Wenn die Zeit stehenbleibt oder wie ich auf den Kilimanjaro stieg (Teil 5)

Stefania hat mir geschrieben. Mit ihr war ich mehr als 100 Tage auf dem Pacific Crest Trail 2017 unterwegs. In ein paar Wochen will sie auch nach Tansania, zum Kilimanjaro. Schade, dass wir hier jetzt nicht zusammen gehen. So manche Nacht hat sie in meinem Zelt geschlafen. Ihre Behausung war windanfällig und ließ den Regen gern rein. Früh war sie immer die erste. Ihr Kocher ging schon morgens um 4 Uhr an. Weil sie fror. Ich schreibe ihr, dass sie wärmere Sachen benötigt und auf jeden Fall einen dicken Schlafsack. Vielleicht schicke ich ihr meinen nach London, wo sie bei Amazon arbeitet. Sie freut sich über meine Zeilen und versucht sich mit meinem Vorschlag anzufreunden, gemeinsam im September über die Alpen zu gehen.

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Jetzt aber ruft erst mal der Kili, der Kibo, der Uhuru Peak – wie auch immer wir das Abenteuer nun nennen, es geht nach oben, bis fast auf 6000 Metern.  Und dass noch vor Mitternacht. Der Mond hat die Beleuchtung unseres Schlafplatzes übernommen. Als ich nach draussen krabble, sehe ich jedes Zelt, ein paar Wanderer mit Kopflampen, Koch und Helfer, die Tee und Snacks in unser Aufenthaltszelt bringen. Wir rücken noch enger zusammen, Aufregung ist zu spüren, alle sind am Start. Ich schaue Janne an, sie kann sich kaum bewegen. Wieviel hast du denn an? Janne zählt auf: Hemd, Longsleeve, zwei Fleecejacken, die Skijacke. Ich weiß, dass viele hier um mich herum finden, dass ich immer zu dünn angezogen bin. Kann sein, jeder friert anders oder friert nicht. Aber für einen Aufstieg sich so anzuziehen, heißt, beim Aufstieg zu schwitzen, bei Pausen im Wind zu frieren. Nach ein paar Minuten sieht Janne wieder etwas „dünner“ aus. Wir trinken Tee und bekommen für den Tag ein Lunchpaket, warmes Essen gibt es erst nach dem Gipfel.

Gegen Mitternacht gehen wir los. Schwarze Gestalten am Berg. Im Schneckentempo. Unsere Kopflichter tanzen zwischen uns wie Glühwürmchen, die eine Party feiern. Vom School Hut geht es zwischen großen Steinen nach oben. Unsere Schrittlänge entspricht unserer Schuhgröße. Alle 30 Minuten machen wir für 5 Minuten Pause. Ich trinke etwas, nehme eine Handvoll Nüsse. Man startet so früh, um nach dem Gipfel noch am selben Tag das nächste Camp zu erreichen. Außerdem ist die vulkanische Erde noch gefroren, so läuft es sich abwärts besser.

Weiter geht es, immer tief atmend. Ich habe das Gefühl, jemand sitzt auf meiner Schulter und will mit. Auch wenn jetzt eine Tartanbahn vor mir liegen würde, ich könnte gar nicht sprinten. Die dünne Luft zwingt mich nicht in die Knie, aber zur Besonnenheit und Schritten in Slomotion. Langsam frieren Hände und Gesicht ein. Ansonsten friere ich nicht. In den Pausen stehen ein paar Wanderer mit dicken Schweißperlen auf der Stirn neben mir. Eva und David und Claus führen die Gruppe an. Claus will irgendwann mal auf den Mt. Everest, ganz klar, dass er vorn mitmischt. Und Eva denkt sicher schon an ihren nächsten Megamarsch. An solchen Wettbewerben nimmt sie ständig teil. 100 Kilometer in weniger als 24 Stunden. Zum letzten Mal war sie auf Sylt. Ich bin sehr bei mir und kämpfe. Dann bleiben Ellen und Erwin zurück, auch Erich und Dieter. Auch Janne und Raluca tun sich schwer, ich versuche die Mädels zu motivieren, was mich von eigener harter Körperarbeit ablenkt. Bei einer weiteren kurzen Pause lasse ich meine dicken Handschuhe liegen. Mist, jetzt habe ich nur noch dünne Handschuhe. Und von Minute zu Minute wird es kälter. Der Mond verschwindet, Wolken ziehen auf, der erste Schnee fällt, noch mehr Wind gesellt sich zu uns.  Und noch immer ist es dunkel.

Ohne Sonnenlicht laufen, mochte ich noch nie. Wir müssen hier unseren Bergführern Augustino und Richard vertrauen. Und sie müssen uns vertrauen. Wie wir uns sehen, uns einschätzen, uns wirklich fühlen. Mit jedem Meter wächst die Gefahr, trotz guter Anpassung, doch noch höhenkrank zu werden. Schritte müssen vorsichtig gesetzt werden. Zwar kann man hier nicht vom Berg fallen und in die Tiefe stürzen, aber auch hier kann man sich verletzen.

