Tag 31
Vilalba versinkt an diesem Morgen im Nebel, es hat minus ein Grad. Der Nebel ist wie ein Raum der Stille. Man geht und wird von nichts abgelenkt. So ein Raum ist auch der Jakobsweg. Er lädt ein, in die Tiefe der eigenen Existenz einzutauchen, die innere Wahrheit zu erspüren. Dies hat mich in den letzten Wochen viel Kraft und Mut gekostet.
In Baamonde stoppe ich in einer Bar. Ein Holländerin geniesst ein riesiges Schokocroissant. ‚Niemals würde ich sowas daheim essen, aber hier gönne ich mir jeden Tag so ein Schokoteil, einfach herrlich‘, sagt Eileen. Recht hat sie. Einfachen Dingen, die Freude schenken, wieder mehr Raum geben. Ganz ohne schlechtem Gewissen und Aufwand. Wann habe ich das letzte Mal mit meiner Freundin Juliane auf einem Parkplatz getanzt?
Dann liegen über 20 Kilometer ohne Ortschaften vor mir. Über Stock und Stein und durch Matsch stapfe ich gut gelaunt stundenlang. Nach 4 Stunden ein kleiner Lebensmittelladen mit einem Tresen. Zwei Kuhbauern trinken Bier, essen Chips und riechen wie ihre Vierbeiner. Ich gönne mir eine Cola mit ZUCKER und ziehe weiter, das Ende des Weges rückt näher. Ich fühle mich gut. Ich habe erkannt, ob nun das erste Mal Sex oder die erste Kündigung, es tut weh. Und dann macht man weiter.
Nach über 42 Kilometern komme ich weit nach 19 Uhr in Sobrado an. Ich verbrenne fast unter der heissen Dusche.

Tag 32 bis Tag 33
An diesem Morgen lasse ich mir Zeit. Es regnet. Ich frühstücke in Zeitlupe und höre einem deutschen Paar zu. Sie: ‚Lass es, heute werden wir das nicht klären.‘ Er: ‚Dann solltest Du lieber allein weitergehen.‘ Ein paar Minuten später steht die Frau auf und zieht grusslos von dannen.

Foto: Mein Müllbeutelrock funktioniert!
Anfang und Ende auf dem Camino! Mehr als die Hälfte aller Paare, die gemeinsam starten, kommen getrennt in der Apostelstadt an, hat mir letztes Jahr eine Herbergsmutter erzählt. Wenn ich ankomme, muss ich mich bei der Agentur für Arbeit melden und mein Arbeitslosengeld beantragen.
Die letzten Kilometer vor meinem heutigen Etappenziel, pilgere ich mit Daria aus Russland. ‚Als der Krieg gegen die Ukraine losging, bin ich nach Serbien gezogen. Daheim gegen den Krieg aufzutreten, ist genauso schwer, wie jetzt in einem anderen Land ohne meine Familie leben zu müssen. Aber viele junge Leute hauen ab. Jetzt träume ich manchmal vom Essen meiner Babuschka. Keiner kocht so mit Herz wie sie,‘ erzählt Daria. Die Worte der jungen Russin bereiten mir Gänsehaut. Weil sie am Ende über Heimat redet.

Pitschnass erreichen wir Arzua. Hier trifft der Camino del Norte auf den Camino Francés, die Stadt ist voller Pilger, sie lebt von und mit ihnen. Obwohl alle mehr oder weniger durchgeweicht sind, ist die Stimmung gut. Nur noch 40 km. Machbar. Egal wie schmerzhaft die Blasen sind, wie geschwollen die Knie und wie gross der Respekt vor dem Ende des Weges.

In meiner Herberge sind alle Betten belegt. Dementsprechend voll präsentiert sich der Camino am nächsten Morgen. Pilger so weit das Auge reicht. Gerade noch war ich tagelang allein, jetzt tanzen Schulklassen um mich herum und mein geliebter Apothekenwald riecht nach Parfüm.

