Wenn der Alltag beginnt, dann gehen wir nicht hin …. wenn er dann vor der Tür steht und fragt, wo wir sind, dann gehen wir nicht hin, singt LEA. Klingt doch super! Und seit vier Monaten ist dies für mich kein Problem. Meinen Alltag, meist und sehr gern von Arbeit bestimmt, gibt es nicht mehr. Ungeplant. Ungewollt. Ich bin arbeitslos. Kurz vor Weihnachten flatterte die Kündigung ins Haus und legte sich wie ein hässlich verpacktes Paket unter den geschmückten Tannenbaum. Keiner will es haben. Keiner will es auspacken. Sein Inhalt ist schwarz und stumpf und macht Angst. Öffnet man es, entweicht ihm eine Leere, die man erstmal zulassen muss. Es gibt nun Tage, wo ich mich schäme, weil ich einfach nur auf dem Sofa sitze und nichts mache. Es gibt Tage, da spreche ich nicht ein Wort und ich bin sonst alles andere als wortlos. Es gibt Tage, da koche und esse ich 24 Stunden. Es gibt Tage, da schmerzen die Hände wegen Tausender gestrickter Maschen. Weil es nicht so weitergehen kann, habe ich meinen Rucksack gepackt und bin losgezogen. John Muir, ein Naturphilosoph und berühmter Wanderer, hat geschrieben: The Mountains are calling and I have to go. ICH HABE DIE BERGE GEHÖRT und erinnerte mich auch an Robert Lee Frosts Worte: Im Wald zwei Wege boten sich mir da und ich ging den, der weniger betreten war und das änderte mein Leben.
Ich weiss, worauf ich mich einlasse. Ich war schon von Mexico nach Kanada zu Fuss unterwegs, habe die Alpen überquert, den Kilimanjaro bestiegen und bin auf dem Camino Francés gepilgert.

Foto: 2023 in Santiago de Compostela
Schon seit Tausenden von Jahren ziehen Menschen los und weiter, weil sie Hirten sind, weil sie Angst um ihr Leben haben, weil sie Abenteuer suchen, sich neu erfinden oder einfach nur Wandern wollen.
Ich bin auf dem Camino del Norte, ausgezogen, um das Fürchten vor einem neuen Alltag abzulegen, alte Muster zu verlieren, mich in der Natur zu spüren. Ich bin da, wo ich mich wohlfühle und es egal ist, wo meine Wiege stand. Mein Haus ist ein Rucksack. Mein Freude sind Menschen aus der ganzen Welt, die sehr unterschiedliche Bilder malen.
Der Camino del Norte ist ein Jakobsweg, der von Irun an der französisch-spanischen Grenze an der Nordküste Spaniens, meist direkt am Meer, entlanggeht und nach 822 km , wie alle anderen Jakobswege, ob sie in Norwegen oder Bulgarien oder in Berlin—Spandau beginnen, in Santiago de Compostela enden.
Mein Abreise in Berlin nach Bordeaux beginnt mit einem Einsatz der Bundespolizei am Flughafen. Eine vierköpfige Familie hat vier zu grosse Koffer als Handgepäck am Einstiegsgate. Sie sollen sie abgeben und pro Koffer 70 Euro nachzahlen. Da wird der Familienvater laut. Sehr laut. Nicht nur die Angestellte der Fluggesellschaft bekommt Angst. Am Ende zückt der Familienvater die Kreditkarte. Alles EASY(jet) jetzt.
Bordeaux und nach einer Fahrt mit dem TGW auch Bayonne in Frankreich begrüssen mich mit Dauerregen. Hoffen wir, dass dieser sich verzieht, ich starte erst morgen. In meinem Hostel macht eine grosse Gruppe junger Männer ziemlichen Krach. In meinem 6—Bett—Zimmer stehen drei Gitarren, doch ich werde in den Schlaf geschnarcht und nicht gesungen.
Tag 1
Von Bayonne fahre ich mit dem Flixbus nach San Sebastian, meinem Startpunkt. Um mich herum im Bus wird nicht Deutsch gesprochen. Herrlich. Ich verstehe nichts, ich muss nicht mitdenken. An der Grenze zu Spanien steigt die französische Grenzpolizei in den Bus und kontrolliert die Ausweise. Eine ältere Dame muss aussteigen. Mit ihrem Pass gibt es ein Problem. Sie weint. Sie tut mir leid.
In San Sebastian geniesse ich meinen ersten Cafe con Leche, dann geht es endlich los. Direkt am Meer entlang, mit unzähligen Osterspaziergängern. Vom Eise befreit sind hier alle Bäche, aber nicht durch des Frühlings holden belebenden Blick, eher vom Klimawandel.
