KM 426 – 588: Überraschungen

Im von Kathy Kate gebuchten Haus läuft eine Party, ohne mich. Nach meinen 19 Meilen am Tag 20 gehe ich zeitig ins Bett, noch im Traum höre ich Freude und Lärm und wie gerufen wird: Eva, Eva, Eva! Brooks, Brooks, Brooks!

Ich schlafe 9 Stunden, gefühlt im besten Bett meines Lebens. Als ich erwache schnarcht noch alles um mich herum. Ich mache mir einen Kaffee, setze mich in die frühe Sonne und denke nochmal über die letzten Tage auf dem PCT nach. Sie waren hart und schön. So viel Natur, keine Häuser, keine Stromleitungen und Autos. Als Highlight empfinde ich noch immer Trail Angels, die an uns denken. Wie unter der Brücke bei der Mesa Wind Farm oder am Tag 20 auf dem Weg nach Big Bear Lake.

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Da stand mitten im Wald ein Sofa und daneben ein Container. Darin waren Cola, Bananen und Cookies. Einfach ganz wunderbar. Besonders sind auch die Zufälle. Jö ging gestern vom Trail eher ab, die Sandwege haben seinen Füssen nicht gutgetan. So stand der Hiker aus Portland an der Strasse, mit dem Daumen im Wind. Ein Auto fuhr vorbei, Jö war wie immer ‚grumpy‘. Doch das Auto wendete, drin sass Hiker und Ex-Polizist Patrick aus San Diego. Mit seiner Schwester, die lebt hier. Das von ihm angekündigte BBQ war gestern, da froren wir noch in 2700 Meter Höhe. Im Haus hier ist plötzlich auch wieder Calvin, er war eine Nacht bei uns in Idyllwild, startete nach uns. Doch auf dem Trail in einer Sturmnacht konnte er sein Zelt nicht halten, es flog weg. Am nächsten Tag fand er es im White Water River. So musste er den Trail verlassen und sich in San Bernadino ein neues Zelt kaufen. Er hat jetzt genau das gleiche wie ich. Ich hoffe dies ist kein schlechtes Omen.

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An unserem Zero Day macht dieses Mal Merissa ‚Cooper‘ Frühstück, sie nennt es Idaho Breakfast. In Idaho ist sie in der Einsamkeit auf einer Farm aufgewachsen, als kleines Mädchen benötigte der Schulbus von ihrem Zuhause bis zur Middle School 90 Minuten. Alle laden sich Berge auf ihre Teller – Hackfleisch mit Käse und Reis überbacken, dazu Ei und Kartoffeln. Ich falle ins Fresskoma. Dann gehts in die City, mit dem Bus. Ich war schon so oft in den Staaten, aber Bus bin ich noch nie gefahren.

Da ich mit Sören aus Schweden unterwegs bin, klar Trailname ‚The Maschine‘, laufen wir von der Main Street zum Hiker Store 2 Meilen. Das geht ja gar nicht, ist doch ein Zero Day …. Ich kaufe neues Kinesio Tape, hat mir bisher gut getan und neue Wanderstöcke. Die Geldausgaben für Equipment hören einfach nicht auf. Sören geht dann in eine Brewery, ich warte 55 min auf den Bus. Eine Haltestelle später steigen Mike ‚Ice Dancer‘ und Tabea und Julia ein. Das sind die Überraschungen hier. Dolle Umarmungen. Die Mädels wollen, dass ich erst Dienstag wieder mit ihnen auf dem PCT bin. Aber ich hab ja Eva und wir wollen gemeinsam starten. Klar mit den Mädels bin ich weniger allein auf dem Weg, wir haben das selbe Tempo. Ich hoffe, ich treffe die Beiden und Mike in Wrightwood wieder.

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Im Haus kocht eine Suppe auf dem Herd, Köchin Katie Kate war wieder fleissig. Ich mache mir ein Fussbad. Die Pflege meiner Füsse nimmt hier mehr Zeit in Anspruch als ein morgendliches Make up im normalen Leben.  Auch am Tag, wenn ich wandere, wechsle ich in jeder Pause die Socken und creme die Füsse ein! Keine Blasen, ich liebe meine Wrightsocks. Ich bin auch die Einzige, die hier vier Paar Socken im Rucksack hat! Ich esse meine Suppe draussen, mit Eva und Sören, die Amis sitzen drinnen vor dem TV. Na darauf hab ich gar keine Lust. Daheim, an einem 20 Meter Tag (heisst nix tun, nur zwischen Klo, Küche und Bett bewegen) schaue ich 20 Stunden Netflix und Amazon Prime!

