Tag 59 – Tag 64 / KM 1267 – 1465 KM / PCT- Meile 1371 – 1495 / Ich bin so heiss wie ein Vulkan / Von Old Station bis Mount Shasta

Manchmal hört man einen Song und man bekommt ihn nicht mehr aus den Kopf. Schlimm ist, wenn man den Song nicht mag. Warum summt man diesen dann immer und immer wieder? Er steckt wie ein Nagel im Brett fest. So ging es mir die letzten Tage. Plötzlich in meinem Kopf: Ich bin so heiss wie ein Vulkan …. Was ist das? Wer singt das? Es ist ein alter Song und ich habe ihn sicher bei Oma Sandy gehört. Wir haben zusammen Hitparade geschaut. Auch daheim früher. Mein Vater hat vom Fernseher die Songs mit unserem Tonbandgerät – irgendwie verkabelt miteinander – aufgenommen. Wir stritten uns immer über das richtige Ende. Er wollte mit Applaus den Song enden lassen, meine Schwester und ich nicht. Sicher landete auf einem Band auch: Ich bin so heiss wie ein Vulkan!

Wir sind am Tag 59 noch immer auf vulkanischer Erde. Gestern haben wir nach Old Station einen Halt in JJ’s Cafe gemacht. Sehr zu empfehlen, homemade food. Ein nettes Ehepaar hat vor Jahren das urbanisierte Leben in Oregon hinter sich gelassen, auf der Suche nach Einsamkeit mit Traumerfüllung. Sie haben das geschlossene JJ gekauft, einst 1912 gegründet von John und June. Sie haben alles renoviert und sind nun ein attraktiver Anziehungspunkt für PCTler. Von dort sind wir noch über 12 Meilen in Richtung Mount Shasta gegangen. Der Berg ist über 4200 Meter hoch, der zweithöchste der Kaskadenkette und ein Vulkan. Er ist immer noch aktiv und das letzte Mal 1786 ausgebrochen. Über die Lava und verteilten Steine des Berges führt der Trail. Vulkan – vielleicht deswegen der Song.

Der Weg läuft sich wegen der Steine und Risse im Boden nicht gut. Ich finde kein richtiges Schrittmass. Mal Fuss heben, mal grosser Schritt, mal trippeln. Und es ist drückend, ich bekomme Kopfschmerzen. Tausende Moskitos verfolgen uns, Mike leidet am meisten, am Abend hat er Hals und Rücken voller Stiche. Da wir weiterhin allein sind laufen wir ohne Talks mit anderen Hikern an diesem Tag über 23 Meilen! So viel bin ich an einem Tag noch nie gelaufen – auf dem Trail, fast 37 Kilometer. Zum Abend hin, ich werde müde, mache ich mir ein Hörbuch an. Meine Fusssohlen brennen. Weil sie zwei Tage dauernass im Schnee waren. Burning Feet, lese ich im Netz, müssen gekühlt werden, aber hier gibt es keine Flüsse, an einem Wassertank haben wir viele Liter abgefüllt. Dann, es ist schon fast dunkel, kommen wir zum Baum Lake. Er muss voller Fische sein denn wir sehen zum ersten Mal Reiher. Hier schlagen wir unsere Zelte auf, mit Rainfly, denn über uns hinweg ziehen dunkle Wolken. Gegen 3 Uhr morgens werde ich wach. Sturm! Drei Heringe haben sich gelöst. Mist! Ich muss meinen warmen Schlafsack verlassen. Neben mir liegt Stefanie in ihrem zusammengebrochenen Zelt. Dies ist nur ein einfaches Tarptent, einwandig und gehalten von zwei Wanderstöcken. Sollte ich sie wecken? Da sie scheinbar fest schläft, lasse ich es sein. Ich hatte ihr am Abend vorher angeboten, zu mir ins Zelt zu kommen, wenn es regnet.

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Früh am Tag 60 (Noch ca. 100 Tage bis zum Obelisk in Canada …) habe ich wieder den Vulkan-Song im Ohr. Jetzt ist im Kopf die Zeile ‚Du bist so heiss wie ein Vulkan‘. Ich glaube es folgt dann sowas wie, dass ich mich daran verbrenne…. Stefanie erwacht im noch immer flachen Zelt. Sie sagt, sie hat in der Nacht dreimal versucht dies zu richten, doch dann gelassen! Ich mag, wie locker sie mit Situationen wie diese umgeht. Sie sagt dann immer: I’m from Italy! ‚Awesome‘ war schon als kleines Mädchen immer nur draussen. Ihr Vater hat sie in den Rucksack gepackt und ging mit ihr Wandern, Skifahren. Vor ihrem Bachelorstudium in Bauwesen ist sie um den Mt. Blanc gewandert und vor zwei Jahren den Camino de Santiago (Jakobsweg). Sie sagt, der PCT ist mit all dem nicht zu vergleichen.

