Der Drang, dem digitalen Alltag die Stirn zu bieten, nimmt zu. Auf dem Camino Francés werden in diesem Jahr fast eine Million Menschen aus aller Welt erwartet. Pilgern als Massentourismus. Der Jakobsweg ein Party-Trail. Wer aber den Rucksack trotzdem packen möchte, um in der Natur zu Fuss entschleunigte Tage geniessen zu können, muss sich auf Alternativen einlassen. Wie den Franziskusweg. Den Via di Francesco, wie die Italiener sagen. Es geht über 700 Kilometer von Florenz nach Rom, durch die Toskana, Umbrien und das Latinum. Noch daheim in Berlin plane ich die einzelnen Etappen, buche Zimmer und spüre Vorfreude. Wandern zu gehen, heisst Ballast abzuwerfen, sich leichter zu fühlen. Ausserdem befinde ich mich gerade an einer Weggabelung. Ich werde 60 in diesem Jahr und spüre, die Landschaften meines Lebens weiterhin abwechslungsreich gestalten zu wollen, was Mut und Kraft und Sorglosigkeit benötigt. Welchen Weg wähle ich?…

Tag 1 – 3
Florenz ist voll und laut, wie ich es kenne. Eine Städtetrip mit meiner Schwester führte mich vor Jahren hier her. Wir haben viele Museen besucht und viel Wein getrunken. In einer kleinen Bar geniesse ich einen Espresso und fülle meine Wasserflasche. Grazie e arrivederci. Nach mehr als einer Stunde wird es ruhiger, die Wege schmaler. Die Toskana in ihrer ganzen hügeligen Pracht liegt vor mir. Der Weg, den einst der heilige Franz von Assisi ging, ist nicht gut ausgeschildert. Immer wieder lese ich die Hinweise in meinem Reiseführer. Eine Herausforderung. Die vier Caminos in Spanien bin ich mit einer App gewandert. Aber so wollte ich es jetzt. Mit einer Karte in der Hand. Ich erinnere mich an unseren grossen Kartenatlas im Trabi. Der hatte viele Seiten, obwohl er nur für die DDR war. Ganz ohne elektronische Narvigation sind wir überall angekommen. In Settignano geht es endlich in den Wald. Lebt man in Florenz, verbringt man hier seinen Sommer. Die hohe Lage sorgt für Kühle und die reichen Steinmetzfamilien , die einst Marmor in der Gegend brachen, haben wunderschöne Villen hinterlassen. Schwitzend komme ich an einer vorbei. Ich würde glatt Küche und ein schönes Bett links liegen lassen und nur in den wunderschön blau glänzenden Pool springen. Doch weiter geht es vorbei an Weinbergen und Olivenhainen. Schon mehrmals habe ich eine Olive vom Baum gepflückt. Einfach ungeniessbar. Ein junger Mann, der mit seinem Traktor meinen Weg kreuzt, erklärt mir: Oliven werden nach dem Pflücken geritzt, zur Entbitterung in Wasser gehalten und dann in Salzlake gelegt. Also Genuss pur nur aus dem Laden. Ich kämpfe mich weiter bergan, meine Haltung ist gekrümmt. Als würde ich mich durch einen schweren Schneesturm kämpfen. Nach 22 Kilometern komme ich in Pontassieve an, bin allein in der Alberge, weit und breit keine Pilger.

Am nächsten Morgen starte ich früh, wie ein Schulkind. Die Bushaltestelle ist voll mit ihnen. Mit meinem Rucksack und den Wanderstöcken kommt ich mir wie ein Einbrecher in ihrem Alltag vor. Bis Consume geht es 15 Kilometer bergauf. Wie hat Franz das damals mit seinen Schuhen geschafft? Der heilige Pilger hat hier viele Spuren hinterlassen, gepredigt, mutig Geächtete umarmt und vor allem der Natur gehuldigt. 1979 hat ihn Papst Johannes Paul II zum Patron für Umweltschutz und Ökologie ernannt. Ob damals der Lavendel auch so krass duftete? Stunden wandere ich durch eine Seifenfabrik. Meine Oma Sandy hat getrockneten Lavendel in ihre alten Schränke gelegt. Das sollte Motten fernhalten. Für mich ist Oma Sandy meine Heilige. In Consume mache ich eine Pause. Wie gut doch ein frisch gepresster Orangensaft schmeckt. Ganz ohne Wodka. Vor einem Geschäft sehe ich 35 verschiedene Rollen mit Wachstuchdecken. Hier also kommen sie noch auf den Küchentisch. Wie schön. Ich mochte sie. Die daheim hatte viele Ritze, Zeichen harter Küchenarbeit.

Bis nach Stia geht es nun 16 Kilometer auf schiefigen Wegen bergab. Erfunden wurden dafür unsere Knie nicht. Wenn es geht, jogge ich. Und das komplett allein. Mein Handy hat keinen Empfang. Soll ich genau jetzt darüber nachdenken, was ich in meinem Leben nicht geschafft habe? Ich halte es mit Scarlett O’Hara und verschiebe es wie sie in ‚Vom Winde verweht‘ auf morgen. In meiner Alberge in Stia schaffe ich einen Wein und duschen.

Dann falle ich ins Bett. Über mir ein uraltes Deckenfresco. Es zeigt einen Engel mit sechs Flügeln. Den soll Franz kurz vor seinem Tod gesehen haben. Warum sechs Flügel?

Am Tag 3 geht es heute nach Badia Prataglia. Ich frühstücke für drei. Alles steht bereit. Einfach herrlich. Ich muss nur den Mund bewegen. Die Hügel der Toskana zeigen sich heute grüner als gestern, alles sieht weich und gesund aus.

1993 war ich zum ersten Mal in der Toskana, samt Kind, Kegel und Freunden. In der Nähe von Lucca hatten wir ein Haus oben auf einem Weinberg bezogen. Es war riesig und lag sehr einsam. Im Marco-Polo-Reiseführer für die Toskana gab es die Rubrik ‚Bloß nicht‘. Gewarnt wurden wir vor einem Liebespaarmörder, der nachts zuschlug. Dringend sollte man, vor allem küssend, einsame Gegenden vermeiden. Den Männern in unserem Ferienhaus war klar, kommt der, vor dem im Reiseführer gewarnt wurde, bei uns oben an, haben wir keine Chance. Also schlossen wir trotz heisser Sommernacht alle Türen und Fensterläden und legten uns in absoluter Dunkelheit nieder. Der abgeriegelte Zustand sorgte für weinende Kinder und Sauerstoffarmut. Die nächsten Nächte liessen wir alles offen, der Mörder konnte uns gestohlen bleiben. Jetzt vor meinem 60. Geburtstag erinnere ich mich häufiger an Geschichten wie diese. An alte Geschichten. Doch sind Erinnerungen wie diese auf einem alten Weg nicht Schönheit pur? Der Pilgerweg heute führt durch den Parco Nationale Foreste. Er ist eines der grössten Nationalparks in Italien. Ausgedehnte Urwälder, die Pilger damals wie heute anzogen. Auch wegen der Klöster. Der Weg zwischen Kamm und Tal lässt mich spüren, dass meine Erinnerungen klar und alt sind.