Irgendwo höre ich Geräusche wie Silvesterknaller. Habe ich gestern auf dem Trail auch gehört und dachte, oh da sind Jäger unterwegs und hoffte, dass mein pinkes Shirt weniger nach Dammwild aussieht. Und gut als Reh gehe ich auch nicht gerade durch. So der Rucksack ist gepackt, wieder schwerer als sonst, bestimmt 5 Kilo Essen, aber ich muss auch mehr zu mir nehmen. Bis nach Wrightwood sind es 6 – 7 Tage, es geht in die Höhe. Und: Das erste Päckchen von meinem Sohn wartet auf mich, hat er mit seiner Freundin letzten Oktober als sie in der Nähe des PCT waren, versteckt. Amazing!

Tag 22 (1.Mai) und wir sind wieder auf dem Trail. Alle sind aufgeregt, da bis nach Wrightwood berühmte heisse Quellen auf dem Weg sind und ein McDonalds. Wie gesagt, ich freu mich auf das Versteckte für mich, alle anderen mit. Ich frage rum, was soll denn drin sein? Eva sagt Schokolade, Sören hofft auf Whisky, dem schliessen sich die anderen an.

 

Eva geht heute den ganzen Tag mit mir, weil ich langsam gehe und sie ihr Knie schonen muss. In Big Bear City hat sie sich eine Bandage gekauft. Es geht auf und ab, durch Wälder, die ein wenig wie daheim riechen. Dann queren wir eine Strasse und ein Typ hält und fragt uns, ob wir Melone wollen. Frisch und eiskalt, was für eine Überraschung. Wir beissen so herzhaft rein, dass man glatt mit uns Werbung drehen könnte.

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‚Cooper‘, die eigentlich ihre geschwollenen Fussgelenke heute schützen wollte, rast mit Ben, Brooks, Sören und Calvin vor. Wir schlendern hinterher, machen nur drei kurze Pausen. Da es wenig Spots zum Schlafen gibt wird es ein langer Tag. Wir spielen ABC – zum Beispiel Serien nennen: Avalon, Bergdoktor, Casanova, Dexter, Everwood, Friday Night Lights ….. Dann singt Eva Titelmelodien von Kinderserien: TKKG, Fünf Freunde, Schloss Einstein, Benjamin Blümchen… Ich hau mich weg. Nun singe ich Songs von Udo Jürgens. Für Eva funny. So schaffen wir an diesem Tag meine ersten 20 Meilen (32 Kilometer). Auf einem einfachen Campground mit Plumpsklo, Picknicktisch und nahe ein Creek gibts Applaus von den anderen. ‚Pinky Gang‘ wird gerufen und alle halten ihren kleinen linken Finger hoch, der pinken Nagellack trägt. In der von mir verschlafenen Partynacht im Haus in Big Bear Lake ist dies entstanden. Ich musste mir am Morgen danach meinen Finger natürlich auch lackieren. Der Trail macht auch irgendwie verrückt. Es ist schon dunkel als ich völlig fertig in den Schlafsack krieche. Körperschmerzen, also versuche ich auf dem Bauch zu schlafen, das schmerzt am wenigstens ist aber bei meinem Holz vor der Hütte auch nicht so einfach.

