#Camino del Norte / Von Santona nach Llanes / Tag 10 bis Tag 15 / 365 km / Die Bibel im Kopf

Tag 10
Nach einem Tag ohne Kilometer zu gehen, einem Zero Day wie Fernwanderer sagen, ist der Anfang stets schwer. Ich schleppe mich und setze die ersten schweren Schritte mit meinem ICH in Verbindung. Jedem Anfang liegt ein Zaudern inne. Und wenn der neue Schritt eine grosse Herausforderung ist, dann muss man erstmal den Mut zum Handeln finden und mit sich selbst vereinbaren, dass die Lösung kein Kinderspiel ist. Also gehe ich an diesem Morgen zunächst in die falsche Richtung. Nach einer Stunde sehe ich endlich wieder die gelben Pfeile, die den Weg nach Santiago de Compostela anzeigen. Als ich noch einen Job hatte, waren die Tage im Büro wie geklebte gelbe Pfeile. Immer denen nach und am Ende wurde eine TV-Show ausgestrahlt. Es war immer derselbe Weg,  nur die Einschaltquoten unterschieden sich.


Ich verlasse die Halbinsel Santona. Auf einer kleinen Strasse stehen Kinder an einer Bushaltestelle. Der Schulbus rauscht an und ein kleines Mädchen mit schwarzen langen Zöpfen flitzt an mir vorbei, fasst hätte sie den Bus verpasst. Dass könnte ich sein, ich war als Jungpionierin auch oft spät dran, weil ich noch gelesen habe oder im Nähzirkel vor dem Unterricht bei Frau Scholz sass, da gab es immer heisse Schokolade, die hatten wir daheim nie. Für meine Schwester und mich stand in der Küche immer kalter Muckefuk, ein Kinderkaffee.
In San Miguel de Merudo mache ich eine Pause, die Bar hat eine unendliche Auswahl an Tortillas. Hauptzutat sind immer Kartoffeln. Hier gibt es eine, die präsentiert als Topping einen Berg Fleischsalat. Gegenüber der Bar ist eine Schule. Es klingelt und Teenager erobern die Bar. Sie stellen sich an die Spielautomaten und essen ihre gekauften Chips. Was ist aus der guten alten Muttistulle geworden? Ich bin immer früh raus. Mein Sohn verliess für sein Schwimmtraining die Wohnung um 5:30 Uhr. Irgendwann habe ich die Brote bereits am Abend vorher geschmiert. Mein Sohn sagte: ‚Mama, du redest so viel, es ist noch soooo früh am Morgen.‘ Also blieb ich liegen.
Ich ziehe weiter die Strasse entlang, die Luft riecht nach brakigem Wasser. Ein einsames Dorf folgt dem anderen. Wieder erschreckt mich ein Hund, ich mache einen Sprung weg vom Zaun und breche bestimmt den Weltrekord im Weitspringen. 