Die ersten Kilometer dann in einem Küstenwald auf einem sehr feuchten Pfad sind wie immer schwer. Mein Beine sind zwei sehr fest verwurzelte Bäume und bei jedem Schritt ist es, als würde ich an den Wurzeln stark ziehen müssen, um weiterzukommen. Aller Anfang ist schwer, hier beim Wandern. Und in meinem Kopf. Was fange ich mit mir an? Der Anfang, auch Beginn genannt, ist der zeitliche oder räumliche Ausgangspunkt eines Vorgangs oder einer Sache. Irgendwann gab es mal den Anfang der Welt als Schöpfungsmythos. Passt zum Pilgern. Ich falte den Zettel in meinem Kopf, wo ANFANG draufsteht, erstmal zusammen. Ich gehe. Ich atme. Ich beginne zu geniessen. Den Blick aufs Meer, auf grüne Wiesen, auf Schafe, die wie weisse Steine in der Ferne schimmern. Als ich mit meiner Schwester in Südengland wandern war, freuten wir uns, auf Stonehenge zuzugehen. Doch dann bewegten sich die berühmten weissen Megalithen, es waren Schafe.

Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich über schmale Wald — und Wiesenwege und bin nach 22 km endlich in Zarautz, einem Küstenstädtchen im Baskenland. Im Blai Blai Hostel habe ich ein Bett gebucht. Es kostet 45 Euro, nicht wenig Geld für einen Platz im Mehrbettzimmer. Die Dame des Hauses, Adriana, empfängt mich mit einem freundlichen Lächeln, zeigt mir saubere Duschen und die Küche. Ich dusche, creme meine schmerzenden Füsse ein und gehe noch zum Strand. Zarautz ist ein Surfer—Paradies für Wellenreiter aus der ganzen Welt. Der Ort liegt an einer langen Bucht und bietet an seinem 2 km langen Sandstand viele Peaks für Anfänger aber auch für Profis auf dem Brett. In einer Bar am Strand gönne ich mir ein Glas Rotwein und beobachte die in Nepronanzügen gekleideten Surfer bei ihren Wellenritten. Eine schöne Aussicht. Beruhigend. Weil ich es nicht kann, weil ich es vorurteilsfrei und ohne das Können zu hinterfragen, beobachten und geniessen kann. Es wird mit dem Wasser gekämpft, mit der Strömung, bei jedem Ritt, will man oben bleiben, perfekt die Welle nehmen. Jede Welle ein neuer Anfang, für eine perfekte Reise auf dem Wasser. Anfänge können Spass machen, ich sehe es, ich fühle es. Fast möchte ich die Wasserspritzer auch in meinem Gesicht haben. Auf Wellen zu reiten, dass wäre neu für mich und jede neue Prüfung schärft das Bewusstsein.

Tag 2
Ich starte sehr früh, immer die Strandpromenade entlang, alle Laternen leuchten. Allein bin ich nicht. Junge Leute stehen rum, mit Biergläsern in den Händen. Trotz der frischen Luft kann ich ihre verschwitzten Körper vom Tanzen im nahe gelegenen Club riechen. Einige kühlen ihre Füsse in der reinkommenden Flut, andere küssen sich oder machen Liegestütze. Ein junger Mann liegt auf dem Boden und telefoniert. Vielleicht ruft er sein Mutti an und bittet sie, ihn abzuholen. Mein Sohn hat mich nach durchzechten Nächten nie angerufen. Er hat sich mitten in der Nacht nur gemeldet, wenn er das Gefühl hatte, dass es nie wieder so schön wird, wie gerade. Egal, ob er in San Diego war oder in Maastricht oder am Ende der Welt. Ich habe diese Anrufe geliebt, weil der gefühlte Schmerz der Endlichkeit, Glück ist.
Am Ende der Strandpromenade sehe ich Blaulicht. Ein Polizeieinsatz. Drei Mopeds sind angehalten worden. Papiere werden kontrolliert, Alkoholtests durchgeführt. Gut, dass die Kontrollierten nicht sehen, wie ich lächle. Ich war als Jugendliche immer mit meiner Freundin Schoetzi mit dem Moped an den Wochenenden unterwegs. Disco in Börnicke oder in Werneuchen, denn dort gab es die heissesten Jungs. Wir verabredeten immer vorher, wer fährt und wer Whisky—Cola trinkt. Daran hielten wir uns — fast immer. Schliesslich wussten wir auch, wo der Abschnittsbevollmächtigte unseres Dorfes nachts stand, um die Disko—Heimkehrer zu kontrollieren. Unseren ABV, also Dorfpolizisten, nannten wir Sheriff Tute. Er hat uns nie erwischt.
Langsam geht die Sonne auf und das Meer verändert seine Farbe, von schwarz in dunkles Blau.