Ich höre meinen Wecker nicht, zu schön warm ist es im Schafsack, ausserhalb kalt, vielleicht sechs Grad. An diesem 2. Mai (23.Tag) gehen wir erst um 8 los. Natürlich rächt sich das. Drei Stunden später auf einem schmalen Hangweg hat es über 30 Grad. Zwar überqueren wir ab und an den Holcomb River und holen uns mit Freuden kalte Füsse, doch ein paar Sekunden später kocht der Körper. Und mein im Fluss getränktes Shirt ist trockener denn je. Ich meckere, warum ist es so heiss? Warum geht es hoch obwohl das Profil was anderes sagt?  Eva schweigt, was soll sie auch machen. Nach 13 Meilen, es ist schon 17 Uhr, überholen uns Oliver ‚Giselle‘ und Fielder ‚Theodore‘. Sie wollen nur noch 300 Meter gehen. Unter der Deep Creek Bridge (eine Holzbrücke über den Fluss)  soll ein schöner Spot zum Campen sein und das Wasser reicht fast zum Schwimmen. Ich schaue Eva an, sie sagt: OK. Eigentlich wollten wir noch Meile 300 schaffen. Der Platz ist wirklich toll, wie eine Lagune mit Beach, wir sitzen mit unseren Sachen im kalten Wasser. Dann kommt Joe aus Portland an, schmeisst sich ins Wasser und ruft ‚FUCK‘. Hinter ihm liegen 24 Meilen. Fast 39 Kilometer bei der Hitze, ich wäre zusammen gebrochen. Aber wie die anderen Beiden wollte er der Gruppe na sein, denn  morgen auf dem Weg liegen als Überraschung für alle die Hot Springs und die wollen wir gemeinsam erleben. Wir kochen zusammen Tütengerichte. Ausser Köchin Katy Kate, sie hat den grössten Foodsack. Sie zaubert Gemüse hervor und eine Pfanne, es riecht wie im besten Restaurant. Kartoffeln und Wurst folgen. Da schaue ich neidisch auf mein Couscous, obwohl ich das schon verfeinert hab, indem ich ins kochende Wasser eine geschnittene Salami geworfen habe. Gegen 19 Uhr krabbeln alle in ihr kleines Heim, ich denke noch an Ava aus Dänemark, die trafen wir heute auf dem Trail im Holcomb River stehend: Heh Girls schaut ich habe aus Steinen eine Brücke gebaut, ihr seid die ersten Tester! Was für eine schöne Überraschung, die Schuhe bleiben trocken.

In der Nacht lärmen unzählige Frösche. Evas Vater würde jetzt mit Stirnlampe und Kescher in den Fluss steigen und die Viecher für Stille verjagen. Eva hat erzählt, so macht er es für den Familienfrieden nachts im hauseigenen Teich. Mein Handy klingelt um 5 aber ich bin noch müde. 20 Minuten später stehe ich auf. Das heisst: Ich sitze im Zelt und ziehe den Stöpsel von der Matte. Dann packe ich den Schlafsack ein, dann rolle ich die Matte. Beides kommt in einen Drysack. Anschliessend creme ich die Füsse, ziehe Socken an, dann meine Wanderklamotten, dann die Daunenjacke, weil es noch kalt ist. Erst jetzt krabble ich raus, nehme dabei den Rucksack mit und allen anderen Sachen, die ebenfalls in Drysacks verpackt sind. Ich baue das Zelt ab. Zelt und Beutel mit Schlafsack etc. kommen als erstes in den Rucksack. Dann suche ich ein Plätzchen für die Freilufttoilette. Nun wird Wasser gekocht. Seit dieser Woche esse ich früh Poptarts, das ist ein grosser gefüllter Keks. Und trinke Kaffee. Ich konnte Haferbrei nicht mehr ertragen und das Müsli von Konrad, persönlich für mich zusammengestellt und sehr lecker, Konrad arbeitet bei MyMüsli, ist schon lange alle. Nun gesellt sich auch Eva dazu, sie isst fleissig weiter ihre Haferflocken. Dann wird der Rest eingepackt, kurz nach sechs geht es los. Ein halbe Stunde später erreichen wir die 300 – Meilen – Marke. 480 Kilometer. Foto! Bäm! Weiter geht es. 10 Meilen später ungefähr gegen Mittag, es ist schon unerträglich heiss, erreichen wir die Deep Creek Hot Springs. An mehreren Stellen sprudelt aus Steinen heissen Wasser in den Deep Creek, natürliche heisse Pools haben sich gebildet. Gleich am Strand ist einer. Will man aber mehr allein sein und verschiedene Pools ausprobieren, muss man durch den kalten Fluss über schwarze Felsen schwimmen. Ich staune über mich selbst, ich mache das glatt. Daheim gehe ich in kein Dorfteich oder unbekanntes Wasser. Es ist einfach herrlich, wir entdecken vier weitere Pools. Dann gibts im Schatten Essen. Ich bin umgestiegen, also auch beim Lunch was Neues, auf Fladen mit Salami und Käse und Senf. Ja ich habe ein Plastikglas Senf jetzt dabei. Dann schlafe ich ne Runde, Eva kann das ja nicht, sie liest. Da alle bleiben, bauen auch wir zwischen Felsen direkt am Creek unsere Zelte auf. Die ‚Pinky Gang‘ ist wieder vereint, ich hoffe, dass wir bald auch wieder Mike, Julia und Tabea treffen. Immer wenn andere Hiker was wissen wollen, wird gesagt: Jac is the Boss, ask her! So lustig.

