#Camino del Norte / Von Muxia—Morga nach Portugalette / Tag 4 bis Tag 6 / 144 km / Good Friends, Good Wine, Good Times,

Tag 4
In der kirchlichen Herberge in Markina schleiche ich mich leise aus dem grossen Zimmer mit vielen Einzelbetten an die noch schlafenden Pilger vorbei. Im Flur der alten Kathedrale ist es dunkel und kalt und die Luft so alt wie das Gemäuer. In einem kleinen Zimmer gibt es einen Wasserkocher. Der Tee ist ein Ofen nur für mich. Hatten die Pilger früher morgens schon Wein? Überliefert ist, dass Menschen seit Jahrhunderten auf dem Jakobsweg pilgern, auf der Suche nach Spiritualität, Frieden und Naturerfahrung. Aber auch die Weinanbautradition entlang des Camino del Norte und des Camino Francés ist tief verwurzelt. Im Mittelalter haben die Pilger verschiedene Rebsorten mitgebracht. Acht grosse Weinanbaugebiete gibt es heute. Sie alle haben ihren Ursprung im Pilgern, im Zusammensein von Suchenden und Mönchen, für etwas Neues. Früher pilgerten Kaiser und Kaiserinnen, Bauern, Handwerker, Bettler und Kranke. Und ich treffe Pilger und Pilgerinnen,  wie ich eine bin,  eine Suchende, aber auch Urlauber, einfach Liebhaber des Weges, ITler mit flottem Schritt, Projektmanager, Omas, Mütter, Studenten. Damals wie heute gehen wir, weil wir etwas spüren wollen, was in der Normalität nicht spürbar ist, weil es überdeckt wird durch Alltagsrituale, die Sicherheit geben, nicht anstrengend sind und keiner Diskussion bedürfen. Pilgern bietet die Gelegenheit, sich vom täglichen Auf und Ab zu lösen. Doch was ist, wenn man den alten Alltag mochte, mit dem Job, mit der Verantwortung und dem Erfolg? Ist pilgern auch  loslassen? Sich auf etwas einlassen? Bin ich deshalb hier? Erst der 4. Tag auf dem Weg und Fragen über Fragen. Ich atme. Ich gehe los. Ich muss die Fragen loswerden. In Markina ist es noch still. Nur ein kleines Café hat geöffnet. Ich geselle mich zu Kaffee trinkenden Männern, sie lächeln und nicken mir zu …. wieder so eine, die da auf dem Jakobsweg wandert, steht in ihren Gesichtern geschrieben. Ich komme damit gut klar, denn die tägliche Einkehr von heutigen Pilgern, ob sie essen oder trinken, ist eine moderne Sünde an der verdient wird.

Der Weg ist leicht, flach, führt an einem Fluss entlang. Dann steht ein Zelt auf dem Weg. Ein junger Mann mit Kopflampe krabbelt gerade aus seinem kleinen Haus, wir nicken uns kurz zu. Ich gehe weiter und denke, wie mutig der Camper ist. Zelten ist auf keinen der vielen Jakobswege erlaubt.

Ich mag, das es kalt ist. Dann spüre ich mich. Dann gehe ich zügiger. Heute liegen 33 km vor mir. Nach einer Stunde überholt mich eine Pilgerin, die schon gestern grössere Schritte als ich gemacht hat.  Sie trägt kurze Hosen, auf ihren Oberschenkeln hinten hat sie Tattoos. Ich frage mich, warum. Sie kann sie nicht sehen. Weil ich meine Brille nicht trage, kann ich sie auch nicht richtig erkennen. Ich finde die junge Frau interessant, sie wirkt stark und sie hat ein schönes freundliches Antlitz. 

Auf dem Weg zu einem neuen ICH, der Weg scheint länger als der Pacific Crest Trail zu sein, den ich 2017 in der Wildnis über 4200 km gegangen bin, habe ich mich an einen Satz erinnert: Clear Eyes, Full Hearts, Can ´ t Lose. Der hat mir schon immer gefallen. Als ich bereit war meinen Rucksack zu packen, bin ich in Berlin in ein Tattoo— Studio gegangen und haben diesen  Satz mir stechen lassen. 

Der Morgen ist gut zu mir. Es regnet nicht, der Rucksack sitzt und im ersten Ort auf dem Weg gibt es in einem kleinen Lebensmittelladen Kaffee im Pappbecher, direkt an der Strasse, wo viele Radfahrer vorbeikommen. Sie tragen alle enge Radfahrklamotten. Gut sieht dies nicht immer aus. Enge Hosen und ich schaue da hin, wo ich nicht hinschauen sollte. Die Radfahrer sind freundlich. Ich rede mit Miguel aus Barcelona. Er liebt sein Rad, er liebt die Tour de France. Sein Held ist auf immer Miguel Indurein. Er gewann fünfmal die Tour de France. Mit nur 28 Herzschlägen pro Minute hält er den Rekord für den niedrigsten Ruhepuls, der je bei einem Menschen gemessen wurde. Der Miguel neben mir in der frühen Sonne sitzend und Kaffee schlürfend will von mir wissen, ob wir Deutschen mit Helden leben können, die ganz oben und gross und ganz unten und zerstört und dann ganz nur Mensch sind? Ich kann es. Wir reden über Jan Ullrich.


