Schuhen. Sein neuer Schlafsack erreicht pünktlich Wrightwood, den alten nach Dresden zu schicken – man kann ihn ja noch nutzen … – dauert eine Stunde auf dem Postamt in Wrightwood, die Angestellte ist überfordert, zuerst soll das Paket 89 Dollar kosten. Am Ende sind es 29, denn daheim wartet keiner auf den alten dünnen Daunenfetzen.

In Bucks Lake bleiben wir zwei Tage. Mike hat Schuhe und ein Merinoshirt bestellt. Das Paket kommt NICHT an. Bis heute wissen wir nicht, wo es gelandet ist. Mike muss in Mount Shasta einkaufen. Ein Desaster! Wir verbringen Stunden im hiesigen Outfitter, ich rede ständig auf ihn ein, sich nun endlich zu entscheiden. Der Verkäufer denkt, wir sind ein typisches Paar, wo die Frau entscheidet, was der Mann trägt.

Dann sind wir in Nordkalifornien und der Schnee liegt auch dort hoch auf dem Trail. Gerade als ich Donna schreiben will, dass wir nun zum OCT ziehen und ich nicht nach Ashland kommen werde, verkündet Donna per Mail: Das Paket ihrer Freundinnen ist da, ich habe es nach Ashland geschickt…. Ashland, die Stadt mit dem berühmten Shakespeare-Festival, hat nun mein Schokoladen-Paket.

Auf dem OCT sagt Stefanie sie ruft im Post Office an. Die nette Dame am Telefon findet das Paket nicht. Ich verabschiede mich von der in grün gekleideten Überraschung und schicke meinen Coyoten ein SORRY.

Ein Tag später fällt mir ein, dass auf dem Paket auch Evas Name steht. Wieder ruft Stefanie an. Und die selbe Dame findet das Paket, einsortiert unter ‚W‘, ja, weit weg von ‚B‘. Wir bitten sie das Paket nach Astoria zu schicken. Schriftsteller Dan Brown würde sich freuen, wie eine Verschwörungstheorie trägt das Paket das Zeichen einer Anapher: Aqua Dulce, Ashland, Astoria! Ich bemerke, dass wir Astoria an einem Samstag erreichen werden: US Post Office closed! Kein Problem meint die nette Dame, sie können bis 18 Uhr klingeln.

Ich bin an einem Samstag um 12 in Astoria auf dem Postamt. Dort hängt ein Schild. Man darf von 9 – 11 klingeln. Mir fallen meine Wanderstöcke zu Boden! Ich klingle trotzdem. Ein älterer Herr öffnet eine schmale Tür. Als ich meine Paket-Story erzähle nickt er unentwegt mit dem Kopf und sagt dann: Sorry, its closed! Dann spiele ich alle meine Karten aus. Tom Hanks hat mal gesagt, wenn du den Oscar gewinnst und nach vorn auf die Bühne gehst, dann sag nicht sinnlos wem du dies zu verdanken hast, sondern: Tell a story! Das mache ich – von Medikamenten bis zum Flug, der heute noch von Portland geht! 5 Minuten später halte ich das Paket in meinen Händen. Es war zwei Monate unterwegs. In zwei Minuten habe ich die erste Tafel Schokolade gegessen. Und meine Coyoten schreiben: Vor einem Tag haben sie den Paketzettel in den Müll geworfen!

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Da ist es endlich!

Auf dem Strand von Astoria liegt ein Schiffswrack, es ist ein untergegangenes Postschiff!

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Liebe Leser! Solltet ihr irgendwann auf dem PCT wandern, sendet euch keine Pakete und lasst euch keine schicken.

Liebe Coyoten, vielen Dank – Bumix werde ich auf dem PCT celebrieren!

3 Gedanken zu “Tag 90 / KM 2171 / The Long Journey Of A German Package

  1. Liebe Jac, es sind nicht wenige Gegenden, die wir gemeinsam bereist haben. Darunter waren Orte, an denen uns das Wort „Infrastruktur“ nur im Traum eingefallen ist, weil die Realität so absurd anders als das für uns Selbstverständliche war. Das Mutterland von Amazon Prime, UPS und Drive Thru hat nach dieser Geschichte in jedem Fall eine lobende Erwähnung verdient. In den Reisewarnungen. Das Gute daran: Deine Fotos beweisen, dass Entbehrungen und Bewegung eine sichtbar verjüngende Wirkung haben! Keep walking, Dear.

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  2. genieße die Bumix und denk an mich.
    …. mit Oma Seefeld als alter Postboten-Hase wäre das nicht passiert 🙂
    DSH FEAE

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