In Getaria mache ich meine erste Pause. Aus einer kleinen Bäckerei duftet es köstlich nach Zimtschnecken, die ich mir gönne. Zwei ältere Damen betreten das Café, auch sie wählen die Zimtschnecken und die Morgenzeitung. Sie sind entspannt, sie haben Zeit, sie werden jeden Tag hier die regionalen Nachrichten und das Gebäck verschlingen. Das gefällt mir. Und, dass sie nach Seife riechen, so wie unsere Wäschefächer daheim. Meine Mama konnte bei Tante Irene Westgeld tauschen, deshalb lag Seife der Marke Luxus zwischen unserer Wäsche. Als ich Jugendweihe hatte, bekam ich viel Geld. Meine Mama trug in unserem Dorf die Post aus. Also wusste jeder, Christines Tochter hat heute Jugendweihe. Unzählige Umschläge landeten in unserem Briefkasten. Mal gefüllt mit 5 Ostmark, mal mit mehr. Von dem Geld kaufte ich mir ein Moped, genauer gesagt eine blaue Schwalbe. Und eine ERIKA, ein mechanische Schreibmaschine, ich wollte schliesslich Korrespondentin werden und auch ich tauschte Geld bei Tante Irene. Für eine Wrangler —Jeans, die erst im Müll landete, als sie in Fetzen vom Körper fiel. Sie zu tragen, war wie auf Wasser gehen zu können. Daran denke ich beim Pilgern, weil es etwas Göttliches hatte.
Als ich gerade den letzten Bissen meiner Zimtschnecke geniesse, kommt eine Frau zu mir an den Tisch. Auch sie war schon wie ich auf mehreren Caminos unterwegs, sie liebt das Plaudern mit Pilgern aus der ganzen Welt und fragt mich, bis wohin ich heute gehe. Deba, ist meine Antwort. Die Eltern von Elizabeth, so heisst die nette Dame, haben in Deba direkt an der Promenade eine Ferienwohnung. Ich bekomme den Code für dieser und darf dort ganz ohne Kosten mein Haupt betten. Der Weg gibt — sagen die Pilger. Ich bin dankbar und ziehe weiter. Nach ein paar Metern liegen sehr neue Trailrunner auf dem Weg. Sie sind gross, sie gehören sicher einem Mann. Ich binde sie auf meinem Rucksack, trotz des zusätzlichen Gewichtes. Der Weg gibt — auch ich gebe. In Deba stelle ich die Schuhe vor die kirchliche Herberge, hier nächtigen günstig die meisten Pilger. Vielleicht mache ich heute einen von ihnen glücklich. Dann ziehe ich bei Starkregen weiter zu meiner Unterkunft. Und liege dann glücklich in der kleinen Ferienwohnung in der Wanne, koche mir einen Tee, schaue den Wellen zu und bin still und allein zufrieden.
Tag 3
Ich überlege, was ich in der Ferienwohnung lasse. Geld wollte Elizabeth nicht. Also lege ich einen Zettel mit meiner Adresse in Berlin hin und mit meiner Telefonnummer, vielleicht will die junge Frau ja irgendwann mal die deutsche Hauptstadt besuchen.
Es ist noch dunkel als ich starte. Am Bahnhof gehe ich zum Snackautomaten, für ein paar Nüsse und einen Riegel. Der Automat nimmt mein Geld, doch die Snacks bleiben stecken und fallen nicht in die dafür vorgesehene Schublade. Mist. Und Anfängerfehler – ohne Essen zu wandern.
Es ist noch dunkel, ich gehe mit Kopflicht. Es ist neu, es sitzt wie ein leuchtender Haarstreifen auf meinem Haupt.

Nach einer Stunde überholt mich eine junge Pilgern, mit grossem Rucksack. Ganz ohne Wanderstöcke geht sie beeindruckend Schritt für Schritt den Berg hinauf. Oben kommen wir ins Gespräch, wegen der Aussicht, wegen des herrlich roten Himmels. Sonnenaufgang über den Camino del Norte. Anna ist aus Düsseldorf und zum ersten Mal auf einem Jakobsweg unterwegs. Sie strahlt Frische aus und Ruhe. Das gefällt mir. Und wusch ist Anna weg. Und langsam ziehe auch ich weiter. Die Sonne leckt das Nass von den Wegen, die nach dem Regen gestern sehr matschig sind. Bei jedem Schritt gluckst es. Stehenbleiben ist gefährlich, die Schuhe könnten steckenbleiben. An den Ästen hängen Regentropfen wie Kirschen. Nach und nach werden diese von der Sonne vernascht. All das sehe ich und erfreue mich daran. Was sich gut anfühlt, nach den vielen Wochen daheim, ohne Job, ohne Muss für einen Alltag nach Plan, ohne führen und leiten und inszenieren, Shows on Air zu bringen, was ich im Team
geliebt habe. Regentropfen, die verschlungen werden … gefühlt hing ich in den letzten Wochen auch an einem Ast und spürte, wie ich immer weniger wurde.