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Manfred bleibt an einem Stein hängen und schlägt sich die Stirn auf. Unser Mit-Wanderer muss absteigen. Weitere Wanderer unserer bunten Truppe fallen zurück. Jeder kämpft auf seine Art. Mit hilft gerade jetzt der PCT, meine Wanderung auf dem Gipfelweg. Durchhalten. Sich vertrauen. Zu wissen, was es heißt, am Limit zu sein. Ich rede mit mir: Hab dich nicht so, du hattest es schon schlimmer auf dem Trail. Dies ist doch kein Schmerz, keine Wunde. Ja, es ist kalt, aber du wirst nicht erfrieren. Tanja Blixen erzählt in „Jenseits von Afrika“: „Wenn die alten Kartographen ans Ende der Welt kamen, pflegten sie zu sagen, dahinter werden Drachen sein.“ Und dann reisten sie weiter, mutig ins Ungewisse.

Ich denke an Eva und David und Claus, die vor mir sind. Und Dieter, der wird in diesem Jahr noch 60, der Aufstieg ist sein Geburtstagsgeschenk. Ganz ohne Ehefrau, die hält nix vom Wandern, aber lässt Dieter ziehen, weil sie weiß, was ihn glücklich macht. Dieter würde gern mit seiner Frau in einem Wohnmobil durch Kanada reisen. Aber er muß daheim noch Überzeugungsarbeit leisten. Die Träume, die Vorhaben und Wünsche der Anderen, richten mich auf.

Dann wird es langsam hell, 7 Stunden sind vergangen und ich stehe am Gilmańs Point, auf 5685 Metern. Erreicht man diesen Punkt, gilt der Kili als bezwungen, aber man kann noch höher steigen. Als ich ankomme, sind fünf Wanderer meiner Gruppe schon weiter gezogen, mit Augustino. Sein Stellvertreter, Filbert, steht neben mir: Moving on! Ich ziehe meine pinke PCT-Mütze noch tiefer in die Stirn, nehme Kopfhörer und Iphone, starte meine PCT-Musik-Liste und gehe weiter. Noch langsamer, noch vorsichtiger, jetzt dann doch frierend. Meine Hände spüre ich nicht mehr. Klar, die dicken Handschuhe habe ich ja auch verloren. Die Musik hilft. Jeder Song ruft eine andere Erinnerung hervor: Ein Pass, ein Abend in einer Bar mit Freibier, mein Gefühl, als ich oben über der Welt auf dem Mt. Whitney stand. Es schneit. Der Weg am Krater entlang ist schmal, ich verletze mich an einem Felsen, was ich aber nicht merke. Blut im Gesicht. Ein Hiker, der mir entgegenkommt, fragt, ob ich Nasenbluten habe. Erst da entdecke ich Risse in Handschuh und Finger. Dann sehe ich Manuel, er ist totenblass, atmet schwer und schwankt. Augustino schickt ihn zurück. Erbrechen zu müssen, ist noch kein Grund, abzubrechen. Aber wenn vor den Augen schwarze Punkte tanzen und man das Gleichgewicht verliert, sind das Anzeichen für eine Erkrankung an Höhe. Man muss zurück, um sich zu retten. Schon ein paar Meter weiter unten geht es gleich besser. Fast wie bei Seekrankheit, kaum hat man wieder festen Boden unter den Füssen, kann man essen.

Für die letzten 200 Höhenmetern brauche ich eine Stunde. Dann bin ich oben. Auf knapp 6000 Metern. Dick verpackt im eiskalten Wind. Mit Schnee im Gesicht und gefrorenen Haaren. Glücklich. Für einen kurzen Moment passiert alles in Zeitlupe. Um DIESEN Augenblick zu konservieren. Claus, David, Dieter, Johanna, Eva und ich drücken uns. Wir haben es geschafft. Wir stehen auf dem höchsten Punkt Afrikas. Ein Berg der berühmten 7 Summits. Harken. Bäm!oben uhuru_LI

Dann mache ich mich sofort auf den Weg nach unten. Es ist kalt, die Aussicht ist schlecht und es ist noch weit bis zum Camp. Natürlich wird der Schnee zu Regen.

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Da hält dann irgendwann die beste Regenjacke der Welt nicht mehr. Ich werde flüssig, weiche auf und bin allein. Irgendwie ist mir meine Truppe abhanden gekommen, samt Filbert. Da es nur einen Weg gibt, ein ausgewaschenes Flußbett, gehe ich diesen. Gut zu wissen, daß in solcher Höhe wilde Tiere sich nicht wohl fühlen und an Nahrung sie nur verrückte Wanderer wie mich finden würden. 9 Stunden später, es wird schon fast dunkel, steht plötzlich Fabo vor mir. Unser Zeltjunge. Er hebt die Hände, macht eine ratlose Geste: Where are you? Ich bin so froh, ihn zu sehen. Er hat gemerkt, daß ich fehle. Noch eine Stunde gehen wir gemeinsam. Es hört auf zu regnen. Dann endlich sehe ich das Camp, unsere Zelte. Einer meiner längsten Tage überhaupt auf einem Trail liegt hinter mir. 17 Stunden war ich unterwegs. Jetzt zählen nur noch trockene Sachen, eine heiße Suppe, mein warmer Schlafsack. Und eine Riesentablette von Eva. Was immer auch drin ist, ich schlafe wie ein Murmeltier, tief und fest. Ein traumloser Winterschlaf nach meiner erfolgreichen Besteigung. (Fortsetzung folgt)

 

2 Gedanken zu “Wenn die Zeit stehenbleibt oder wie ich auf den Kilimanjaro stieg (Teil 5)

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