KM 280 – 426: Frierende Hiker im Schnee

Meine Füsse baden im Salzwasser, bestes Spa in einem amerikanischen Holzhaus, gemietet in Idyllwild, für 12 Hiker. Ich bin kurz der Boss, alles ging über meine Kreditkarte. So wunderbar, ein Bett zu haben. Jö aus Portland schmeisst für alle den BBQ Grill an. Ich muss immer an Juliane Frieda denken: Fleisch Fleisch Fleisch! Dazu gibt es Nudelsalat. Alle sitzen glücklich zusammen, man lernt sich noch besser kennen. Oliver ist aus London, er hat lange dünne Beine, deswegen trägt er den Trailnamen ‚Giselle‘, nach dem Model Giselle Bündchen. Oliver war selbst mal Model, mit 16 schmiss er die Schule und wurde entdeckt. Mit 21 hatte er genug vom Laufsteg. Etwas anderes musste passieren, er wollte weg von London. Oliver macht mit seiner Freundin Schluss und sagt zu ihr, dass er quer durch die Staaten wandern will. Er stellt bei seinen ersten Recherchen fest, dass es sehr viele Kilometer sind von Ost nach West. So kommt er auf den PCT. Nach dem Trail will er Literatur studieren.

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Oliver aka ‚Giselle‘

Wir sitzen an diesem Abend lange draußen, bis plötzlich die Tür aufgeht und Kathy Kate aus San Francisco wieder da ist. Sie trägt einen blauen NASA-Anzug. Weil Earth Day ist, weil Science Day ist und weil sie Geburtstag hat. Kathy Kate hat heute auf dem Trail einem älteren Herren das Leben gerettet. Er lag dehydriert auf dem Weg, sie rief 911 an und ein Hubschrauber kam. Pilot und Arzt waren etwas verwirrt als eine winkende Frau im NASA-Anzug auf sie zu gerannt kam. Beide wollten glatt zunächst ein Foto vor der ersten Hilfe. Der ausgetrocknete Hiker bekam eine Infusion und einen Gratis-Flug mit dem Hubschrauber.

Ich schlafe 8 Stunden durch. Dann mache ich für alle Frühstück: Eier, Bohnen, Speck, Würstchen, Kartoffeln, mit Käse überbackene Tomaten, Toast. Am Tisch sind alle leise, weil so sehr aufs Essen konzentriert.

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Joe, Soeren, Brooks, ich, Theodore, Tabea, Cooper, Oliver, Julia, Mike

Dann rufen wir den Fahrer Hurk an, den haben wir gestern kennengelernt, er hat uns seine Nummer gegeben. Für jede Fahrt bekommt er ein paar Dollar. Gestern hat er mir erzählt, dass er oft Hiker rings um Idyllwild fährt. Er liebt die Stories der Hiker. So berichtet er, dass er im letzten Jahr einen Spanier mitgenommen hat. Nach 14 Tagen hatte dieser beschlossen aufzuhören, er fühlte sich zu schlecht vorbereitet und meinte aber, dass er wiederkommt. Die Einwohner von Idyllwild erzählen uns, dass hier 40 Prozent von allen gestarteten Hikern auf dem PCT aufhören. Fahrer Hurk hat im letzten Jahr einen Neuseeländer im Wagen gehabt, der kam von Canada aus den PCT runter und hatte es sehr eilig. Er war länger unterwegs als geplant und nun hatte seine Freundin Alarm geschlagen: Kommst du zu spät zur Hochzeit ist es aus! Hurk erzählt, dass der Wanderer von der anderen Seite der Welt seinen Flug verpasste.

Ich kaufe mir wieder eine neue Matte zum Schlafen. Jetzt ist es eine Big Agnes Q-Core slx. Mal sehen wie lange diese hält, ich habe nun auch bald alle durchprobiert. Dann kaufen Eva und ich Essen für sechs Tage auf dem Trail. Am Abend packen alle, wir sind aufgeregt. Morgen gehts in den Schnee nach Fuler Ridge. Caro, eine deutsche Hikerin, die einen Tag vor uns ist, schickt eine Textnachricht: Es ist kalt hier oben, liege mit Daunenjacke, Merinohose und Mütze im Schlafsack! Köchin Katy Kate macht für alle Salat und Huhn und es gibt eine Erdbeer Tart als Nachspeise. Daran werden wir denken, wenn wir morgen Abend frieren.