Auf dem Weg gibt es manchmal ein Schild mit der Kilometerangabe nach Santiago de Compostela, dem Ende. Da schaue ich nie hin. Habe ich Angst, am Ziel nicht zu wissen, was mein Ziel ist?
Gegen Mittag laufe ich etwas schneller. Mein Regenradar zeigt eine dunkle blaue grosse Wolke an, die mich bald einholen soll. Kurz vor den ersten schweren Tropfen erreiche ich die Pilgerherberge in Güemes. Sie gehört zu den aussergewöhnlichsten auf dem Camino del Norte. Weltenbummler Padre Ernesto lädt hier zu Dinner, Frühstück und Vorträgen ein. Ernestos Geburtshaus ist heute der Empfang, der Speisessaal und das besonders bei Pilgern beliebte Kaminzimmer. Das Feuer brennt, es ist heimelig warm, langsam beginnen die Wandersachen nach Rauch zu riechen. Immer wieder kommen pitschnasse Pilger an, deren Augen sofort beim Anblick des Feuers wie dieses leuchten. Neben mir macht es sich Alex, oder wie er sagt, auch gern AL, aus Calgary, Kanada gemütlich. Ich frage ihn, warum er hier ist, wo doch in seiner Heimat wilde Wanderwege Weltenbummler locken. ‚Auf diesen Wegen ist man immer allein. Ich wollte wandern und sprechen,  mit Menschen aus der ganzen Welt. Dies finde ich hier jeden Tag. Und ich will in Europa studieren, ein neues Leben beginnen.‘ In ein paar Tagen hat er ein Online-Interview plus Prüfung. Wenn alles gut geht, wird er in München oder in Basel  Immunbiologie studieren.  Lara aus North Carolina (USA) setzt sich zu uns. Sie hört schweigend zu und malt in ihrem Tagebuch. Ich erkenne Wahrzeichen, an denen ich die letzten Tage vorbeigewandert bin. Dann hören wir alle Ernesto zu. Pilger Allessandro aus Mallorca übersetzt. Allessandro ist mit seiner E-Gitarre, einem Lautsprecher und einem Rad auf dem Camino unterwegs. Seine 16. Reise, er spielt, er bekommt Geld dafür, sein Lebensweg ist noch der Jakobsweg. Ernesto erzählt von seinen religiösen Reisen in Lateinamerika. Vor 40 Jahren kam er zurück und schuf hier ein Reich für Pilger aus der ganzen Welt. Seine erste Pilgerin, die über Nacht blieb, war Marianne aus Deutschland, der Hunderttausendste war auch ein Deutscher, Rainer. Ernesto redet und redet und Alessandro, der müde wird, übersetzt immer weniger, so fällt die lange Reise von der Sklaverei bis zum gemeinsamen Gang ins Sonnenlicht für uns, die kein spanisch verstehen,  kurz aus. 
Das Dinner ist köstlich, ich esse viel zu viel und quäle mich nachts. Im Traum bin ich mit einem Zauberer zusammen, ich assistiere ihm bei dem typischen Spektakel: ‚Komm, lass uns eine Frau durchsägen.‘ Muss man für einen neuen Anfang sich zerteilen und anders wieder zusammensetzen? Und wer gibt mir den Bauplan dafür? 


Tag 11
Ein kalter Morgen in Güemes. Eine heisse Kaffeetasse wärmt meine Finger. Also schnell los, zur Fähre nach Somo. Der Wind bläst schneekalt vor Meer rüber. Dann sehe ich einen vollen Regenbogen, so nah wie nie. Meine Enkelkinder frage ich immer: ‚Rudi, Fritz, was ist hinter dem Regenbogen?‘ Und sie antworten: ‚Ein Goldschatz.‘ Eine schöne Vorstellung. Man erreicht ihn nie, er ist weit weg, da, wo der Horizont, die imaginäre Linie zwischen Himmel und Erde, ist. Er wird dort immer sein, für uns alle. 


Die Fähre in Somo fährt heute nicht. Also weiter nach Pedrena, von dort geht ein Boot nach Santander. Die meisten Pilger sparen sich so den langen Weg übers Land in die Stadt, an vollen Autobahnen vorbei. In Santander treffe ich Markus. Wir trinken Kaffee, freuen uns, dass wir uns wieder getroffen haben. Dann geht jeder in seinem Tempo weiter. Es regnet wieder. Unter der Kapuze ist es laut. Regen und Wind streiten sich, wer für meine Ohren die 1. Geige spielt. Hier auf dem Weg beginne ich langsam zu spüren, dass ich es müde bin, immer die 1. Geige zu spielen. Dies habe ich in meinem Job beim Fernsehen fast über 30 Jahre gemacht. Und auch daheim. Man hört zu stark den eigenen Sound, wie klingen die anderen? Ich erinnere mich an eine besondere Version des berühmten Song ‚Halleluja‘. Rufus Wainwright, ein amerikanischer Singer—Songwriter, brachte 1500 Leute zusammen und gemeinsam sangen sie den Song. Er erklang so beeindruckend und stark in seiner Botschaft wie nie.
Nach 29 km bin ich in Boo de Pielagos, in der kleinen Pension Piedad. Im dazugehörigen Restaurant sitzen schon Anna und Svenja aus Düsseldorf und auch Tristan aus Quebec ist plötzlich wieder da und andere Pilger, deren Gesichter ich kenne. Es gibt Rotwein, es wird Pizza bestellt, es wird sehr laut gelacht. Ich spreche mit Antje aus Hilversum, Holland. Auch sie hat beim Fernsehen gearbeitet und wurde im letzten Jahr gekündigt. Sie wandert, sie ist ratlos, sie fürchtet sich vor der Heimkehr. Daheim bekommt sie kein Arbeitslosengeld, sie hofft, wieder eine Festanstellung zu finden, auch wenn die selbe Tretmühle dann wieder getreten werden muss. Wir reden lange, wir umarmen uns und ich gehe ins Bett und schreibe das Wort PANIK zum ersten Mal mit kleinen Buchstaben. Dabei denke ich an Antje.