Der Camino ist unser aller Weg, egal ob man hier wochenlang mit Rucksack oder nur die letzten 100 Kilometer mit Handtasche unterwegs ist.
Tag 34
Die letzten Kilometer bin ich eine Schnecke. An meiner Seite ist Monika aus Mainz, wir haben uns vor ein paar Tagen in Lourenza getroffen und in der selben Herberge übernachtet. Die ehemalige Biologin und Lehrerin geniesst ihre Zeit als Rentnerin und Wanderin. Ihr Mann, der 9 Jahre jünger ist, unterrichtet noch und vermisst seine Monika. ‚Mit jedem Tag hier verlängere ich meine Zeit auf Erden sehr intensiv, ich liebe es hier. Das Leben hat hier eine stärkere Präsenz.‘
Und dann sind wir da, umarmen uns und leuchten gemeinsam vor der Kathedrale in Santiago de Compostela.
Lange nach Sonnenuntergang verlasse ich mein kleines Appartment in der Pilgerstadt und gehe nochmal zur Kathedrale und laufe auf dem leeren Platz hin und her. Der Jakobsweg ist wie das Leben. Er hat einen Anfang und ein Ende. Und dazwischen passieren viele Dinge. Wir gehen, wir teilen, wir helfen, wir lernen, wir verzeihen. Ich habe Menschen, wie Markus, getroffen, die bleiben werden. Ich bin zersplittert und habe mich neu verklebt. Was sich gut anfühlt, was gut aussieht. Und ich habe beschlossen, dem alten Job nicht weiter hinterher zu weinen. Er war nur ein Teil von mir. Ich bin mehr und will noch mehr.
Ich erinnerte mich an einen Link vom Alpenverein. Und nun habe ich für den Sommer einen Job auf einer Berghütte in den Alpen Österreichs. Für vier Monate. Frühstück machen für Wanderer, putzen, in der Küche helfen, servieren. In 1700 Meter Höhe für eine Weile leben und arbeiten. Ich werde auf mit Schnee bedeckte Gipfel schauen und über den nächsten Weg im Leben nachdenken. Vielleicht schreibe ich ein Buch über meine Zeit beim Fernsehen: ‚Als ich die Garderobe betrat, knöpfte sich George Clooney gerade das Hemd zu.‘ So könnte ein Kapitel beginnen …..

Mit Monika vor der Kathedrale.

Geschafft.

Markus vor der Kathedrale.

Candy und Patti auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela.

Congratulations to the arrival! 💪🙏 Well done! The summer job sounds wonderful- wishing you an interesting summer with lots of nice meetings and experiences. And sign me up for a copy of your book! 👌
XX
Lena from Sweden
LikeGefällt 1 Person
Hoi Jac,
vielen Dank für die neueste „Staffel“ dieser „Serie“ 😉 Anders als im Privatfernsehen war sie ungescriptet, privat und inspirierend in die Ferne sehend.
Bin an meine 1998er Interrail-Tour entlang der Biskaya erinnert worden: Viel Englisch, kein Spanisch, drei Bücher (Lonely Planet Spain, European Timetable, Jugendherbergsführer) und ein einziges Chaos.
Viel Spass auf der Hütte, harter Job, gute Sache!
..marc..
LikeGefällt 1 Person
Grossartig, wenn das Buch nur halb so unterhaltsam ist wie Deine Reisebeschreibungen, hast Du hiermit schon die erste Vorbestellung. Love it and love you.
LikeGefällt 1 Person
liebe ellinor, schön von dir zu hören, ich bin Jac – viel Spass in Schottland, der West Highland Way lockt mich auch noch, ich hoffe die Sonne ist Dein Begleiter, es regnet hier seit Tagen, alles Gute!
LikeLike
Liebe Mamawandert – obwohl ich Deine Wanderungen seit dem PCT verfolge, kenne ich gar nicht Deinen richtigen Namen – war ich zu oberflächlich? Danke von Herzen für Deine schönen Berichte, so viel Herz, so viele Begegnungen, so viel kommen und gehen lassen… Danke fürs teilnehmen lassen! Glückwunsch zum Ankommen in Santiago und eine gute Zeit dort.
Ich bin dort einmal mit dem Fahrrad angekommen – und freue mich gerade auf eine kleine Wanderung in Schottland.
Ellinor
LikeGefällt 1 Person
FREUNDIN, willkommen zurück, einsame Spitze! Du kluges, warmherziges Menschenkind.
LikeGefällt 1 Person
Riesen Glückwunsch zur Ankunft!! Zersplittert und neu verklebt – ich lieb‘s.
LikeGefällt 1 Person