Tag 112 – Tag 115 / KM 2535 – 2700 KM / Was wirklich zählt

Letztes Jahr war mein Sohn mit seiner Freundin Nati im Herbst im Yosemite National Park. Sie waren eine Nacht im berühmten Hotel WAWONA. Ich liebe den Ort, ich war dort im Januar 2009 mit meinem Sohn, wusste nichts vom PCT und hatte nachts Angst, dass Bären unser Essen klauen. Meine beiden Lieben waren auch in South Lake Tahoe, weil ein guter Studienfreund meines Sohnes aus seiner Zeit an der UCSD dort Hochzeit hielt. Typisch amerikanisch, weisse Stühle auf grünem Rasen, das Brautpaar unter einem Blumenbogen, gedeckte Tische, viele Reden, Tanz. Danach fuhren die beiden deutschen Gäste nach San Diego, mehr oder weniger entlang des PCT. An vier Stellen wanderten Ole und seine Freundin auf dem PCT und hinterliessen Päckchen für mich! Zu Weihnachten bekam ich neben dieser Website ein Buch geschenkt, mit allen Daten und Fotos, um meine Geschenke auf dem Trail zu finden.

Das erste Paket fand ich gemeinsam mit Eva in der Nähe des Silverwood Lake, noch vor Kennedy Meadow. Dann beschloss ich zu flipfloppen – nach Bucks Lake. Und mein Sohn schrieb: Und die Päckchen? Ich antwortete, dass ich diese dann im Juli hole. Gleichzeitig dachte ich aber auch an den Schnee, die vielen Fluten, an gestürzte Bäume.

Tag 112, das Paket 2 müsste ca. 40 Meilen entfernt von mir liegen. Wir sind schnell an diesem Tag, machen 17 Meilen, obwohl wir Red Meadow erst gegen 11 Uhr verlassen. Langsam geht es bergauf, ein paar Mal kreuzen wir den JMT, die Flüsse sind nicht so schwierig und wir finden einen tollen Platz zum Schlafen – über dem Agnes Meadow. Ich habe Service und erfahre, dass Eva ins Krankenhaus musste. Sie hat sich einen Parasiten eingefangen, seit Tagen konnte sie nichts essen. Nun nimmt sie Antibiotika und erholt sich in Mt. Shasta, wo ich meinen Geburtstag feierte. Ich frage sofort, ob ich zu ihr kommen soll. Das ist mir wichtig, das zählt. Auch wenn wir nicht zusammen auf dem Trail sind, sind wir gemeinsam hier und PCT-Hiker und Freunde. Doch das Evchen fühlt sich nun gut und wartet auf die Pinky Gang. Calvin ist schon da, Adam und Mighty Mouse hat sie auch gesehen. Jordan ist unterwegs. Das Telefonat mit Eva sorgt bei mir für etwas Heimweh – am Tag 113. Mir fällt mein Paket ein. Ich sage der Little Gang, dass ich es gern schon heute nach Toulomne Meadow schaffen möchte. 23 Meilen, zwei Pässe, das wird hart. Wir starten um 6, zwei Stunden später passieren wir den 1000 Island Lake und den Island Pass. Das 2. Frühstück fällt kurz aus, es geht zum Donohoe Pass, er ist über 11 000 Fuss hoch. Die letzte Meile ist der Horror, es geht über grosse Felsstufen, Steine. Immer wieder muss ich mich an meinen Wanderstöcken hochangeln, um überhaupt den Schritt zu schaffen. Oben angekommen kocht Stefanie schon Spanish Rice aus der Knorrtüte. Es ist halb zwei und es sind noch 13 Meilen bis zum Paket. Ich schaue Mike an, er versteht meinen Blick. Wir ziehen ohne Pause weiter, kochen erst nach dem Passieren aller Schneefelder. Gegen 6 – wir sind am Anfang des wunderschönen Touloumne Meadow – wie gemalt liegt die Wiese im Valley, geteilt in zwei fast gleiche Hälften durch den Lyell Fork – sagt Stefanie: I’m wanna sleep now! Da sie weiss, was für mich zählt und meine Sehnsucht versteht, ziehe ich weiter. Mike voran. Es regnet, ein Gewitter zieht auf. Der Dresdner ‚Ice Dancer‘ wird immer schneller – was hat er in seinen Kartoffelbrei getan – ich renne förmlich hinterher. Meine schnellsten 5 Meilen ever auf dem PCT. Dann biegen wir nach einer Brücke rechts ab, finden den ersten Hinweis auf das Paket nicht – und es wird dunkel. Ich bin mega frustiert, lasse den Kopf hängen, fluche vor mich hin. Mike ist wie immer in unserem Dreieck der Ausgleichende. Sagt nichts, geht zum Campground, macht sein Kopflicht an und zeigt auf eine Stelle, wo mein Zelt gut stehen kann. Ich gehe ohne Essen auf die Matratze.

