Tag 16
Mein Nachbar, mein Surfer, hat sich ausgezogen, um sich umzuziehen, er war auf eine Party geladen, da wollte er auch hin. Also ziehe ich weiter, allein, 29 km bis Ribadesella. Ich starte früh, die letzten Tage war es gegen 11 Uhr schon immer sehr warm. Und am Morgen schalte ich oft in den 6. Gang, mit einer herrlichen Leichtigkeit. In Poo hat bereits eine Bar geöffnet, Einheimische sitzen in der Sonne, trinken Kaffee und lesen Zeitung. Drinnen gibt es verschiedene Baguettes mit viel Wurst und Ei. Ich schaffe es immer, dass ich ein Brot mit Butter bekomme. Dieses geniesse auch ich in der Sonne, dann rumpelt ein Zug vorbei und zwei Pilger stehen winkend an der Strasse. Ich kenne sie nicht und winke zurück. Doch ihre Arme zerteilen nur die Luft zum Stoppen des Überlandbusses.

Es geht auf dem Camino hoch und dann wieder runter. Ich begebe mich in meinem Kopf hoch in eine Art Loge, wie im Theater. Und schaue auf meine Bühne. In der einen Ecke steht Altes. Mein abgeschafftes Auto. Briefe einer Freundin, die nicht mehr da ist. Kisten mit Ordnern von TV—Shows. In der Mitte das aktuelle Geschehen! Ich sehe mich auf dem Camino. Schwitzend. Mit Leuten quatschend. Wein einschenkend. Eingekuschelt in meinen Schlafsack. Der Rest der Bühne ist gefegt, aufgeräumt, er wirkt startklar. Das gefällt mir. So war es vor Tagen noch nicht. Meine Suche nach einem Neuanfang wirkte fahrig, unsicher, verwirrt. Jetzt offenbart sich mir zum ersten Mal, dass alles möglich ist.
Ribadesella ist von einem riesigen Zelt aus Nebel umgeben. Alles ist feucht, alles ist grau in grau. Dabei gibt es hier einmal im Jahr die farbenfrohste und feuchteste Party Spaniens. Kanuten aus der ganzen Welt sausen den Salle hinunter und Tausende Fans feiern als wären sie beim Spring Break in Daytona Beach in Florida. Die mit der Nässe einhergehende Kälte lässt meine müden Knochen klappern. Ich nehme mir ein Einzelzimmer, lege mich in die Badewanne und gehe glücklich über meine innere Ruhe zeitig ins Bett. Warum soll ich immer die, mit einem Plan sein? Der Camino ist wie ein Freiraum ohne Grenzen und die Zeit hier eine Prüfung, die man besteht, wenn man erkennt, worin der wahre Wert des Lebens für einen selber besteht.
Tag 17
Zum Nebel gesellt sich am nächsten Morgen Nieselregen. Er ist so leicht, als würde er aus einer riesigen Sprühdose auf die Erde verteilt werden. Bereits um 5 verlasse ich mein kleines Hotel am Hang mit Meerblick, den ich nur erahne. Ich will bis Valleciciosa, der Hauptstadt der spanischen Cider—Produktion gehen, da es unterwegs nicht sehr viele Herbergen gibt. 38 km liegen vor mir. Erst rutsche ich ein paar Stunden eine kleine Strasse entlang. Ein immer wieder kehrendes Leuchtturmlicht weist mir den Weg. Ich liebe Leuchttürme. Meine liebsten stehen auf Hiddensee, auf Bald Head Island und in Nordkalifornien. Als junge Reporterin habe ich kurz nach der Wende mit dem letzten Leuchtturmwärter vom Darsser Ort an der Ostsee ein Interview geführt. Er erzählte, wie zu seiner Zeit, als die Grenzen noch Grenzen waren, er oft junge Menschen auf der Suche nach einem Neuanfang im Darsser Wald traf, immer mit einem Rucksack und Paddeln beladen, für einen schnellen Weg über das Meer gen Westen. Verraten hat er nie einen.
Dann biege ich endlich von der Strasse in den Wald, direkt ans Meer. Den Weg gehen sonst auch Kühe, weshalb er eine zermatschte und zertrampelte Angelegenheit ist. Der Atlantik ist heute ohne Sonne smaragdgrün und knallt unermüdlich im selben Takt gegen die Küste. In einem kleinen Ort stehen Fernrohre am Strandboulevard. Ich werfe kein Geld hinein, man kann mit ihnen nur in die Weite, nicht in die ferne Zukunft schauen. In Colunga treffe ich Steffen aus Köln.

