Tag 65 – Tag 66 / KM 1465 – KM 1484 / PCT-Meile 1597 – 1603 / Around Etna / Das grosse SCHWEIGEN

Am Tag 65 sind wir wieder auf dem PCT. Das fühlt sich gut an. Natürlich ist ein Zero Day toll – mit warmer Dusche, einem richtigen Bett, gutem Essen. Es ist auch immer wieder amüsant mit Einheimischen zu reden oder sie einfach nur zu beobachten. Mount Shasta, der Ort liegt eingeengt zwischen hohen spitzen Bergen, hat mich an meinen Heimatbezirk Prenzlauer Berg erinnert. Vor allem durch den grossen Biomarkt. Die Leute dort hätten auch meine Nachbarn sein können, so wie sie ihren Kaffee mit Sojamilch bestellen, teure Biomilch kaufen und frisches Hühnchen, welches vor dem Schlachten bestimmt nochmal gestreichelt wurde. Es gibt einen Farmermarkt voll mit selbstgestrickten Socken, handgemachter Seife, künstlerisch gedrehten Kerzen und frisch gebackenen Scones. Und viele junge Leute. Mit Bart und in bunten Klamotten. Wie daheim. Doch auf dem Trail zu sein fühlt sich an wie die Haustür zu den eigenen vier Wänden zu öffnen. Gleich nach ein paar Schritten ist es still und es duftet nach frischem Grün.

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Wir sind mit dem Bus nach Etna gefahren, haben den Schnee hinter uns gelassen. Ab hier bis Ashland soll es vorerst nur wenig Schnee geben. Wir freuen uns auf Etna ganz besonders. Dort will Joe aus Portland zu unserer Little Gang dazustossen.

Der Busfahrer hält extra für uns am City Park, weil Hiker hier kostenlos zelten dürfen, es gibt Toiletten, Picknicktische und WiFi. Wir werden im Ort sofort als PCT-Hiker erkannt, auch hier gehören wir mit zu den ersten der Saison 2017. Der Ort besteht aus einer Main Street mit Town Hall, Café, einer Brauerei mit preisgekröntem Bier, einer Bibliothek, erstaunlicherweise einem kleinen Theater, einem Food Place und einer Autowerkstatt. Gerade als wir uns umblicken wollen kommt Joe an. Frisch rasiert und mit gesunden Füssen. Wir umarmen uns fest und ziehen sofort los Richtung PCT. Es geht eine Bergstrasse entlang, der einzige richtige Weg über die Marble Mountains.  Nach 10 Minuten stoppt ein Bus, ausgebaut zu einem Wohnwagen. Mark fährt diesen, er ist seit zwei Jahren Rentner und seitdem lebt er im Bus, ist on the road, besucht alte Freunde und Orte, die er schon immer mal sehen wollte. Innen ist es sehr gemütlich, mit Küche, Bett, Sofaecke, Kamin und einem grossen Flatscreen. Ich sehe DVD’s, Rocky 1 – 5 und sage Mark, dass er den letzten Teil sehen muss. ‚Creek‘ ist die Geschichte von Apollo Creeks Sohn, Rockys erstem Gegner! Mark notiert sich den Titel. Nach 10 Meilen bergauf, der 16 Tonner braucht ewig für den Weg, sagen wir Good Bye und sind auf dem Trail. Dieser führt schmal über einen langen Kamm der Marble Mountains. Nach vier Meilen tragen wir uns in einem Trail Register ein, noch ein anderer Hiker war an diesem Tag vor uns am selben Ort. Danach sehen wir erste Schneefelder und beschliessen, direkt auf dem Trail zu schlafen. Zum Dinner gesellt sich ein knallroter Himmel, in der Ferne hören wir einen Fluss. Jö ist froh, wieder ein Hiker zu sein. Er ist fit und will morgen zeitig los. Was gut ist, denn in der Ferne sehen wir viel Weiss auf der Ridge. Die Nacht ist kalt, wir sind auf 1900 Meter Höhe.

