#2019 / Kilometer 7 / Das Beste

Manchmal ähneln die Tage einer Fahrt mit dem ICE. Ich schaue aus dem Fenster, das Draussen schiesst an meinen Augen, am Gehirn vorbei. Nichts bleibt hängen. Stoppt man dies nicht, gleicht ein Tag dem anderen. Wer will das?  Keiner. Aber manchmal merkt man nicht, dass es passiert. Gleichförmigkeit beruhigt. Konformität kann Sicherheit geben. Man stellt das Leben, was man führt ungern in Frage, um eine Sinnkrise zu vermeiden. Vergisst, was man sich mal vorgenommen hat. Verdrängt, wie farbenfroh das gewünschte Leben aussehen könnte. Also zieht man mit vermeintlich ruhigem Gewissen im Alltag los, nimmt ihn, wie er ist. Aufstehen, Arbeit, Auszeit mit Freunden, ab und an. Läuft! Bis eine Nachricht wie ein perfekter Aufschlag in dein Leben knallt.
Dezember 2017. Mein Sohn und seine Freundin Nati haben Hagen und mich eingeladen. Unser Sohn hat Geburtstag. Wir verteilen Geschenke. Und dann werden auch wir beschenkt. Ich bekomme ein Armband mit einem kleinen Anhänger, einem „O“, der Anfangsbuchstabe vom Namen meines Sohnes. Ich amüsiere mich. Da muss mein Sohn erst 29 werden, für ein so nahes Geschenk. Mein Sohn lacht. Das „O“ hat eine andere Bedeutung. Es steht für OMA. Natürlich schiessen mir gleich Tränen in die Augen. Wie? Was? Wirklich? Wann?
Das Ereignis, mal Oma zu werden, war in den letzten Jahren irgendwie nicht in meinem Kopf. Mein Sohn war der Student, der Weltreisende, ein Freund, ein Basketballer, ein junger Mann mit Freundinnen, ein Absolvent, ein Trainee, ein Heimkehrer nach Berlin, ein frisch Verliebter – in Nati. Nun saßen beide vor Hagen und mir. Strahlende Gesichter, gerührt über unsere Tränen, bereit für eine neue Zeit.
Mein Gehirn öffnete längst geschlossene Schubläden. Es war nicht das Schubfach mit den Strickmustern. Es war das Schubfach „1988“. DDR. Studium. Schwanger. Hagens Eltern klatschten Beifall. Meine Mutter verlor ihre Sprache. Mit 19 wurde sie zum ersten Mal Mutter. „Mit 22? Muss das denn sein?“ Danach schwiegen wir ein paar Wochen. Bis ein Brief ins Studentenwohnheim flatterte: Ich freue mich für euch. Gelitten habe ich in den Wochen ohne mütterlichen Zuspruch nicht. So viele Studenten freuten sich mit uns. Noch bevor überhaupt ein Bäuchlein zu sehen war, hatten wir Pateneltern, ein Zimmer auf der Mutter-Kind-Etage, einen Kitaplatz und einen Plan, wie alles weitergeht.

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Nun saßen also „meine verliebten Kinder“ vor mir und ich hörte ihren Plan: Naja, erstmal zusammenziehen. Ich glaube die nächsten Wochen waren für die werdenden Eltern sehr aufregend. Für mich auch.
Wie alles begann, mit meinem Sohn, wurde zum Hier und Jetzt. Immer wieder sprang eine Schublade auf, mit immer wieder anderen Geschichten.
Nur ein großes Eis half bei kleinen und großen Wunden gegen den Tränenfluß meines Sohnes. In der 2. Klasse wurde er auf dem Heimweg von der Schule, Grenze zum Wedding, als OSSI beschimpft, geschubst. Die Brille fiel auf den Boden. Am Ende füllte man sein Basecap mit Sand und setzte es ihm wieder auf. Ich war daheim, als er klingelte und ich ihn schon unten im Hausflur weinen hörte. Er brauchte eine Minute für den Satz: ÜBERALL IST SAND. OK, was möchtest Du? Ein Eis? Fernsehen? F-E-R-N-S-E-H-E-N!
Irgendwann kam er von der Schule nicht nach Hause. Er hatte in der Straßenbahn meine Gitarre vergessen. Aus dem Surflager wollte er heim. Die anderen Kids waren doof. Ich bat ihn, drei Tage durchzuhalten. Das schaffte er und dann war er windschnittig auf dem Wasser und vorn. Vorn war mein Sohn auch, wenn es darum ging, Sachen zu verlieren. Im 1. Schuljahr verlor er in den ersten vier Monaten die Schulfarben, die Federtasche, das Sportzeug, Handschuhe und andere Kleinigkeiten. Egal, was auf dem Geburtstagszettel im Dezember stand, er bekam nur die Sachen, die er verloren hatte. Kein schöner Geburtstag. Aber für uns beide. Nicht das mein Herz leicht war.

