Tag 4
Ich habe in der Nacht gefroren. Die Bettdecke war sehr dünn. Und an der Wand hing ein Bild mit einer Schneelandschaft.

Die kleine Bar gegenüber meiner Pension ist offen. Ich geniesse einen Kaffee und Toast mit Käse. Die Frau am Tresen schmiert Brote für ihre zwei Jungen. Dann schickt sie die beiden zum Schulbus. Ich musste bei uns auf dem Dorf zur ersten Stunde losgehen, wenn ich die Klingel hörte. Heute wandere ich nach La Verna. Im Kloster dort verbrachte Franz von Assisi seine letzten Tage. Es geht kilometerlang bergauf. Ich schwitze. Ich atme schwer. Ich mache viele Pausen. Auf einer Bank mit Aussicht treffe ich den ersten Pilger auf meinem Weg von Florenz nach Rom.  Er setzt sich zu mir, nickt kurz und schweigt. Die Stille zwischen uns ist wohltuend. Warum reden, wenn der Zauber der Welt in diesem Moment ausreicht. Nach ein paar Minuten nickt mein erster Pilger mir erneut freundlich zu und geht. Ein paar Augenblicke später ziehe auch ich weiter. Meine Wegbegleiter sind Schmetterlinge, die federleicht an meiner Seite sind.  Eidechsen auf dem Weg hingegen sind eher panisch. Sie rennen schneller als Usain Bolt ins Unterholz, wenn sie mich hören.

Der Bergweg ist ziemlich zugewachsen. Die Äste der uralten Bäume sind miteinander verschlungen. Riesige Dornenhecken scheinen das Schloss von Dornröschen zu verstecken. Ich kratze mir meine nackten Arme auf. In Rimbocchi gleich hinter der Brücke ist ein kleines Restaurant gut gefüllt. Riesige Schüsseln mit Spaghettis stehen auf den Tischen. Und der Koch kommt aus der Küche mit Tiramisu für alle. Das ist Italien. La Dolce Vita. In einem Kühlschrank stehen kunstvoll verzierte Torten. Mari, die Frau an der Bar, erzählt: Die verzierten Eistorten sind Ausdruck einer tief verwurzelten Handwerkstradition. Florenz gilt als Wiege des modernen Gelato, entwickelt am Hof der Medici. Hier in der Gegend gibt es Eis mit regionalen Zutaten wie Lavendel und Safran. Ich erinnere mich an die Gelateria Dondoli in San Gimignano, die Stadt, die man wegen ihrer vielen Türme Manhattan der Toskana nennt. Wir haben damals in unserem Urlaub mit den Kindern eine Stunde. angestanden, um vom Weltmeister des beste Eis auf Erden zu geniessen.

Ich ziehe weiter bergauf, quere irgendwann eine kleine Strasse. Ein Mini hält. In der Farbe Latte Macchiato. Genau so einen Wagen fuhr auch ich einst. Manchmal vermisse ich ihn. Doch nach meiner Wanderung auf dem Pacific Crest Trail, 4200 Kilometer von Mexico nach Kanada, habe ich ihn verkauft. Eine Inderin winkt mir zu und öffnet die Beifahrertür. Suri will wie ich nach La Verna. Sie spricht gutes Englisch und hat Lust zu plaudern. Dabei nimmt sie rasant jede Kurve. Vor 30 Jahren ist sie wegen der Liebe nach Italien gekommen. Ihr Sergio war mit dem Rucksack in Indien unterwegs. Sie folgte ihn in die Toskana und hat es bis heute nicht bereut. Nur das indische Essen vermisst sie. Noch heute lässt sie sich Gewürze aus der alten Heimat schicken. Gern würde ich in ihrer Küche ihre Kochkunst geniessen. Eine kurze Fahrt. Ein wunderbarer Augenblick. Eine Begegnung, die ich aufrufen werde, wenn Tage dunkel und Träume hoffnungslos erscheinen. Ich drücke Suri und wusch nimmt sie schwungvoll die nächste Kurve. Im Hotel da Giovanna begrüsst mich ein älterer Herr, er schenkt einen Weisswein ein und baut dann weiter an einem alten Gerät rum. Ich schaue fragend. Er sagt: Es ist ein Radio. Ich will, dass es wieder funktioniert. Man kann doch nicht alle alten Dinge wegwerfen. Sie hatten doch mal einen Sinn.

Tag 5
Am nächsten Tag nehme ich eine Abkürzung, gehe eine kleine Strasse entlang nach Pieve Santo Stefano. Ab und an kommt mir ein Fiat 500 entgegen. Ist das der Golf Italiens? Wenn es bei uns die Generation Golf gibt, heisst es hier Generation Fiat? Ich gehöre zur Generation Baby Boomer. Wir machen knapp 25 Prozent der deutschen Bevölkerung aus, gelten als leistungsorientiert. Mein Sohn, der einen passablen Work-Life-Ballance-Weg geht, würde Workaholic zu mir sagen. Ich bin eine ‚Baby Boomer‘ die wandert, die gelernt hat, Auszeiten zu nehmen und gewillt ist, am Tag des 60. Geburtstages nicht Kerzen auszublasen, sondern Raketen zu zünden. In einer kleinen Bar auf meinen Weg geniesse ich gemeinsam mit Motorradfahrern einen Espresso. Als junges Mädchen hatte ich ein Moped. Eine S51. Rot. Die Jungs haben daheim auf dem Dorf daran herumgewerkelt. Mein Moped knatterte laut und schaffte bergrunter 78 kmh. Im Hotel in Pieve Santo Stefano wasche ich Wäsche und hänge sie aus dem Fenster. Dabei komme ich mir wie eine Italienerin vor.

