Tag 77 – Tag 80 / KM 1780 – KM 1894 / Von Coos Bay nach Florence / Bergfest

25. Juni, ein Morgen mit Zeit. Wir machen langsam, erst zum 2. Mal koche ich direkt neben meinem Schlafsack Kaffee. Herrlich. Dann schiessen in den Dünen neben uns die ersten Motorräder über die Hügel und wir ziehen los. Immer an der Wasserkante entlang. Für alle motorisierten Sanderoberer sind wir die Attraktion. Hiker? Gehen? Am Meer? Jeder winkt. Nach fünf Stunden zieht Mike allein weiter, weil ein Fluss in einer Meile sein Wasser im Meer verteilt. Nach dem Klippenabemteür gestern mit blutenden Wunden bei mir hab ich heute keine Lust auf ein neues nasses Erlebnis. Stefanie auch nicht. So nehmen wir den Dünenweg. 5 Meilen im tiefsten Sand. Mir kommt es so vor als wäre es mein dritter Tag auf dem PCT und ich gehe hoch nach Mount Laguna. Eine Lovestory von Nicholas Sparks lenkt mich ab. Dann stoppt neben uns ein Pickup. Sheriff steht gross drauf. Und hinten auf der Ladefläche sitzt Mike und ruft: Ich bin festgenommen worden. Stefanie ruft: Mike, in Englisch! Ich rufe: Arrested? Doch der Sheriff ruft: He is a cheater! Wir lachen. Noch eine Meile bis zur festen Strasse – ok wir fahren mit. Der Sheriff macht für uns einen Abstecher in die hohen Dünen und fährt uns auf den höchsten Punkt. Es geht steil hoch und runter, wir kreischen wie in einer Achterbahn. Dann oben Fotoshooting. Als wir aussteigen und uns bedanken und verabschieden sagt der Sheriff: Tschüss! Er war mal eine Weile in Heidelberg stationiert: I love Heidelberg!

Dann gehts noch ein paar Meilen an einer kleinen Strasse entlang bis zu einem Campground, der erstaunlicherweise leer ist. Am Eingang ein alter Wohnwagen mit einer noch älteren Lady. Sie will 22 Dollar von uns. Gibt es Duschen? Nein! Da ziehen wir weiter, nehmen nur Wasser mit. Wieder mal schlagen wir unser Lager verbotenerweise auf einem Picknickplatz auf, gleich neben dem Trail, der uns morgen zum Strand bringt. Ich telefoniere mit Eva, sie hat es mit der Pinky Gang nach Mammoth Lake geschafft. Wahnsinn. Hiker sind da keine, sagt sie, die sind wohl alle unterwegs zum OCT! Nun haben sie sich erst mal einen Zero Day verdient, dann gehts weiter zum Sonora Pass. Dann haben die Schneehelden die High Sierra geschafft. Eva sagt der Schnee schmilzt, freue dich auf diesen Abschnitt.

Am nächsten Morgen nieselt es, wir starten früh. Der Trail führt nochmals über die Dünen des Nationalparks bis zum Küstenwald, der im Wasser steht. Wir freuen uns nicht, aber Millionen Mücken. Wir ziehen die Socken aus, holen die Sohlen aus unseren Schuhen, ziehen sie dann wieder an und stapfen durchs Wasser. Mike wie ein Storch, Stefanie und ich wie nasse schwere Kartoffelsäcke.

Nach 3 Meilen sind wir endlich am Strand. Der Boden ist fest. Dichter Nebel hüllt mich ein. Ich laufe durch ein Nichts. Stille! Die feuchte schwere Luft verschluckt das Rauschen des Meeres. Ist da überhaupt Saürstoff zum Atmen? Wir sehen uns nicht, wir hören uns nicht. Wir lösen uns auf. Keine Gedanken. Es ist einmalig und schön.

Dann sind wir zurück in der Realität in Winchester Bay. Der Ort besteht aus 25 Campgrounds und einem Hafen, wo wir essen. Natürlich Fish & Chips. Normale Portion. Am Nachbartisch lassen sich sechs Amerikaner nieder, sie bestellen ihre Speisen im Format XXL und sehen auch so aus. In Amerika sind alle öffentlichen Toiletten riesig, mit breiten Türen …

Glücklich und satt gehts zurück an den Strand, wo wir weiter allein sind mit dem Meer und dichtem Nebel. Für mich ist dieser Tag der bisher schönste auf dem OCT. Ich treffe keine anderen Hiker, obwohl bei FB PCT zu lesen ist, dass viele Hiker sich zur Küste aufgemacht haben. Hier fehlen sie bisher nicht. Auf dem PCT habe ich mich immer gefreut, wenn mich ein Hiker ansprach derweil ich auf einem Stein sitzend nach Atem rang. Aber hier gehört das Meer mir.

