Tag 53 – Tag 58 / Von Bucks Lake nach Old Station / KM 1123 – KM 1267 / PCT Meile 1261 – Meile 1371/ Allein in der Wildnis

‚Into the Wild‘ ist eine Reportage von Jon Krakauer, verfilmt von Sean Penn, die viele PCT-Hiker kennen. Es ist ein wahre Geschichte. Der 22jährige Christopher McCandless beschliesst nach seinem Studium in Geschichte das normale Leben hinter sich zu lassen. Er spendet sein geschenktes Geld von seinen Eltern für den Abschluss – 24 000 Dollar – an Oxfam und zieht zwei Jahre durch die USA bis nach Alaska, bis zum Denali National Park. Dort lebt er in der Wildnis in einem ausrangierten Linienbus des Fairbanks City Transit Systems. Da die Schneeschmelze einsetzt, wird sein Weg zurück in die Zivilisation abgeschnitten. Das Essen geht ihm aus, er verwechselt wilde Tomaten mit giftigen Schoten und stirbt im Bus. Für viele Aussteiger ist ‚Alexander Supertramp‘, diesen Namen gab sich Christopher, ein Held. Ranger aus Alaska freuen sich nicht über Besucher am Bus, die auch so leben wollen. Sie sagen, dass Christopher mit einer Karte gesehen hätte, dass ein paar Meilen von ihm eine Art Winde ihn hätte über den Fluss bringen können.

Wir sind in der Wildnis mit Smartphone und einer App unterwegs, die uns offline den Weg zeigt und mit GPS unseren Standort. Wir lesen vor dem Start einer neuen Etappe alle PCT Newsletter, laden uns den Water Report als PDF aufs Telefon und fragen immer Einheimische und Ranger: Wie sieht der Weg aus? Wie sind die Wettervoraussagen? Wie ist die Schneesituation? Nach Schnee in Kalifornien zu fragen fühlt sich nach sieben Jahre Dürre immer noch als Gag an.

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Bucks Lake

In Bucks Lake sind wir am Tag 53 die ersten Hiker, die fragen. Vielleicht sind andere am Ort vorbeigelaufen, aber wir werden überall als erste Hiker der Saison begrüsst. Der Typ im Outdoorladen ist überrascht uns zu sehen. Er hat noch keinen Hiker Stuff in seinem Regal. Lustigerweise teilt er sich seinen Laden mit dem einzigen Friseursalon der Stadt. Unserem Hinweis folgend eröffnet er eine Hikerbox, Stefanie legt ein Shirt rein, weil sie nun mit Liebe Calvins löchriges Shirt trägt. Von mir landen Zipperbeutel und Sonnencreme im Kasten. Gleich daneben baut eine junge Frau Vogelhäuser und verkauft diese. In der Bucks Lake Lodge, da sind wir gestern Abend nach 8 Stunden Fahrt von Kennedy Meadow hierher gelandet, erzählen die Gäste: Der Trail ist verschneit und matschig und rutschig, ein paar Strassen sind geschlossen und die Bären sind unterwegs und auch ein bisschen nervös und hungrig – nach dem langen Winter (was immer dies auch bedeutet) – und wir sollen vorsichtig sein. Die Einheimischen würden nicht hiken. Ich denke an ‚Alexander Supertramp‘. Safety first! Was tun? Wir beschliessen den Bus nach Chester zu nehmen, die paar Meilen schaffen wir im Juli auch noch und bekommen dann sicher in der Lodge Erlass für Übernachtungskosten.

Caro aus Bonn meldet sich, sie wartet auf uns in Chester, nachdem ein Bär auf sie zurannte, ist sie dort. Und Joe aus Portland schreibt, dass Fuss und Rücken heilen, er denkt, dass er in Old Station zu uns kommen wird. Von Eva in Kennedy Meadow höre ich, dass sie am Tag 53 gen High Sierra gestartet ist. Chapeau!  Und für alle die ein paar Hiker vermissen im Bericht: Julia und Tabea aus Braunschweig pausieren gerade und besuchen Verwandte in New Mexico! Sie wollen irgendwann zu uns in den Norden kommen. Köchin Kathy Kate hat es auch bis Kennedy Meadow geschafft. Dort hat sie sich erstmal einen Schneekurs gebucht. Model Oliver ‚Giselle‘ ist kurz vor Kennedy Meadows, er hikt jetzt mit zwei Jungs aus Kanada.

