#2019/ Kilometer 3 /Kein Empfang oder wie ich auf den Kilimanjaro stieg (Teil 2)

Bis zum Löwen-Camp – Sekimba-Camp – laufen wir nur drei Stunden, ungefähr 8 Kilometer. Es geht langsam bergauf, erst durch Anbauflächen, dann folgen Pinienwälder. Mit jedem Schritt mehr spüre ich die Steigerung persönlichen Wohlbefindens. Nur gehen. Keine Sitzung. Keine Emails. Kein Empfang. Unsere Gruppe windet sich wie eine Schlange nach oben. Ab und an müssen wir Platz machen, unser tansanisches Team überholt uns. Gepäck auf dem Rücken, auf dem Kopf, in den Händen haltend – und es ist schnell.

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In Reih und Glied, rechts Augustino

Ein Ast fällt mir auf den Kopf, wir gehen unter Bäumen, etwas bewegt sich in den Kronen. Affen. Ich wurde also beschossen. Ab und an bleiben wir stehen, trinken Wasser. Eva erzählt von ihrer Wanderung zum Gipfel des Damawand, dem höchsten Berg Irans, knapp über 5600 Meter. Schafft sie es auf den höchsten Punkt des Kili, hat sie einen neuen Höhenrekord auf ihrer Liste stehen. Sie erzählt, dass sie demnächst den Elbrus begehen möchte. Nichts für mich, für seine Besteigung muss man mit Steigeisen gehen. Sie will das machen, was Neues probieren. Viele aus unserer Gruppe sind Wegelagerer in der Natur, oft unterwegs, mutig, abenteuerlustig, den Alltag aus einer freien Situation beobachtend.  Die Gruppe geht fast schon gleichmäßig. Ich falle ein wenig auf, ich trage kurze Hosen und meine Trailrunner.

Am frühen Nachmittag erreichen wir das Löwen-Camp. Eva und ich suchen uns ein Zelt aus. Es trägt die Nummer 11. Das wird ab jetzt immer unser Zelt sein. Wir richten uns ein. Manche Handgriffe lassen mich den PCT spüren, als hätte ich erst gestern meinen Schlafsack ausgerollt, entschieden, wo was liegt im Zelt, die Lampe für die Nacht bereitgelegt. Obwohl ich meine nicht benutzen werde. Eva hat eine sehr große und sehr helle Zeltlampe dabei.

Es ist noch warm, noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang. Im schönsten Licht stellt sich nun die Crew vor, singend und mit Namen. Einer sagt Manfred, einer Albert Einstein – da lachen alle, der Gag scheint immer zu funktionieren.  Dann gibt es Tee, Popcorn und Kekse. Es ist 5 Uhr. So muss es auf den Safaris von Tanja Blixen gewesen sein, wenn Farah ihr und ihrem englischen Freund  Dennis Tee reichte, egal ob auf der Farm oder eben auf Safari, die Etikette wurde bewahrt. Wir waschen uns wenigstens die Hände, sitzen wieder auf unseren Zwergenstühlen und stellen uns mehr und mehr auf unser Abenteuer ein. Mit Erfahrungsaustausch und noch nachhängenden Geschichten aus dem Alltag.  Vor unseren Zelten breitet sich weit unten die afrikanische Savanne aus.

Im Camp steht eine Hütte für die Ranger des Nationalparks. Sie achten darauf, dass die Wanderer hier keine Plastiktüten bei sich tragen oder Colabüchsen. Vielleicht verjagen sie auch nachts die Löwen. Die Station hat eine schöne Terrasse, hier sitzen auch andere Wanderer – neben unseren Zelten haben sich zwei weitere Truppen aufgebaut, die Teilnehmer kommen aus Japan, Belgien und Holland. Ich wundere mich ein wenig, wie viele dann doch hier auf der Rongai-Route sind. Unser Bergführer Richard erzählt, dass mehr und mehr hierher geschickt werden, da die Hauptroute so überfüllt ist. Wandern ist beliebt, wird immer beliebter. 2017 Trendsportart Nr. 1 in Deutschland – man kann halt immer und überall losgehen. Neu ist das Wandern nicht, schließlich wandert der Mensch bereits seit etwa 2 Millionen Jahren umher, auf der Suche nach etwas Essbarem. Ok heute ist es eher die heiß ersehnte Almhütte, in der Kaiserschmarrn oder Weißbier auf den Wanderer warten. Ich freu mich immer mehr über Geschichten mit den dazu passenden Menschen, die mir über den Weg laufen. Was ich nicht wußte, als ich das erste Mal so richtig losgelaufen bin.

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Unterwegs mit der bunten Truppe, auf dem Kopf mein PCT-Tuch

Am Rangerhaus unterhalte ich mich mit Ward, er kommt aus Brüssel, ist 27 und will in 10 Jahren den Mt. Everest geschafft haben. Ganz nach oben, da gehört der Kibo, wie man den höchsten Peak des Kilimanjaro auch nennt, als Etappe dazu. Ich will wissen, warum Ward nach ganz oben will. Wie viele Bergsteiger hat er nur eine Antwort, weil er es kann und der Berg da ist. Ich treffe Ward zwei Tage später wieder. Da erzählt er mir, dass sein Opa Piet am Mt. Everest verunglückt ist. Es gibt immer einen Grund hinter der Entscheidung. Manchmal kennt man ihn nicht. Manchmal verdrängt man ihn.

