KM 176 – 280: Verluste

Der Morgen in Warner Springs präsentiert sich windstill. Endlich! 30 Zelte unter zwei grossen alten Bäumen schummeln sich still in die Landschaft. Zum ersten Mal habe ich sechs Stunden durchgeschlafen. Ich stehe auf, um wie in Omas Zeiten meine Wäsche im Trog zu schrubben. Dann gehts rein in den kleinen Ort, 1 Meile zu Fuss – ha das ist doch gar nix – zum Frühstück. Die Kellnerin ist erst zum 2. Mal im Dienst und hat den Computer für die Bestellungen geschrottet. Sie schafft es nicht, sich einen Stift zu organisieren. Aber wir warten gern, schliesslich sitzen wir auf Stühlen und an Tischen und nicht auf dem Boden. Mein French Toast ist gut, der Kaffee auch. Merissa, die wegen OC California (TV-Serie) den Trailnamen ‚Cooper‘ (in der Serie gibt es eine Merissa Cooper) bekommen hat, bestellt sich eine Bloody Mary und beginnt zu erzählen: Mit 19 fuhr ihr hinten jemand aufs Auto und brach sich dabei das Bein. Weil sie aber ein Bier getrunken hatte wurde sie schuldig gesprochen. Mit 21 musste sie ihre Strafe antreten, 5 Jahre. Nach einem Jahr wurde sie entlassen, mit einem Jahr Hausarrest inklusive Fussfessel. Auch dies wird sie hier erneut verarbeiten.

Zurück im Camp – ich denke manchmal der Trail ist wie ein Boot Camp für mich, langsam werde ich aber stärker, gibts ne Dusche, wieder mit Eimer und Schöpfkelle, danach ein Fussbad mit Salz.

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Fußbad in Warner Springs

Dabei komme ich mit Patrick ins Gespräch. Patrick ist aus San Diego, Polizist im Ruhestand, 52! In Deutschland war er schon, in München auf dem Oktoberfest. Man muss Amerikanern immer erklären, dass Deutschland nicht nur Bier und Weisswurst ist. Patrick hat nach seinem Dienst überlegt, was ihn bewegen würde. So ist er auf den PCT gekommen, was seiner Verlobte gar nicht gefiel. Sie hat sich von ihm getrennt. Jetzt badet er neben mir seine wunden Füsse, erzählt von seinem wunden Herzen. Da er aber seine Ex noch liebt, will er nach dem Trail erneut an ihre Tür klopfen. Unterwegs wird er viele Freunde treffen, die in der Nähe des PCT wohnen. In Big Bear wollen diese einen Grillabend organisieren, ich hoffe ich bin zur selben Zeit dort.

Bevor wir losgehen, öffnen wir unser Paket mit Essen. Dies hatten wir uns aus San Diego nach Warner Springs geschickt. Riegel und Cracker verschenke ich, denn nach 9 Tagen auf dem Trail weiß ich, was ich unterwegs mag und was nicht. David aus Vancouver hat von seiner Frau wieder Nüsse geschickt bekommen und verteilt sie gern. Beim Frühstück hat David, der früher in der Chemieindustrie gearbeitet hat, mir stolz von seinen Söhnen erzählt. Der eine ist Arzt, der andere Chemiker.

Gegen 15:30 starten wir, wollen 6 Meilen gehen bis zu einem schönen Spot am Agnes Creek. Wieder sind all die Hiker unterwegs, die sich nun seit fast 9 Tagen kennen, auch Sören aus Schweden geht wieder mit uns. Er erzählt wie nachts auf dem Appalachian Trail, einem anderen grosse Fernwanderweg in den USA, ein Bär an seinem Zelt schnüffelte und das nur 1 cm von seinem Ohr entfernt. Eva und ich erstarren nur beim Zuhören. Sören nahm seinen Kochtopf zu Hand – wofür eigentlich? – da seine Wanderstöcke draussen lagen. Der Bär kratzte an ein paar Bäumen rum und zog weiter. Und Sören schlief weiter. Keine Auge hätte ich zu bekommen.