Foto: Phillip in der Mitte, rechts Steffen, und ich
Wir sind uns schon desöfteten über den Weg gelaufen. Steffen ist immer auf der Suche nach gut belegten Broten, er hat immer Hunger, er ist gross und kräftig. ‚Du musst was tun, hat meine Frau gesagt, geh wandern, das schaffst du‘, erzählt Steffen. Vor einem Jahr hatte er einen Haushaltsunfall, wurde von einer Stange aufgespiesst. Rippen brachen, die Lunge versagte. Der ehemalige Läufer und Schimmer wurde unverweigerlich zum Couchpotato. Doch nun ist er hier, auf der Suche nach einem Wohlbefinden für seinen Körper. ‚Meine Frau ist froh, jetzt ist der Kühlschrank daheim leer und sie schafft ganz ohne mich eine Diät. Irgendwas mit Glaubersalz und viel Wasser‘ erzählt Steffen. Der Kölner ist Mikrobiologe, sichert bei Bayer neue Rezepturen. Steffen: ‚Das läuft ganz gut. Ich habe ein 15köpfiges Team und einen Dienstwagen.‘ Sein eigenes Rezept für ein neues Ich nach dem schweren Unfall findet er vielleicht hier. Und wusch, weg ist Steffen, mit neuen belegten Broten in seinem Rucksack.
Es ist schon nach 17 Uhr als ich in Villaviciosa ankomme. Ein Bett wird mir in einem Raun, vollgestopft mit Männern, zugeteilt. ‚Ich glaube Du bist hier falsch‘, sagt Kevin aus Alaska. Doch dem ist nicht so. Kevin erzählt, dass er in Anchorage wohnt, da wo die See rau ist und die Berge immer Schnee tragen. Und er gibt zu, dass Kevin sein zweiter Vorname ist. Sein erster in Donald. Aber seit Trump will er nicht mehr so heissen. Ich sage: ‚Dann bist du noch die nächsten 4 Jahre eventuell ein Kevin.‘ Der Mann aus Alaska rollt mit den Augen und sagt: ‚Dies darf einfach nicht passieren.‘
Dann schreibt Markus, seit zwei Tagen ist er schneller als ich unterwegs und vor mir auf dem Weg zum Camino Primitivo: ‚Habe heute nur 18 km geschafft, bin in Villaviciosa. Wo bist du?‘ Einfach herrlich. Nur ein paar Minuten später sitzen wir wieder zusammen und prosten uns mit Cider zu. Er schmeckt wie alter Keller. Wir wechseln zu Rotwein, lachen viel und geniessen es, wieder vereint zu sein. Der Weg entscheidet eben auch darüber.

Tag 18
In meiner Pilgerherberge hat es tatsächlich ein Frauenzimmer gegeben. Beim Frühstück zwinkert mir Donald, ach nein Kevin, zu und hebt den Daumen. Ich schlürfe den heissen Kaffee langsam, ich lasse mir Zeit. Mir Zeit geben, ist mein neues Motto. Denn ich weiss, was ich kann. Und was ich will, wird die Stille in mir mit meiner Kreativen in mir entdecken.
Langsam verlasse ich die Cider—Stadt, sehe die Abzweigung zum Camino Primitivo und winke in Gedanken Markus hinterher. Mache es gut, du warst ein toller Begleiter in meinem Jetzt und wirst für immer ein Camino— Freund sein. Als ich pausiere, erreicht mich Phillip, er wohnt in den Vogesen, er liebt sie und die Wälder. Der 70jährige ist Schreiner. Er hat aus Holz alles geschreinert, was geht und damit gutes Geld für seine Familie, für seine vier Töchter verdient. Heute geht er nur noch in seinen eigenen Wald und schreinert Kunstobjekte aus ganzen Stämmen. ‚Die Welt passiert da draussen. Ich will in meinem Alter nur noch meine Ruhe und bin froh, keinem mehr etwas beweisen zu müssen. Ich will das machen, womit wir als Kinder aufgehört haben, voller Demut den Sternenhimmel anschauen‘ sagt Phillip. Er redet und redet und ich geniesse die Langsamkeit und die Würde, die in seinen Worten liegt, wie ein Mantra voller Kraft.
Nach Peón geht es heute stets und sehr bergauf. Ich bleibe bei Phillip, der vorsichtig aber kontinuierlich seine Schritte setzt. Der Franzose erzählt von einem Abend auf dem Pilgerweg vor ein paar Tagen. Einen Abend, den er niemals vergessen wird. Er sass in einer Herberge bei Wein nur mit Frauen am Tisch und erzählte ihnen stolz, dass für ein paar Tage seine Tochter Christine ihn auf dem Camino besucht hat. Dann sagte Sandra aus Hamburg am Tisch: ‚ Ich bin als Suchende nach einem Neuanfang allein hier. Vor ein Jahr hat mein Ehemann sich und unsere zweijährige Tochter getötet.‘ Phillips Stimme zittert, als er beschreibt, wie alle am Tisch in Tränen ausbrechen, tröstende Worte wegen ihrer scheinbaren Belanglosigkeit nicht aussprechen können, der Rotwein in den Gläsern bleibt und am Ende sich alle an den Händen halten. Phillip sieht Sandra nicht auf dem Camino. Das Schicksal hält Sandra in einer Parallelwelt fest, in die wir nicht eindringen kennen, glaubt Phillip.
In einer kleinen Herberge, einem Privathaus voller Bilder, wo die Oma für uns Feuer macht und das Abendessen kocht, bin ich stiller als sonst und habe das Gefühl, nicht mehr sehr viel ertragen zu können.

Elke aus München lenkt mich ab. Es ist ihr letzer Abend auf dem Camino, morgen geht es wieder zurück. Dann ist sie keine Pilgerin mehr sondern eine Bäuerin. Mann und Sohn versorgen daheim die Kühe, doch Rechnungen und Lieferscheine bleiben liegen, die Buchhaltung ist ihr Job. ‚Die legen die Post einfach auf dem Schreibtisch oder irgendwo im Haus ab. Ein Chaos.‘ Aber heute geniesst sie ein Glas ums andere, mit einem Freund aus Korea. Sie verabreden sich Jahr für Jahr für Tage in dieser anderen Welt. Pilgern als Ausbruch und Aufbruch. Pilgern als Heilung und Herausforderung. Pilgern, um sich vom alten Leben zu verabschieden oder für Tage eines zu haben, was man nie erlebte.
Ich hoffe auf Helligkeit in meinen Träumen, bin froh über meinen warmen Schlafsack im eiskalten Zimmer und für meine intakte Familie voller ertragbarer Macken.




Thank you for sharing your camino experience and all the interesting people and faiths. I want to go back! Tha translation from germany to swedish is not fair to your language – still it is so beautiful!
/Lena from Sweden
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Es hört einfach nicht auf, dieses Staunen über all das, was du schaffst und erlebst und geschehen lässt! Pass auf dich auf. Und dickes Bussi.
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