Tag 19
Peón liegt ein wenig abseits vom Camino del Norte. Nur ein paar Häuser, eine Busstation und unsere kleine Herberge, wo die Grossmutter des Hauses für uns sechs Pilger und Pilgerinnen Kaffee kocht und Brot toastet. Wir geniessen alle diesen Service. Für Patti und ihre Freundin Candy, beide leben in Kalifornien, wird die Nacht hier unvergesslich bleiben. Zum ersten Mal haben die Amerikannerinnen auf Papierlaken geschlafen. Für uns Pilger normal, die Laken aus Papier entsorgen wir nach einer Nacht in einem Doppelstockbett in der Papiertonne. Patti hat ihrem Mann daheim in Mt. Shasta, ich kenne die Stadt sehr gut, sie liegt auf dem Pacific Crest Trail, ich habe dort in einer Bar mit italienischem Essen meinen 51. Geburstag gefeiert, ein Foto von ihrem Laken aus Papier geschickt. Dieses hat ihr Mann auf Facebook veröffentlicht und die ganze Stadt hat sich amüsiert. ‚Eine ganz besondere Erfahrung‘, sagt Patti. Und weiter: ‚Ich überlege, ob ich eine Packung für meinen Mann mitnehme und heimlich sein Bett damit beziehe. Dann kann auch ich lachen.‘
Die Oma des Hauses fährt uns zurück zum Camino. Dann geht es Richtung Gijon. Unterwegs holt mich Gereon ein. Der Koblenzer ist vor Jahren in seiner Heimatstadt gestartet und jedes Jahr für zwei Wochen unterwegs. Nun wird er seinen über Jahre gegangenen Weg in Santiago de Compostela beenden.

Foto: Gereon und ich
Als Gereon erfährt, dass ich im Osten Deutschlands aufgewachsen bin, erzählt er mir seine Lovestory mit Jeannette aus Leipzig. Jeannette war eine Brieffreundin, irgendwann beschlossen sie ‚ernst‘ zu machen und sich zu sehen. Das erste Treffen sollte in Weimar stattfinden, er buchte ein Hotel. Kurz vor seiner Einreise, wurde ihm per Anruf mitgeteilt, dass für seinen Aufenthalt in der DDR ein anderes Hotel nun bereit stände. Also zog er ins Hotel ‚Elephant‘ — das beste Haus am Platz in Weimar, damals wie heute. Er hatte eine tolle Nacht mit Jeannette, sie haben sich noch öfter getroffen. Nach der Wende hat ein Freund von Gereon, ein Architekt, das Hotel seiner Liebesnacht umgebaut und ihm erzählt, dass in jedem Zimmer in den Fernsehgeräten Abhörstationen installiert waren. Gereon: ‚Die haben einiges gehört, aber nicht das, was sie vielleicht hören wollten.‘ Wir lachen. Die erste Liebe aus dem Osten hat Gereon aus den Augen verloren. Er hat studiert, sich in Koblenz niedergelassen und arbeitet heute für einen Energiekonzern. ‚Ich habe den Menschen Licht gebracht, in jedes Dorf.‘ Gereon erzählt und erzählt, steile Aufstiege sind dadurch leichter, seine gewinnende Art und Gemütlichkeit ist ansteckend. Und wusch ist Gereon weg. Ich bleibe zurück mit meinen Erinnerungen. Wie würde mein Leben heute aussehen, wenn ich Lehrerin geworden wäre? Davon habe ich als Schülerin geträumt. Nach dem Unterricht, wenn der Klassenraum leer war, habe ich mir vorgestellt, ich bin meine Grundschullehrerin Frau Matthes. Ich habe mich an die Tafel gestellt und sie nachgespielt. Vielleicht hätte ich auch eine erfolgreiche Kugelstosserin werden können. Immerhin war ich Kreismeisterin in der 2. Klasse. Hilft mir die Frage, was wäre wenn, auf dem Weg zu einer Idee für ein neues Leben mit einem Job, der mich ausfüllt? Wenn man als Führungskraft wie ich unverhofft entlassen wird, dann muss dies doch kein Abstieg sein, oder? In Pension zu gehen, steht definitiv nicht auf dem Plan. Ich folge den gelben Pfeilen auf dem Camino und fühle mich flott. Auf hoher See, wie Shakespeare schreibt, stark, um Klippen zu umschiffen.
Mit Patti und Candy aus Kalifornien erreiche ich Gijon.