Dann ziehe ich weiter. Der Weg ist steil, ich setze meine Stöcke stärker ein. Sport für die Oberarme. Schweissperlen für die Stirn. Ein Wanderer nähert sich. Martijn aus Holland. Ich habe in Holland eine Zeit  lang gearbeitet, wir checken Vokabeln. Dann fragt der sehr hoch gewachsene Holländer mich, was ich daheim für einen Job habe. Die Frage aller Fragen. Ich fühle das alte Leben, auf das ich immer stolz sein werde. Wir reden — und dann ist der Jakobsweg das, was er für mich sein soll. Martijn war Producer beim Fernsehen, wurde auch  entlassen, hat dann unterrichtet. Ich kann kaum weitergehen, ob der Information. Wir reden über Leute, die wir beide kennen, quatschen über John und Linda de Mol. Es musste so sein, ich sehe seinen Weg. Ich bin dankbar. Wir tauschen unsere Telefonnummern aus und wusch ist er weg. Ein guter Tag. Verwurzelt mit dem Weg, mit Pilgern, die Kraft geben und Mut, sich zu erinnern. Als ich 14 Jahre alt war und ich in meiner Schulklasse den Job als Schriftführerin inne hatte,  habe ich meine  ersten Artikel geschrieben, für dem NEUEN TAG, die Zeitung gibt es heute noch und heisst MÄRKISCHE ODERZEITUNG. Es ging um den Erfolg meiner Schulklasse bei der Erdbeerernte. Veröffentlichte Zeilen, die jetzt in der Suche nach einem neuen Leben Tag für Tag mein Herz erwärmen. Danke Martijn. Musste ich deshalb losgehen? Warum muss ich überhaupt ein neues ICH suchen? 

Mittags holt mich Markus aus Stuttgart ein, mit seinem gemütlichen Gang. Markus hat wache Augen und blickt interessiert auf die Welt. Lustig finde ich, dass er einen Waschbeutel für seine Wäsche mitträgt. Der Beutel hat innen Noppen, man gibt die Wäsche hinein und Wasser und schüttelt den geschlossenen Sack so kräftig, wie man es kann. Dann spülen und fertig. Was hätte sich das Aschenbrödel gefreut, die sich tagein tagaus mit dem Waschbrett am kalten Fluss quälte. Und wusch ist auch Markus weg, wir werden uns wiedersehen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz auf jedem längeren Weg.

In einen kleinen Café sehe ich Anna sitzen. Doch ich winke nur, ich ziehe weiter, ich will bis zur kleinen Herberge Pozua, dies sind heute 33 km für mich und es geht bergauf, bergauf, bergauf. Ich bleibe stehen, atme tief durch, Sauerstoff muss in den Körper. Und nochmal. Geht es eigentlich im Leben darum, wie viele Atemzüge man macht oder geht es darum, wie atemberaubend sie sind?

Der Weg nach Balbao geht stetig bergauf. Gerry aus Kanada überholt mich, als ich gerade vor einem steilen Anstieg durchatme. Das ist doch Fun sagt er und wusch weg ist er.
Nach 7 Stunden bin ich endlich in Bilbao. Die Stadt mit dem berühmten Guggenheim- Museum. Ein verrücktes Haus für moderne Kunst. Das Gebäunde weicht von den normalen Werten der Harmonie, der Einheit und der Stabilität in der Architektur ab. Die klassischen Regeln der Komposition eines Baus wurden über Bord geworfen. Der Designer Frank O. Gehry entwarf für Bilbao eine schiefe Bau— Geometrie, die den Look Instabilität zum Kult zelebrierte. Mit dem Museum wurde Bilbao zu einem kulturellen Anziehungspunkt in Europa. Man spricht seitdem vom Bilbao—Effekt. Eine gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten. Durch das Guggenheim—Museum mauserte sich Bilbao zu einem Wirtschaftszentrum mit riesigen künstlerischen Ambitionen. Für das Baskenland ist das Museum heute wie Roms Sixtinische Kapelle oder wie Frankreichs Mona Lisa. Hape Kerkelings Wanderung auf dem Camino und sein Buch <Ich bin dann mal weg> war für den Weg von St. Jean Pied — de—Port nach Santiago de Compostela ein Bilbao—Effekt. Hundertausende Deutsche folgten ihm.