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Sierra, Sören & Eva am Agnes Creek

Wir sind an diesem späten Nachmittag schnell. Ich kann Eva nur bewundern, ihr Rucksack wiegt nun 16 Kilo, viel Essen trägt sie. Und ist immer noch flott am Berg. Mein Gepäck wiegt nur 11 Kilo, aber ich hab auch wenig Hunger, selbst das Essen strengt mich an. Dabei staune ich stets über mich, wie ich über Bäche klettere, auf nassen Steinen gebückt stehe, um Wasser zu filtern, auf dem Boden sitzend koche und nachts in meinen Schlafsack krauche. Getting strong!

Im Zelt liegend höre ich die jungen Leute noch reden, mittendrin natürlich Eva. Sie hat die beste Story des Tages: Sie hat kurz vor unserem Lager einen Bobcat (Rotluchs) gesehen. Sie wurde erschrocken angestarrt, starrte zurück und weg war das wilde Tier.

Ich schlafe erneut schlecht. Ich muss mir doch was einfallen lassen! Bereits um 4:45 stehe ich auf und koche mir Haferbrei. Gefühlt dauert dies Stunden da ich im Sturm auf der Pioneer Picknick Area meinen Topfdeckel verloren habe. Jetzt verbrauch ich so viel Gas für meinen Kocher – wann ist so ne Kartusche eigentlich alle? Ich schüttle sie immer, wie eine Druckerkartusche im Office, dann kann man immer noch viele Seiten drucken.

Mit Julia und Tabea starte ich 5:45, es geht nur bergan. was mittlerweile leichter geht. Oben sehen wir ein grosses Nebelfeld auf dem hinter uns liegenden Warner Meadow.

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Nebel über dem Warner Meadow

Es wirkt wie wie ein Eissee, wie in der grossen Kampfszene am Ende von KING ARTHUR. Weiter gehts. Mit dem Gesang von Spotttölpeln – Julia pfeift ‚Hanging Tree‘ aus DIE TRIBUTE VON PANEM, doch die blöden Dinger pfeifen die einfache Melodie nicht nach. Hat im Film bei Jennifer Lawrence besser geklappt.

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Morgens mit Julia & Tabea

Julia erzählt, dass sie 12 Jahre Klavierunterricht hatte, mit einem Freund auf Hochzeiten und Beerdigungen spielte. Nach dem Trail will sie Cello lernen. Für sie sind Cello und Klavier die schönsten Instrumente. Eva und Jö überholen uns, dann alle anderen. Wir treffen David und ‚Jolene‘ am Berg. Sie haben weiter oben übernachtet und sind noch leicht durchgefroren. Dann kommt Brooks vorbei. Gestern erzählte er, dass er als Jugendlicher Pfarrer werden möchte, doch mit 18, mit Bier, Partys und Joints verflog der Traum. Er hat sich hier wieder dran erinnert!

Nach 12 Meilen – 19,2 km – in 7 Stunden mit zwei Pausen kommen wir bei Mikes Place an. Mike ist ein Trail Angel und bei ihm gibt’s Wasser, Bier oder Cola für eine kleine Spende. Mike hat zudem eine weitere Überraschung: Für alle Interessierten gibt’s heute Cannabis kostenlos denn heute ist Cannabis-Day in den Staaten. Natürlich kommt das Zeug aus eigenem Anbau. Ich such derweil mal lieber ein stilles Örtchen zwischen den Kiefern.