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Später als Schwimmer verlor er gern seine Schwimmbrille. Ich erinnere mich an seinen ersten Wettkampf. Beherzt sprang er ins Becken, kraulte. Am Rand spielten Kinder mit einem Golfball, der dann prombt übers Wasser flog und am Kopf meines schwimmenden Sohnes landete. Verwirrt tauchte dieser auf, schwamm dann aber weiter und schlug nicht mit beiden Händen an. Disqualifikation. Nimm es leicht. Mach weiter. Weiter hat er immer gemacht, manches zu leicht genommen. In der Wildnis in Amerika, middle of nowhere, stellte er in schöner Regelmäßigkeit fest, dass wir noch für 30 Meilen Sprit haben und in 50 Meilen erst die nächste Tankstelle kommt.  Atmen! Wie war das mit dem Öl? Wir schafften es immer, irgendwie. Na siehste, sagte mein Sohn stets. Dann ging er zum Studium nach Amerika, nach San Diego. Meist klingelte es vormittags bei mir, bei ihm war es also nachts. Du Mom, wie war nochmal der Pin meiner Kreditkarte? Du, Mom, sie haben im Gym mein IPad aus dem Schrank geklaut. Du, Mom, mein Auto ist weg. (Er fand es zwei Tage später wieder. War wohl eine heftige Party. Er hatte es woanders geparkt.) Egal, ob 3 Jahre alt oder 25, man bleibt Mom und Kümmerer, Angsthase und Vertrauter. Für den Sohn. Jeder Atemzug wurde auch für ihn gemacht. Jedes Erlebnis geteilt. Ein Sein ohne ihn nicht denkbar. Unvergessen meine Tränen, als er in Maastricht den Hut in den Himmel warf. Master geschafft!  Jetzt, wo er erwachsen ist, mag ich es sehr, wenn wir uns in unserer Stadt treffen, gemeinsam essen, reden, lachen, uns beraten und fast nie nerven. Immer wieder halten wir unsere gemeinsamen Reisen, Roadtrips und Städtebesuche hoch. Mit Nati zusammen ist es jetzt noch intensiver und familärer. Nach meiner Wanderung auf dem Pacific Crest Trail sind wir drei für ein paar Tage nach Hiddensee gefahren. Beide bestanden darauf, dass wir alles zusammen machen. Sehr süß, wie ich umsorgt wurde, vom Frühstück bis zum ersten Glas Rotwein bereits am frühen Nachmittag. Ich glaube, so hatte ich es mir immer vorgestellt.
Hatte ich mir vorgestellt, wie es sein wird, Oma zu sein? Auf keinigsten. Darüber habe ich einfach nie nachgedacht. Und nun wuchs wie Natis Bauch meine Aufregung Woche für Woche. Was ich den Kindern aber nicht sagte, sie waren für sich aufgeregt genug.
Dann endlich. August 2018. DER Anruf! Fritz ist da. Alles dran. Und natürlich von Beginn an das schönste Enkelkind. Hagen und ich sind sofort in die Klinik gefahren. Mir verschlägt es fast nie die Sprache. In Krisengebieten rede ich jede Angst weg. Auf dem Trail (PCT) jeden Schmerz. Jede Pause bei unangenehmen Treffen. Aber Fritz und die kleine neue Familie nahmen mir die Worte, ich spürte nur mein heißes Herz. Davor haben Kollegen und Freunde zu mir gesagt, wie toll alles wird und wie sich der Kreis des Lebens nun so schließt. Ich dachte immer, was labern die. Und dann habe ich alles mit einem dicken Rotstift unterstrichen. Meinen Sohn mit seinem Sohn zu sehen, ist jedes Mal für mich ein kleines Wunder. Den kleinen Mann im Arm zu halten, das schönste Gefühl, die beste Aufgabe. Fritz hört seiner Oma gern zu. Wir beide können ewig nebeneinander auf dem Boden liegen und Bücher anschauen. Natürlich ist es zig mal das gleiche Buch, aber es wird nie langweilig, sein „da da“ zu hören. Ich könnte auch stundenlang den jungen Eltern zuschauen und fühle mich dabei selber wieder jung. OK, im Prenzlauer Berg gehe ich schiebend mit Kinderwagen sicher noch als Mama durch. Wenn der Kleine bei mir übernachtet und am nächsten Tag wieder abgeholt wird, fehlt er mir ganz doll. Und natürlich sehe ich auch viel meinen Sohn in Fritz. Ich weiß also, was alles passieren kann. Aber Geburtstagswunschzettel kann ich jetzt voll erfüllen. Das macht man so aus der 2. Reihe.

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Fritz und ich

Oma zu sein, ist das Beste. Wenn die Eltern sagen, der Fritz schläft fein in seinem Bett, nicke ich. Wenn ich ihn habe und er schaut mich mit großen Augen an und ein dicke Träne löst sich, ist ganz klar: Eltern können erziehen, Oma nicht. Also wird Fritz sofort in den Arm genommen. Fritz, versprochen! Es wird viele Schlafanzug-Wochenenden geben, Frühstück im Bett, wenig Regeln, nur unsere Rituale.
Gut, dass ich früher nicht darüber nachgedacht habe, wie es sein wird, Oma zu sein. Ich hätte es mir nicht so schön erträumen können. Der Alltag ist anders geworden. Man arbeitet, man ist weiter Mom und Freundin, aber man ist nun auch Oma. Es geht kaum besser. Der ICE ist zum Bummelzug geworden. Und fährt durch unvergesslich schöne Landschaften.

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