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Am Abend geht es immer um das selbe: Was gibts zu essen? Wie viele Meilen hiken wir morgen? Wann gibt es wieder Wasser? Wir drehen alle noch mal ne Runde durch alle Pools, dann stelle ich mein Wecker auf 3 Uhr.

Wie zwei Grubenarbeiter sehen wir auf dem Trail aus. Wandern mit Stirnlampe. Wie kann man eigentlich so früh aufstehen! Tag 25! Wegen der Hitze, wir treffen heute auf Mojave-Ausläufer, tappern wir im Dunkeln los. Es ist gruselig. Tief unten hört man noch immer den Deep Creek. An der Mojave Staumauer machen wir uns Frühstück. Dann gehts weiter, wir treffen auf die ersten Ausläufer der Mojave-Wüste, es wird heiss. An zwei kleinen Streams tauchen wir unsere Wandershirts und Bandanas ins Wasser, kleine Klimananlage am Körper, doch lange funktioniert sie nicht. Wir stapfen durch die Hitze durch einen verbrannten Wald. Dieses Stück ist erst seit diesem Jahr wieder offen, vor vier Jahren hat ein Feuer hier gewütet. Die PCT Association sperrt dann solche Abschnitte immer für eine Weile, damit die Natur sich erholen kann. Aber man riecht das verkohlte Holz noch. Ein älterer Hiker, er ist aus Fresco und wir haben ihn schon öfter getroffen, er zählt: Ich wollte letztes Jahr den PCT gehen, aber da war alles so trocken. Auf dem Abschnitt heute hier haben die Leute 12 Liter Wasser mitgeschleppt. Ich sage: Aber jetzt hast Du viel Schnee auf dem PCT. Er meint, daran denkt er jetzt erstmal nicht. Unser Ziel ist wegen Schatten eine Brücke. Jeder, der da ankommt ruft ‚Fuck‘ und schmeisst sich ins Halbdunkle. Wie Obdachlose hängen wir im Dreck unter dem alten Holzgestell, die Concrete Bridge. Drei Stunden. Danach ist es immer noch heiss und ich will nicht losgehen, aber muss ja. Endlich treffen wir auf den Silverwood Lake. An der ersten möglichen Stelle springen Eva und ich in kompletter Montur ins Kühle. OK, den Rucksack nehmen wir nicht mit. Wir schauen uns an: So, jetzt untertauchen! Puh, jetzt! Ja, jetzt! Dann tauchen wir gleichzeitig unter und müssen total lachen. Danach sind es immer noch zwei Stunden bis zur Cleghorn Picknick Area. Dort erwartet uns eine Überraschung: Kim, eine Freundin von Joe aus Portland, ist mit einer grossen Kühlbox voll Bier und Cider, extra für Eva, gekommen. Sie ist an diesem Tag unser Trail Angel. Und Sören und Brooks kommen mit Pizza! Sie sind vom Highway in den nächsten Ort zum Pizzaladen getrampt. Ein toller Abend, wir sitzen für unsere Verhältnisse lange zusammen. Alle erzählen von ihren Familien. Brooks hat einen eineiigen Zwillingsbruder, er sieht wirklich aus wie er. Merissa ‚Cooper‘ hat zwei ältere Brüder, aber durch verschiedenen Familienumstände keinen Kontakt. Sie sagt, vielleicht ändert sie es nach dem Trail. Da es schon dunkel ist entscheiden wir uns für Cowboy Camping. Das heisst: Wir bauen keine Zelte auf, liegen im Freien mit Mat und Sleeping Back. Ich finde das herrlich, Eva neben mir schläft nicht so gut.

Am 5. Mai gehts früh um 6 los, weiter in Richtung Wrightwood. Doch nach 1 Meile wirds erst mal spannend am Highway 138, hier muss das erste Päckchen sein! Die Beschreibung ist gut, ich finde es unter einem Steinberg verbuddelt! Nüsse, Riegel – was ein Hiker eben benötigt. Und ein Brief – was ein Mutterherz benötigt! So lieben Dank mein Sohn, always and forever!

An diesen Tag liegt für alle Hiker auf dem Weg ein grossen Überraschungsei: McDonald direkt am PCT. Davon reden alle und da werden alle Stunden sitzen und futtern. Eva geht vor, ich wandere an diesem heissen Tag nicht gerade durch die Landschaften des Lebens sondern eher durch einen Backofen. Am Anfang geht es noch, da stehen sogar viele Blumen am Rand, auch wilde Lilien und Yukkas, die nur einmal im Leben blühen. In diesem Jahr, weil viel Wasser in California, sehen wir sie oft. Eine Yukka wächst dann bis zu 3 Meter hoch, um viele Pollen verteilen zu können. Die Indianer haben ihre Wurzeln gegessen, heute bekommt man für viel Geld ihre Blüten in New York im Salat.

