#2019 / Kilometer 2 / Betreutes Wohnen – oder wie ich auf den Kilimanjaro stieg (Teil 1)

Tanja Blixen erzählt über ihren Liebhaber Dennis Finch Hatton in „Jenseits von Afrika“: „Er nahm sogar das Grammophon mit auf Safari, drei Gewehre, Proviant für einen Monat und Mozart.“ Auf meiner Wanderung zum höchten Punkt des Kilimanjaros mußte ich an diese Worte denken. Ein Grammophon hatte ich nicht im Gepäck, aber viel hätte nicht gefehlt … Aber ich greife vor in meiner Geschichte, daß hätte Tanja nicht gefallen. Also lege ich Mozart im kalten Deutschland auf und denke an meine Reise vor ein paar Wochen.

Wie immer beginnt so eine Reise mit einem ersten schönen Teil – den Vorbereitungen. Mein Anbieter, die Bergschule Oberallgäu, schickt Mails mit sehr vielen Informationen. So auch zur Ausrüstung: mein Lieblingsthema. Beispiel BC-Schuhwerk. Ich wollte eigentlich nicht durch den Eisfall auf den Mt. Everest. Es soll ja Leute geben, die in Badelatschen am Kili wandern. Mein wie immer gut aussehender Fachverkäufer im AUSSTEIGER im Prenzlauer Berg lässt mein PCT-Schuhwerk durchgehen. Also einfach Trailrunner, am Gipfeltag würde mein AB-Schuhwerk reichen. Aber es wird dann doch ein neuer Schlafsack, Komfortzone minus 9. Hin und her hatte ich überlegt, an schlaflose, kalte Nächte auf dem PCT gedacht – und wir sprechen hier nicht von minus 10 in der Nacht – und zugeschlagen. Ansonsten landen meine alten Trailsachen im Rucksack, wie herrlich. Die Bergschule bucht die Flugticketts – mit 2 mal 23 Kilo Gepäck. Ich habe 12, kein Zelt, kein Kochgeschirr. Was um Himmels Willen soll ich noch einpacken? Klamotten für die Safari nach dem Wandern. Ok, kein Abendkleid, kein Make up. Ich bleib bei meinen 12 Kilo, minimalistisch, light, ausreichend.

Dann treffe ich in Frankfurt/Main zum ersten Mal auf die Wandergruppe – insgesamt 16 Frauen und Männer, die auf den Kili wollen, im Alter von 29 bis 74. Manchmal beschreibt man Gruppen als bunter Haufen. Wenn man darunter versteht, woher die Leute kommen, was sie im Alltag machen und warum sie in ihrer Freizeit auf einen Berg wollen, dann stimmt die Beschreibung. Von der Frauenärztin bis zum Bauingenieur. Von der Pharmazeutin bis zum Kaufmann. Von Cottbus bis München. Ost und West. Von Dieter bis Ernst. Von Traumerfüllung bis zu einer weiteren Etappe auf dem Weg zum Mt. Everest.

Der bunte Haufen landet im Flieger in den gleichen Sitzreihen, was gut ist, man fremdelt bereits weniger bei der Einreise.

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Auf gehts nach oben!

Kenia. Nairobi. So riecht Afrika, ich vergesse es immer wieder. Und dann ist der leichte beissende Feuergeruch in der Nase. Das nächtliche Nairobi sieht aus wie eine moderne Stadt. Beleuchtete Hochäuser, Parks mit Licht, Werbeschilder bekannter Fast-Food-Ketten. Auch nach Mitternacht noch viel Verkehr. Unsere drei Jeeps sind voll gepackt mit zig Koffern, ich habe Angst oben außen sitzen zu müssen. Es gibt Wanderer, die mit großem Gepäck reisen.

Das Zimmerroulette bringt mich mit Eva zusammen. Für mich ein gutes Omen. Meine Freundin Eva half mir auf dem PCT während der ersten Wochen, nun habe ich wieder eine Eva an meiner Seite. Wir teilen uns das Zimmer, ich lese, Eva kocht Kaffee und isst Reischips, nachts um 1. Sie ist gertenschlank und fit und wird einen Tag später 50 werden. Sie könnte auch drei Tafeln Schokolade essen. Am Frühstücksbüffet schaufelt sie Essen für drei auf ihren Teller.