Die Strassen sind in Bilbao voller Touristen. Die Pilgerin Jac flieht ins Hostel. Mein Bett mit Vorhang ist meine kleine Kapelle, mein geschützter Raum. Ich habe einen Fuss vor den anderen gesetzt, die letzten Tage. Und bin in einem kleinen Zuhause, wo ich zum ersten Mal seit Wochen  nicht darüber nachdenke, was mich demnächst bewegen soll.

Tag 6
Die Stadt ist leer, der Himmel schon blau, als ich nach meiner Nacht hinterm Vorhang losziehe. In meinem Viertel in Bilbao gibt es wegen der steilen Lage überall Rolltreppen. Ich nehme jede. Dann stehe ich vor dem Guggenheim—Museum, mache Fotos und verstehe, warum die Welt dieses Kunstwerk sehen will. Und plötzlich begrüsst  Markus aus Stuttgart mich. Wir beschliessen, gemeinsam zu frühstücken. In Spanien gibt es immer und überall ein offenes Café für frühe Vögel. Wir trinken Milchkaffee und essen Zitronenkuchen, reden über Pilger und Pilgerinnen, die wir getroffen haben. Dann fragt mich Markus, ob ich vom grossen Ereignis der Region gehört habe. Es geht tatsächlich um Fussball. 1984 hat Athletic Bilbao zum letzten Mal den spanischen Pokal gewonnen. Nun sind sie wieder im Finale und alle rasten förmlich aus. Erst jetzt verstehe ich die rot—weissen Fahnen überall. Es ist das Ereignis. Es ist wie eine Weltmeisterschaft, im stolzen Baskenland. Wir beschliessen, das Finale gemeinsam  zu schauen, umarmen uns und ziehen los. Markus will noch die Stadt erobern, ich gehe auf dem Camino weiter nach Portugalette. Immer am Nevion entlang. Der Wind bläst mir ins Gesicht. Viele Jogger kommen mir entgegen. Ein alter Mann hat seinen Krückstock abgelegt und steht an einem Sportgerät, wo er mit den Händen Fahrrad fährt. Weiter gehts am Fluss entlang, passiere moderne Bürogebäude mit komplett verglasten Fensterfronten.  Die jungen Menschen an ihrem Bildschirm schauen nicht durch diese nach draussen. Dann komme ich zur Puente de Vizcaya, eine Schwebefähre, die älteste der Welt und noch in Betrieb. Die 400 Tonnen schwere Anlage besteht aus zwei 45 Meter hohen Stahlfachwertürmen. Ein 160 Meter langes Tragegerüst verbindet sie. Daran hängt eine Barke für Autos und Fussgänger. Hier schweben nun die Pilger auf ihrem Jakobsweg über den Nevion. 


Im Hostel empfangen mit 10 spanische Fahrradfahrer in meinem Mehrbettzimmer. Was wird die Nacht bringen?

Doch erstmal treffe ich mich mit Markus auf ein Glas Rotwein. Der Stuttgarter möchte gern weniger arbeiten, mehr Zeit für Abenteur haben, die Kinder sind gross. Der 50jährige sagt,  dass wir schliesslich nur noch 25 bis 30 Jahre leben werden. Ich antworte: Lass uns 100 werden.

2 Gedanken zu “#Camino del Norte / Von Muxia—Morga nach Portugalette / Tag 4 bis Tag 6 / 144 km / Good Friends, Good Wine, Good Times,

  1. ich wünsche dir alles gute ich glaube dass mit dem airbnb ist gut, was auf uns zukommt gehen wir an und wir sind wichtig, sehr lieben dank – sitze gerade sn einem brennenden kamin draussen regnet es heftigst, ds bin ich happy!

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  2. Liebe Jac, ich wünsche Dir einen tollen Weg – Buen Camino. Wenn ich Deine Geschichte lese kommen mir fie Tränen. Ich erfahre gerade 1 zu 1 genau die gleiche Geschichte. Ich war auf dem Camino Invierno und habe in 12 Tagen 7 Leute getroffen. Das tat gut aber ich habe das was ich gesucht habe nicht gefunden habe für mich ein paar Dinge mitgenommen. Zwischendurch habe ich Rotz und Wasser geheult und gelitten vor Schmerzen wie ein Hund. Jetzt arbeite ich 2 Wochen in einem Airbnb in Spanien und spüre durch körperliche Arbeit seit langem mal wieder ein bisschen ich. Ich weiß auch nicht wie es weitergeht, ich habe eine Idee aber Angst vor meiner eigenen Courage. Ich hab meinen Job geliebt und versuche erstmal die Wunde heilen zu lassen. Ich wünsche Dir viel Kraft und Energie für den Weg. Es geht um Dich, nicht um die anderen Pilgerer 😉

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