Tag 42 (21.5.) – Tag 51 (30.5.) / KM 905 – KM 1123/ Der heisse Trail / Von Tehachapi nach Kennedy Meadow

Ich schlafe schlecht in der Nacht zum Sonntag, kleine Party im Zimmer, Adam aus Wrozlaw hat Wodka gekauft. Nach einem sind meine Beine schwer wie Blei, die anderen ziehen nach mehreren Wodkas noch zu Burger King los. Hunger! Ich höre Eva lange laut lachen. Auch im Pool sitzen noch die jungen Leute, Joe aus Portand amüsiert sich immer, dass ich sie Kindergarten nenne. Dann ist der Zero Day gut wie immer: Frühstück im Best Western, Resupply in der Grocery. Was kaufe ich ein? Was esse ich wirklich? Ich nehme viele getrocknete Früchte, keine Mandeln! Ramen, Kartoffelbrei und es gibt Landjäger, probiere ich.  Und natürlich Kaffee und Poptarts fürs erste Frühstück. Thunfisch eingeschweisst landet auch im Korb. Dazu frische Kirschen. Die bekommen Eva und mir nicht gut, wir rennen mehrmals aufs Klo.

In Tehachapi gibt es viele Trail Angels, die Liste mit Namen und Telefonnummern hängt überall aus und in der Lokalzeitung steht, dass wir in der Stadt sind und uns über Hilfe freuen. Alle sind freundlich, manche lassen Zelte in ihrem Garten zu, jedes Auto hält prompt am Strassenrand wenn der Daumen im Wind hängt.

Dann ist Merissa ‚Cooper‘ plötzlich da. Ihr Fuss ist noch immer geschwollen. Sie muss mindestens noch drei Wochen pausieren. Nun wird sie zu Freunden nach Lake Tahoe gehen, dort sich kurieren und dann will sie zurück auf den Trail. Vielleicht hikt sie mit uns in Washington. ‚Cooper‘ erzählt uns, dass in Hiker Heaven sich ein Paar gefunden hat, fünf Tage dort im Himmel verbrachte und danach nach Las Vegas reiste, um zu heiraten. Das ist ja mal eine Liebesstory wie im Film – direkt auf dem Trail.

Tag 43, es ist der 22. Mai. Ich starte früh um 7 mit Stefanie aus Italien. Ihr Trailnamen ist ‚Awesome‘. Sie sagt es ständig: Fantastisch! Und als Italienerin klingt ihr Englisch ein wenig schräg und vor allem für mich sehr verständlich. Manche Hiker, wenn sie aus Ohio oder aus Texas kommen, verstehe ich schwer. Aber es wird immer besser. Manchmal rede ich mit Eva in Englisch.

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Stefanie & Luke

Am Trail Register, wo wir starten, Meile 566, steht: Willkommen in der Mojave! Auf diesen Abschnitt bin ich gespannt. Es soll so heiss werden, dass Hiker lieber nachts gehen. Nach einer Stunde weiss ich warum. Ich gehe bergauf und es ist so heiss, dass ich unter einen Baum flüchte. So geht es den halben Tag weiter, ab und an passiere ich Stefanie, die auch im Schatten sitzt oder sie überholt mich. Gegen 14 Uhr mache ich schlapp, spanne mein Footprint in einen Baum und schlafe. Zwei Stunden später weckt mich Eva, sie musste noch ins Post Office. Und sie erzählt, dass Joe aus Portland, ‚Grumpy Skirt‘ nicht auf dem Trail ist, er war wegen Fussproblemen beim Arzt und der hat ihn zum Chiropraktiker geschickt. Auch die anderen der Pinky Gang sind hinter uns. Aber Adam aus Wrozlaw ist bei uns. Der Apotheker aus Polen hat Netz und telefoniert mit seiner Freundin. Sie sind seit 9 Jahren zusammen, haben sich beim Pharmazie-Studium kennengelernt. Adam hat erzählt, dass er sich manchmal in seiner Heimat nicht wohlfühlt. Er fühlt sich fremd, anders. Ihn zieht es in die Ferne, er war schon in Neuseeland wandern und in anderen Ländern, er sehnt sich nach Weite.