Wir verlassen Kenias Hauptstadt früh, wollen heute noch Richtung Berg, an die Grenze zu Tansania. Ich mag das langsame Rollen über afrikanische Straßen, es geht nie schnell, den Temperaturen angepaßt. Es kann nicht schnell gehen, die Straßen sind verstopft, mit alten Autos oder Verkäufern, die Zwiebeln und Tomaten ins Auto halten oder irgendwelche Kabel. Wir können nicht erkennen, was das ist. Manuel aus München vermutet Starterkabel. Passt zum desolaten Zustand vieler Wagen.

Als ich das erste Mal in Tansania war, bin ich mit einem Kamerateam unterwegs nach Mtwara. Drei Mal platzt ein Reifen, es ist immer der selbe. Der Fahrer stellt sich winkend an den Straßenrand, lässt sich ins nächste Dorf fahren. Dort wird der Reifen kurz heiss gemacht, die kaputte Stelle zusammengepresst und zurück geht’s zu uns zum Jeep. Irgendwann wird es dann langsam dunkel und auf einer ziemlich einsamen Straße steigt mein Respekt vor der „dunkel lockenden Welt“, wie Tanja Blixen ihr Afrika nannte. Ich sende unsere Koordinaten ins Office nach Berlin. Unser Aufnahmeleiter schickt ein Taxi. In der Nacht passieren wir zwei Schranken mit jungen Menschen, die alte Gewehre tragen. Ich bin ziemlich froh als wir heil im Kloster, wo wir die nächsten Tage ein Porträt über eine Nonne drehen wollen, ankommen.

Tag 2 – wir sind in der A Lodge. Nicht weit vom Amboseli National Park entfernt. Noch haben wir ein richtiges Bett, Essen auf Porzellantellern, kaltes Bier. Und die Wandergruppe lernt sich näher kennen. Vorstellungsrunde – ist ein wenig wie im Ferienlager, aber macht Sinn. Unser Bergführer Richard beginnt. Er war schon oft oben am Kili, aber auch auf anderen Bergen. Man kann Richard als Bergführer buchen, er ist in der Einsamkeit ein wirklich freier Mann. Wenn es mal nichts zu besteigen gibt, arbeitet er auf dem Flughafen in München.

Wieder mal staune ich über die Alltagsfluchten meiner Mitwanderer, von Alpenüberquerungen bis zu Reisen auf dem Hundeschlitten quer durchs eiskalte Schweden. Erst seit dem PCT lerne ich Leute kennen, für die Erholung nicht nur das gute Buch und ein Cocktail am Strand sind. Als ich meinen Freunden erzählte, daß ich ein halbes Jahr wandern gehen möchte, an einem Ort, wo es keine Campingplätze gibt und Schwarzbären wohnen, glaubten sie ich berichte von einer neuen zu produzierenden TV-Doku. Mich als Hauptprotagonisten konnte sich keiner vorstellen. Und jetzt treffe ich wieder Menschen, die ihr Erspartes auf den Tisch hauen, den Rucksack packen und losziehen. Wie spannend.

Natürlich auch lustig – eingie können sich noch nicht vorstellen, den Busch die nächste Tage als Toilette nutzen zu müssen, sich nicht waschen zu können. Sabine fragt sich, wie sie mit 30 Liter Gepäck auskommen soll, sie hat u.a. für jeden Tag ein neues Shirt mit, zum Wandern.

Wir 16 werden den höchsten Berg Afrikas von Kenia aus auf der Nordroute, der Rongai-Route, besteigen und wenn es klappt ihn überschreiten, dann auf der Südroute, der Marangu-Route nach Tanzania abgehen. Die Süroute ist wie NoBo gehen auf dem PCT – dies machen die meisten. Man nennt diese Route auch Coca Cola – Route, man geht von Hütte zu Hütte, wird entsprechend versorgt. Auf unserer Route gibt es keine Hütten, wir werden im Zelt schlafen. Besteigt man vom Norden den Kili sieht man diesen mehr oder weniger jeden Tag – das Ziel liegt frei vor Augen.