Tag 12
Meine erste Pause mache ich bereits nach 4 km in Reposteria, es riecht zu herrlich nach frischem Brot. Die Panderia El Pilar bäckt für die ganze Region die Baguettes, Lieferwagen verlassen den Hof. Ein herrliches Frühstück, da kann es ruhig am Morgen mal bergauf gehen. Es ist kalt, meine Hände summen. Doch die Kilometer fliegen, wie die Jahre voller Arbeit. Sie sind vorbei, zu selten hatte ich mich gefragt, wie sinnvoll sie waren. 
In den Dörfern ist es still, keine Gardine bewegt sich hinter den Fenstern. Alles wirkt wie 24 Stunden Siesta. Ein herrlicher Morgen auf meinem Weg, ja wohin eigentlich?  Warum bin ich nochmal wie andere hier losgegangen? Man wandert mit den Füssen. Man pilgert mit dem Kopf. Deshalb.
Auf dem Weg nach Santillana del Mar komme ich heute an viele gepflegte Grundstücke vorbei. Alle könnten für den schönsten und grünsten Rasen einen ersten Preis bekommen. Wimbledon lässt grüssen. Würde hier jetzt irgendwo Roger Federer stehen und in seiner berühmten Lässigkeit den Tennisschläger schwingen, würde ich mich nicht wundern. Markus erreicht mich, obwohl er heute morgen von Santander loslief. Dort hat er sich einen Schlafsack gekauft. Er wagt auf dem Camino einen Neuanfang. Er will zum ersten Mal in einer Pilgerherberge schlafen. Sonst war es für den Stuttgarter immer ein Privatzimmer. Ich habe zu ihm gesagt: ‚Probiers, es ist nur eine Nacht, kein ganzes Leben.‘ Manchmal kann einen Nacht dein Leben verändern. Hatte ich solche Nächte? Auf jeden Fall. Ich bin danach nicht übers Wasser gegangen,  aber ein Freund war plötzlich ein Geliebter, der erste Filmriss gehörte fortan zu mir, ein langjähriger Streit wurde feuchtfröhlich beendet und ein Gewinn in Las Vegas war ein halber Golf. 
Santillana del Mar in Kantabrien ist eine alte ehrwürdige Stadt, mit vielen Palästen, uralten Häusern und Gassen, einer berühmten Stiftkirche und einer Höhle, die prähistorische Felsmalereien präsentiert. Wir Pilger schlafen hier in einem Convent, wo früher Nonnen lebten und studierten. Ihre Klosterzellen sind heute günstige 2—Bett—Zimmer. Da rollt Markus sehr gern seinen neuen Schlafsack aus. Hier, wo alte, fast schwarze Dielen herrlich knarren und der Innenhof zur Besinnung einlädt, lerne ich Jack aus Nebraska und James aus Kalifornien kennen. Beide pilgern barfuss, nur in einem Poncho gekleidet, ein Jutebeutel über der Schulter. Es ist, als würde das Mittelalter ‚Hallo‘ sagen. Als James Mutter zum Katholizismus konvertierte, ist er ihr ein paar Monate später gefolgt. Er beendete sein Studium in Englischer  Lituratur und nahm die Bibel in die Hand. Die ist jetzt auf seinem Camino immer in seinem Kopf, Psalm für Psalm, Fragen über Fragen. Jacks Vater ist in Nebraska Pfarrer der lutheranischen Kirche. Die jungen Männer haben sich an der Universität kennengelernt und nach ihrem Abschluss beschlossen, in Europa zu pilgern, auf der Suche nach einem neuen Ich, auf ihrem Weg  für ein Leben mit Gott in einer Welt, wo sie hoffen,  in einer Kommune Gleichgesinnte zu finden. Sie wissen noch nicht, wie lange sie gehen werden und wo, der Weg endet.  Sie fühlen sich auf dem richtigen Weg. Abends in der Messe mit Sister Anna kann ich spüren, welchen Segen sie hier für sich erhoffen: Möge der Weg dich wachsen lassen, der Wind deinen Rücken liebkosen, die Sonne dein Gesicht verklären, der Regen dich und deine Felder sanft bewässern und Gott dich behüten.
Über das gemeinsame Essen zur Nacht liegt an diesem Abend im Convent ein Leuchten. Dann singt Jack ‚Yesterday‘ und James dreht zwei Zigaretten, mit Weed. Es sind eben dann auch nur zwei junge Männer. Und mit ihnen kommt Markus auf dem Pilgerweg an. Jack und James zeigen mir, dass ich Gelassenheit in die neue Zeit, die ich suche, einziehen lassen und mir mehr vertrauen muss. Etwas zu verlieren, wie ein Job, heisst nicht, dass es mich nicht mehr gibt.