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Mighty Mouse, Eva, Adam und Sebastian

Wir gehen noch sechs Meilen zu einem kleinen Stream. Wasser wird die nächsten Tage ein Problem sein. Wir müssen den Tag danach planen. Am Golden Oaks Spring kommt aus einem kleinen Rohr etwas Wasser, welches wir im Dunkeln filtern, laute fette Frösche liefern ein Nachtkonzert. Wir Cowboy Campen alle eng nebeneinander.

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Cowboy Camping

Der 23. Mai beginnt für uns um 5. Mein Rucksack ist schwer, 5 Liter Wasser und Essen für 9 Tage bis Kennedy Meadow. Schon um 8 ist es so heiss, dass man am liebsten bereits pausieren möchte. Und dann sind es auch noch 19 Meilen bis zum nächsten Wasser. Und natürlich muss ich punkt um 12 einen Berg hoch, der mich sprichwörtlich killt. Jetzt Hiddensee und Ostsee wären grossartig. Ich liege im Schatten und schlafe drei Stunden. Danach quäle ich mich zum Robin Bird Spring. Ich bin schlapp, wackelig auf den Beinen. Hier in der Hitze habe ich noch weniger Hunger. Irgendwann sitze ich im Schatten auf einen Stein und weine. Weil ich nichts essen kann. Die Landjäger habe ich probiert und musste brechen. Ich muss mir dringend was einfallen lassen. Noch mehr an Gewicht zu verlieren ist nicht gut. Zusammenreissen denke ich, wenigstens jetzt. Dann höre ich eine Kuh rufen. Was ist los mit Dir? Denkst Du mitten in der Wüste mit Kakteen und kleinen Nadelbaumen an Deine Zeit als Melkerin? Dann steht wirklich ein Bulle vor mir. Von wo ist der denn abgehauen? Er rennt Kuhmist fallen lassend auf dem Trail davon. Tschüssi, wir sehen uns in Kanada. Mit der Musikliste meines Sohnes rette ich mich zum Zeltplatz, natürlich ist es wieder dunkel. Gut, dass wir erneut Cowboy Campen. So muss ich kein Zelt aufbauen, nur mit Kopflampe ein paar Nudeln kochen und Wasser filtern. Dieses Mal packe ich 6 Liter ein, denn noch trinke ich wenigstens.

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Ab ins Bett

Am Tag 45 stehen Eva und ich bereits um 3:30 Uhr auf und starten eine Stunde später. Vorsichtig, denn auf dem Trail liegen in ihren Schlafsäcken Fielder, Ben und Brooks, sie sind also noch nach mir angekommen. 20 Meilen liegen an diesem Tag vor uns, 32 Kilometer! Wie gesagt, wegen Wassermangel müssen wir so weit gehen. Unterwegs soll es ein Water Caché geben – heisst Trail Angel legen grosse Wasserkarnister an eine Kreuzung – aber man kann sich nicht sicher darauf verlassen, dass wirklich Wasser da ist. Wir haben die Anzahl der Hikenden vor uns im Trail Register gezählt, haben versucht zu schätzen, wie viel Wasser jeder mitnimmt, in Litern und dann versucht zu rechnen, wie viele Gallonen Wasser im Caché sein müssen. Liter und Gallone? Umrechnen? Nach 5 Minuten geben wir das Rechnen auf. Also los und tapfer sein. Die Erde glüht, der Trail kocht. Der Schweiss läuft und läuft, ich sehe aus, als hätte ich gebadet. Wenig Bäume, ab und an Joshuas, wenig Schatten. Nach Wolken hält man vergebens Ausschau. So begebe ich mich in meinen Hikertunnel und gehe und gehe stoisch voran. Nach 12 Meilen erreiche ich besagten Water Caché und dieser ist voll. Wie wunderbar, auch wenn das Wasser so heiss ist wie die Luft. Unter einem riesen Joshua Baum sitzen Eva und Calvin aus Vancouver. Calvin trägt den Trailnamen ‚Twister‘ – wie beschrieben, nach Fuler Ridge war sein Zelt vom Winde verweht im Mission Creek gelandet, deshalb Wirbelsturm!