Wir ziehen ohne Frühstück los zur Burney Mountain Guest Ranch. Ein sehr schöner Ort. Linda, die Chefin, begrüsst uns mit einem herrlichem Buffet.  Sie hat viele Hiker pro Saison hier, aber noch nie so früh wie in diesem Jahr. Sie erzählt uns von Stammgästen, die seit Jahren zu ihr kommen, hier entspannen, lesen, am Pool liegen und wandern. Sie kocht alles allein und sie hat einen kleinen Store, wo Hiker ihre Essensbeutel wieder auffüllen können. Mike und ich entspannen, Stefanie fährt in den Ort Town of Burney und kauft sich ein neues Handy. Dann regnet es und regnet und stürmt und wir bleiben. Warum nicht ein Dinner von Linda geniessen? HYOH. Ausserdem hat Mike seit Old Station Magenprobleme und freut sich über etwas Ruhe.

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So sitzen wir am Abend mit Salat und Kartoffeln und Sour Cream vor dem Kamin. Dann geht die Tür auf und ein Hiker tritt in die gute Stube. Natürlich begrüssen wir ihn mit einem lauten HALLO. ‚Six Strings‘ (Er heisst so, weil er immer und überall nach einer Gitarre fragt und spielt.) ist aus der Schweiz. Er ist im letzten Jahr auf dem PCT gewesen, in der High Sierra. Nun startete er in Washington und hat ständig Abschnitte wegen zu viel Schnee überspringen müssen. Er hat irgendwie die Lust verloren, hat es gestern nun im Lassen National Park versucht und war geschockt, dass auch dort die Wildnis sich weiss präsentierte. Nun überlegt er, zurück nach Zürich zu fliegen. Dann geht erneut die Tür. Wir begrüssen eine mexikanische Hikerin. Weil sie ihre Schuhe immer mit acht Knoten zubindet ist ihr Trailname ‚Eight Knots‘. Die 32jährige, die zur Zeit in Madrid lebt, war im letzten Jahr schon auf dem PCT, aber, so erzählt sie uns, sie wanderte zu langsam und kam mit dem ersten Schnee in Washington an. Da ging nichts mehr.  So fuhr sie heim und hatte ständig Liebeskummer. Deswegen kehrte sie in diesem Jahr auf den PCT zurück und startete erneut in Campo.  An diesem Abend auf der Ranch erlebt die eifrige Schnürsenkelbinderin ein Wunder, hier zwischen uns allen hat sie Tränen in den Augen. Sie und der Schweizer ‚Six Strings‘ haben sich letzten Jahr auf dem Trail getroffen und sind ein paar Wochen gemeinsam unterwegs gewesen. Unfassbar. Und natürlich fragt der Gitarrenspieler nach seinem Lieblingsinstrument und spielt für uns klassische Stücke. Für mich ist dies auch Trail Magic.

9. Juni, Tag 61! Es ist schön, auf der Ranch zu erwachen. Toiletten, warme Stube, Kaffee. Über Nacht hat sich Nebel zu uns geschlichen, mittendrin unsere Zelte. Gegen 8 sagen wir Good Bye zu Linda und umarmen die anderen Hiker. Linda sagt, wir sollen am nächsten Farmhaus anklopfen und nach Wasser fragen. Warum? Es gibt den Burney Creek am Trail? Die Farm gehört Clint Eastwood, vielleicht ist er da! Ob er mit mir ‚Die Brücken am Fluss‘ schauen würde?

Wir ziehen los, nach einer Meile Trail Magic. Ein schöner Tisch, Bänke, Süssigkeiten, Chips, Cola und Bier. Und eine kleine Box mit einem Fotoapperat. Man soll sich fotografieren, die Engel des Weges würden sich darüber freuen. Machen wir natürlich. Dann geht jeder für sich über 16 km allein, ich ohne Pause.