Gegen acht müssen wir durch einen Fluss, der ist kalt aber nicht tief. Danach suchen wir uns einen Platz in den Dünen. Ich baü nur mein Überzelt auf und biete Stefanie darunter einen Platz an. Sie hasst ihr Zelt, es ist immer nass, aussen und innen, egal ob Nebel, Regen, Sonne, Schnee. Wir haben beschlossen es gemeinsam zu verbrennen, wenn wir Canada erreichen.

Tag 79. Wind und Nebel und nur 14 Meilen bis Florence. So starten wir früh. Ich bin schnell, gehe vorne weg, knapp 5 km in der Stunde. Ich freue mich auf Florence. Da war ich mit den Jungs und da werden wir unser Bergfest feiern.

Unterwegs treffen wir eine Frau mit ihrer kleinen Tochter. Sie begrüsst uns sehr freundlich und erzählt: ‚Ich bin auch schon gewandert. Und zwar den Jakobsweg. Ich wollte unbedingt in der Kathedrale von Santiago de Compostella beten. Für ein Baby. Ich wurde einfach nicht schwanger. So wanderte ich fast 800 Kilometer und betete am Ende meines Weges in der berühmten Kathedrale. Drei Wochen später war ich schwanger.‘ Ich schaü auf die kleine Tochter und nach vorn. Am Ende des PCT steht ein Obelisk. Was wünsche ich mir da?

Dann endlich erreichen wir Florence und das Le Chateau Inn, wo Mike ein Zimmer gebucht hat. Für uns ist das Hotel ein Schloss, normal Reisende würden es als typisch amerikanisch bezeichnen.

Die folgenden Abläufe sind Routine und erfüllen: Duschen, Laundry, Hausputz, also drei Kilo Sand aus dem Rucksack schütten, Restaurant suchen. Wir entscheiden uns für Chinesisch. Dann ab ins weiche, grosse Bett.

Tag 80. Bergfest.

Wir verlassen Florence und leisten uns nach ein paar Meilen in Joes Place Essen und Drinks. In der Bar sitzen nur Einheimische. Wir sind die Attraktion und wenn man erzählt, dass man in Campo gestartet ist gibt es gleich Bier aufs Haus. Alle lachen als Stefanie und ich sagen, dass wir die heissen Surfer am Strand vermissen. Zum Abschluss rufen fast alle ‚Happy Trail‘. Dann gehts wieder zum Strand, mit Gegenwind. Reiter kommen uns entgegen, fast eine sureale Szene.

Tag 80. Bergfest. Als Eva und ich in Berlin an vielen Abenden unsere Wanderung auf den PCT planten haben wir u.a. 160 Tage für den Trip eingeplant, aber nur den Hinflug gebucht. Vieles ist anders gekommen. Dass Eva und ich nun fast vier Wochen getrennt wandern war nie unser Plan. Aber Schnee und unterschiedliche Fähigkeiten schrieben neue Pläne. Tag 80 – und ich wandere immer noch. Unfassbar für mich. Ich fühle mich ausgesprochen gut und gesund und fit und happy und gelöst. Und ich bin stolz, vor allem wenn ich an die ersten Wochen denke. Bis zu Meile 300 habe ich täglich gekämpft, fast nichts gegessen, kaum geschlafen. Das neue und andere Leben am laufenden Band hielt mich ON. Auch jetzt ist es natürlich nicht immer leicht. Aber ich kann damit umgehen. 80 Tage und ich habe mehr als 80 interessante Stories gehört und viele tolle Menschen kennengelernt. Und wenn ich an daheim denke dann mit Liebe und auch Vorfreude auf meine Rückkehr. Aber noch nicht jetzt. Jetzt will ich nochmal 80 Tage hier sein. Und wandern.

2 Gedanken zu “Tag 77 – Tag 80 / KM 1780 – KM 1894 / Von Coos Bay nach Florence / Bergfest

  1. Bergfest – mega unfassbar und mega geil.
    Lese immer mit Spannung und Freude Deine Berichte. Fühle manchmal, als wäre ich dabei.
    Also …. macht alle weiter so …. und auf eine big Wellcome Party im Kietz 😉👍. DSH FEAE

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  2. Jippiiiiie, eine Doppelfolge „Mama-wandert“ mir Morgenkaffee und dem Wochenende vor der Nase, super! Unfassbar ist, wie Du dich da reingebissen hast liebe Jen, das ist großartig. Ich habe das Gefühl, dass bei Dir aus Kampf Genuss geworden ist, wie alle Extremsportler hast Du diesen Punkt nun erreicht und kannst Dich auf 80 Tage Genuss freuen.
    Liebe Grüße
    Pat

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