Wir liegen schwitzend im Schatten, ich schaffe gerade mal so einen Riegel zu essen, dann kommen weitere Hiker und wir beginnen laut zu träumen. Von kalter Cola, Gatorate, Eis. Dabei erinnern wir uns an unsere schönsten Trail Magic Momente. Ein weisser Pick up fährt vor. Ich sehe hinten einen Cooler drauf und sage: Heh, Trail Magic is right now here! Alle lachen. Doch der Typ, der aussteigt, öffnet die hintere Wagenklappe und winkt. Gerade noch erschöpft und bewegungsarm rennen wir den Hang runter zum Wagen. Natürlich trinke ich die beste und kälteste Pepsi meines Lebens. Es gibt auch kalten Saft und Bier und Erdbeeren. Bob kommt alle drei Tage vorbei und füllt die Box gleich neben dem Trail Register mit Getränken. Er ist selbst mal den Trail gelaufen. So weiss er was uns seine Liebe und damit Hilfe bedeutet. Bob erzählt, dass vor ein paar Tagen eine junge Hikerin auf ihrem Weg nach Mt. Whitney – der Weg führt vom PCT aus zum höchsten Berg Amerikas (Alaska nicht mitgerechnet, da ist es der Denali) – tödlich verunglückt ist. Sie ging allein und man fand sie erst nach drei Tagen. Alle sind betroffen und gleich sind wir beim heissen Thema: High Sierra Ja oder Nein! Es geht um den vielen Schnee, das Wandern mit Mikrospikes, Crampons und Eisaxt. Jeder muss dies am Ende für sich selbst entscheiden.

Wir liegen weitere zwei Stunden unterm Baum dann kommen Brooks, Ben, Fielder und ‚Wreckingball‘ an. Wir beglücken auch sie mit kalten Getränken. ‚Wreckingball‘ ist ein 20jähriges Mädchen aus Dänemark. Wir haben sie schon ein paar Mal getroffen, seit Aqua Dulce ist sie immer mit uns abends auf der Tensite. Ihr Trailname ist übersetzt Abrissbirne. Sie macht ständig was kaputt, hat ihr Handy geschrottet, die Wanderstöcke den Berg runterkullern lassen, ihre Zeltheringe verbogen. Seit sie den Namen hat singt sie ständig den Song von Miley Cyrus. Wir unterhalten uns über die unterschiedlichen Bildungssysteme und Kosten in Dänemark und Deutschland.  Dann ziehen wir los, es ist schon 17 Uhr und ich muss noch mehr als 6 Meilen gehen bis zur Dove Spring Canyon Road. Dann sitzt plötzlich Eva vor mir auf dem Trail. Ich denke sofort, oh mein Gott sie ist umgeknickt, sie hat was, denn eigentlich wäre sie schon längst am Ziel. Aber es ist alles gut, sie wartet auf mich an der 1000 km Marke. Wie lieb! OMG unfassbar wie viele Kilometer hinter uns liegen, ich denke nicht an die vor mir. Ein schöner Moment. Dann sind wir endlich da, es ist schon dunkel. Also Cowboy Camping, geht einfach schneller, wir müssen kein Zelt aufbaün. Reicht schon meine Matratze aufzublasen, sie braucht viel Luft, aber wie gesagt bisher der beste Kauf. Es windet, wir setzen uns vor unsere Kocher. Bei mir gibt es Ramen. Eva hat eine Nudelsuppe. Dann waschen, was heisst Wet Wipes zu benutzen. Manchmal sehe ich Hiker, die ihre Schuhe ausziehen und dann sofort in den Schlagsack kriechen. Ich mache immer mit Feuchtis meine Füsse sauber, irgendwie den Körper. Deswegen ist mein Müllbeutel immer so voll, aber so fühle ich mich wohler. Fielder kommt noch zu uns, wir reden noch ein wenig. Er arbeitet für eine Firma in L.A., die Independence Filme produziert.