Es zählt, dass Mike am nächsten Morgen sagt: Los wir probieren es erneut! Nach einer Stunde finden wir das von meinem Sohn fotografierte Hinweisschild zerstört am Boden, folgen von dort den weiteren Anweisungen und ich grabe ein Päckchen aus. Mike ist happy über eine Büchse Nudeln mit Fleischbällchen – sein Frühstück – ich verschlinge die Zeilen meines Sohnes, atme tief durch, lass die Tränen laufen und spüre, wie es mir langsam besser geht, was zählt auf dem Trail.

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An diesem Tag nehmen wir den Bus nach Yosemite Valley, der Ort liegt nicht auf dem PCT. Stefanie, die daheim auch klettert, möchte gern den berühmten Half Dome sehen. Ich hab zwei Tage auf dem Trail überlegt, ob ich wirklich mitfahre. Ich war wie gesagt mit meinem Sohn schon dort. Dann denke ich an die vielen Touristem.

Der Yosemite-Nationalpark zieht jährlich drei Millionen Besucher an, von denen ein Großteil lediglich den zentralen Teil des Parks, das Yosemite Valley besichtigt. Der Park wurde 1864 gegründet und 1984 zum UNESCO- Weltkulturerbe erklärt, da seine beeindruckenden Felsen aus Granit, seine Wasserfälle und klaren Bäche,  die Haine von Riesenmammutbäumen und seine Artenvielfalt weltweit bekannt sind.

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Der Park stellt einen der größten und am wenigsten fragmentierten Lebensräume der Sierra Nevada dar. Das Valley ist das ganze Jahr über geöffnet. Für Wandertouren durch den Park steht ein Wegenetz von über 1300 km zur Verfügung. Den Park durchqueren die Fernwanderwege JMT und PCT.

Zwei Tage und ich weiss, was zählt. So sitze ich am Tag 114 im Bus zum Yosemite Valley. Stefanie ist aufgeregt, als sie den Half Dome erblickt, bekommt sie sich nicht mehr ein. Das Mekka für Climber, 2693 Meter hoch. Lange galt der Berg als unbezwingbar, dann schaffte es George Anderson. Als dann zu viele versuchten, den Dome zu erklimmen, stoppte die Parkverwaltung den Verkehrsstau am Berg durch die Vergabe von Permits. Nur 300 Kletterer dürfen pro Jahr sich nun versuchen. Wir treffen eine Kletterin aus Peru, sie darf im Oktober rauf. Dann wird ihr Traum endlich war. Denn: Oben angekommen liegt einem eine atemberaubende Welt zu Füßen. Der Blick geht mehr als 1400 Meter senkrecht ins Yosemite-Tal. Mehrere Fußballfelder groß ist die Half-Dome-Kuppel. Wagemutige kraxeln auf einen Vorsprung, der wie eine Schirmmütze vorsteht und „The Visor“ genannt wird. Hier wird die Kletterin aus Peru für das klassische Gipfelfoto posieren.

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Der Half Dome

Stefanie ist also glücklich, ich sprachlos, was ich selten bin.Tausende Touristen nehmen mir die Worte. Da die meisten sich ins kostenlose Shuttle setzen und sich von Spot zu Spot fahren lassen, sind die Wanderwege leer, was ich gut finde. Problematisch ist der Rückweg vom Glacier Point, der Fahrer möchte stinkende Hiker nicht mitnehmen. Da habe ich meinen Auftritt.

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Auf dem Campground treffen wir eine PCT-Hikerin aus der Schweiz, ‚Silver Fox‘. Sie ist SoBo unterwegs, wie wir geflipfloppt. Für den PCT hat sie ihren Job als Construction Manager gekündigt. Sie erzählt uns, dass vor ein paar Tagen eine asiatische Hikerin im Kerrick River ertrunken ist. ‚Silver Fox‘: ‚Sie war allein unterwegs und sie konnte nicht schwimmen. Ich bin sprachlos.‘ Auch mir fehlen die Worte. Und ich denke daran, dass wir auch noch über diesen Fluss müssen.

Wir verabschieden uns von der interessanten Hikerin und steigen in den Bus zurück nach Toulomne Meadow. Natürlich kommen wir in den Rückreisestau. Der Fahrer sagt, wenn ihr hikt seid ihr schneller.

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