Tag 22
Auch heute spaziere ich mit Patti und Candy aus Kalifornien auf dem Jakobsweg. Bis nach Soto de Luiña sind es nur 16 km, also ein lockerer Tag. Zeit für noch mehr Genuss. Zeit für Gespräche. Zeit für lange Pausen in kleinen Bars. Doch wir werden ein wenig vom Winde verweht.

Foto: Patti und Candy
Der Sturm rauscht durch den Wald, der hier immer nach Apotheke riecht. Blätter von riesigen Eukalyptusbäumen fallen auf uns herab. Im Wind ist es eiskalt. Jacke an. In der Sonne heiss. Jacke aus. Beim 4. Kostümwechsel müssen wir lachen.
Wenn man jeden Tag wandert, Orte passiert, an denen man noch nie war, vergisst man, welcher Wochentag ist. Heute muss ein Sonntag sein, denn alle Bars, die für Spanien so typisch sind, haben geschlossen. Asturien, wo wir gerade wandern, ist berühmt für seine Sterneküche. Ansonsten ist das ehemalige Königreich ein noch unentdecktes Stück Land im Nordwesten Spaniens. In den Küstendörfern ist es im Frühjahr leer. Im Sommer fallen spanischen Familien, die im heissen Süden des Landes wohnen, über die Dörfer her. Die Sommer in Asturien sind angenehm kühl. Vom kalten Atlantik weht immer eine frische Brise, man geniesst Cider, Serveza und Totilla patata.

Foto: Peter, Jeannette und ich
Endlich eine offene Bar, an einer Tankstelle. Patti rät mir ein Aquarius zu trinken, dies ist das spanische Gatorade. Voller Elektrolyhte und damit gut für Pilger auf ihrem langen Weg zur Andacht oder zur Erlösung, zur Befreiung von allen Sünden. Das Wort ‚pilgern‘ hat übrigens seine Herkunft im lateinischen Wort ‚peregrinatio‘ und das bedeutet: Leben in der Fremde. Wir Pilger emigrieren, um nur kurz zu immigrieren. Wir bleiben nicht für immer von daheim fort. Wir wollen nach den vielen Kilometern, die seit Tausend Jahren aus Tradition gegangen werden, unser Haupt wieder auf das Kissen daheim betten.

In Soto de Luiña beziehen die Ladys ein Hotelzimmer, ich gehe zur kirchlichen Herberge. Keiner erwartet mich an der Rezeption, die ein Schreibtisch ist, der so alt und klapprig ist, wie das kirchliche Haus selbst. Aber da liegt ein Zettel: Take a bed! Nichts leichter als das.
Eine Stunde später koche ich frisch geduscht Nudeln mit Tomatensosse und als sie fertig sind erreicht Peter aus Irrland mit zwei Brasilianern im Schlepptau die Herberge. Der grosse Topf Nudeln kommt in die Mitte, wir essen, wir schweigen, wir sind glücklich. Kurz bevor ich meine Augen schliesse und auf den einen Brasilianer neben mir schaue, fällt mir ein, dass seit Tagen Pilger von schlaflosen Nächten erzählen, weil ein Mann aus Rio de Janeiro, kaum hat er die Augen geschlossen, ganze Wälder absägt. Eine Minute später geht neben mit ein Schnarchkonzert los, was seines gleichen sucht. Ich stehe, wie auch Peter, auf, schnappe mit meinen Schlafsack, um in den Nachbarraum zu fliehen. Alice aus Schottland folgt uns panisch und will wissen, was los ist. Sie fragt: ‚Oh mein Gott, Bettwanzen?‘ ‚Nein, Raten‘, sagt Peter. Sie schreit und der Brasilianer hört auf zu schnarchen. Ich beruhige Alice und sie geht mit riesigen Ohrstöpseln in ihr altes Bett.
Tag 23
Am nächsten Morgen ziehe ich mit Stirnlampe los, Peter folgt mir, er hat keine. Und ich gehe falsch. Und dass, wo heute mehr als 38 km vor mir liegen. Es geht stetig bergauf und bergab, durch dunkelgrüne Wälder, man muss auch über viele kleine Flüsse steigen. Dann endlich ein Küstenweg, der Wind fegt uns fast in die Wälder zurück. Also ab in eine Bar, wo ich Jeannette aus Neuseeland wiedertreffe. Wir freuen uns sehr. Die 70jährige telefoniert gerade mit ihrer Familie, in Auckland ist es spät am Abend. Ihr Mann versteht nicht, wie sie hier mit anderen Leuten in Doppelstockbetten schläft. Sie wäre doch schliesslich keine Schülerin mehr und in einem Sommercamp. Jeannette lächelt nur darüber. Ich erinnere mich an meine Zeit in Stockbetten im Ferienlager in Korswandt auf Usedom. Ich liebte diese Wochen an der Ostsee. Und am meisten das Kulturprogramm am Ende. Ich war die Moderatorin und meine Schwester Chris Norman von den ‚Smokies‘. Ein Federballschläger war ihre Gitarre und sie sang LAY BACK IN THE ARMS OF SOMEONE.
Jeannette erzählt, dass sie 2017 den Camino Francés gegangen ist und es nur kalte Duschen gab. Viele Herbergen haben die Jahre ohne Pilger während der Pandemie für Renovierungen genutzt.