Alle starten um 6 und es geht nach 2 Meilen berghoch. Es ist anstrengend wie nie! Wenn dies mein 1. Tag auf dem Trail gewesen wäre, hätte ich abgebrochen. Nach 10 Meilen treffen wir einen verletzten Hiker, er ist vor zwei Tagen im Schnee umgeknickt und hofft, dass es besser wird. Ich – trotz Fussphobie – verbinde seinen Fuss mit einem Druckverband. Eva und ich denken es ist ein Bänderriss. Da wir Empfang haben wollen wir die 911 anrufen und ein Hubschrauber organisieren. Aber der Verletzte möchte nicht, vielleicht hat er keine Krankenversicherung. Alle helfen und Tabea bietet ihre Elektrolytetabletten an, da er sich seit zwei Tagen zum Trinken Schnee schmilzt, was nicht gut ist, da Schneewasser wie destilliertes Wasser ist und alle Energie aus dem Körper schwemmt. Wir sagen ihm noch, dass er seinen Fuss kühlen und hochlegen soll.

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Der erste Schnee auf dem Weg

Wir gehen über Schnee und ich ziehe meine Mikrospikes an.  An diesem Tag bleibt die Gruppe komplett zusammen. Wir treffen keine anderen Hiker, da scheinbar alle den Black Mountain Trail gegangen sind, welcher am Schnee vorbei erst oben beim Fuler Ridge Zeltplatz wieder auf den PCT. führt Der Schnee liegt hoch am Hang, wir gehen quer rüber, Julia sackt ein, am steilen Hang versucht Tabea ihren Rucksack zu nehmen, damit sich Julia befreien kann, dies alles einen Meter vor einem Schneewasserfall, der sonst nie da ist. Und da müssen wir auch noch rüber.

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Ich konzentriere mich auf die Hilfe, sonst stürze ich auch noch. Mike kommt über den Hang geschwebt und schnappt sich den Rucksack. Da er regelrecht über den Schnee flitzt, bekommt er später den Trailnamen ‚Ice Dancer‘. Ich schaffe es über den Fluss und bin sehr stolz. Die letzten Meilen sind Hölle. Ich rutsche aus im Schnee und mein einer Wanderstock bricht und dann nochmal. Aber Eva ist da und hilft zusammen mit ‚Ice Dancer‘. Als wir an der windigen Fuler Ridge ankommen, zittere ich vor Überanstrengung. Wir bauen nur ein Zelt auf und heute schläft Eva bei mir. Ich schaffe grad so meinen Kartoffelbrei, dann gehts zu zweit ins kleine Zelt. Wir müssen total lachen, liegen eng bei eng und versuchen uns umzuziehen, draussen stürmt es enorm.

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Oben auf der Fuler Ridge

Am Tag 16 ist es früh sehr kalt, wir kochen nur einen Topf Haferbrei, dann ziehen wir los. Es geht bergab, 15 Meilen, was enorm auf die Knie geht. Meinen Wanderstock haben wir getapt. Da mich dies unsicher macht, gibt mir Eva einen ihrer Stöcke. Wir gehen zusammen und spielen ‚Entweder Oder‘. Georg Clooney oder Brad Pitt. Brad sage ich. Justin Bieber oder Zac Efron. Justin sagt Eva.

Unterwegs überholen wir Sören aus Schweden, was seltsam ist, da er immer vorn weg ist und deswegen den Trailnamen ‚The Machine‘ hat. Sören ist am Telefon, leider erfährt er, dass ein sehr guter Freund bei einem Einsatz als Taucher an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er weint oben auf dem Berg, wir lassen ihn allein und sitzen am Abend alle eng um ihn herum. Der Tag bergab strengt alle an. Brooks hat wieder Knieprobleme, ich gehe wegen dieser langsam und komme nach mehr als 10 Stunden und etwas mehr als 15 Meilen als letzte am ausgesuchten Zeltplatz mit Wasser aus einer Pipeline an. Gut, dass ich Felice Wayan als Wegbegleiter hatte, ich höre sein Musikliste. Songs, die er gern spielt. Songs, die wir zusammen gehört haben. Mein Lieblingsgeigenspieler Itzak Perlman. Und dann ‚Glühwürmchen und die Musikanten‘, die hatten wir als Cast bei einer gemeinsamen TV-Produktion. Ich lache laut und singe einen fetten Felsbrocken an: Steh auf und lebe, es gibt so viele Wege… Doch der blöde Fels bleibt hocken wie schon seit tausenden Jahren. Danke Darling! Eva holt mir nach meiner Ankunft sofort frisches Wasser. Im Wüstenwind und bei feuerrotem Himmel baue ich mein Zelt auf und denke dabei darüber nach, dass ich ja was essen muss!