Foto: Patti und ich
Candy geht es nicht gut, ihr Rucksack ist viel zu schwer, doch sie mag sich von ihren Sachen nicht trennen. ‚Ich brauche alles, nur dann geht es mir gut,‘ sagt sie. Sich von etwas zu trennen, fällt immer schwer. Ich habe über die Jahre gelernt, das Loslassen oder nennen wir es auch einfach nur Aufräumen, dem Alltag ein neues Antlitz geben, eine Sanierung ist, die von Altlasten befreit und den Weg für einen Neuanfang ebnet. Ich muss jetzt also nur noch im Kopf den Feger schwingen!!! In Gijon finde ich ein Bett im Surf Hostel am Meer. Es ist windig und kalt, aber Surfer und Surferinnen sitzen in Badesachen auf der Terrasse. Bei ihrem Anblick friere ich. Ich dusche sehr lange sehr heiss und koche mir Nudeln mit Tomatensosse. Wie immer viel zu viel, also lade ich Pia aus Würzburg ein. Sie ist keine Pilgerin. Sie reist. Sie lässt sich treiben. Sie geniesst ihre entschleunigte Suche nach einer Aufgabe. ‚Irgendwann werde ich etwas finden, was mich bewegt. Ich bin Mechanikerin, ich kann überall irgendwas montieren und Geld verdienen. Ich reise und wenn das Geld alle ist, arbeite ich wieder. Bis ich weiss, was ich wirklich mit meinem Leben anstellen will‘ sagt Pia.
Ihre Zuversicht auf ein sinnvolle Zeit nach ihrer Reise durch die Landschaften des Lebens ist bemerkenswert. Ihre Eltern finden das nicht, aber zu denen hat sie auch deshalb kaum Kontakt. Wir essen, wir reden, wir geniessen den Sonnenuntergang. Hätte ich in meinem Leben so in den Tag hineinatmen können? Für mich kam dies nie infrage. Weg vom Dorf. Studium. Kind. Ehe. Job. Pias Weg offenbart mir, ich bin meinen gegangen, weil ich es genauso wollte. Wenn ich ihn jetzt nicht verurteile, finde ich einen neuen — mit mir, mit meinem ICH.

Foto: Pia und ich
Tag 20
Der Weg aus Gijon ist ätzend, vorbei an Fabriken, weisser dicker Rauch aus unzähligen Schornsteinen verpestet die Luft. Es riecht wie im Unterricht während meiner Zeit auf dem Gymnasium in Bernau. Genau gegenüber gab es einen Betrieb für Plastik und Elastik. Der hatte auch auch eine Konsumgüterproduktion, besondere Produkte wurden für den Export hergestellt. In Bernau waren es Surfbretter. Die gingen alle in den Westen, weil man mit diesen über die Ostsee hätte abhauen können.
Endlich bin ich in einem Wald, es ist still, kein Wind, kein Grashalm bewegt sich. Das Gehen fällt mir leicht. Die Sonne brennt, viele Kilometer lang frage ich mich, ob ich heute morgen, als es so kalt und dunkel war, Sonnencreme aufgetragen habe. Einfache Fragen sind Balsam für meinen Kopf. Dann endlich eine kleine Bar für eine Pause, direkt an einer Tankstelle. Ich treffe Peter aus Irrland. Er ist müde, er hasst den Weg an der Strasse entlang. In diesen Momenten vermisst er seine grüne Insel. Und wusch ist er weg. Ich bestelle einen Kaffee und tunke Weissbrot in diesen. Mein Familie kommt aus Sachsen, wir sagen dazu: Neiditschen. Einfach herrlich.
In Aviles bin ich die erste in der kirchlichen Herberge, 38 Betten in einem Raum, ich beziehe Bett Nummer 4, dusche, kaufe mir Humus und Tomaten, sitze in der Sonne.

