#2019/ Kilometer 10 / Aperol Spritz bestellt hier keiner oder wie ich über die Alpen ging (Teil 2)

Minusgrade in unserem Schlafraum. Die jungen Leute frieren. Ich weiß nicht, was Fabian neben mir macht. Er ist nachtaktiv und baut sich ständig verändernde Burgen aus Wolldecken. Der Vollmond mit Hof ist wie eine Schneekönigin. Er legt einen eiskalten Hauch über die Alpen.
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Die Kemptner Hütte im kalten Nachtnebel (fabianwiktorphotos.com https://www.instagram.com/fabsoutdoors/)
Am nächsten Morgen sind alle Wolken verschwunden und alle Wanderer. Taschenlampenketten am Berg habe ich schon kurz nach 6 Uhr gesehen. Wir lassen uns Zeit. Wir müssen am Abend nicht auf der Memminger Hütte sein.
Die meisten Wanderer halten sich an den von Reiseführern und Outdoor-Magazinen vorgegebenen Etappen. Sie gehen mehr oder weniger von Hütte zu Hütte. Somit sind Talblicke oft geprägt von bunten Rucksäcken, an den Pässen gibt es Stau und für viele Hiker bleiben am Abend nur Notplätze zum Niederlegen der müden Knochen. Die Hüttenbesitzer schicken die Wanderer nicht weg, da man in den Alpen nicht zelten darf.
Es spricht nichts dagegen, so die Alpen zu überqueren. Die Leute haben ihren Rucksack gepackt, sind losgegangen, wollen die Natur spüren, mal wieder bewußt einen Sonnenaufgang geniessen, das Lächeln der Sterne erleben. Wir sind froh, etwas einsamer unterwegs sein zu können.
Tag 2
Das junge Team der Kemptner Hütte hat Stress. Schon in wenigen Stunden kommen die neuen Wanderer. Es wird gefegt, gewischt, geschnippelt, gekocht. Von der Unruhe um uns herum lassen wir uns nicht anstecken. Wir schlürfen Kaffee und beißen in unsere Brote. Mike redet wie immer wenig. Eva hat gute Laune. Ami und Ella, unsere Neueinsteiger in Sachen Wandern, sind aufgeregt. Auch Adam und Maggie können es kaum erwarten loszugehen. Auf Fabian müssen wir etwas warten. Er war schon wieder mit seiner Kamera unterwegs und muss noch packen.
20 Kilometer liegen heute vor uns. Unser Ziel ist der Berggasthof Hermine in Madau, wir haben zwei 4-Bett-Zimmer gebucht.
Der Tag beginnt mit dem sehr schönen Ausblick vom Mädelejoch auf fast 2000 Meter Höhe. Jetzt sind wir in Österreich, in Tirol und schauen auf Mutlerkopf und Öfnerspitze.  Wir queren den Heilbronner Weg. Er ist der älteste Felsensteig der nördlichen Kalkalpen und erfordert alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Wir treffen ein Paar, die den Steig verlassen, es liegt zu viel Neuschnee, sie wollen nichts riskieren.
Ein gute Entscheidung. Sie überschätzen sich nicht.
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Es geht wieder los (Foto von https://www.instagram.com/fabsoutdoors/)
Als ich auf dem Pacific Crest Trail unterwegs war, musste ich auch eine schwere Entscheidung treffen. Die High Sierra in Kalifornien präsentierte sich 2017 im Mai komplett schneebedeckt. So viel Schnee wie in den letzten 25 Jahren nicht war den ganzen Winter über gefallen. Ich bin noch nie im Schnee gewandert. Ich hatte  damals keine alpine Erfahrung und unendlichen Respekt vor allen weiß bedeckten Gipfeln und Pässen. Ich verabschiedete mich von Eva und meinen liebsten Hikern und fuhr nach Nordkalifornien. Erst im Juli kehrte ich mit Mike in die High Sierra zurück. Eva fehlte mir die ganze Zeit, wir waren zusammen gestartet. Aber ich weiß, ich hätte mit meinem Nicht-Können und mit meiner Angst die anderen PCTler nur in Gefahr gebracht.
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2017: High Sierra geschafft 
An diesem Morgen geht jeder für sich. Ich geniesse die Stille, gute Laune stellt sich wie von selbst ein, Gedanken reisen durch meinen Kopf. Wie schon so oft beim Wandern registriere ich, dass ich auf dem Trail nie darüber nachdenke, was ich gern hätte, sondern immer froh bin, über das, was ich habe.
Die Lechtaler Alpen sind unwirklich schön. Man kommt sich wie in einem Gemälde vor. Wie bei Harry Potter. Weil wir im Bild spazieren. Wir queren den Roßgumbenbach, wandern durch einen Nadelwald bis zum Café Uta. Es ist bekannt für seine Tiroler Schmankerl.
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Erste Pause am Roßgumbenbach mit meiner Nichte Ella (Foto https://www.instagram.com/fabsoutdoors/)
Wir Wanderer nutzen nur das Klo, wir werden in Holzgau pausieren. Doch vorher geht es über Österreichs längste Hängebrücke. Sie verbindet die Wanderwege links und rechts der Höhenbachtalschlucht. Im Reiseführer steht: Highlight der Brücke ist sicherlich der Boden, der aus vielen aneinandergereihten Gitterelementen besteht. Mein Highlight ist das nicht. Über etwas fast Durchsichtigem in 110 Meter Höhe laufen und dann wackelt das Ganze noch, was soll mir daran gefallen. Ich atme nicht, schaue nicht nach unten und bin froh, nach 200 Metern auf der anderen Seite angekommen zu sein. Mein Nichte Ella hüpft auf der Seilhängebrücke und veranstaltet ein Fotoshooting. Laut Reiseführer hält die Brücke 630 Personen gleichzeitig aus. In Gefahr ist sie also nicht.
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Österreichs längste Hängebrücke (Foto: https://www.instagram.com/fabsoutdoors/)
In Holzgau essen wir Kuchen, trinken Kaffee. Fabian erfindet sein persönliches Schmankerl. Er stopft Käsekrainer plus Senf in Käsebrötchen. Wer einen schweren Rucksack trägt, darf viel essen. Um uns herum präsentieren sich in Holzgau viele prunkvoll bemalte Häuser. Dafür ist der Ort bekannt.
Weiter gehts an der Lech entlang. Nach einem Kilometer sind wir offiziell in den Lechtaler Alpen.
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Kein Kissen, nur Blumen (Foto https://www.instagram.com/fabsoutdoors/)
Am frühen Nachmittag erreichen wir den Berggasthof Hermine. Die Terrasse liegt herrlich in der Sonne. Wir lassen unsere Rucksäcke fallen und bestellen Bier und Aperol Spritz. Der Wirt erzählt, dass er seit letzten Sommer Aperol Spritz anbietet. Aber er wird den neumodischen Kram wieder aus der Karte nehmen. Bestellt hier keiner, sagt er. Nur vier Gläser hat er den ganzen Sommer über verkauft. Es werden zehn an diesem Abend, nur von uns.
Alle genießen die heiße Dusche, ein Schmerz-Stopp-Gel macht die Runde. Mir geht es gut, aber ich war wie immer auch nicht die schnellste im Team.
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Hermine verwöhnt uns (Foto https://www.instagram.com/fabsoutdoors/)
Am Abend hält der Wirt eine Rede. Er wiederholt sich dabei gern. Ich kenne meine Pappenheimer sagt er, immer die selben Fragen. Wir hören 5 mal wann es Frühstück gibt.
In den Schlaf bringen mich 12 Holländer. Wer hätte das gedacht!

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