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Die ersten 1000

In der Nacht weht mir der Wind den Sand der Dirt Road ins Gesicht. Ich muss lachen, wenn meine Familie und meine Freunde mich hier sehen würden, liegend auf der Sandstrasse, am Kopf steht der Rucksack, daneben liegen Kocher und Wanderstöcke, der Beutel mit Essen hängt im Strauch wie auch Shirt und BH.

Tag 46, wir haben keinen Wecker gestellt, die aufgehende Sonne weckt uns. Eva und ich sind leise, Fielder schläft noch. Und das immer gut, wie er sagt, mit meiner Matte Nr.1. Ich hatte sie ja nach drei Tagen in Mt. Laguna in die Hiker Box gelegt und eine Minute später holte Fielder sie raus und fing an, sie aufzublasen. Und ich sagte zu ihm: Heh sie ist ok, ich kann nur nicht drauf schlafen. So haben wir uns kennengelernt.

Wir starten um 6:45, der Trail geht gar nicht, tiefer Sand. Ich bin total langsam. Nach zwei Stunden mache ich auf einer kleinen Tentsite Pause, ein kleiner Hase beobachtet mich. Ich teile mit ihm meinen Frühstückskeks, ich glaube dies ist sein HOCH des Tages. Erst gegen 2 Uhr nach 9 Meilen erreiche ich den Bird Spring Pass, wo ein Water Caché sein soll. Brooks, Ben und Wreckingball sind noch da, alle anderen bereits am Berg. Als ich ankomme hält ein Pick up, Alex steigt aus, ein Trail Angel. Sein Sohn will nächstes Jahr den PCT gehen, seit er es weiss kommt er zum Caché und erfreut Hiker. Heute mit Gatorate, Weintrauben, Chips und Kekse. Wäre ich schneller gewesen hätte ich diese wunderbare Magie verpasst. Gegen 14:45 Uhr ziehe ich allein weiter, ich muss noch über 12 Meilen schaffen und es geht erstmal vier Meilen nur bergauf. Also Musik – von Steffi C. und MSA, gut sie zu haben, ich laufe bis oben durch! So sehr danke ihr zwei!

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Dann wirds hart, die Meilen enden einfach nicht. Ich nehme wieder meinen Ipod, höre die Liste von meinem Sohn. Dann plötzlich – vier Meter vor mir, ich bin gerade auf einer Sandstrasse die zum Campground führt, es sind noch 3 km – prescht ein Schwarzbär aus dem Gestrüpp auf die Strasse. Ich erstarre, höre auf zu singen. Der Bär schaut mich an, dreht sich einmal im Kreis und rast zurück in den Busch. Ich bin völlig fertig, mein Herz rast, mein Atem geht so schnell als hätte ich gerade den Forrester Pass, den höchsten Punkt des Trails, erreicht. Ich bleibe noch eine Minute oder länger stehen, dann singe ich laut weiter, haue krachend meine Wanderstöcke in den Boden und jogge. Gefühlt alle zwei Sekunden drehe ich mich um, schaue, ob der Black Bear mich verfolgt.

Völlig am Ende erreiche ich nach halb 9, es ist dunkel, den Campground. Alle liegen in einer Reihe in ihren Schlafsäcken ohne Zelte. Ich: Hängt euer Essen in den Baum, ich habe einen Bären gesehen. Alle  sind neidisch und sagen WOW und Amazing und Awesome. Na ich weiss ja nicht. Als ich meinen Kartoffelbrei koche und mich zur Nacht fertig mache schlafen alle bereits.

Am nächsten Morgen ist der Bär weiter Thema. Dann lesen wir im Water Report für die Umgebung: Bears has been spotted in this area. Wir gehen gemeinsam die restlichen 8 Meilen bis zum Walker Pass Campground, wo wir wieder Trail Magic erleben. Auf dem Picknicktisch stehen frisches Brot, Erdnussbutter, Gelee, Sirup, Birnen. Was für ein Frühstück. Von hier wollen wir nach Lake Isabella trampen, Eva hat sich dort Essen hingeschickt und auch eine Eisaxt für die High Sierra. Gleich der erste Wagen hält, ein älteres Paar mit zwei Hunden im Auto, Daisy und June, helle Labradors, ein Freund von mir, Luc, würde sie mögen. Die Lady liebt den Film ‚Wild‘, der PCT ist darin der rote Faden. Sie fragt uns Löcher in den Bauch. Die Beiden im Auto sind verwitwet umd haben sich dann gefunden. Da sein Sohn nächstes Jahr den PCT gehen will ruft er ihn via Whatsapp an und Eva und ich müssen winken!