Dann gesellt sich Bernd aus der Schweiz zu mir. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so grosse Blasen an beiden Füssen gesehen. Für ihn ist der Camino gerade ein Leidensweg wie einst für die Pilger, die ihn Barfuss gingen, sagt er. Aber Bernd hat nur ein paar Tage frei, er rennt sprichwörtlich nach Santiago de Compostela. Riesige Pflaster landen auf seinen Füssen. Ich empfehle Bernd den Bus zu nehmen, um am Ende des Weges nicht zu humpeln. Auslassen und weglassen, ist auch ein Weg.
Tag 21
Als ich wach werde, es ist um 6, ist Bernds Bett bereits leer. Heute geht es bis Muros de Nalón und ich habe mich mit Patti und Candy verabredet. Nur 22 km, da gehe ich heute mit den Pilgerinnen aus Kalifornien langsam. Patti liebt es, zu wandern. Daheim nehmen alle das Auto, auch wenn es nur 200 Meter bis zum Supermarkt sind. In ihrer Heimat gehört sie einer Wandergruppe an, was belächelt wird, aber die 65jährige liebt es. Sie war schon auf unterschiedlichen Jakobswegen in Spanien unterwegs. Von Ort zu Ort ziehen, Pilger aus der ganzen Welt zu treffen, zu reden und gemeinsam zu speisen, ist für Patti die Chance, ihre Zeit als Rentnerin spannend zu verbringen. ‚Ich sage immer, wenn man mich fragt, wie alt ich bin, ich bin 50. Ich will nicht zum alten Eisen gehören. In Amerika sagen wir, dass 50 das neue 35 ist, also hier bin ich‘, sagt Patti. Ich verstehe Pattis Beweggründe. Man kann die Zeit nicht aufhalten, aber man kann sie ausfüllen, gestalten, ihr ein längeres JETZT geben. Einfach jeden Tag wie ein neues Leben beginnen.

Der Weg ist gut zu uns. Nur der Wind nimmt etwas zu stark zu. Junge Pilger überholen uns. Einer hat einen PCT—Sticker auf dem Rucksack. Natürlich frage ich ihn, warum. Mats, auf Wunsch seiner Mutter nach dem Tennisspieler Mats Wielander benannt, war vor zwei Jahren auf dem PCT. Wir fühlen uns verbunden. Noch nie habe ich jemanden getroffen, der wie ich von Mexico nach Kanada zu Fuss unterwegs war. Die Begegnung schenkt mir Zuversicht. Geh einfach weiter, denke ich und du wirst einen Weg für dich finden. Nimm mit, was du kannst und über dich weisst.
Endlich angekommen in Muros de Nalón landen Patti, Candy und ich an einem schönen Ort, mit Garten in der Abendsonne und den grössten Burgern auf dem Camino. Für mich gibt es sogar eine vegetarische Variante. Da der Weg kurz war, gehe ich noch in die Stadt. Ich lerne Chris aus Südengland kennen. Jedes Jahr ist er für drei Wochen auf einem Camino in Spanien unterwegs. Der Deal mit seiner Ehefrau ist, dass sie ihn auf der Hälfte seines Weges besucht. Er hasst es, weil er dann drei Tage nicht pilgern kann. ‚Aber Jac, egal, ich bin jedes Jahr hier und konserviere all die Begegnungen hier für den Alltag daheim. Das ist meine Sonne, sie strahlt in den Erinnerungen nur für mich.‘ Wir reden und dann kommt Phillip vorbei, der 70jährige Schreiner, der sich freut, dass wir uns erneut treffen. Er gesellt sich zu mir und Chris, es wird ein langer Abend, die Sonne geht unter, wir wollen uns nicht verabschieden. Auf dem Jakobsweg zieht man immer weiter. Deshalb ist man hier. Wir haben uns nicht verpasst. Aber wusch bleiben Pilger zurück.
Bevor ich einschlafe, schreibe ich Markus. Er ist weiter auf dem Primitivo unterwegs und wir freuen uns, dass wir uns vermissen.

Wie immer ist es eine absolute Freude, deine Berichte zu lesen und zuzusehen, wie du mit jedem Kilometer mehr ankommst.
Insofern bin ich mir absolut sicher, dass du am Ende nicht nur in Santiago ankommst, sondern bei einem neuen Bild von dir und deiner Zukunft. Die ganzen Puzzleteilchen werden sich fügen, und so lange es noch nicht so weit ist, genieße doch einfach den Luxus, noch nicht zu wissen, was hinter der nächsten Biegung auf sich wartet! Neues Blatt Papier auf deinem Lebens-Skizzen-Block 🙂
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