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Tag 17 beginnt mit einem herrlich roten Himmel über der Mesa Wind Farm. Ich gehe kurz nach 6 als erste los, vorbei am schlafenden Snow Creek Village, nicht mal die Hunde bellen. Dann höre ich Eva hinter mir, sie telefoniert mit ihrer kleinen Schwester. Unter der Interstate 10 stoßen wir mal wieder auf Trail Magic. Liebe Fans des PCT haben Wasser hingestellt, Äpfel und kaltes Bier. Ich esse selten Obst, so geniesse ich den besten Apfel ever.

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Trail Magic am Interstate

Dann gehts weiter, es wird wärmer und wärmer, nach 7 Meilen und immer nur Sandboden – als würde ich auf Hiddensee mit Rucksack den Strand entlang wandern. Bei der Mesa Wind Farm steht ein Schild: Fish Tacos for Hiker! Natürlich gehen wir rein, so lieb die Stühle unterm Baum, frisches Wasser und ein gedeckter Tisch. Als wir losfuttern kommen die anderen an, natürlich auch schon hungrig, besonders die Männer, denn die haben das kalte Bier unter der Interstate 10 morgens um 8:30 Uhr genossen.

11:15 gehts weiter, es werden schnell über 35 Grad, nach 90 Minuten bergauf mache ich schlapp, mein Puls rast und es klopft in meinem Kopf. Ein Baum rettet mich, ich packe mein Footprint aus und lege mich lang, telefoniere mit Lucas Joao und es fühlt sich so weit weg und lieb an. Dann kommen meine Braunschweiger Girls an und gemeinsam schlafen wir im Schatten. Erst halb drei gehts weiter, ein paar Wolken am Himmel retten uns. Eva ist trotz Hitze schnell undschon lange vor uns auf der White Water Presearch. Knieschmerzen haben ihr etwas die Laune vermiest und die Hälfte der Gruppe ist weiter gezogen. Mehr ging heute nicht, immerhin 12,8 Meilen. Ausserdem zieht ein Sturm über uns hinweg, meine Zeltstange trifft meinen Körper, na das wird ne Nacht, bin froh, nicht in den Bergen zu sein. Hoffentlich geht es den anderen gut.

Tag 18 erwacht mit Sturm, aber es ist wenigstens nicht kalt. Um kurz nach 6 ziehe ich los und treffe 2 Meilen weiter die anderen. Auch sie hatten sehr wacklige Zelte im Sturm, und der Sand ist von unten durch die Planen ins Innere gelangt. Ich hatte Sand zwischen den Zähnen und kostenloses Peeling. Wir überqueren auf einem wackligen Stamm den White River, ich knalle nicht ins Wasser und bin stolz. Unterwegs erzählt ein Belgier, dass der Verletzte oben am Berg dann doch mit einem Hubschrauber abgeholt wurde, da Ranger darauf bestanden hatten. An diesem Tag überqueren wir oft den Mission Creek und treffen Volontäre. Dies sind Freiwillige, die den Weg räumen, da der Creek in diesem Jahr durch den vielen Schnee sehr gewütet hat. Natürlich sage ich immer laut DANKE. Mike ‚Ice Dancer‘, Julia und Tabea machen nach 12 Meilen halt. Ich will noch zum Zeltplatz von Eva und den anderen. Sehr hart, die schwungvolle Musikliste von Katrin H., einer lieben Kollegin, hilft! Ich komme erst nach 19 Uhr an, Eva hatte mein Zelt mitgenommen, die Liebe, ich gehe ohne Dinner ins Bett.