Wir ziehen weiter im Wind, erzählen und erzählen, so merke ich gar nicht die vielen gegangenen Kilometer. Markus, der noch immer auf dem Primitivo ist, schickt mir ein Zitat von Nietzsche: ‚Es gibt auf dieser Welt einen einzigen Weg, den nur du allein gehen kannst. Wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.‘ Ich bekomme Gänsehaut.

Foto: Markus auf dem Camino Primitivo
Nach 18 Uhr, vom Wind komplett durchgeschüttelt, beschliesse ich die Überbewertung von Körperpflege, falle sofort in mein Bett in einer kirchlichen Herberge. Es ist kalt, nicht nur ich friere.
Tag 24 — Tag 25
Auch die nächsten beiden Tage über La Caridad bis nach Ribadeo, mehr als 53 km, ist der Wind mein ständiger Begleiter. Pilger sind nicht so viele unterwegs, viele gehen ab hier den Camino de la Costa, doch ich werde ins Landesinnere abbiegen und dann ist es bis Santiago de Compostela nicht mehr weit. Zum letzten Mal umarme ich Jeannette, sie macht einen Tag Pause. Ich bin froh, sie hier getroffen zu haben. Sie sagt zum Abschied: ‚Du wirst einen Weg finden, vielleicht einen neuen. Ich sage immer, manchmal muss man den Dingen einfach nur einen anderen Namen geben.‘ Wir umarmen uns, ich ziehe los und drehe mich nochmal um. Die grosse schöne grauhaarige Frau vom Ende der Welt steht auf dem Camino, lächelt und winkt mir zu. Mir kommen die Tränen. Ich spüre, dass der Abschied von Jeannette mir gerade schwerer fällt, als der Abschied von meinem alten Leben. Ich habe keine Angst mehr vor Veränderungen, ich kann sie auch nicht aufhalten. Also raus aus den Kreisverkehr. Einfach abbiegen.
Abends in der wieder sehr kalten Herberge in Ribadeo trinkt bei meiner Ankunft Chris aus England bereits Rotwein. Er hatte heute ein Schockerlebnis. Vor ihm auf dem Weg ist eine Frau gestürzt und hat sich beide Unterarme gebrochen.

- Ein Sommer in den Bergen – Teil 2
- EIN SOMMER IN DEN BERGEN – Teil 1
- #Camino del Norte / Von Vilalba bis Santiago de Compostela / Tag 31 bis Tag 34 / 822 Kilometer / Es gibt ein Ende und es gibt einen Anfang
- #Camino del Norte / Von Ribadeo bis Vilalba / Tag 26 bis Tag 30 / 682 km / Auf der Höhe im Bett
- #Camino del Norte / Tag 22 bis Tag 25 / Von Muroz de Nalón nach Ribadeo / 612 km / Vom Winde verweht
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