Kurz nach Anbruch der Dunkelheit gibt es Abendbrot. Der Koch verteilt sein Essen auf unsere Teller und bleibt dann mit uns im Zelt, speist mit uns. Wir erzählen uns Geschichten, man könnte sie in die Rubrik Abenteuer stecken. So ist es immer wenn Wanderer zusammen sind. In der Familie sind es „Weisst Du noch“ – Geschichten. Bei uns Erlebtes im Grenzbereich. Manuel erzählt, wie er mit Verdacht auf Dengue Fieber in einem Krankenhaus in Thailand landet und als Schwestern verkleidete Prostituierte für ein Kleingeld Happy Endings im Programm haben. Dieter zeigt uns, dass er bei seiner Reise mit einem Hundeeschlitten durch Schweden eine Fingerkuppe verlor. Es war einfach zu kalt. Da wir in Afrika sind, erzähle ich von Dyer Island, wo man weiße Haie beobachten kann. Dyer Island gehört zu Walker Bay (Südafrika). Manchmal springen hier Einheimische ins Meer, schwimmen wegen seltener Muscheln zur Insel. Doch nicht alle schaffen es, die Haie sind schneller.

Ich trinke zu viel Tee, ich muss nachts raus, obwohl wir wegen der Löwen dies nicht tun sollen. Aber das ist wie mit den Haien – es muss ja nicht mich treffen. Die erste Nacht in  der afrikanischen Wildnis ist unruhig. Eva wälzt sich hin und her, ihre Matte ist zu dünn. Und mitten in der Nacht fangen Nachbarn an zu schwatzen. So genau wissen wir nicht, wer es ist. Fakt ist aber, sie haben vergessen, wie dünn Zeltwände sind. Ich auch. Zum Einschlafen hatte ich Eva eine Geschichte von der Eiger Nordwand vorgelesen, Nachbarn hörten mit – und freuen sich auf eine weitere in der nächsten Nacht, wie ich erfahre.

Tag 4. Es ist 6 Uhr. Jemand zieht unser Zelt auf: Jambo Jambo, Tea or Coffee? Na da soll doch mal einer sagen, dass sind keine fünf Sterne. Der Tag kann beginnen. Heute geht es vom Sekimba Camp zum Kikelewa Camp, auf über 3600 Meter. Über 1000 Höhenmeter müssen überwunden werden, ein steiler Tagesabschnitt, der durch eine einzigartige Moor- und Heidelandschaft führt. Man sieht immer wieder auf den Kibo und seine östlichen Eisfelder. Bergführer Richard sagt, letzte Nacht hatte es Neuschnee oben. Am Gipfeltag werden wir über Schnee gehen. Dies ist ja nicht so meins.

Auf dem Pacific Crest Trail war ich 2017 in einem Schneejahr unterwegs. Ich ließ die High Sierra im Mai aus, machte im Norden Kaliforniens weiter, leider auch im Schnee, irrte drei Tage im Lassen Volcanic National Park herum. Später dann im Juli in der High Sierra traf ich auch immer wieder auf Schneefelder, zog meine Microspikes an, rutschte, stürzte, aber am Ende schaffte ich alles – sogar Mt. Whintey. Auf 4400 Meter blickte ich über die Welt.

Heute blicken wir bis Kenia, bis zum Amboseli National Park, so hoch sind wir schon. Kurz bevor wir starten, verletze ich meinen linken Arm an einen scharfen Ast. Der Unterarm schwillt an, ich versuche den Schmerz, nicht zu beachten. Außerdem hat unser Chief Guide schon zum Aufbruch gerufen, so gehts also los, natürlich in kurzen Hosen, weit und breit als einzige nackte Beine. Doch 10 Minuten später ist die Sonne wieder eine Heizung, viele andere ziehen sich aus.

Langsam gehts nach oben. Das Erfolgsrezept. Wenn in der Höhe wir einen guten Ruhepuls haben, den Berg weiter besteigen können, in Ruhe und unter Belastung vertieft atmen können und etwas mehr als sonst urinieren, dann haben wir akklimatisiert. Was wichtig ist, wir wollen nicht höhenkrank werden. Mit jedem Schritt versucht unser Körper mit der „verdünnten“ Luft klar zu kommen. Frauenärztin Eva hat ein Meßgerät mit. In der Mittagspause messen wir Ruhepuls und Sauerstoffgehaltes des Blutes. Sie ist fitter als ich, aber ich bin nicht tot.

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Mittagspause, die Küchenzelte stehen

Auf unserem Trip sieht eine Mittagspause wie folgt aus: Der Toilettenmann hat seine beiden Toiletten aufgebaut. Funktioniert wie ein Klo in einem Campingwagen. Die Toiletten werden Rakete genannt – sie grün und spitz. Die Zeltjungen haben das Küchenzelt hergerichtet, Wasser vom Fluss köchelt in großen Töpfen, Gemüse wird geschnippelt, Reis ins kochende Wasser geschüttet. Ein Küchenhelfer viertelt Mangos, einer grillt Toast. Auf dem PCT hatte ich mehr oder weniger jeden Mittag zwei Tüten Ramen, manchmal mit Ketchup verfeinert. Aber da musste ich ja auch alles allein schleppen. Wir essen, wir schweigen, wir sonnen uns. Sonnencreme geht reihum, Lippenbalsam. Zwei Tage auf dem Weg nach oben und unsere Handgriffe sitzen blind. Beim Gehen reicht man sich gegenseitig das Wasser aus dem Rucksack, teilt Nüsse oder Riegel, weist auf Pflanzen, gute Blicke und Sichten hin. Und immer wieder geht der Blick nach oben. Auf fast 6 000 Meter. (Fortsetzung folgt)

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Toilette am Berg

 

 

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