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Mike’s geheimnisvolle Pflanzen

An diesem Tag verlieren wir ‚Jolene‘, er bleibt bei Mike und seinem Stoff. Mit ihm auch David, er hat mega geschwollene Zehen und kann leider keinen Schritt mehr gehen. Zu Mikes Place führt eine Sandstrasse und seine Frau könnte ihn hier direkt einsacken. Auch Kathy Kate ist weg- sie musste wegen wunder Füsse in Warner Springs bleiben und auf neu bestellte Schuhe warten. In Warner geblieben ist auch ‚Cooper‘, sie wollte noch pausieren. Wir anderen ziehen weiter, froh bin ich nicht drüber, schon wieder so viele Meilen gehen, wir rasen förmlich zum Schnee nach Kennedy Meadow. Klar Mikes Place gefällt mir auch nicht, es ist eine Einöde voll mit alten Gerätschaften, von der ersten Waschmaschine bis zum stillgelegten Wohnwagen. Es steht sogar ein altes Boot auf dem Hof. Ja vor Tausenden von Jahren war hier Wasser.

Ich stapfe hinter allen her- mit Daniel Brauers Musikliste. Sie rockt mit Led Zeppelin, bei Simon & Garfunkels ‚Like a Bridge over troubled Water‘ singe ich laut mit, die Eidechsen verlassen nun noch schneller den Weg. ‚Champaign Supernova‘ – ich würde den Champagner nicht trinken, sondern in Eiskaltem lieber baden. Und ‚When I was young‘ regt noch mehr zum Nachdenken an. Danke Baby!

Als ich 4 Meilen später an unserem Zeltplatz ankomme, spreche ich mit keinem. Wieder 17 Meilen, irgendwie kotzt mich das an. Ich baue mein Zelt fern von den anderen auf, weiter mit Musik im Ohr. Ich koche Kartoffelbrei und zerlege die mitgeschleppte echte Zitrone mit meiner Nagelschere denn oben auf der Ridge habe ich mein Messer verloren. Eva kommt vorbei und wir reden über mein Tief. Sie hätte noch drei Meilen weitergehen können. Da müssen wir wohl eine Lösung finden.

Die Nacht ist der reinste Horror denn meine neue Matte lässt Luft. Ich blase sie drei Mal auf, aber umsonst. Jetzt liege ich mit meinen schmerzenden Knochen auf dem harten Boden, mir laufen die Tränen über die Wangen und in der Ferne heulen Coyoten. Gerädert stehe ich am nächsten Morgen auf, drücke Eva zum Geburstag und sie erzählt mit Tränen in den Augen was für schöne Movies sie als Gratulation bekommen hat. Da hab ich auch gleich wieder Tränen im Gesicht.

Ich gehe allein los und habe nach vier Stunden schon über 9 Meilen geschafft. Dann gehts nur noch bergauf, über 35 Grad und bei der letzten Zisterne ist der Wassereimer zum Schöpfen kaputt. Es sind noch 7 Meilen bis zum Water Tank, wo wir rasten wollen. Nie wieder werde ich einen Abend zuvor aus Faulheit zu wenig Wasser filtern. Völlig fertig komme ich am Wassertank an, die jungen Leute sitzen unter einer Plane und spielen Uno, ich schlafe nach einem Liter Wasser als köstlichstes Getränk im Schatten. Jetzt hab ich wieder einen Kilo verloren.

Da die Gruppe zwar nicht drüber spricht aber spürbar zusammen bleiben will, buche ich über AirBnB ein Haus für 10 Leute in Idyllwild für zwei Nächte. Kostenpunkt für jeden: 64 Dollar. Billiger gehts nicht. Alle freuen sich und das Geburtstagskind holt aus seinem Rucksack eine Flasche Rotwein und vier kleine Flaschen Weisswein heraus. Die Eva! Deswegen war ihr Rucksack so schwer. Wir sagen ‚Legs‘  Hallo – den nennen wir wegen seiner nackten Beine so. Er trägt immer nur einen sehr kurzen USA-Badeschlüpfer und ab und an taucht er bei uns auf, mit Musikbox auf dem Rücken, zusätzlich zum Rucksack – borgt uns seine Box, die Playliste von meinem Sohn für mich wird gefeiert- ‚Country Roads‘ singen alle mit. Es laufen Counting Crows und Macklemore und irgendwas, was Brooks als Texas empfindet. Zum Essen gesellt sich Hunk dazu, auf Mikes Place hat sich der Hiker 14 Tage ‚frei‘ genommen – das Gras muss sehr vielfältig gewesen sein. Hunk hat nur einen Snickers dabei, Eva teilt mit ihm ihre grosse Reisportion.