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Trail Magic

Dann sind wir endlich am RV Park Happy Haven, es gibt ein Schild: PCT Hiker willkommen! Ich dusche 20 min, schmeisse die Waschmaschine an, baue mein Zelt auf. Und dann sind alle da, die man so kennengelernt hat. Es ist Teil 4 der PCT Soap, in der Pinky Gang fehlen wegen Verletzungen Joe, Merissa und Model Oliver ‚Giselle‘. Aber der neue Cast Adam und Stephanie ist da, wie auch Wreckingball und ‚Mighty Mouse‘. Sie ist aus Belgien, ganz schlank und zierlich und krass schnell mit ihrem grossen Rucksack! Ich gehe zeitig ins Zelt und schlafe gut, es ist eine warme Nacht.

Am nächsten Tag haben Eva, Adam und ich Glück – die Highway Polizei nimmt uns mit, zurück auf sem Trail. Gerry hat früher Pferde gezüchtet, jetzt ist er Polizist. Hiker nimmt er immer mit in seinem Dienstwagen, krass, dass dies erlaubt ist. Natürlich ist er auch schon ein paar Abschnitte auf dem PCT gegangen, sein Haus hier in den Bergen liegt ganz nah am PCT. Gerry bestätigt, dass eine Hikerin am Mt. Whitney tödlich verunglückt ist und er sagt auch, dass eigentlich zum Wandern in der High Sierra zu viel Schnee liegt.

Dann gehts wieder los – Tag 48 auf dem Trail. 17 Meilen wollen wir machen. Gleich zu Beginn ein Anstieg auf über 7300 Fuss. Ich fühle mich gut, es ist zwar schon 10 Uhr, aber in der Hitze meint es der Wind gut mit mir. Hilft sehr, nicht nur wegen der Temperaturen, so sind auch die Fliegen weg. Manchmal in Waldgegenden sind sie extrem lästig, sie fliegen immer in die Ohren und tanzen vor der Sonnenbrille. Da ich meine Wanderstöcke in der Hand habe kann ich sie nicht verjagen, ertragen kann ich sie aber auch nicht. Der Trail ist schmal und sandig. Gerade hat man sich daran gewöhnt wird er steinig. Dann oben – eine grandiose Aussicht. Auf der einen Seite sieht man die Mojave, auf der anderen Seite einen kleinen Teil der High Sierra mit weissen Gipfeln. Ich telefoniere mit meinem Sohn und seiner Freundin, sie liegen im Wohnwagen von Opa und Oma Nante, ach ja Himmelfahrt in Deutschland, Kurzurlaub an der Ostsee. Da bin ich sonst immer auf Hiddensee mit meinen Coyoten!!!!

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Endlich gehts bergab, ich muss noch 10 Meilen bis zum Spanish Needle Creek schaffen, da schlafen wir und dort gibt es Wasser. Bergab strengt mich heute an, ich spüre mein Knie, aber eine Pause kann ich mir nicht leisten. Hier soll es auch Bären geben und ich will nicht wieder ohne Sonne hiken. Jeden 10. Schritt haue ich meine Stöcke an Steine und rufe: Hallo, ich bin hier! Als ich dies einen Tag später einem Hiker aus Frankreich erzähle lacht dieser und fragt mich, ob die Bären Deutsch verstehen.

Noch vor 8 habe ich 17 Meilen geschafft, baue diesmal mein Zelt auf und hänge mein Essen wieder in einen Baum. Noch morgen – dann sind wir in Kennedy Meadow, ein Meilenstein für mich.