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Die neue ‚Little Gang‘

Am 2. Juni – wir sind in Chester, ein Bus von Quincy bringt uns über die Berge des Plumas County hierher. Im Bus sind nur Hiker. Wir und Evan aus Venezuela, den wir kurz vorm Einsteigen treffen. 5 Wochen Schnee liegen hinter ihm. Ein paar Mal hat er sich mit seiner Eisaxt gerettet. Er kann nicht mehr, er hat ein PCT-Burn-out. Jetzt will er erstmal arbeiten. Bevor er zum Trail aufbrach war er auf einer Organic Farm, hatte mit Solarenergie zu tun. Für sein Interview in Sacramento wünschen wir ihm alles Gute. Ob er zum Trail zurückgehen wird, kann er uns nicht sagen.

Chester liegt am Lake Almanor, entstanden durch einen Staudammbau. Der See ist riesig und zieht im Sommer viele Touristen an, die hier angeln. Im ortsansässigen Outdoorladen werden zum Verkauf für die Angler lebende Küken angeboten. Angeln die hier Haie?

Erstmal Kaffee kostenlos im Supermarkt. Ich telefoniere mit Corinna, sie sagt, wenn abends ihre drei Mädchen endlich im Bett sind ist sie so müde wie ich am Ende eines Tages auf dem Trail. Wir lachen. Es ist schön, ihre Stimme zu hören, sie via WhatsApp zu sehen, gerade jetzt, wo ich Eva nicht habe. Dann gehen wir zu einem schönen Rasenplatz direkt hinter der Luther-Kirche. Hiker sind hier willkommen, im hiesigen Trail Register bin ich Nr. 17, die sich einträgt. Dann ist auch Caro aus Bonn da. Sie ist von Belden gestartet und war drei Tage, knapp 40 Meilen, im Schnee. Sie ist völlig am Ende. Sie war allein, der Schnee hat sie fertig gemacht. Sehr oft fand sie den Trail nicht, rutschte den Berg runter, sah drei Bären, einer rannte sogar auf sie zu, sie hat laaaange in ihre Pfeife gepustet. Nachts schlief sie auf meterhohem Schnee, fror und weinte in ihrem Zelt. Wegen der Bären traute sie sich nicht zu kochen. Heute hat sie dann den Highway genommen, um zu uns zu kommen. Ich bewundere sehr, wie sich die zierliche 21jährige da durchgekämpft hat. Mike und ich sitzen mit ihr am Waschsalon, sie isst einen grossen Burger und freut sich, dass der Salon auch eine Dusche hat.

Auf dem Rasen der Kirche gesellt sich Hiker Tayko zu uns. Der Koreaner lebt in New York, in Queens und liebt seine Stadt sehr. Letztes Jahr ist er den Appalachian Trail gewandert. In diesem Jahr startete er am 8. April in Campo und war sehr schnell in Kennedy Meadow. Nach einem Tag im hohen Schnee der Sierra machte er Pause – für drei Wochen in San Francisco. Nun will er wie wir von hier wieder auf den PCT zurück. Doch morgen bleibt er erstmal noch in Chester. Gleich neben der Kirche ist eine Pizzeria, morgen ist dort All you can eat – Day. Das will er nicht verpassen.

Tag 55, 3. Juni, morgens ist der Rasen feucht, das Zelt aussen nur ein wenig. Aber die Luther-Kirche hat eine Holzterrasse für uns, da frühstücken wir. Ich schaffe tatsächlich zwei gekochte Eier und einen Müsliriegel. Dann stehen wir fast eine halbe Stunde am Highway und lächeln vergebens in die Fahrerkabinen. Dann endlich hält ein Pickup, wir werfen hinten unsere Rucksäcke rauf und steigen in ein schön gewärmtes Auto. Der Fahrer hat uns sofort als PCTler erkannt, er ist für die Pflege des Abschnittes zwischen Chester und Old Station zuständig. Draussen war er in diesem Jahr noch nicht, ist zu früh. Wir erzählen, dass die Saison sicher eher startet, da viele flipflopen. Wir sollen Fotos schicken, wenn ein Stamm im Weg liegt, er gibt uns seine Emailadresse. Dann gehts endlich auf den Trail und wird auch Zeit!