Nun bin ich schon zwei Monate weg von daheim. So lange bin ich bisher nur dienstlich Berlin fern geblieben, als ich jeweils ein halbes Jahr in Hilversum und in Hamburg Projekte betreut habe. Wie der Vulkan-Song tauchen in den letzten Wandertagen Erinnerungen wie Splitter auf. Plötzlich denke ich an den Blick über Berlin von meiner Wohnung aus. An Gespräche mit meiner Mom und meiner Schwester in der Küche in Hessenwinkel. An gemeinsame Laufmorgende mit meinem Sohn im Volkspark Friedrichshain. An Joao, der einen Song von Tyler Hilton schmettert. An meine Nachbarin Caro, die gern abends bei mir klopft, mit Weinchen in der Hand. Dann sitzen wir in meiner Küche, sie mit Vorliebe auf dem roten Sofa und quatschen. Ich bin ein Vulkan, die Erinnerungsfetzen sprudeln.

Ich komme an den Burney Falls vorbei. Nicht die höchsten Wasserfälle in Kalifornien aber wohl die schönsten. Hier sind zum ersten Mal ein paar Tagestouristen unterwegs. Dann schlengelt sich der Trail langsam in die Höhe, durch einen dunklen Tannenwald in Richtung Red Mountain. Am Nachmittag beginnt es zu regnen. Und Jö aus Portland schreibt wir sollen wegen einer Sturmwarnung vorsichtig sein. Wir schaffen über 20 Meilen und zelten mitten im grünen nassen Nirgendwo. Ich rufe Eva an. Sie ist in Bischop mit der Pinky Gang, in einem Hostel. Den Forester Pass, den höchsten Punkt des PCT, haben sie geschafft. Aber Evchen ist etwas angeschlagen. Sie erzählt, dass sie nun versteht, wie es mir mit meinen Essensproblemen wirklich ging. Das Wandern im Schnee, eher das Durchkämpfen, ist so anstrengend, dass sie kaum essen kann. Nun werden sie wohl zwei Zerotage einlegen und dann schauen. Von Rangern haben sie gehört, dass die kommenden Flüsse gefährlich hoch sind, eine Eisenbrücke wurde vom Schmelzwasser zerstört. Ich bin froh, dass die Gruppe zusammen ist. Sie haben sich alle gefreut, dass ich hier als Gruss auf meinem Trail Pinkbänder an Bäume binde.

 

Tag 62. Ich habe gut geschlafen und will nicht raus in die Kälte. Wir sehen unseren Atem. Also lange Hose an zum Wandern. Und mit Start regnet es. Nicht durchgängig, aber gerade ist man etwas trocken schüttet die nächste dunkle Wolke kaltes Nass über uns. Wir kommen nur sehr langsam voran, der Wald hat sich zum Dschungel entwickelt, nun ist es von allen Seiten nass. Gegen Nachmittag, wir haben kleine Schneefelder überqürt und sind auf 6000 Fuss, wird der Regen zu Hagel. Sunshine State? Never! Gegen sechs beschliessen wir direkt auf der Dirt Road zu campen. Ein Aufbau in Wind und Nässe beginnt. Mike beschliesst, ein Lagerfeür zu machen. Jetzt? Ja, klar. Mit meinem Gaskocher, was 100 Prozent gegen jede Regel ist, zünden wir Äste an. Das klappt, es hört auf zu regnen. So wird der Abend noch ein gelungener und meine Schuhe trocknen fast.

In der Nacht muss ich raus, ich hasse das. Es ist eiskalt und Hagel liegt rings um uns. 5 Stunden später ruft Stefanie laut: Happy Christmas!!!! Ich schaue raus. Alles ist weiss, Stefanies Zelt liegt unterm Schnee begraben. Ich antworte: Wo sind meine Pakete? Da wir hier immer Stress mit der US Post haben und ständig auf Pakete warten sagt Stefanie: Der US Santa Claus arbeitet mit US Post zusammen, die kommen erst nächstes Jahr an … Noch lachen wir – später am Tag sind wir nass und nässer und erfroren und uns ist noch kälter. Es schneit und schneit, dabei sind wir nur in 1200 Meter Höhe. Das Wetter in Kalifornien spielt weiter verrückt. Wie wir später erfahren ist es in Nordkalifornien gerade überall wie bei uns,  das kalte Nass kommt direkt aus Alaska. Augen zu und durch. Gut nicht ganz, sonst falle ich vom Berg. Ich mache keine Pause, manchmal nutzen wir einen Forstweg, weil man den PCT nicht sieht. Die Little Gang bewegt sich wie ein Uhrwerk, unentwegt voran bis zu einer nassen Tensite.