Am Tag 49 schlafe ich aus – bis 6. Stephanie kocht schon Kaffee. Es riecht herrlich. Nach 7 ziehe ich los, bald überholt mich Eva. Schon gegen 9 ist es heiss und es geht auf 7400 Fuss. Ich schaffe es bis hoch ohne Pause, in der Ferne kann man die High Sierra erahnen. Dann treffe ich Mike und wir gehen zusammen bis zum Chimney Creek, das Wasser ist herrlich kalt, meine Füsse und mein Magen erfrieren. Gerade will ich es mir gemütlich machen, da kommt Eva angeflitzt, ohne Rucksack. Was ist passiert? Eva sagt die zwei besten Worte auf dem PCT: TRAIL MAGIC! Gleich 300 Meter entfernt auf dem Campground. Und was auch super ist, sie kam vom Ground mit dem Auto eines Angels. Gerade als wir einsteigen wollen steht da Santé, er ist aus Japan, auf der Dirt Road und zittert: Ich habe einen Bären gesehen, ich kann nicht hiken. Wir nehmen ihn mit, ein Bier wird helfen. Auf dem Chimney Campground hat Paul mit seiner Familie und Freunde seine Zelte aufgeschlagen. Er ist 1977 den Trail gelaufen, da war er noch nicht fertig der Weg, er musste oft runter vom Berg und den Highway nehmen. Paul erzählt, dass er damals nach 40 Tagen am Silverwood Lake den ersten Hiker traf. Paul war der 24. Thruhiker überhaupt, der in Canada ankam. Nun zum Memorial Day packt er Essen für seine 20 Leute ein und für alle Hiker, die in diesen drei Tagen am Chimney Campground vorbeikommen. Verfehlen kann man es nicht, unten auf der Road, wo der PCT die Strasse kreuzt, hat er ein Schild hingehangen. Es gibt Chips, Cola, Bier, Weisswein, Rotwein. Punkt um 6 wird der Grill angeschmissen für Burger, Hot Dogs und Grillfleisch, dazu gibt es Mais, Bohnen und Salat. Wir sind im Himmel. Und für alle gibt es Stühle, sie stehen im Kreis, in der Mitte brennt ein Feuer. Dann holt Paul seine Gitarre raus und singt Countrysongs, auch ein deutscher Hiker singt mit, es hält sich die Mär, dass er mal bei DSDS mitgemacht hat. Natürlich hiken wir nicht weiter. Sehr glücklich rollen wir unsere Schlagsäcke im Wald aus. Die Bären können uns mal.

Wow! Tag 50, es ist Montag, der 29. Mai. Wir wollen 18 Meilen gehen, dann haben wir Dienstag noch vier bis Kennedy Meadow, heute spät dort ankommen macht keinen Sinn, alle Shops sind dann zu.

Der Tag beginnt mit einem langen Anstieg, auf 8500. Und natürlich ist es weiterhin heiss. Und dann stehe ich oben und sehe aufeinmal die komplette High Sierra. Der Anblick haut mich um, ich sitze minutenlang fassungslos auf einem Baumstamm. Was für Berge und alle Spitzen und mehr sind voller Schnee, es ist ein gemaltes Bild, meine Ehrfurcht vor der Sierra wächst. Für mich der schönste Blick auf dem Trail bisher.

Dann gehts nur noch runter, ich schwitze und zähle fast die Schritte bis zum Manter Creek. Der ist klein und das Wasser sieht nicht gut aus, da es aber fliesst filtere ich mir einen Liter. Dann komme ich mit Luke aus Washington DC ins Gespräch. Aufgewachsen ist der Physiotherapeut in Wisconsin, wo die Winter bitterkalt sind, sagt er. Ich weiss sage ich, dass erzählt Jack Kate in ‚Titanic‘ um zu verhindern, dass sie ins Wasser springt. Wir lachen. Luke lebt in DC auf einem Segelboot, Freiheit sind ihm und seine Frau wichtig. Segelt seine Frau jetzt allein? Nein, sagt Luke. Sie sind zusamen gestartet in Campo, doch es lief nicht so gut für Beide auf dem PCT. Sie ist noch in Hiker Heaven. Was wirklich passiert ist, will er nicht erzählen. Nach einer Stunde Pause ziehe ich weiter, der Weg wird sandig, ich sags ja, Brandenburg verfolgt mich. Dann endlich treffe ich Eva, Adam, Mike, Mighty Mouse und Stephanie. Sie haben einen Platz wie in einem Western direkt am South Fork Kern River gefunden. Der Fluss ist voll und fliesst richtig schnell. Im letzten Jahr war er ausgetrocknet, was man sich wirkich nicht vorstellen kann.