In einer Pause stelle ich ausversehen meinen Rucksack auf den Trinkschlauch. Als ich wieder starte und noch was trinken will, bemerke ich meinen Fehler. Es sind noch 5 Meilen bis zur berühmten Systemgastronomie. Das schaffe ich, einfach nicht an Wasser denken. Was natürlich null funktioniert. Schon nach 30 Minuten fühle ich mich ausgetrocknet, faltig wie ein grumpliger Apfel. Auf einer Dirt Road preschen zwei Motocrossfahrer an mir vorbei, ich winke. Vielleicht haben sie ja ne Cola für mich. Doch die sind im Racing Tunnel und haben keinen Blick für eine Hikerin mit Durst. Ich schleppe mich bergab. Sollte ich joggen, dann bin ich schneller an der Fresstheke? In meinen Gedanken wird die Coke, die ich als erstes bestellen werde, immer grösser: L, XL, XXL ….

Als ich ankomme jubeln alle Hiker im Laden: You made it! Tradition. Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen und flüstere Eva an: Kein Wasser die letzten 8 km! Sofort kommt eine Riesencola an, fast wie Zauberei. So schnell habe ich noch nie einen Liter Kaltes getrunken. Klar renne ich Minuten später aufs Klo. Alle Hiker mampfen glücklich Runde für Runde Pommes und Burger und Nuggets. Ich schaffe nur Pommes. Dann fällt mir auf, dass Brooks, der junge Mann aus Texas, nicht da ist. Where is Brooks? Ben, sein bester Freund, antwortet: On his way to L.A.

Brooks Freundin, sie sind seit drei Monaten zusammen, hat Geburtstag. Morgen. Ihr Vater hat Brooks ein Wagen geschickt und wartet auf ihn in seinem Privatflieger in L.A. Brooks wird wohl im Flieger seine dreckigen Sachen loswerden und schlafen. Und dann ist er auf der Party seiner Freundin DER Überraschungsgast schlechthin. Am Sonntag will er wieder zurück sein. Da bin ich gespannt. Im McDonalds tauchen plötzlich zwei Ranger auf. Sie fragen, wer PCT-Hiker ist? Viele Hände gehen nach oben. Für morgen am Nachmittag gibt es eine Sturmwarnung für Wrightwood, mit Hagel, Schnee, Schneeregen und Regen, je nach Höhenlage. Wir sollen nicht nachts oben auf der Ridge schlafen (2700 Meter), nicht in der Nähe von Flüssen, wegen Sturzfluten.

Was machen? Joe, ‚Cooper‘, die geschwollene Knöchel hat und Sören fahren per Anhalter nach Wrightwood. Die anderen beschliessen heute noch ein paar Meilen zu gehen, um morgen vor dem Sturm vom Berg zu sein. Ich bin unschlüssig. Die Woche war hart. Montag 20 Meilen, Donnerstag über 20 Meilen und heute wieder? Eva sagt: Komm das schaffen wir, ist der PCT, wir bleiben zusammen. Also ziehen wir los, wandern weitere 5 Meilen. Kurz vor Sonnenuntergang stoppen wir oben auf einem Berg, Eva holt zwei Cheeseburger und Gatorade aus ihrem Rucksack. So ein Abendbrot ist fast Luxus, der Blick übers Valley nach Wrightwood wunderschön.

Es ist schon fast dunkel als wir Swarthourt Canyon erreichen, nach dem bekannten Food Store ein sehr zu empfehlender Schlafplatz. Wir entscheiden uns für erneutes Cowboy Camping, diesmal in der Wildness. In der Nacht werde ich wach, ich weiss einfach nicht auf welcher Seite ich liegen soll. Dann spüre ich, das es regnet. So viel zu Cowboy Camping. Ich lege mein Überzelt über Eva und mich.

