Camino del Norte / Von Portugalete nach Santona / Tag 7 bis Tag 9 / 218 km / MACH IHN … ER MACHT IHN

Tag 7
Meine Radfahrer sind gar nicht nach Hause gekommen. Aber im Aufenthaltsraum liegen zwei Männer jeweils in zwei zusammengestellten Sesseln und schnarchen. Der Herbergsvater kocht mir Kaffee. Ich zeige auf die beiden Schlafenden, doch mein Kaffeekoch brubbelt nur etwas auf spanisch, hebt und senkt die Schulter. Ich schaue mir meine Etappe nach Castro Urdiales an, über 30 km liegen vor mir. Es ist kurz nach 6. Auf den Strassen sind wie immer mit mir nur Müllfahrer, die ihre grossen Wagen gekonnt durch enge Gassen manövrieren. Wir nicken uns zu. Ich gehe durch Santurtzi, verlaufe mich und lande an der Küste in Zierbena. Am Strassenrand steht ein weisses Rad, es ist mit Blumen geschmückt.

Ich radle damit nicht weiter, jemand wird hier noch immer verehrt. In dem kleinen Ort sehe ich in einem grossen Garten eine alte Frau, die Tomaten hochbindet. In gebückter Haltung arbeitet sie sich von Pflanze zu Planze. Ich bin auf dem Land gross geworden. Eine Erntehelferin zu sein, gehörte zum Dorfleben dazu. Beim Erdbeerenpflücken, schmerzte der Rücken. Bei Arbeiten im Gewächshaus schmerzten die Knie. Beim Kartoffeln stoppeln waren die Hände durch den Frühnebel im Spätherbst klamm. Aber die wärmte mir dann oft meine Jugendliebe Karsten. Seine erste Liebe vergisst man nicht, sie scheint reiner als jede andere danach zu sein. Weil man noch nicht so viel weiss von der Realität des Lebens, noch keine Grenzen aufgestellt hat.
In jedem Dorf begrüssen mich immer zuerst Hunde, gefährlich bellend hinter hohen Zäunen. Die Katzen in den kleinen haben es besser. Sie dürfen entspannt auf der Strasse sitzen, Körperpflege betreiben und um mich herumschnurren. Kurz vor Baltezana komme ich an einem einsamen Gehöft vorbei. Ein Mann verlässt mit seinem alten Auto gerade dieses. Die Kofferraumklappe ist offen. Als er an mir vorbeirumpelt gebe ich ihm ein Zeichen, denn im Kofferraum sitzen drei kleine Hunde. Er bremst und ein Vierbeiner landet jauchzend auf der Strasse. Gut, dass er auf mein Winken reagiert,  ich hätte die Vierbeiner später nicht vom Weg  auflesen möchten. Der Tag zieht sich, es ist warm, zum ersten Mal lasse ich die Sonne auf meine nackten Beine scheinen. Das Streicheln der Sonnenstrahlen fühlt sich gut an, sie lenken mich von meinen Knöchelschmerzen ab. Und natürlich geht es kurz vor dem Ziel nochmal bergauf, letzte Kilometer wie diese, werde ich nie mögen.  Dann bin ich endlich in Castro Urdiales, es ist nach 6 Uhr abends. Markus schreibt, dass er  mit Baguette, Käse und Rotwein am Meer sitzt. Ich müsste nur mich und einen Pappbecher mitbringen. Dies schaffe ich aber nicht. Das heisse Duschwasser in meinem eigenen Bad lässt mich rasch auf mein eigenes Doppelbett sinken. Mit dem Wind vor dem Fenster schlafe ich ein und denke an Kartoffeln und an Karsten und an eine Zeit, wo die Frage nach dem Sinn des Lebens noch keine Rolle spielte, eher die dringende Erhöhung des Taschengeldes für den ersten Sommer mit der Jugendliebe in einem Zelt irgendwo in Brandenburg.



Tag 8
Da heute wieder über 30 km auf dem Jakobsweg vor mir liegen, trinke ich bereits um 6 meinen Kaffee in einer kleinen Bäckerei  — mit Müllmännern. Natürlich reden sie über Fussball. Ich sage Bilbao und hebe den Daumen. Sie klatschen. Heute ist das grosse Spiel, das Finale der Copa del Rey gegen Mallorca. Seit 2009 haben die Basken fünfmal im Finale verloren, heute muss es nach dem letzten Sieg 1984 endlich klappen.