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Dann ist mein Geburtstag und wir haben es tatsächlich nach Mount Shasta geschafft. Wir treffen Leute mit Skiern. Noch nie ist man hier im Juni Ski gefahren. Vulkan und heiss, was für ein Kram. Plötzlich fällt mir ein, dass Rex Gildi diesen Song gesungen hat? Wie kann ich die Melodie verschwinden lassen? Mein Tag, der 12.6, entwickelt sich zu einem wunderbaren. Zürst: Am Highway 89 hält ein älterer Herr in einem noch älteren Auto. Dies ist voll mit Erdbeeren, Brombeeren und Aprikosen. Er kommt gerade vom Farmers Market. Doch irgendwie passen wir noch rein und natürlich war der Fahrer auch schon auf dem PCT.  Und dann: Eine Dusche im Travel Inn, um die Ecke ein Waschsalon. Eggs Benedikt in Lillys Restaurant, liebe Anrufe und Wünsche von daheim. Dann sind wir in der örtlichen Bibliothek und checken Alternativen zum PCT, wie den California Coastal Trail oder den Oregon Coast Trail. Garantiert kein Schnee! Am Nachmittag ruft Eva an und sie und die ganze Pinky Gang singen Happy Birthday. Da muss ich weinen. Und Brooks und Ben rufen: We love you! Dann schickt mein Sohn eine Sprachnotiz – er und seine Freunde haben sie gemeinsam aufgenommen. Awesome!

Am Abend gehts gleich gegenüber von unserem Motel in ein American Diner mit Italien Food. Der Besitzer hatte ein italienischen Grossvater. Stefanie ist skeptisch, dann aber doch überrascht wie gut das Essen ist.  Und dann, ganz unverhofft, singt der volle Laden für mich Happy Birthday. Es gibt sogar eine Kerze, ich puste sie aus und wünsche mir ……

In einer Bar mit Wanderoutfit – dies fühlt sich für mich noch immer merkwürdig an. Doch Kellnerin Loreene sagt: You looks like a local! Wie beruhigend. An diesem Abend bin ich nicht das einzige Geburtstagskind. Für drei weitere, ebenfalls zufällig an diesem Ort, wird gesungen! Am Ende feiert der ganze Laden weil die Golden State Warriors (Basketballteam aus Kalifornien) zum ersten Mal den NBA – Pokal holen. Es ist hier fast wie der deutsche WM-Sieg im Fussball. Nach all dem Regen und Schnee ein Zerotag zum Sambatanzen – ich glaube dies kommt auch in dem Vulkan-Song vor. Gute Nacht, lieben Dank für alle Wünsche, morgen starten wir in Etna!

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Ein Gedanke zu “Tag 59 – Tag 64 / KM 1267 – 1465 KM / PCT- Meile 1371 – 1495 / Ich bin so heiss wie ein Vulkan / Von Old Station bis Mount Shasta

  1. Aha aha, du bist so heiß wie ein Vulkan. Aha aha, und heut‘ verbrenn‘ ich mich daran.
    Jedermann nennt dich Sweet Lady Samba, jeder sieht, dass du kein Kind mehr bist.
    Die bunten Lichter dreh’n sich wie Feuer, wenn du die Welt rings herum vergisst.
    Aha aha, du bist so heiß wie ein Vulkan. Aha aha, und heut‘ verbrenn‘ ich mich daran.
    Rock’n Roll, ChaCha, Mambo und Boogie, das ist jetzt alles für mich vorbei.
    Die ganze Welt tanzt heute die Samba, olé, olé, wir sind dabei.

    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.
    Tanze Samba mit mir, weil die Samba uns glücklich macht.
    Liebe, Liebe, Liebelei, morgen ist sie vielleicht vorbei.
    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.

    Aha aha, du bist so heiß wie ein Vulkan.
    Aha aha, und heut‘ verbrenn‘ ich mich daran.

    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.
    Tanze Samba mit mir, weil die Samba uns glücklich macht.
    Liebe, Liebe, Liebelei, morgen ist sie vielleicht vorbei.
    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.

    Aha aha, du bist so heiß wie ein Vulkan.
    Aha aha, und heut‘ verbrenn‘ ich mich daran.

    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.
    Tanze Samba mit mir, weil die Samba uns glücklich macht.
    Liebe, Liebe, Liebelei, morgen ist sie vielleicht vorbei.

    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.
    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht.
    Tanze Samba mit mir, weil die Samba uns glücklich macht.
    Liebe, Liebe, Liebelei, morgen ist sie vielleicht vorbei.
    Tanze Samba mit mir, Samba, Samba die ganze Nacht

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