Wald wie im Harz oder in Thüringen. Riecht auch so. Nur wir sind im Lassen National Park. Mit Bären. Und ich sehe keine kleinen Hütten, die Wild, Gulasch, Klösse und Rotkohl anbieten. Im Harz gibt es dazu noch Riesenwindbeutel. Herrlich.  Der Nationalpark liegt rund um den Lassen Peak, dies ist der südlichste Vulkan des Kaskadengebirges, in diesem Jahr natürlich auch komplett mit Schnee bedeckt. Die Erde hier ist immer noch vulkanisch aktiv, es gibt Schwefelseen, heisse Schlammlöcher und Geysire. Lassen ist eine der wenigen Orte weltweit, wo alle Formen und Auswirkungen eines Vulkans vorkommen. Deshalb kommen im Jahr über 1,3 Millionen Besucher hierher. Wir treffen keine Menschenseele, auf dem Trail gibt es keine Fussabdrücke. Wir sehen ein Schild: Campen nur mit Bärenkarnister. Die haben wir nicht, also schnell durch. Trotzdem denke ich beim Lesen der Warnung an ‚Alexander Supertramp‘.

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Ich rufe wegen der Bären alle 10 Minuten ‚Hallihallo – wir sind hier‘. Ich muss mich daran gar nicht erinnern, passiert automatisch. Ist wie beim Phone, wenn man morgens nach dem Klingeln auf Schlummern stellt und alle 10 Minuten man daran erinnert wird, dass man ja aufstehen wollte. Dann sind wir auf 6300 Fuss und überall ist Schnee, kein Trail zu sehen, Flüsse an Stellen, die keine App anzeigt. Also Mikro Spikes an die Schuhe und los. Der Schnee ist weich, ich gehe nicht, ich eiere. Immer wieder schauen wir auf die App. Wo ist der Trail? Wir sind langsam, sehr langsam! Und schaffen es nicht aus dem Park. Gegen 21 Uhr kommen wir auf einem Campingplatz an, wo es Bärenboxen fürs Essen geben soll. Wir finden sie nicht. So räume ich einen Mülleimer, der ist auch bärensicher (besonderer Verschluss) und wir legen dort unser Essen hinein. Als ich ins Zelt krauche ist es 22:30 Uhr, mir ist kalt, das Schneelaufen hat sehr geschlaucht. Ich bin hundemüde und schlafe fast gar nicht.

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Schwefelsee im Lassen National Park

Am nächsten Morgen, 6 Uhr, sind Stefanie und Caro schon weg, als ich meine Zelttür öffne. Langschläfer ‚Ice Dancer‘ ist noch da. Ich trinke zwei Tassen Kaffee, um warm zu werden. Dann ziehen wir los, ein Aufstieg über den wir uns freuen, er ist schneefrei. Oben warten auf uns Stefanie und Schnee. Caro ist weg. Sie war so schnell, dass Stefanie nicht folgen konnte. Ich bin etwas entsetzt und auch ratlos – jetzt ist sie wieder allein los. Ich treffe später an diesem Tag ein Vater-Tochter-Hiker-Paar, (auch schon in der Mojave getroffen, sie freuten sich, mich zu sehen ) die fragen, ob wir ‚Blue Cheese‘ (dies ist  Caros Trailname, weil sie viele blaue Sachen hat und immer Käse ist) gesehen haben. Sie sind sauer auf Caro und ebenso ratlos, weil sie im Schnee allein geht, nur das Telefon hat, keinen GPS-Tracker. Ich verstehe sie sehr gut und Caro nicht. Was wenn sie ihr Handy verliert? Dann geht sie hier verloren.

Wir hiken Stunden und langsam im Schnee, der über 3 Meter hoch liegt. Gut, dass wir keine steilen Hänge passieren müssen. Mike rutscht in ein Schneeloch, ein Wanderstock bricht. Dann ein breiter Fluss, darüber liegt ein Baum. Stefanie und Mike überqueren den Stamm, dann holt Mike meinen Rucksack und ich rutsche auf dem Hintern über den Fluss. Safety first ‚Alexander Supertramp‘. Elegant ist dies nicht gerade, aber ich bin auf der anderen Seite. Nach 10 Minuten der nächste grosse Creek. Stefanie startet zuerst, sie fällt ins Wasser und hangelt sich tapfer zurück. Ein Wanderstock ist weg – den kann sie sich vielleicht in Oregon, in Ashland aus der Hiker Box holen. Ich schnappe gerade so nach ihrem Zelt, es hängt immer am Rucksack aussen dran. Ihr Telefon war schwimmen. Sie steht vor mir und sagt: Now I‘ m wet! Umziehen will sie sich nicht, erst den Fluss überqueren. So steigen wir am Ufer weiter entlang bis wir eine bessere Stelle finden. Das grosse Trocknen auf Schnee in der Sonne beginnt.