Tag 13
Nach einem einfachen Frühstück im Convent ziehe ich mit Markus los, an unserer Seite ist Jeanette aus Neuseeland. Von weiter her kann man nicht zum Camino del Norte anreisen. Dass haben auch Jeanettes Kinder gesagt und wollten die 70jährige nicht ziehen lassen. Doch die Mutter und Oma hat ihren Rucksack gepackt, sich bei Amazon einen Reiseführer bestellt und ist losgezogen. Sie ist gross, sie macht grosse Schritte und gross ist auch ihre Erwartung. Sie will nur sich und Gott spüren, sie will sich vom Weg streicheln lassen, für ihre letzten Tage auf Erden eine Wärme spüren, die kein Ofen spenden kann. Ich höre all das und bewundere Jeannettes Zuversicht auf das Kommende. Ich sollte einen Vertrag mit mir selbst machen. Einen Vertrag über Entspannheit und Selbstvertrauen. Und wusch sind Markus und Jeanette weg. 
Der Weg führt auch heute durch kleine stille Orte. Schnell ist es heiss, keine Wolken am Himmel. Die Sehnsucht nach einem kleinen Lebensmittelladen oder einem Café wächst. An einem alten Wasserspender treffe ich Dautrie aus England. Wir kommen ins Gespräch. Auch weil ich gerne frage, weil ich neugierig bin, weil ich damit von mir ablenke. Dautrie hat ihren Mann verloren und ihre Arbeit als Geigern beim BBC— Orchester in London. Jetzt will sie sich hier von ihren Tränen  befreien und erzählt und erzählt und sagt immer SO, SO … sie kennt das kleine Wörtchen ’so‘ aus Deutschland. Für mich ist es immer wie eine Pause, der was folgt. Meine Oma Sandy hat oft ’so‘ gesagt: ‚So, wieder eine Währungsunion, meine 4. Na dann sortiere ich das Geld mal neu.‘ Warum erinnere ich mich daran? Ich glaube, weil  meine Oma Sandy einfach stark und mutig und unbeirrt den geschichtliche Vorgänge und Irritationen in der Welt an sich hat vorbeiziehen lassen.
Weiter gehts auch mit dem Weg nach Comillas. Der schlängelt sich heute einfach,  fast glatt. Ich bin auch ein Kind des glattes Weges. So sagte man im Osten. Arbeiterkind, Papa Kraftfahrer, Mama Postfrau, da standen die Türen offen für Abitur und Studium. Klingt einfacher,  als es war. Die Verwechslung von sozialer Sicherheit mit sozialer Erfahrung ist wie ein nicht gut gemachter Kartoffelkloss, im kochenenden Wasser zerfällt er.