Bei meinem nächsten Halt holt mich Pilger Markus aus Stuttgart ein. Wir kommen sofort ins Gespräch, reden über Wanderwege. Markus war für Mercedes für drei Jahre in Japan und bestieg dort den Fuji. Der Fuji ist nicht nur das dominanteste Wahrzeichen Japans. Er ist gleichzeitig ein heiliger Berg und gilt als einer der schönsten freistehenden Vulkankegel der Welt. In Japan sagt man: Wer einmal auf den Berg Fuji steigt ist weise. Wer ihn zweimal besteigt ist ein Narr. Warum ist dies so? Weil man nie anstrengende Dinge zweimal absolviert? Markus und ich einigen uns darauf, weil es langweilig ist, nochmal über Geröll zu gehen und zu leiden und zu schwitzen.
Ich gehe bis Markina und finde ein Bett in der kirchlichen Herberge der Stadt. Die Übernachtung ist kostenlos, man darf spenden. Die Unterkunft ist einfach, das Duschwasser kalt. Neben mir haben es sich zwei Holländerinnen gemütlich gemacht. Sie cremen ihre Füsse und Unterschenkel ein. Ihre Salbe riecht wie die, die meine Oma Sandy auf ihre Krampfadern schmierte. Also fühle geniesse ich die nach Heimat duftende Luft und gehe zeitig ins Bett. Matschige Anstiege über 24 km ohne Snacks haben in meinem Kopf für ersehnte Leere gesorgt. Glockenklänge wiegen mich in den Schlaf. Ich glaube ich lächle, kurz bevor Träume meinen Kopf übernehmen, denn heute überholte mich ein spanischer Pilger und an seinem Rucksack hingen die Trailrunner, die ich aufgelesen hatte. Der Weg gibt!


thanks so lot – i hope one day we see us again – with my sister! wish you sll the best!!!!!!
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lieben dank alles gute dir und morgen gehts weiter❤️
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I’m looking forward to follow your journey. I had plans to go the Camino Portugese this april- but got a job… You’ll never know what life will offer- and when. Enjoy your time off and „Consider everything that happens to be in your favour“.
Buen Camino!
XX Lena from Sweden
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Liebe Jacqui, wie immer schön deine wunderschönen Worte zu lesen. Du schreibst so lebendig als wenn ich mit dabei bin. Viel Glück und keine allzu schmerzenden Füsse. Ich habe den Link gleich wieder weitergeleitet nach Amerika, wirst weltweit gelesen. Monika
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6:00 und deine worte, wo 38 km und sturm vor mir liegen, hab dich lieb, du bist so wunderbar
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Coyotin, auch bei mir ist heute um 5 Uhr Aufstehzeit. Sisters in mind. Bin mit deinen grandiosen Beschreibungen in den Tag gestartet. Frue mich für Dich und alle, die Dir auf Deinem Weg begegnen, denn sie können sich glücklich schätzen. Du bist so wunderbar.
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Toll, wie du schreibst und deine Gedanken, Gefühle und Eindrücke mit uns teilst. Hat grosses Suchtpotenzial, bzw. warte sehnlichst auf die Fortsetzung in drei Tagen. Buen Camino! – Ultreia et Suseia, Martha
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Liebe Jen, bin wieder gern dabei, wenn die schwarze Tulpe die Welt erkundet. Danke, dass Du uns teilhaben lässt, sehr persönlich, stark!
Liebe Grüße Pat
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weil ich dich habe!!!! ❤️❤️❤️
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wir sehen uns!!!
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danke dir wie immer pass auf dich auf – sicher keine coyoten on trail
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Coyotin, du schreibst großartig. Weil du ein grossartiger Mensch bist, meine Freundin. Bewundere dich!
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Dir eine gute Zeit und viele tolle Erlebnisse auf dem Camino del Norte, ich freue mich über deine Berichte und versuche mit positiven Gedanken zu unterstützen.
Liebe Grüße Hubertus
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Du schreibst einfach schön! Witzig, kurzweilig und informativ! Ist mit eine Ehre in einem Deiner Abschnitte sogar auf zu tauchen! Alles Liebe für Dich, wir sehen uns auf dem Weg! Markus
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lieben dank alles liebe
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Du schreibst so wunderbar, danke!! Ich lese wirklich gerne mit! Alles Liebe für Dich! Liebe Grüße Madeleine #ikigai
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