Auf den ersten Kilometern begleiten mich nur Möwen. Bis nach Islares geht der Weg durch einen schönen Küstenwald, über moosige Wiesen und weisse Steine. Ein grosser weisser Hund kommt mir entgegen und will mich begleiten. Herrchen und seines Zeichen Hirte findet das gar nicht gut. Immer wieder ruft er nach dem schönen Tier. Pilgern ist eben auch für Hütehunde mal eine Abwechslung. Oben an der Steilküste lehnt an einem alten Leuchtfeuer ein Pilger. Seine Agen sind geschlossen, er geniesst die aufgehende Sonne. Ich spreche ihn nicht an, er scheint weit weg zu sein.
Gleich nach der Steilküste lockt ein schönes Café. Die drei Damen hinterm Tresen sind jung, gestylt und sehr freundlich. Zu meinem Tee spendieren sie mir einen Zitronenkuchen. Weiter gehts die Strasse entlang. Das Meer immer rechts. Auf dem grossen weiten Wasser liegt eine riesige Dunsthaube, sie legt sich wie eine Feuchtigkeitsmaske auf mein Gesicht. Ich bin allein, mit meinen Gedanken. Sie kreisen langsamer durch meinen Kopf. Ich nehme dies wohlwollend an. Die vielen Schubfächer mit vielen Fragen bleiben geschlossen. Ich muss nicht jetzt entscheiden, was kommt, was neuen Schwung bringen soll. Das Gehen als eimzige Routine beruhigt, reicht aus. Wenig tun als glückliche Bestätigung. Einfach  nur atmen und schwitzen als Erfolg für ein Vorankommen.
Kurz nach Liendo mache ich schlapp und beschliesse, den Bus zu nehmen. In der Haltestelle sitzt Marlena aus Frankfurt. Eine schöne junge Frau, die in sich ruht, die Kraft und Selbstbewusstsein ausstrahlt, die man in den Arm nehmen will. Letztes Jahr ist sie 7 Monate mit dem Rucksack in Lateinamerika unterwegs gewesen. Ich staune und frage, ob ihre Eltern nicht voller Sorge waren. Waren sie. Nun hat sie ihre Eltern, aber wie sie sagt, auch sich glücklich gemacht und studiert Jura in einer spanisch—deutschen Variante in Bayreuth. Da hat mein Sohn Sportökonomie studiert. Marlena sagt, die Spökos sind die coolsten. Das muss ich meinen Sohn erzählen. Marlena mag ihr neues Leben als Studentin, ihre WG und sie mag ihren Traum, irgendwann in Spanien zu leben.
Marlena und ich beziehen in der kirchlichen Herberge in Laredo ein Zwei—Bett—Zimmer und gehen gemeinsam zur Vesper in die Kirche, wo Nonnen für uns singen und beten.
Dann treffe ich Markus auf dem Marktplatz in Laredo. In einer Bar steht draussen ein grosser Flatscreen, alle sind bereit für das Fussballspiel. Bilbao muss einfach gewinnen und ich muss, kurz nach Anpfiff los, denn die Kirche schliesst gleich ihre Tore. 
Im Bett lese ich eine Nachricht von Svenja, sie fragt, wo ich bin. Wie lieb. Wir haben uns vor zwei Tagen kennengelernt. Da sass sie in einem Café, ich setzte mich zu ihr und genoss sofort ihre fröhliche Präsenz, ihre Zuversicht und ihre Liebe für den Camino. Wenn es geht und es ihre Arbeit als Projektmangerin bei ALDI zulässt, ist sie in Spanien unterwegs. Schon jetzt hat sie Angst vor dem Ende der freien Tage hier. Aber immerhin hat sie auf dem Camino del Norte Anna aus Düsseldorf getroffen. Sie wohnen in der selben Ecke, doch mussten sie erst losziehen, um hier festzustellen, dass sie Nachbarinnen sind. Werden sie nun gemeinsame Wanderungen planen? Ich wünsche es mir sehr.

Tag 9
Bilbao hat gewonnen. Ich glaube ich habe im Traum Jubelrufe gehört. Die Stadt des berühmten Guggenheim—Museums feiert noch an diesem Morgen. Ein Sieg ist wie ein erhöhter Puls für die ganze Region. Wie ein JA zur Heimat. So war es 2014 in Deutschland. Das WM—Finale. Die 113. Minute. Kommentator Tom Bartels ruft: ‚Mach ihn … mach ihn … er macht ihn! Deutschland ist zurück im Fussball—Himmel.‘ Ich erinnere mich, wie in Berlin der Verkehr stillstand. Die Strassenbahnen steckten fest, nichts ging mehr, denn die Menschen tanzten auf den Strassen, wie in Rio, aber ohne Kostüme.
An diesem Morgen habe ich nur 5 km vor mir. Es geht zur Fähre nach Santona. Meine schnellsten 5 km hier, denn ich pilgere mit Jens aus Köln. Grosse Schritte und viele Worte. Ein Kölner, der seine Familie liebt und noch mehr das Campen mit dieser. Davon erzählt er detailgetreu. Ich kann förmlich die Bratwurst auf dem Grill riechen und Jens sehen, wie er glücklich in einen See springt.
Dann stehe ich am Beach mit Tristan aus Kanada, wir warten im eiskalten Wind auf die Fähre nach Santona, froh nicht schwimmen zu müssen. Tristan kommt ursprünglich aus Quebec, jetzt unterricht er in einer spanischen Schule in Malaga, er ist Lehrer für Französisch. Er liebt das Land, dies feiert er auch hier auf dem Camino. Zu erleben, wie junge Menschen wie Tristan ihre Träume verwirklichen, beflügelt meine Langsamkeit auf der Suche nach einem neuen Weg. Warum immer machen und wollen und planen? Einfach geschehen lassen. Ich frage mich, nach meiner Entlassung und den Wochen daheim, die ich mit sitzen und essen und stricken und einer inneren Leere verbracht habe, was eigentlich ein Neuanfang im Leben bedeutet? Eine Zäsur, ein möglicher Griff in ein anderes Geschehen. Manche fangen neu an und nehmen ab und treiben Sport oder melden sich auf einer Dating—App an. Ich habe irgendwie Respekt vor dem Neuen. Wie sieht man mich, wie sehe ich mich, wenn ich nicht mehr Chefin bin, Ansagen mache und nicht mehr bei Partys mit tollen Storys von Prominenten glänze?  War ich nur diese Person oder gab es da schon immer mehr? Wen frage ich und wie mutig hinterfrage ich mich?

In Santona ist für heute Schluss. Ich treffe Markus aus Stuttgart. Wir pausieren, wir kochen, wir reden und wir schweigen gemeinsam, den Blick aufs Meer geniessend. Die Stopp—Taste ist gedrückt, unser Film, für den wir selbst das Drehbuch schreiben, bekommt morgen ein neues Kapitel.

von rechts: Tristan, Jens und ich

Danke für die Unterstützung!