Dann bin ich endlich in Comillas. Markus wartet auf dem Hauptplatz des Ortes auf mich, ein  Glas Rotwein steht schon auf dem Tisch. Wir geniessen die Sonne und uns. Dann in der Herberge die gewohnte Routine. Auspacken, duschen, das Abendessen planen.  Peter aus Dänemark will in der Stadt Fisch essen, zwei Holländerinnen haben bereits unterwegs Nudeln und Tomatensosse gekauft. Jack und James freuen sich über Spenden. Nach einem langen Tag auf dem Camino hilft Routine, sie führt zur Erholung. Routine daheim fühlt sie sich eher wir ein Erstarren im Alltag an. Mit meiner Arbeitslosigkeit habe ich die Routine vermisst, sie gab mir Sicherheit. Ich will sie nicht missen. Wenn man der Routine ein wenig Esprit beimischt, dann ist das doch ein gutes Leben.

Tag 14
Ich starte früh, heute liegen bis La Franca 33 Kilometer vor mir. Eine lange Etappe, aber Markus und ich haben sie zusammen geplant, für einen letzten gemeinsamen Abend, dann wird Markus sich schneller als ich auf dem Camino bewegen, er wird in Gijon abbiegen, auf den Camino Primitivo, den ältesten aller Jakobswege. 

Wie immer ist die Stadt noch im Tiefschlaf. Nur ein Dunst von geräuchertem Schinken und Fisch hängt über den alten Gassen, alle Restaurants sind geschlossen, die Stühle ordentlich zusammengestellt. Der Weg führt mich direkt zum Meer. Es ist ein silbernes Band an meiner Seite. Die salzige feucht-schwere Luft legt sich wie ein perfekter Conditioner auf mein Haar. Alles riecht frisch, bis ein Moped meine saubere Welt verpestet. Den Geruch kenne ich. Ich hatte auch ein Moped. Und sofort reisen die Gedanken in die Vergangenheit. Auf dem Dorf in der DDR gross zu werden, war geprägt von Jugendlichen, die alle ein Moped hatten, um in die Schule oder in die Ausbildung zu fahren. Man traf sich am See in Seefeld oder in der Eisdiele in Werneuchen oder im Offenstall in Löhme, um heimlich zu rauchen. Meine coole Schwester war immer dabei. Ihr Wagnis, Grenzen zu überschreiten, hat mich mutiger gemacht. Und wir hatten immer einen Deal. Ich habe ihre Aufsätze geschrieben, sie hat mein Moped repariert und die Jungs für die Disco klar gemacht.
Der Weg nach San Vizente führt nah am Meer vorbei, die Sonne geht auf, langsam wird es wärmer. Ich streife immer wieder mit meinen Händen durch das nasse Gras am Wegesrand und fühle mich wie Russel Crowe in ‚Gladiator‘ — die berühmte Anfangsszene. In eine Rolle eintauchen, die geschrieben ist, fühlt sich einfach an. Doch den Gedanken lösche ich schnell, ich weiss gar nicht, welche Hauptrolle ich gern hätte. Als ich in den 90er einen Film mit Henry Maske drehte und es klar war, dass er bald seine Boxhandschuhe an den berühmten Nagel hängen wird, habe ich ihn nach einem Fotoshooting in Las Vegas gefragt, was nun kommt, nach einem Leben als Hauptcast im Rampenlicht? Und Henry sagte: ‚Es ist ganz einfach, es muss mich bewegen.‘

In San Vizente trinke ich einen Kaffee und bekomme eine Nachricht von Svenja aus Düsseldorf. Sie muss aufhören, die letzten beiden Tage zu viele Schmerzen, mit Tränen. Eine mutige Entscheidung, denke ich. Und sie wird wiederkommen.