Tag 6
Es geht weiter nur bergauf. Allein. Vorbei an wilden Wachholdersträuchen. Nach Gin Tonic riecht es nicht. Dann stehe ich stolz oben auf dem Monte Verde. Mit einem Toast mit Schmelzkäse. Den habe ich mir früh im Hotel geschmiert. Ich hatte vergessen wie herrlich der Käse am Gaumen klebt. Endlich geht es bergab. Nach La Montagna. Durch einen dichten Wald. Seit 1000 Jahren hat hier keiner Laub gefegt. Bei meiner Oma Sandy auf der Insel haben meine Schwester und ich das Laub von allen Nachbarn zusammengetragen. Der riesige Laubhaufen vor unserem Haus brannte tagelang. Wir liebten es. Und unsere Oma stopfte ohne zu murren die Brandlöcher in unseren Dederon-Jacken. In La Montagna habe ich ein Bett im B&B Il Palazzo gebucht. Die Dame des Hauses tätschelt mich wundervoll mit ihren warmen Händen, ihr Mann stellt eine Flasche Rotwein aus eigener Herstellung auf den Tisch.

Nur wenn man losgeht, erlebt man Momente wie diese. Der Wind frischt auf. Ich ziehe meine Daunenweste an, setzte die Kapuze auf, nehme den Rotwein und setzte mich auf eine alte Bank, blicke zu den Bergen, die ich geschafft habe und geniesse in der Stille meine innere die Welt, die schweigt und nichts plant.

Tag 7
Am nächsten Morgen steht eine grosse blonde Frau in der Küche. Sie trägt ein weisses Flatterhemd und trinkt Kamillentee. Ninka kommt aus Holland und ist wie ich auf dem Franziskusweg unterwegs. Gemeinsam staunen wir über die herrliche Einsamkeit auf dem Weg,ich bin ihre erste Pilgerin. Ninka ist begeistert von den kleinen Museen, die es hier überall gibt. Ich staune. Ich bin an diesen vorbeigewandert. Wir grillen uns Toast und lauschen schweigend dem Sturm draussen. Ninka: In Amsterdam höre ich dem Wind nie zu. Ich nicke. Ich weiss, was sie meint. Wenn der Alltag uns  die Geräusche der Natur nicht mehr hören lässt, ist es, als würden wir aufhören zu atmen. Wir spülen gemeinsam unser Geschirr, als wären wir seit Jahren Mitbewohnerinnen einer WG. Dann ziehe ich los und Ninka im Flatterhemd winkt mir hinterher. Ich passiere das stille Bergdörfchen La Montagna. 70 Menschen leben hier, Katzen und Hunde nicht mitgezählt.  Es geht steil bergab, bis nach Sancepolcro. Es liegt in der Tibertalebene. Mit einem berühmten Kloster. Pilger aus dem Heiligen Land brachten heilige Steine vom Grab Christi an diesen Ort. Um ihm so näher zu sein. Jede Handlung, jede Tat hat seine Zeit. Die eigenen nicht an den historisch Verbuchten  zu messen, ist sicher wichtig für den Glanz des eigenen Weges. In der Stadt sitze ich in einer Bar für eine kleine Pause, noch 12 Kilometer liegen vor mir. Ein Paar, Wanderstöcke und Rucksäcke lassen vermuten, sie sind Pilger, betritt die Bar. Ich zucke zusammen. Ich kenne die Frau. Es ist Monika. Ich traf sie vor zwei Jahren auf dem Camino del Norte in Spanien. Ich will sie erkennend begrüssen. Doch Monika schüttelt den Kopf. Ich soll sie also NICHT kennen. Doch der Mann an ihrer Seite spricht mich an, stellt sich und ’seine‘ Frau Monika vor. In Spanien war die Pilgerin mit einem anderen Mann Hand in Hand unterwegs. Das Leben bereitet uns auf solche Begegnungen nicht vor. Ich bleibe nur kurz und belege meinen raschen Weggang nicht mit einem Vergleich der beiden Männer an der Seite von Monika. Doch denke ich an sie, als ich an meinem Übernachtungsort, einem 4-Sterne-Spa, den Pool sehe. Ständig sich mühevoll über Wasser zu halten, muss eines Tages zum Untergang führen. Es sei denn, man besitzt mehr als nur ein Seepferdchen. Das riesige Hotel Borgo di Celle ist leer. Nur ich und das Küchenteam, was im grossen Speisesaal die Kronleuchter angetündet hat und ssein eigenes Essen geniesst.

2 Gedanken zu “Der Liebe wegen/ Von Florenz nach Rom / Tag 4 bis Tag 7

  1. Super schön geschrieben jac wenn ich nicht so wanderfaul wäre ich denke ich hätte dich gerne begleitet .LG Mike

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Danke für die Unterstützung!