Tag 3. Wir haben unser Gepäck gesplittet in Wandersachen und Nicht-Wandersachen, denn jetzt geht’s endlich zum Aufstieg. Ab in unsere Jeeps und los. Jetzt nach der kleinen Regenzeit ist es überall grün, die erste Bananen werden geerntet, am Straßenrund sehen wir einen Avocadoberg neben dem anderen. Kurz vor der Grenze der letzte Frisör: Every Day is great Hair Day. Wir erwischen einen guten Tag – nur unsere drei Jeeps passieren den einfachen Schlagbaum. Gleich daneben steht ein Zelt, hier müssen wir unseren Impfausweis vorzeigen. Für Einreisende aus einem Gelbfieberland ist diese Impfung Pflicht. Der kleine Kontrolleur schaut durch seine kleine Brille kritisch ins gelbe Buch und dann nochmal kritisch über den Brillenrand in unsere Gesichter. Nicht mit allen Einträgen ist er einverstanden, entweder stehen sie auf der falschen Seite, oder er kann das Datum nicht lesen. Natürlich kann man das Problem schnell beheben – man zahlt 50 Euro. Man ist danach nicht geimpft, aber man kann durch. Silent Money. Hab ich bei meinen Einreisen hier öfter erlebt – wir standen fast immer ohne unsere Technik in der Ankunftshalle. Wenn wir über Silent Money sprachen, bekamen Beamte 500 Dollar und wir unsere Technik. Ich habe mir dann immer selbst eine Quittung geschrieben, schließlich musste ich ja daheim im Office erklären, wo das Handgeld geblieben ist.

Gegen Mittag sind wir im Nationalpark und lernen unsere Crew kennen. Um 16 deutsche Wanderer werden sich die nächste Tage 47 tansanische Bergführer, Köche, Zeltbauer und Träger kümmern. 47! Ich kann es kaum fassen. Aber dann sehe ich das Gepäck – jeder Träger darf neben seinem Gepäck nur 15 bis höchstens 18 Kilo extra tragen. Und wir alle wollen am Berg essen und schlafen. Wir besteigen den Kili in kürzester Zeit, jedes fehlende Gramm auf dem Rücken hilft, jede Mahlzeit schenkt Kraft, jeder heiße Schluck Tee Freude und eine gute Nacht in einem sicheren Zelt Balsam. All das ein Rezept für eine erfolgreiche Besteigung. Die meisten unserer tansanischen Crew sind im normalen Leben Bauern oder Tierhalter, einer kocht in einer Schule, einer ist Fahrer für eine deutsche Mission. Regnet es nicht, steigen sie für drei Dollar am Tag auf den Kili. Bergführer und Köche bekommen etwas mehr. Chief Guide ist Augustino. Hier ist er bekannt wie ein bunter Hund. Unterwegs werde ich öfter gefragt, wer mein Chief Guide ist, mit Augustino haben wir einen erfahrenen. Er hat selbst vor 15 Jahren als einfacher Träger angefangen.

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Wie die sieben Zwerge

Bevor es losgeht, essen wir alle zusammen – es ist ein wenig wie bei Schneewittchen. Wir sitzen auf kleinen Stühlchen an kleinen Tischen, die Tellerchen stehen schon bereit und dann kommt der Koch und füllt auf – Reis mit Salat und Huhn und Gemüse. Und ab jetzt immer schwarzen Tee so viel man will.

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Dann starten wir – jeder trägt nur seinen Tagesrucksack, mit Regenzeug und Wasser. Jedenfalls ich. Andere vor mir laufende Rucksäcke sehen praller aus.

Es geht von 2300 auf 2800 Meter – zum Simba-Camp. Man hat in dieser Höhe schon Löwen gesichtet, deshalb der Name und deshalb die Ermahnung, nachts nicht das Zelt zu verlassen. Ich weiß schon jetzt, ich werde die ganze Nacht auf Toilette müssen. (Fortsetzung folgt)

Ein Gedanke zu “#2019 / Kilometer 2 / Betreutes Wohnen – oder wie ich auf den Kilimanjaro stieg (Teil 1)

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