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Am Tag 66 klingelt mein Wecker um 5. Ich muss an Eva denken, wir haben uns immer den Wecker gestellt und hatten einen Tagesplan. Dies war die letzten Tage nicht mehr so. Ich koche Kaffee, setze mich auf einen Baumstamm und schaue zufrieden dem Sonnenaufgang zu. Eine Stunde später ziehen wir gut gelaunt los. Der Trail schlengelt sich langsam nach oben, ‚Ice Dancer‘ und ‚Grumpy Skirt‘ gehen voran. Fast oben angekommen bleiben sie stehen. Warum? Zweites Frühstück nach zwei Meilen? Dann sehe ich den weissen Schlamassel. Der Trail führt hier auf die Nordseite des Kamms, ein drei Meter hoher Schneeberg klebt am Hang, verdeckt den Trail. Joe haut seine Eisaxt ins kühle Massiv. Es passiert nichts. Links der steile Kamm, rechts unendliche Tiefe. Wir kommen nicht weiter. Zum ersten Mal gehe ich auf den PCT zurück – Richtung Start…. Immer wieder schauen wir uns um. Kann man irgendwo abgehen? Gibt es einen anderen Weg, der runter ins Tal und dann hoch zur anderen Seite führt? Doch hier in den Marble Mountains ist der einzige Pfad unser PCT. Ich kann nicht beschreiben, wie frustriert ich bin. Seit unserer Abreise in Kennedy Meadow, Tag 53, versuchen wir immer wieder, auf dem PCT zu wandern. Oft haben wir den Schnee in Kauf genommen, ihn bezwungen, sind über Flüsse geklettert oder durch sie gegangen, haben auf Schnee gecampt, gefroren und an vielen Stellen die ersten Footprints hinterlassen.

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Es geht einfach nicht weiter..

Es hilft nichts, wir müssen zurück nach Etna. An der Bergstrasse sammelt uns ein Auto ein. Der Fahrer wohnt in Saywers Bar und will in Etna Bier kaufen. Im einzigen Café des 700-Seelen-Ortes holen wir uns Kaffee, setzen uns direkt in die Sonne an die Main Street und SCHWEIGEN.

Was tun? Seit 66 Tagen bin ich hier und eine Wanderin. Noch weitere 100 Tage soll dies so bleiben. Auf FB (PCT-Gruppe) lese ich, dass einige PCTler Good Bye sagen und heimkehren. Der viele Schnee in der High Sierra, in Teilen Nordkaliforniens sowie in den Cascades in Oregon und Washington macht, realistisch betrachtet, einen Thruhike unmöglich. Ich lese, dass auch Köchin Katie Kate die High Sierra verlässt. Sie schreibt auf FB, dass nun bereits drei Hiker gestorben sind. Sie will etwas pausieren, für andere Hiker kochen und dann in den Norden gehen. Von Eva und der Pinky Gang habe ich seit zwei Tagen nichts gehört.

Dann gesellt sich PCT-Hiker Brad aus New Mexico zu uns. Stefanie kennt ihn, sie ist kurz nach dem Start in Campo mal einen Tag mit ihm gewandert. Brad kommt von Seiad Valley, wohin wir gehen wollten. Wir spendieren ihm ein Kaffee und dann erzählt er: Ich bin froh, endlich hier zu sein. Die letzten Tage waren der blanke Wahnsinn. Mit der Eisaxt habe ich am Berg gehangen, manchmal bin ich auf Knien gerobbt. Mit meinem Kumpel war ich zwei Tage länger als geplant unterwegs. Wir haben quasi unseren eigenen privaten Trail gebaut.

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Nun weiss ich, hier zu skippen und nach Seiad Valley mit dem Bus zu fahren, ist, als würden wir gleich nochmal den Trail in Etna hiken – bis zum Snowpack auf der Nordseite. Brad geht zur Hiker Hut, einem kleinen Hostel im Ort. Ich betrachte seinen Rucksack, er ist viel kleiner als meiner. Brad ist ohne Zelt und Kocher unterwegs. Und er ist drahtig, hat Muskeln. Hätte ich seinen Weg mit meinem Gepäck bewältigt? Niemals.

Wir sitzen weiter an der Main Street, schlürfen den dritten Kaffee. Und SCHWEIGEN.

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2 Gedanken zu “Tag 65 – Tag 66 / KM 1465 – KM 1484 / PCT-Meile 1597 – 1603 / Around Etna / Das grosse SCHWEIGEN

  1. Echt schade für euch! Ist höhere Gewalt, kann man nicht viel machen…
    Vllt. einen anderen Trail starten wenn es einfach nicht weitergeht? Oregon Coast Trail oder den CDT? :-/

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  2. Es ist immer wieder schön hier von Ihnen zu lesen, Danke dafür. Passen Sie gut auf sich auf damit nichts schlimmes passier. Ich bewundere Sie für das was Sie gerade leisten und Sie sehen gut dabei aus. Die aller besten Wünsche und ganz liebe Grüße von der Insel
    Ihre Kerstin Feuer

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