Am nächsten Morgen, dem 19. on Trail, müssen wir von 6000 Fuss auf 8300. Der Berg killt mich, ich eile Eva hinterher, aber dies ist nicht gut für mich. Kein Abendbrot. Alle Körner sind weg. Am ersten Fluss bleibe ich 2 Stunden sitzen, mein erstes richtiges Tief. Eva macht eine Einkaufsliste, sie will heute 20 Meilen gehen, morgen wartet ein Paket als Überraschung von ihren Eltern in Big Bear Lake und das Post Office schließt um 12. Da kann ich nicht mithalten, ich gehe sehr langsam weiter, habe 12 Meilen gegen 17 Uhr geschafft, ich bin auf 8900 Fuss, ca. 2700 Meter. Es ist kalt und windig, ich koche mir einen grossen Topf Couscous, mit Zitrone. Mike, der den Platz erreicht, spendiert etwas Senf und als Nachtisch einen Müsliriegel. Ein Typ aus Belgien ist da. Er erzählt, dass Stefanie aus Italien, die wir nach Warner Springs verloren haben, einen schlimmen aufgerissenen Fuss hatte und Idyllwild zum Arzt musste. Mike, Julia umd Tabea bleiben, ich ziehe noch über 2 Meilen weiter. Natürlich zittere ich vor Kälte, als ich das erste Mal allein in der Wildness mein Zelt aufbaue und schlafen gehe. In der Nacht sinken die Temperaturen unter Null, mein Wasser im Trinksack friert ein.

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Allein im kalten Zelt

Am nächsten Morgen koche ich das erste Mal im kleinen Vorzelt mein Frühstück und mit Handschuhen baue ich das Zelt ab. Erst gegen 10 wird es etwas wärmer. Ich laufe den ganzen Tag allein, 5 Stunden, dann eine halbe Stunde Pause. Ich will es unbedingt bis Big Bear City schaffen. In einer Pause komme ich mit einem Paar aus der Schweiz ins Gespräch, sie fragen, ob ich ‚Storyteller‘ bin und zu dieser Crazy Gruppe gehöre. Magic! Man spricht über uns, vor allem weil wir Fuller Ridge gemacht haben und vielen anderen helfen. Fast 19 Meilen (30 Kilometer) mache ich an diesem Tag 20. Insgesamt 426 km, ein Zehntel des Weges sind geschafft! Ich weiss, dass ich langsamer gehen muss, sonst geht nix mehr! Meinen Weg eben gehen. Das Gute ist dabei auch, dass man viele Stunden einfach nur mit sich ist. Ich habe keine Knieprobleme, keine Blasen, aber beim Einschlafen immer noch totale Körperschmerzen.

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Endlich der Big Bear Lake in Sicht!

Als ich die Interstate erreiche bin ich so froh. Ein Paar nimmt mich mit, sie waren auf einer Tageswanderung, 10 Meilen, mit ihrem Hund Buffalo. Die Frau erzählt, dass sie früh schon zwei Hiker aufgelesen haben: Oliver und Theodore! So lustig, so wissen die beiden, wohin ich muss. Kathy Kate hat ein Haus gebucht für uns. Als ich ankomme jubeln alle: You made it!!!! Brooks umarmt mich und macht mir einen Drink. Unter der heissen Dusche weine ich fast vor Glück!!!

3 Gedanken zu “KM 280 – 426: Frierende Hiker im Schnee

  1. Liebe Jen,
    Richtig stark was Ihr da macht und toll, dass Du Zeit und Kraft findest uns auf dem Laufenden zu halten. Ich bin absoluter Fan. Bleib stark und tapfer, Du trägst es in Dir!
    LG Dein Pat

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  2. Freue mich über jeden neuen Eintrag. Mein Sohn plant den PCT im Jahr 2019. Wahnsinn wie mutig du bist – ich wünsche dir und der Crazy Gruppe alles Gute!
    Tina

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  3. unglaublich was ihr Hiker alles erlebt – und Hut ab vor dem Zusammenhalt. Deine Geschichten sind so spannend ,
    Norma Jean – Du packst das. DSHFEAE

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Danke für die Unterstützung!

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