Weiter gehts, ein schwerer Anstieg nach der Stadt. Oben bleibe ich stehen und schaue zurück. Es ist immer wunderbar als Wanderin zu sehen, was man geschafft hat. Man staunt regelrecht. Ist ein Zurückschauen auf das eigene Leben auch verbunden mit Stolz wegen all der geschafften Etappen mit Höhen und Tiefen? Ich kann darüber nicht nachdenken. Ich schwitze. Ich stinke. Ich will einfach nur ankommen. Aber allein auf dem gewählten Weg zu mir, geht ausblenden nicht so einfach. Habe ich das Leben durch die viele Arbeit beim  Fernsehen verpasst? Will ich einfach nur 13 Jahre alt sein und Nudeln mit kaltem Ketchup essen? 
Nach 33 Kilometern komme ich in der kleinen Herberge in La Franca an. Markus ist schon da, das Abendessen beim Herbergsvater bestellt. Wir haben Betten in seinem Wohnhaus, die Familie lebt oben, im Erdgeschoss hat er 12 Plätze für Pilger eingerichtet. Markus und ich sitzen in der Sonne. Auf dem Camino sind wir noch nicht lange zusammen, aber hier auf dem Weg, mit den Kilometern, mit dem Haus auf dem Rücken, mit dem Hoffen auf erfolgreiche Startversuche, fühlt es sich wie eine Ewigkeit an. Weshalb wir über uns und über unser Leben reden können. Auch über Enttäuschungen, die wir verkraftet haben, weil sie nicht das Ende bedeuteten.

Tag 15
Markus startet früh, eine feste Umarmung. Wusch, weg ist der Stuttgarter, auf dem Weg zu einer neuen freien selbstbestimmten Zeit. 
Ich starte erst nach 7 Uhr. Nur 20 km heute. Ich gehe langsam, geniesse meine Routine und meine Fitness. Es ist ein Samstag in Spanien, da sind nur Radfahrer unterwegs. Einer fährt plötzlich langsam neben mir. Maurice aus der Bretagne, Frankreich. Wir reden, er freut sich, dass ich einen französischen Namen habe und die Bretagne kenne. Nach der Wende sind alle Ossis sofort in den Westen gereist. Meine engsten Freunde und ich mit unseren Kids erst ein Jahr später. Mein Ehemann hatte den Ort ausgesucht. Argenton an der bretonischen Steilküste, weil die Tour de France dort vorbeiführt. Also fuhren wir zwei Tage von Berlin mit unseren alten im Westen billig gekauften Autos dorthin, zogen in ein bretonischen Steinhaus, hörten französische Musik, fühlten uns frei wie einst  Romy Schneider, als sie sich in den heissen Alain Delon verliebte. Die Fahrer der Tour sahen wir nie. Es gibt auch ein Argenton in der Normadie. Maurice amüsiert sich sehr. Und wusch ist er mit seinem Rad weg. Und ich denke daran, wie wir noch Jahre später unseren Kindern gesagt haben, das der Weihnachtsmann in der Bretagne wohnt.
Dann endlich gibt es auf dem Weg in San Roque del Acebal eine Bar. Ich setze mich in die Bar, weil draussen  Radfahrer laut reden. Emma bedient mich, serviert ihre Tortilla und spricht fliessend englisch. Emma ist im Süden von London aufgewachsen, in Surrey. Sie erzählt, dass Ringo Starr, Phil Collins und Eric Clapton ihre Nachbarn waren. Wegen der Liebe wagte sie in Spanien einen Neuanfang. Jetzt ist sie ab und an mit ihrem Hund auf dem Camino unterwegs. Ich finde Emma sehr lebendig, sie will reden und reden. Immer wieder kommt ein neuer Gast, sie mixt Kaffee mit Likör, sie belegt Brote mit Schinken. Sie ist dabei immer freundlich. Und bei all dem Tun fragt sie mich, wie weit kann man von daheim weg sein und mit Wandern glücklich sein. Sehr weit, sage ich. Als ich starte, machen wir ein Foto und umarmen uns. Und die nächsten Kilometer gibt mir Emmas Erstarrtsein in Spanien aus Liebe, die Kraft mich zu sehen. Einfach nur mich. Und nicht die Chefin. Neu anzufangen, hat nichts mit Positionen zu tun. Die eigene Persönlichkeit, die innere Kraft kann den Weg zeigen.
Berghoch nach Llandes, atmen. Den Kopf ausschalten, an Emma denken, duschen und — gleich schlafen. Ich beziehe, weil im Angebot, ein Einzelzimmer in einem kleinen Bungalow, gleich neben der Herberge und nah am Meer. Mein Nachbar, freier Oberkörper, packt sein Surfbrett aus. Will ich wirklich ins Bett gehen? Was hatte ich geschrieben, eine Nacht kann das Leben ändern.

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