#Camino del Norte / Von Ribadeo bis Vilalba / Tag 26 bis Tag 30 / 682 km / Auf der Höhe im Bett

Tag 26
Ich habe die ganze Nacht gefroren. An Schlaf war nicht zu denken. Immer wieder habe ich mein Kindle angemacht und gelesen. Der Wecker muss gar nicht klingeln an diesem Morgen in einer kalten Herberge auf dem Jakobsweg.  Chris aus England schläft noch. Auch Elfriede aus Frankfurt. Seitdem die 76jährige sich vor 10 Jahren von ihrem Job als Kindergärtnerin verabschiedete, ist sie jedes Jahr auf einem Camino in Spanien unterwegs. Ich habe sie schon öfter getroffen. Jedes Mal fragt sie mich nach meinem Namen und wie sie mit ihrem Handy ins WiFI kommt. ‚Namen und noch so Einiges mehr sind Schall und Rauch. Ich gehe, ich finde den Weg, ich komme an und bin glücklich‘ sagt Elfriede. Kann man nur im hohen Alter klar entscheiden, was wichtig ist und was nicht? Um nicht in Schwierigkeiten zu geraten oder ein schlechtes Gewissen zu haben, lässt Elfriede das weg, was sie zum sicheren Ankommen in ihrem Tag nicht benötigt. Was nicht mehr gut ist, schneidet man weg. Was schlecht ist, kommt in den Müll. Was unnötig ist, fällt unter den Tisch. Daran denke ich, als ich frierend starte.

Der Lebensmittelladen nebenan, bekommt Ware. In einem Café bestelle ich einen Kräutertee und erhalte gratis ein Stück Kuchen dazu. Der schmeckt mir sonst immer, heute nicht. Neben mir bestellt ein spanischer Müllfahrer Kaffee mit Anisschnaps. Hätte ich vielleicht auch nehmen sollen.
Nach Ribadeo geht es weiter weg vom Meer und stetig bergauf. In der Nacht hat es geregnet, unzählige Schnecken sind unterwegs. Ich starre stundenlang auf den Boden, um auf keine zu treten. Santiago rückt näher und ich fühle mich mit mir selbst wohler als noch vor Wochen. Der Weg war zu Beginn uneben. Wie ich. Das Innere, wie der Weg, holprig. Ich bin von Tag zu Tag zersplittert, aber nicht verloren gegangen. Und dann? Von Herberge zu Herberge, von Frage zu Frage, von Gespräch zu Gespräch, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang habe ich mich neu verklebt. Das fühlt sich gut an. 
Nach 28 Kilometern sitze ich in Lourenza in einer schönen Herberge erneut mit Insoun aus Korea zusammen, wir kochen und öffnen eine Flasche Rotwein. Doch lange kann ich nicht in der gemütlichen Küche unser Zusammensein geniessen. Ich habe Schüttelfrost und krabble zeitig in meinen Schlafsack.


Tag 27 — Tag 29
Alles klar, ich habe eine Grippe. Der kalte Wind der letzten Tage konnte mir doch was anhaben. Mit Halstabletten und Hustensaft im Gepäck ziehe ich los. Gerade heute geht es bis auf 800 Metern, im Regen, bei 4 Grad. An meiner Seite spaziert leicht und locker und immer mit einem Lächeln im Gesicht Gilbert aus Frankreich. Der 60jährige geniesst jeden Zentimeter auf dem Camino, er hält an jeder Bäckerei an. Er ist wie eine Schale voll mit heissem Milchkaffee, in die unbedingt ein frisches Croissant getunkt werden muss.

Irgendwie schaffe ich es zu gehen, doch die Schritte fallen mir schwer. Aber im Inneren fühle ich zum ersten Mal nach dem Verlust meiner Festanstellung keinen Schmerz mehr. Auch die Angst vor neue, ungeplante Tage und Monate ist fast weg. Das schwarze Loch hat bunte Ränder bekommen. Und es füllt sich. Wenn man etwas Wichtiges verliert, hat man auch Angst davor, seinen Seelenfrieden zu verlieren. Ich schaue mutig zurück und lasse endlich in der neuen Realität zu, was ich weggeschoben habe: Unausgefüllte Tage im Job, Unzufriedenheit über schlechte Kommunikation und Motivation, der ungehobelte Umgang mit weiblichen Führungskräften. Ich atme auf und schleppe mich bis nach Abadin, buche mir ein Hotelzimmer und beschliesse, morgen zu pausieren.

Am Ende bleibe ich dann noch einen Tag länger im Bett. Draussen versinkt Galizien in Regen und Nebel, ich geniesse meine warme Insel. Sie ist nicht von Wasser umgeben, sondern von weiteren Erkenntnissen. Ich war nie eine Heldin, aber immer mutig. Schliess die Augen, atme, spüre Deine Kraft. Hier unterwegs habe ich auf einer Holzwand gelesen: DU MUSST DEIN ÄNDERN LEBEN.

Tag 30
Es geht mir besser, ich starte nach einem guten Frühstück mit fünf sehr lauten, sehr fröhlichen und sehr freundlichen Männern aus Portugal gen Vilalba. Es wird auch Zeit, fast hätte man mich hier adoptiert. Pilger ziehen immer nach einer Nacht wieder los. Doch mir haben Wirt, Verkäuferinnen und Postmann schon zugenickt. 
Das Wetter meint es gut mit mir, es regnet nicht, ab und an wärmt die Sonne meine Schultern. Der Weg auf der Hochebene ist fast glatt. Ich bin ganz allein unterwegs. Es ist Sonntag, alle Läden haben geschlossen. In Vilalba sehe ich nur Einheimische, die vom Kirchgang kommen und nun ein Eis schlecken. Gern hätte ich jetzt meine beiden besten Freundinnen bei mir. Kati und Frauke—Anja. Sie würden mir eine Wärmflasche machen und sich zu mir ins Bett kuscheln. Wir würden quatschen und dann einen Film schauen. Und ich darf diesen IMMER aussuchen. Unsere gemeinsamen Kurzurlaube sind seit Jahren wie ein heisses Vollbad. Man will jedes Körperteil so lange es geht unter Wasser und im Schaum lassen. Und immer wieder neues Wasser nachfüllen. Davon kann es nicht genug geben.

3 Gedanken zu “#Camino del Norte / Von Ribadeo bis Vilalba / Tag 26 bis Tag 30 / 682 km / Auf der Höhe im Bett

  1. Wasser läuft schon rein, meine Liebe. Und vergiss nicht food and beverage!

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