Dann gehts weiter. Mir tut alles weh. Oft muss ich von Baum zu Baum, von Ridge zu Ridge so grosse Schritte machen, dies strengt an. Dann wird der weisse Winterzauber zu Matsch und wir gehen und gehen. Gegen 18 Uhr passieren wir den Lower Twin Lake. Er ist komplett zugefroren. Wir stoppen hier auf einem Zeltplatz direkt am See in der Abendsonne. Wieder wird getrocknet, was nass ist. Ich bin schlapp und versuche zwei Nudelgerichte zu essen, schaffe ich aber nicht. Stefanie ‚Awesome‘ hilft. Sie ist gross und dünn und isst den ganzen Tag, ihr Food Bag ist dreimal grösser als meiner. Sie isst selbst nachts um 2 einen Müsliriegel und um 5 schon zwei Burritos mit Truthahn.

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Lower Twin Lake

Die Nacht ist bitterkalt und am Morgen sind Schuhe und Socken von Mike und Stefanie erstarrt zu Eis. Ich nehme immer alle Sachen mit ins Zelt! Unsere Essenbeutel sind fein, Mike hat sie 50 Meter von uns in einen Baum gehangen. Dann gehen wir 8 Meilen und sind endlich raus aus Schnee, Bärengebiet und Park. Bis nach Old Station laufen wir einfach durch, viele viele Meilen und freuen uns spät abends über Dusche und Waschmaschine. Weil es schon dunkel ist Cowboy Campen wir, irgendwo am PCT. Der RV Park in Old Station ist leider sehr teuer für Hiker. Das Personal ist unfreundlich. Ich empfehle hier keine Pause einzulegen.

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Endlich vorbei am Schnee. Vorerst.

Tag 58, ich koche liegend Kaffee. Heisses, im Schlafsack sitzend. Keine Geräusche, nur Wald und Sonnenaufgang. Dies sind die Momente, wo Kälte und Ängste vergessen sind. Ja, der Trail fordert mich. Aber dies ist neu für mich. Es schenkt Freude. Ich habe viele stolze Momente. Ich besiege den inneren Schweinehund. Und es ist so wunderbar, sich nur mit elementaren Dingen zu beschäftigen. Wann habe ich es je genossen, dass ein Fluss so kalt sein kann wie eine Tiefkühltruhe?  Wann war Kartoffelbrei aus der Tüte je so lecker wie auf dem Horse Spring Campground? Wann war eine heisse Dusche je so willkommen und wunderbar?

Am Tag 58 haben es Eva und die Pinky Gang auf den Mt. Whitney geschafft, ich bin sehr stolz und hoffe, dass sie immer gemeinsam und sicher sind! ‚Alexander Supertramp‘ wollte allein die Wildnis spüren, in sie hineinkriechen. Aber leider endete dies nicht immer gut.

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Die Pinky Gang auf dem Mount Whitney

 

2 Gedanken zu “Tag 53 – Tag 58 / Von Bucks Lake nach Old Station / KM 1123 – KM 1267 / PCT Meile 1261 – Meile 1371/ Allein in der Wildnis

  1. Hallo Jacqui, happy birthday! Was gibt es zum Geburtstag? Einen Ruhetag? Oder einen Tag in der Sänfte mit Trägern? Oder doch einfach nur die nächsten 50 Meilen… Mit vollstem Respekt für deine Leistung gratuliere ich von Herzen.
    Liebe Grüße, Hagen

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  2. Ich wünsche Dir weiterhin ganz viel Spaß und vor allem Kraft, Deinen Weg und Dein Ziel im Auge zu behalten und immer schön fortzusetzen. Ich verschlinge die super Beiträge Deines Sohnemanns, vielen Dank dafür. Es ist so schön, auf diese Weise teilhaben zu können, zumal ich gerade mit neuem Kreuzband hier rumliege. Also auf geht’s, ich warte gespannt auf den nächsten Eintrag 😉

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