Ich schlafe gut.

Am Tag 51 hiken wir alle zusammen und feiern 45 min später die 700 Meilen Marke. Kennedy Meadow. Ich habe es geschafft, 1123 km. Hier zu sein heisst, meinen ersten persönlichen Meilenstein geschafft zu haben. Man sagt wer hier ist schafft es. Will see. Auf jeden Fall haben laut Statistik über 40 Prozent aller gestarteten Thruhiker vorher aufgegeben. Heute ist mein bester Tag auf dem Trail, mir ist heiss vor Freude. Am berühmten General Store, davor campen alle, gibt es traditionell Beifall und ‚You made it‘ – Rufe.

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5 Gedanken zu “Tag 42 (21.5.) – Tag 51 (30.5.) / KM 905 – KM 1123/ Der heisse Trail / Von Tehachapi nach Kennedy Meadow

  1. Hmm, wenn man deinen Beitrag so liest, dann ist die Erfahrung wohl leider so, das nicht alles nur toll ist. Schmerzen, Entbehrungen, sehr viel Anstrengung und auch ein wenig Leid. Da muss man sich doch von hier aus fragen, warum macht man es dann?
    Sind es die Aussichten die man auf den Weg hat, sind es die Erlebnisse mit den neu gewonnenen Freunden oder etwas anderes, einfach die Freiheit, die dieses Abenteuer so erlebenswert macht? Von hier aus können wir es nur vermuten…
    Weiterhin alles Gute auf deinen Weg…

    Bert

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  2. Toller Post. Habe viel geschmunzelt und auch ein paar Tränchen im Auge gehabt. Ist echt toll, was ihr da macht. Viel Glück und vor allem gesunde Knochen. Denke bei jedem Joggen an Euch, wenn ich mir in der Hitze sage „Was soll der Scheiss?“ 😉 Danach läuft es sich wieder etwas besser.

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  3. Liebe Jaqui,
    ich war Himmelfahrt im Osterzgebirge wandern. Den ganzen Tag. Hoch. Runter. Hitze. Kein Gepäck. Du kommst wahrscheinlich als Katze zurück und würdest meine 18 km in 30 Minuten schaffen. Was ich sagen will: ich halte beim Lesen den Atem an, RESPEKT, wie auch immer dein/ euer Trip ausgehen mag. Ich bin wirklich beeindruckt.
    schreibt die alte Fernsehnase claudia

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  4. Herzlichen Glückwunsch euch Beiden! Eine tolle Leistung. Ihr könnt mächtig stolz sein auf euch. Ich habe mich sehr über den neuen Beitrag gefreut, war eine lange Durststrecke 😉. Ich erinnere mich noch genau an den ersten richtigen Ausblick auf die Sierra. Mein Mann und ich waren beide berührt und ich fand auch, dass es der schönste Ausblick bisher war. Kennedy Meadows ist ein wahrere Meilenstein, ich hätte nie gedacht, dass ich es bis dahin schaffe. Nach Kanada lief sich der Rest dann quasi von alleine…. 😬 Naja nicht ganz von alleine, aber irgendwie war dieser erste Abschnitt etwas Besonderers. Euch nun viel Spaß im Schnee! Liebe Grüße Princess.

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  5. Liebe Jen,
    Wie gern würde ich jetzt Dir Kartoffel-Blumenkohl-Pampe machen, mit der Du mich gefüttert hast, als ich vor Überanstrengung nichts essen konnte. Freue mich immer von Dir zu lesen, Danke, dass Du uns teilhaben lässt.
    Herzliche Grüße
    Pat

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