Am nächsten Morgen, es ist vier Uhr, sagt Eva: Das war wie bei meiner Mama, sie hat mich auch immer so zugedeckt! Am Tag 27 starten wir um 4:30, knapp 19 Meilen liegen vor uns, nur berghoch, von 1200 Meter auf 2700 Meter. Wieder im Dunkeln los, Eva vorne weg. Nach zwei Stunden trennen wir uns – Eva bietet erneut an, vorzugehen, um einzukaufen und unsere Bounce Box zu holen, damit wir am Sonntag wirklich einen Zero Day haben. Wie toll. Ich koche mir Kaffee in der Wildness, esse Poptarts. Die Stille um mich herum spüre ich förmlich auf meiner Haut. Dann ziehe ich weiter. An diesem Tag mache ich nur drei kurze Pausen, der angekündigte Sturm jagt mich den Berg hoch. An einer schmalen Stelle des Weges, der Trail führt über einen steilen Schotterhang, rutsche ich aus und den Hang über 5 Meter hinunter. Bis in die Tiefe sind es über 100 Meter. Ich liege tief atmend am Hang. Kein helfender Hiker in Sicht. Ich stelle meine Wanderstöcke auf ganz klein und rutsche in Richtung eines einzeln stehenden Baumes,  in der Hoffnung, mich dort festklammern zu können, bis Hilfe kommt. Dank der kurzen Stöcke kann ich mich auf die Knie drehen und schaffe es krauchend auf den Trail zurück. Da zittere ich erstmal, spüre das Adrenalin in meinem Körper, tapfer schlucke ich meine Tränen hinunter. Leider muss ich nun nochmal über diese schmale Stelle und schaffe es. Dann spüre ich Schmerzen im linken Arm, auf diesen bin ich geknallt. Später am Abend ist er geschwollen, Sören macht mir einen Eisverband.

Noch mehrere Trailabschnitte dieser Art folgen an diesem Tag und jedes Mal atme ich davor tief durch und zittere. Gegen 14 Uhr rollt der Sturm heran. Ich setze meine Mütze auf, ziehe Daunenjacke und Regencape an. Der Hagel schmerzt in meinem Gesicht, der Wind versucht mich vom Hang zu fegen. Ein paar Hiker überholen mich. alle fragen immer, ob es mir gut geht. Was soll ich sagen? In dem Moment hasse ich es, dass ich heute mir wieder so viele Meilen aufgebrummt habe.

Ich gehe schneller, was funktioniert, ich bin wirklich stärker. Oben auf der Ridge versuche ich nicht daran zu denken, was hier mir alles passieren kann. Der Trail wird weiss vom Hagel, ich bin in den Wolken und seh fast nix mehr. Zwei Jogger überholen mich, die Verrückten. Endlich komme ich zum Acon Trail, der führt 2,8 Meilen steil bergab nach Wrightwood. Ich schaffe dies in 1 h, so schnell war ich noch nie, Sorgen und Ängste treiben mich voran. Unten, in einer einsamen Waldsiedlung, rufe ich weinend Eva an. Ich bin sechs Stunden durchgelaufen, hab nix gegessen und getrunken. Jetzt, am Ende des Weges, bin auch ich am Ende. Eva ist gerade im Hikerladen und holt unsere Bounce Box ab. Der Ladenbesitzer bekommt mit, was los ist und bietet seine Hilfe an. So treffen wir an diesem schlimmen Tag überraschend einen Trail Angel. Beide holen mich ab, ich bekomme im nun strömmenden Regen gar nicht mit, dass das haltende Auto mir gilt. Gerettet! Das Haus ist warm, die Dusche ist heiss, gerade kommt der Pizzaservice an. Und ein Foto von meinen besten Coyoten-Freundinnen: Sie haben mir ein Paket nach Aqua Dulce geschickt, das wird fein. Da sind wir in sechs Tagen! Und eine Woche später wartet in Techahapi das nächste Übrraschungspäckchen von Evchens Eltern. Ein Träumchen!

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4 Gedanken zu “KM 426 – 588: Überraschungen

  1. Hallo Jacqui, meine Eltern hatten gestern Goldene Hochzeit. Bei uns wären es gestern 28 Jahre gewesen ;-)) Da ist dein Trail doch eine ganz andere Herausforderung. Komm nicht vom Weg ab! Hagen

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  2. schön von euch zu lesen! habe mir schon ein wenig Sorgen gemacht…
    weiterhin viel Glück und Gesundheit, Hubertus

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  3. Genial! Weiter so, eine tolle Leistung. An der Brücke am Deep Creek haben wir auch gezeltet, weil es dort so schön war. Viele liebe Grüße aus Kiel, Princess!

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  4. Hallo,
    Huch, da fährt einem ja selbst beim lesen der Schreck ins Genick. Aber schön das die Situation halbwegs unbeschadet überstanden wurde. Der Arm ist heil geblieben?

    Danke für den ausführlichen Erlebnisbericht und alles Gute weiterhin…

    Bert

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