Ich schlafe wieder schlecht auf dem harten Boden ohne Matte, überall blaue Flecke. Wir starten gegen 7 Uhr, bis zum Paradies Valley Cafe sind es nur 12 km, alle reden unterwegs von Burgern, Kaffee, Omelets! Ich denke wie immer nicht an Essen! Niemals hätte ich gedacht, dass es so anstrengend ist, den Weg zu gehen. Gut ist, dass ich den Rucksack wenigstens nicht merke, wenn ich soviel Essen mithätte wie Theodore, müsste ich den Berg hochkrauchen, denn der Weg macht seinen Namen alle Ehre. Es geht immer hoch und hoch. Theodore heisst eigentlich Fielder und kommt aus L.A. Ich habe den Namen falsch verstanden und ihn Theodore genannt. Er reagiert nun drauf und unterschreibt damit auch im Hikerregister. Er freut sich noch immer über meine Matte, die er in Mt. Laguna aus der Hikerbox fischte!

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Eva, Ben & Theodore

Im Paradies Valley Cafe wird bestellt und bestellt und bestellt, ein betagter Herr mit Stevie-Wonder-Brille spielt E-Piano und singt. Irgendwie ist das Leben gut. Im Register hier – die schlimmen Meilen der letzten Tage sind vergessen – schreibe ich: Love my Life! Wir sind gespannt wen wir in Idyllwild treffen. Danach gehts über – so sagen alle – die ersten richtigen Berge nach Big Bear. Da bin ich erstmal sechs Tage offline!

5 Gedanken zu “KM 176 – 280: Verluste

  1. Hallo Jacqui, Danke für den lebendigen Bericht. Außer dem Schlafen auf Luftmatrazen ohne Luft beneide ich dich um vieles, was du dort erlebst. Once in a lifetime – vergiss dass nie und versuche, es auch zu genießen. Und nun – hopp, hopp – weiter geht’s! Ist ja nicht mehr weit. Lieber Gruß. Hagen

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  2. Hallo Storyteller,
    ja der Trail ist nicht immer ein reines Vergnügen. Besonders die erste Zeit ist hart. Nach ein paar Tagen ist vielleicht die allererste Aufregung, das allererste Hoch verflogen. Die Euphorie lässt nach und der Körper beschwert sich. Das ist ganz normal. Es braucht eine Zeit, bis alles wieder im Gleichgewicht ist. Halte durch!
    Egal, wie anstrengend es jetzt ist, irgendwann ist es vorbei und du sitzt wieder zu Hause auf dem Sofa. Du wirst „vergessen“ haben, wie schmutzig man sein kann, wie unbequem die Nächte sind, wie sehr man stinkt, wie eklig man Erdnüsse findet und wie warm/kalt/nass/trocken es sein kann. Aber du wirst NIE vergessen, was du „zwischenmenschliches“ erlebt hast, wie hilfsbereit andere waren, wie schön eine Dusche sein kann, wie lecker Salat ist oder wie frei und priveligiert du dich fühlen durftest. Du wirst NIE vergessen, wie einfach das Leben eigentlich ist, wie du einen Bären gesehen hast oder wie überwältigend die Natur ist.

    Also halte durch! Es wird wunderbar werden! Und mache einfach einen Schritt nach dem anderen, vielleicht bringt es dich bis ganz nach Kanada!

    Alles Liebe
    Princess

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  3. Jaci..du Teufelsweib….grandios geschrieben..auch mir kullern die Tränchen….du schaffst es…bin jeden Tag gedanklich bei Euch!!! Warte immer sehnsüchtig auf deine neuen Erlebnisse:-))

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  4. Bei den vielen Namen wird einem ganz schwindelig. Hoffe, dass sich Dein Matratzenproblem bald gelöst hat. Denke immer dran „Forester is calling you“. Ich zähle auf Dich.

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